Schlagwort-Archive: haft

Die Psyche des Mohamed Merah

von Florian Flade

Ein psychiatrisches Gutachten aus dem Jahr 2009 gibt Einblicke in die Gedankenwelt und den Werdegang von Mohamed Merah, dem Todesschützen von Toulouse.

___________________________________

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Dein Brieffreund, der Terrorist

von Florian Flade

Die deutsche Islamisten-Szene hat ein Internet-Projekt zur Unterstützung von Gefangenen gestartet. Verurteilte Terroristen sollen so auch hinter Gittern weiterhin auf Linie gehalten werden. Deutsche Sicherheitsbehörden sehen die islamistische Gefangeneninitiative gelassen. Experten warnen jedoch, Aussteigerprogramme seien gefährdet, wenn die islamistische Szene bis ins Gefängnis hinein Einfluss ausüben könne.

Vor einigen Wochen stellte ich eine Interview-Anfrage an den Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert alias „Deso Dogg“. Der 36jährige hat sich zum musikalischen Sprachrohrer der deutschen Islamisten-Szene entwickelt und rappt regelmäßig über den Dschihad, Märtyrertum und Osama Bin Laden. Cuspert, der sich „Abou Maleeq“ nennt, antwortete mit einer E-Mail, in der er mehrere Bedingungen für ein Interview auflistete – eine davon war besonders ungewöhnlich. Er wolle 9.000 Briefmarken a 55 Cent, schrieb der Islamisten-Rapper.

Wozu braucht ein islamistischer Musiker 9000 Briefmarken? Die Antwort heißt „Ansar ul-Aseer“ (deutsch „Unterstützer der Gefangenen“) und ist eine vor wenigen Monaten ins Leben gerufene Webseite der deutschen Islamisten-Szene. Das neuartige Internetprojekt ist vereinfacht gesagt eine „Gefangeninitiative“, ein Medium, um mit in Haft sitzenden Islamisten in Kontakt treten zu können. Über „Ansar ul-Aseer“ können inhaftierte islamistische Terroristen von ihren Familien, Freunden und Fans per Brief kontaktiert werden.

Die Häftlinge werden einzeln steckbrieflich dargestellt, inklusive der Information, weshalb sie verurteilt wurden und wie lange sie einsitzen werden. Wer möchte, kann Briefe an die islamistischen Extremisten schreiben und ihnen Durchhalteparolen oder Sympathiebekundungen zukommen lassen. Auch Briefmarken und Briefumschläge werden dankbar als Spenden akzeptiert, um den Gefangenen die Möglichkeit zu bieten, mit der Außenwelt zu kommunizieren.

„Wir haben uns zur Aufgabe gemacht unsere Geschwister, die sich in Gefangenschaft – speziell im deutschsprachigem Raum – befinden, seelisch zu unterstützen“, heißt es in der Selbstdarstellung der Webseite, „Wir bemühen uns unsere muslimsichen Geschwister, die sich in Gefangenschaft befinden – seien es politisch verfolgte oder Straftäter, schuldige oder unschuldige – wir unterstützen unsere Geschwister, seien sie Unterdrückte oder Unterdrücker.“

Das islamistische Medienportal „Salafi Media“, das die Webseite betreibt, ermittelt die Postanschriften der inhaftierten Islamisten und stellt so für Sympathisanten und Unterstützer den Kontakt her – sei es zu verurteilte Dschihadisten oder Häftlinge, die erst im Gefängnis zum salafitischen Islam konvertiert sind. Aktuell befinden sich mehr als 25 Häftlinge auf „Ansar ul-Aseer“, darunter auch Personen, die zur Prominenz der islamistischen Szene gehören, wie etwa die Ulmer Deutsch-Türkin Filiz Gelowicz, die Geld für Terroristen in Pakistan gesammelt hat, der zu 11 Jahren Haft verurteilte „Sauerland-Bomber“ Adem Yilmaz und der 19jährige Konvertit Harry M., der Bombenanleitungen im Internet verbreitet hat.

„Ansar ul-Aseer“ arbeitet blitzschnell und hochaktuell. So fand sich schon wenige Tage nach den jüngsten Festnahmen zweier Berliner Terrorverdächtige der Hinweis auf der Webseite „Wir haben mit der Huld Allahs auch schon die Kontaktdaten der Brüder erlangt“. Und auch die beiden in Großbritannien im Juli verhafteten Solinger Konvertiten Robert B. und Christian E. haben bereits einen Steckbrief auf „Ansar ul-Aseer“, mit dem Verweis jeder an sie gerichtete Brief müsse in Englisch verfasst sein. Beide sitzen derzeit in London in Haft und warten auf ihren Prozess.

Aushängeschild der Plattform ist der Berliner Ex-Rapper „Abou Maleeq“. Sein Konterfei prangt auf der Startseite von „Ansar ul-Aseer“. Regelmäßig rührt der umstrittene Musiker und Prediger, der selbst eine Haftstrafe verbüßte und jüngst wegen illegalem Waffenbesitz verurteilt wurde, für das Projekt die Werbetrommel.

„Ist es soweit dass wir die Geschwister vergessen haben? Dass wir ihre Taten vergessen haben?“, sagt „Abou Maleeq in einem Werbevideo für „Ansar ul-Aseer“, „Allah wird keine Tat von ihnen vergessen. Haben die Geschwister nicht an Dank verdient, an Bittgebeten verdient, an Unterstützung verdient? Vergesst nicht eure Geschwister hinter den Mauern!“

Aus Kreisen des Verfassungsschutzes heißt es, das Projekt „Ansar ul-Aseer“ sei lediglich als „Beginn einer Entwicklung“ einzustufen, habe aber bei weitem nicht die Dimensionen ähnlicher Initiativen aus der rechts- und linksextremistischen Szene. Die Internet-Präsenz der Islamisten wolle den Eindruck erwecken, eine große Zahl von Personen arbeite für die Gefangenen-Initiative. Dies sei jedoch nicht der Fall. Ein Vergleich mit der Neonazi-Organisation „Hilfe für Nationale Gefangene“ (HNG) und der „Roten Hilfe“ aus der linksextremistischen Szene, sei daher noch nicht passend.

Die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke hält „Ansar ul-Aseer“ dennoch für einen beunruhigenden Trend. „Inhaftierte Islamisten bleiben so weiter in Kontakt mit der Szene, der Kontakt zu den Personen als auch die Einbindung in die Ideologie werden aufrecht erhalten“, so Dantschke gegenüber Die Welt. „Ähnlich wie bei der rechtsextremistischen Gefangeneninitiative HNG gibt es eine soziale und ideologische Betreuung für die Hälftlinge“, erklärt Dantschke weiter, „Zudem gibt es den Aspekt der propagandistischen Ebene: Die Symbolkraft dass man die Gefangenen nicht alleine lässt. Außerdem sollen Aussteiger als Lügner dargestellt werden.“

Am Mittwoch ließ das Bundesinnenministerium den rechtsextremistische Verein „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene e.V. (HNG)“ verbieten. In einer Pressemeldung des Bundesinnenministeriums heißt es: „Unter dem Motto „Drinnen wie draußen eine Front.“ bestärkt die HNG unter dem Deckmantel einer vermeintlich karitativen Betreuung von Strafgefangenen inhaftierte Rechtsextremisten in ihrer nationalistischen Überzeugung und motiviert sie, in ihrem „Kampf gegen das System“ fortzufahren“.

Innenminister Friedrich erklärte, die circa 600 Mitglieder zählende Organisation HNG habe versucht, rechtsextreme Straftreter in der Szene zu halten. „Mit Solidaritätsbekundungen und finanzieller Unterstützung stärkte und festigte die HNG über den einzelnen inhaftierten Rechtsextremisten hinaus zugleich auch die rechtsextremistische Szene als Ganzes“, so Friedrichs. Über 40 Jahre lang konnte die 1979 gegründete HNG beinahe ungehindert agieren, bis ein Verbot durchgesetzt werden konnte – das islamistische Gegenstück „Ansar ul-Aseer“ hat gerade erst begonnen.

Das Leiden des Mohammed Hajib

by Florian Flade

In Marokko sitzt seit einem Jahr ein deutscher Staatsbürger in Folter-Haft. Mohammed Hajib soll ein islamistischer Terrorist sein. Er selbst behauptet, die deutsche Regierung halte Dokumente zurück, die seine Unschuld beweisen würden. Ein Justizskandal oder die Hilferufe eines Dschihadisten?

Quelle: Youtube

Mohammed Hajib – seit einem Jahr in Marokko in Haft

Es sind verwackelte, unscharfe Aufnahmen aus einem marokkanischen Gefängnishof. Ein Mann blickt nervös in die Kamera. „Ich bin der Mohammed Hajib, deutscher Staatsangehöriger marokkanischer Herkunft“, sagt der Mann in fast perfektem Deutsch, „wir stehen hier auf dem Gefängnishof in Salé und protestieren.“ Er droht sich zu verbrennen: „Der deutsche Botschafter in Marokko ist verantwortlich für meinen Tod!“

Wer ist dieser Mann, der seit Wochen aus einem marokkanischen Gefängnis mit dem Handy aufgenommene Videobotschaften verschickt und die deutsche Diplomatie um Hilfe anfleht? Haben deutsche Behörden einen deutschen Staatsbürger der Folter in Marokko ausgesetzt? Oder fleht hier ein mutmaßlicher Dschihad-Sympathisant um Hilfe? Ich habe die Geschichte des Deutsch-Marokkaners Mohammed Hajib recherchiert, mit Menschenrechtsorganisationen und deutschen Behörden gesprochen.

Im Jahr 2000 kam Mohammad Hajib, geboren im Mai 1981 im marokkanischen Tetouane, nach Deutschland. Zwei Jahre später machte er das Abitur und begann anschließend ein Studium der Wirtschaft und Energie an der Universität Duisburg. Auf dem Campus lernte Hajib auch seine heutige Ehefrau, eine gebürtige Irin kennen, die heute in Marokko bei Hajibs Eltern lebt. Das Paar hat drei gemeinsame Kinder im Alter von 17 Monaten bis fünf Jahren.

Erst im Sommer 2009 beginnt die eigentliche Leidensgeschichte des Deutsch-Marokkaners. Damals reiste Hajib nach Pakistan. Nach eigener Aussage ist er ein Anhänger der islamischen Missionarsbewegung „Tabligh-i Jamaat“ und wollte im pakistanischen Lahore einen Kongress der Organisation besuchen.

Laut Verfassungsschutz handelt es sich bei „Tabligh-i Jamaat“ (Gemeinschaft der Verkündung und Mission) um eine islamistische Massenbewegung, die missioniert mit dem Ziel Muslime für eine „strikt an islamischen Vorschriften orientierte Lebensweise zu gewinnen“. In Deutschland verfügt „Tabligh-i Jamaat“ über etwa 700 Mitglieder. Weltweit finden regelmäßig Konferenzen und Zusammenkünfte der Gruppe statt.

Vor seiner Einreise nach Pakistan habe er sich im Auftrag von „Tabligh-i Jamaat“ anderthalb Monate in der Türkei und anschließend in Iran aufgehalten, berichtet Hajib. Einem Reiseveranstalter in einer iranischen-pakistanischen Grenzstadt gab er seinen Pass, zwei Fotos und fünfzig US-Dollar. Anschließend sei er als Teil einer Reisegruppe über die Grenze nach Pakistan gebracht worden – offenbar ohne die nötigen Einreisedokumente.

In Pakistan erkrankte Hajib angeblich an einer Infektion durch verunreinigtes Wasser. Er musste in der Stadt Quetta fünf Tage ins Krankenhaus und verlor dadurch den Anschluss an seine Reisegruppe. Nur wenig später meldete er sich per Telefon bei seiner Mutter in Marokko. Sie berichtete ihm, sein Sohn sei schwer erkrankt. Hajib beschloss daraufhin seine Pakistan-Reise zu beenden.

Per Bus machte er sich auf den Weg zurück in Iran. An der Grenze kontrollierten pakistanische Sicherheitskräfte die Reisegruppe. Die Grenzsoldaten überprüften seinen Pass, und stellten fest, dass er Ausländer ist. Es folgte eine mehrmonatige Haft, ohne dass Hajib je der Grund genug wurde, weshalb man ihn festhielt.

Fünf Tage nach seiner Festnahme sei er mit weiteren Häftlingen per Hubschrauber nach Quetta gebracht worden. Als die pakistanischen Polizisten erfuhren, dass er ein „Tabligh-i Jamaat“- Mitglied war, so erzählt Hajib, seien plötzlich sehr freundlich geworden. Auf die Frage, wann er freigelassen werde, hieß es, das deutsche Konsulat müsse zuerst über seinen Fall informiert werden.

Erst am 5.November 2009, vier Monate nach seiner Verhaftung, sei ein Vertreter der deutschen Botschaft zu ihm gekommen, berichtet Mohammed Hajib. Er wollte wissen was den Deutsch-Marokkaner nach Pakistan verschlagen hatte. „Sind sie einverstanden dass Deutschland die Verantwortung für ihren Fall übernimmt?“, fragte der Botschafts-Mitarbeiter. Hajib willigte ein. In zwei Wochen sei er vermutlich wieder in Deutschland, versprach der Beamte anschließend.

Während seiner Zeit in pakistanischer Haft habe er nicht telefonieren dürfen, nie sei ihm ein Haftgrund genannt worden, so Hajib. Und auch nach zwei Wochen meldeten sich die deutschen Behörden immer noch nicht. Ein Mithäftling habe ihm gesagt, die pakistanische Regierung übernehme nur drei Monate die Verantwortung für ausländische Häftlinge. „Ich war psychisch am Ende“, sagt Hajib über die Zeit.

Am 01.Januar 2010 bekam Mohammed Hajib schließlich Besuch von einem hochrangigen deutschen Beamten. „Er war sehr unfreundlich“, erinnert sich Hajib, „er hat gesagt: Sie sind in einer schlimmen Lage. Machen Sie genau was ich sage.“ Wieder vergingen Wochen, ohne dass sich das deutsche Konsulat bei Hajib meldete.

Im Februar schließlich ließen ihn die pakistanischen Behörden frei. „Sie sind frei, es gibt keinen Terrorismus-Vorwurf“, sollen die Pakistaner gesagt haben. Lediglich für die illegale Einreise habe man ihn festgehalten, diese Straftat sei aber durch die Haftzeit kompensiert und er dürfe nun gehen.

„Froh und glücklich“ war er, so Hajib, als er am 17.Februar 2010 von Islamabad nach Frankfurt flog – offenbar als freier Mann. Am Flughafen in Deutschland wurde er bereits erwartete. Eine Frau und ein Deutsch-Tunesier, der sich als „Ramzi“ vorstellte, kamen auf ihn zu. Sie hätten sich als Polizisten vorgestellt, behauptet Hajib. „Ramzi“ sei vom deutschen Konsulat in Pakistan informiert worden, dass ein „gefährlicher Mann nach Deutschland kommt“.

„Wohin wollen Sie jetzt?“, fragte der ominöse Polizist. Mohammed Hajib sagte, er wolle nach Marokko, zu seiner Familie. Zuerst aber müsse er nach Duisburg um einige private Sachen abzuholen. „Warum fliegen Sie nicht jetzt gleich nach Marokko?“, fragte „Ramzi“ dann angeblich. Die Last-Minute Tickets nach Marokko seien günstig, und er könne noch innerhalb der nächsten Stunden fliegen.

Hajib wurde misstrauisch. Die beiden angeblichen Polizisten telefonierten häufig, ohne dass er mitbekam worum es in den Gesprächen ging. Als er einwilligte sofort ein Ticket für einen Flug nach Marokko zu kaufen, seien die beiden äußerst zufrieden gewesen, so Hajib: „Sie wussten ganz genau was mich erwartete.“

Fast sieben Stunden verbrachten „Ramzi“ und seine Kollegin mit Hajib. Sie gingen essen und wurden dabei von vier Flughafen-Polizisten angesprochen. Ramzi habe plötzlich Arabisch mit ihm gesprochen, erinnert sich Hajib. „Sprich nicht mit denen“, soll Ramzi gesagt haben. Hajib vertraute ihm, sagte kein Wort. Als er mit seiner Mutter telefonierte, habe Ramzi mitgehört und sich auch die Telefonnummer notiert. Später habe die Mutter Anrufe aus Deutschland erhalten.

Von Seiten des Auswärtigen Amtes heißt es, Hajib sei am 17.Februar 2010 aus Pakistan nach Deutschland ausgewiesen worden und “ reiste direkt nach Ankunft in Deutschland aus“. Kein Wort von einer Abschiebung oder dass Polizeibeamte Hajib gedrängt hätten in das Flugzeug nach Marokko zu steigen.

Um 02:00 Uhr nachts, am 18.Februar 2010, kam Mohammed Hajib in Cassablanca an, bereit zu seiner Familie zu fahren. Vor dem Flugzeug, so erzählt der Deutsch-Marokkaner, warteten fünf Beamte des marokkanischen Geheimdienstes. „Sie haben mich entführt“, so Hajib, „Deutschland hat Marokko mitgeteilt mich zu verhaften. Ich war geschockt.“ Gegen 07:00 Uhr morgens sei die wartende Familie informiert worden, dass man ihn verhaftet habe.

Auf der Polizeistation sei er gequält worden, sagt Hajib. Der Polizeichef sei betrunken gewesen und habe ihn gezwungen gefälschte Aussagen zu unterschreiben.

Nach zwei oder drei Wochen in marokkanischer Haft seien deutsche Beamte zu ihm gekommen. „Ich lebe seit neun Jahren in Deutschland. Ich war nie kriminell, habe nie gegen Gesetze verstoßen. Was habe ich falsch gemacht?“, fragte Hajib die Männer. Einer der Beamten erklärte, er sei mit einer Marokkanerin verheiratet. Er könne nichts für ihn tun, weil er gerne weiter ohne Probleme nach Marokko reisen würde. Nur wenn Folter vorliege, könne man direkt eingreifen. „Ich wurde geschlagen!“, entgegnete Hajib. Kurze Zeit später begann er einen Hungerstreik. Er habe „keine Lust mehr gehabt zu leben“.

Am 24.Juni 2010, verurteilte ein marokkanisches Gericht den deutschen Staatsbürger Mohammed Hajib zu zehn Jahren Haft wegen Terrorismus-Verdacht. Er soll gegen die USA und die pakistanische Armee gekämpft haben. Was Mohammed Hajib in seinen Youtube-Videos nicht anspricht: Laut Gericht soll er eine Kalaschnikow bei sich gehabt haben, als ihn die pakistanischen Grenzsoldaten kontrollierten. Sein Anwalt erklärte, Hajib habe die Waffe zum Selbstschutz mit sich geführt.

Nach dem Urteil brach Hajib zusammen und kam für zwei Wochen in ein Krankenhaus. Sein Anwalt habe drei Mal den deutschen Konsul gebeten, das pakistanische Dokument bereitzustellen, in dem die pakistanischen Behörden die Unschuld Hajibs angeblich bestätigten. „Warum versteckt Deutschland diesen Beweis?“, fragt Hajib immer wieder in den Videos aus dem Gefängnis, „Ich bin ein deutscher Bürger. Warum hast du (Deutschland) mich verlassen? Warum musste ich leiden?“

Auf Nachfrage erklärte das Auswärtige Amt: „Dem Auswärtigen Amt liegt ein solches Dokument nicht vor.“ Deutsche Behörden hätten Hajib seit Kenntnis seiner Inhaftierung in Pakistan im November 2010 konsularisch betreut, heißt es weiter. Seit Februar 2010 sei das deutsche Konsultat in Rabat mit der Betreuung beauftragt.

Mitte Mai 2011 starteten die Häftlinge im Salé-Gefängnis eine Revolte gegen. Ein Protest gegen Folter sei der Aufstand gewesen, so heißt es von Seiten von „Amnesty International“. Sieben der Aufwiegler seien anschließend in das „Toulal“ Gefängnis bei Meknes gebracht worden – darunter auch Mohammed Hajib. In dem berüchtigten Folter-Knast habe ihn sein Anwalt, ein Freund der Familie besucht. Dieser habe Folterspuren an Händen und Beinen gesehen. In marokkanischen Zeitungen wurde sogar eine deutsche Diplomatin zitiert, die angeblich ebenfalls die Foltermale an Hajibs Körper sah. Als Amnesty International nachfragte, erklärte die Beamtin jedoch sie sei falsch zitiert worden.

Ein Amnesty International Bericht vom 17.Juni über die Folter in marokkanischen Gefängnissen, erwähnt explizit den Fall von Mohammed Hajib. Marokkos Behörden seien dringend aufgefordert Untersuchungen zur möglichen Folter Hajibs einzuleiten, heißt es von Seiten der Menschenrechtsorganisation. Hajib werde vermutlich bestraft, weil er ein Ende von Misshandlung und Folter in den Gefängnissen forderte, mutmaßt Amnesty International.

Am 28.Mai 2011 wurde Hajib schließlich nach Salé zurück gebracht, wo er sich bis heute befindet. In dem Gefängnis sitzen aktuell mindestens 200 sogenannte „Islamisten-Häftlinge“, Terrorverdächtige, die das Regime in den vergangenen Jahren verhaften ließ. Amnesty International hat keinen Zugang zu der Haftanstalt, weshalb über die Menschenrechtslage relativ wenig über die Haftbedingungen bekannt ist. „Wir wissen im Detail nicht was dort passiert“, so eine Amnesty International-Sprecherin.

Der einzige Draht der Hälftinge zur Außenwelt sind die Mobiltelefone, mit denen auch Mohammed Hajib seine Videobotschaften aufzeichnet und aussendet. Die Handys würden den Insassen von korrupten Beamten zuerst abgenommen und später häufig zurück verkauft, berichten Menschenrechtler die in Marokko arbeiten. Noch im vergangenen Jahr konnten sie direkt mit den Hälftlingen in Salé telefonieren.

In Deutschland hat der Fall des angeblichen Terrorhäftlings zunächst inder muslimischen Gemeinde für Aufmerksamkeit gesorgt. Die salafistische Szene um den Prediger Pierre Vogel hat sich des Falls des deutschen Staatsbürgers im marokkanischen Gefängnis angenommen. „Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um dafür zu sorgen, dass unser Bruder aus der Haft kommt“, erklärt Vogel in einer Youtube-Botschaft. In anderen Videos bekunden Muslime ihre Solidarität mit Hajib.

Auch Hajibs Familie hat sich inzwischen zu Wort gemeldet. „Mein Papa ist im Gefängnis weil er ein Muslim ist“, sagt einer von Hajibs Söhnen in einem Video, und auch die Mutter des Häftlings fordert die Freilassung ihres Sohnes. Wie „Welt Online“ erfuhr, war Mohammed Hajibs Vater ebenfalls in Marokko in Haft. Er gehört zu jenen Personen, die während der Herrschaft von König Hassan II. in den Gefängnissen verschwanden. Ein Jahr, drei Monate und drei Tage war Vater Hajib „verschwunden“.