Schlagwort-Archive: intelligence

Radikale Rückkehrer

von Florian Flade

In Brüssel hat ein mutmaßlicher Dschihadist vier Menschen getötet. Der Schütze soll ein Rückkehrer aus dem syrischen Bürgerkrieg sein. Ein Szenario, vor dem europäische Sicherheitsbehörden seit Monaten warnen.

pic100614Die Überwachungskamera im Jüdischen Museum von Brüssel zeigt den Todesschützen

Es ist der 18.März, 06:10 Uhr, als Mehdi Nemmouche am Flughafen Frankfurt am Main in die Europäische Union zurückkehrte. Der 29-jährige Franzose kam mit einem Flugzeug aus dem malaysischen Kuala Lumpur thailändischen Bangkok. Frankfurt war nur ein Zwischenstopp. Das Ziel seiner Reise war Brüssel.

Dort betrat Nemmouche, so sind sich die Ermittler inzwischen sicher, am 24. Mai “Das Jüdische Museum von Belgien”. Er soll eine Baseball-Cap auf dem Kopf und eine Reisetasche in der Hand getragen haben. Überwachungskameras zeigen, wie ein Mann das Gebäude betritt und ein AK-47 Sturmgewehr aus der Tasche nimmt. Anschließend eröffnet der Schütze das Feuer.

Bei dem Attentat starben vier Menschen, ein israelisches Touristenpaar und eine Französin.

Die Bluttat von Brüssel könnte eine Zäsur bedeuten. Sollte sich der bisherige Verdacht bestätigen, dann handelt es sich um das erste Attentat in Europa, das von einem islamistischen Rückkehrer aus dem syrischen Bürgerkrieg verübt wurde.

Wie konnte es – trotz der gebetsmühlenartigen Warnungen von europäischen Sicherheitsbehörden – dazu kommen?

Mehdi Nemmouches Tat hätte verhindert werden können. Denn seine Rückkehr vom syrischen Schlachtfeld blieb nicht unbemerkt. Am Frankfurter Flughafen kontrollierten Beamte der Bundespolizei routinemäßig den Pass des Franzosen. „Nemmouche, Mehdi, geboren 19.04.1985 in Roubaix“ stand darin. Diverse Einreisestempel zeigten zudem, dass Nemmouche in den vergangenen Monaten viel herumgekommen war. Malaysia, Singapur, Thailand, Türkei, Libanon, Großbritannien, Belgien – in all diesen Ländern hatte er offenbar Station gemacht.

Und noch etwas fiel den deutschen Grenzschützern auf. Mehdi Nemmouches Name befand sich in einer Datenbank der europäischen Sicherheitsbehörden, dem sogenannten „Schengener Informationssystem“ (SIS). Darin stießen die Bundespolizisten auf einen Vermerk, ausgestellt von französischen Behörden. Es handelte sich um einen „verdeckten Hinweis“, wonach Nemmouche zur Fahndung ausgeschrieben war. Eine Festnahme sollte allerdings nicht erfolgen. Französischen Stellen wurden von der deutschen Bundespolizei lediglich über die Reisebewegung von Nemmouche informiert – verdeckt und ohne dass der Betroffene davon erfuhr.

Für die französischen Nachrichtendienste ist Mehdi Nemmouche einer von hunderten Männern, die in den vergangenen Jahren in den Bürgerkrieg nach Syrien gereist sind. Und dort vermutlich das Terrorhandwerk, den Umgang mit Waffen und den Bau von Bomben, erlernt haben. Nemmouche stand deshalb seit Jahren im Visier der französischen Nachrichtendienste und galt als gefährlicher Islamist.

Geboren wurde Nemmouche als Sohn algerischer Einwanderer in der nordfranzösischen Stadt Roubaix. Er soll zeitweise bei Pflegefamilien und bei der Großmutter in Tourcoing, unweit der belgischen Grenze aufgewachsen sein. Schon früh kam Mehdi Nemmouche mit dem Gesetz in Konflikt.

Am 8.Januar 2004 verurteilte ihn ein Jugendgericht in Lille zu zwei Monaten Haft wegen Diebstahl. In den Jahren 2006 und 2007 wurde er mehrere Male wegen Fahren ohne Führerschein verhaftet. Im Dezember 2007 erhielt er vom Gericht in Grasse erneut eine Strafe, nachdem er einen Supermarkt überfallen hatte.

Seine Haftstrafe verbüßte Nemmouche zwischen 2007 und 2012 aufgrund von Haftverlegungen in mehreren Gefängnissen in Südfrankreich. Hinter Gittern setzte offenbar eine religiöse Radikalisierung ein. Mehdi Nemmouche fiel wegen seiner extremistischen Ansichten auf. Er schloss sich während der Haft einer Gruppe radikaler Islamisten an, die sich im Gefängnis formiert hatte. Die Entwicklung blieb nicht unbeobachtet. Die Gefängnisleitung informierte Frankreichs Inlandsgeheimdienst DCRI über den islamistischen Häftling.

Als Nemmouche am 4.Dezember 2012 aus dem Gefängnis entlassen wurde, zog er wohl nur kurzfristig zu seiner Großmutter und Tante nach Tourcoing, reiste dann aber nach Belgien. Nur rund drei Wochen später machte sich der Ex-Häftling scheinbar auf den Weg nach Syrien.

Über Brüssel führte Nemmouches Weg zunächst nach London, dann nach Beirut und anschließend nach Istanbul und über die Grenze in den syrischen Bürgerkrieg. Der französische Geheimdienst verfügt über Informationen, wonach Mehdi Nemmouche sich der Terrororganisation „Islamischer Staat im Irak und Großsyrien“ (ISIG) anschloss und rund ein Jahr in den Reihen der Gruppe gekämpft hat.

Als Dschihadist landete Nemmouche auf der französischen Gefährderliste, vermerkt mit einem „S“, das für eine mögliche Gefährdung der Staatssicherheit steht.

Laut seinem Reisepass verließ der spätere Todesschütze von Brüssel die türkische Metropole Istanbul am 21.Februar und flog nach Kuala Lumpur. Von Malaysia aus soll Nemmouche Kurztrips nach Thailand und Singapur gemacht haben, bevor er im März über Frankfurt wieder in die Europäische Union einreiste. „Um seine Reisewege zu verschleiern“, wie ein französischer Geheimdienstler vermutet. Der 29-jährige habe offenbar verhindern wollen, dass sein Aufenthalt in Syrien in irgendeiner Weise auffiel.

Nach dem Mordanschlag in Brüssel reiste Nemmouche per Fernbus nach Südfrankreich. Am Busbahnhof von Saint-Charles in Marseilles kontrollierten Polizisten die Euro-Line-Passagiere nach Drogen. Dabei stießen sie wohl eher zufällig auf den Islamisten, in dessen Gepäck sie unter anderem auf ein AK-47 Gewehr, einen Revolver, Munition und ein Stoffbanner mit dem Namen der Terrorgruppe ISIG in arabischer Schrift, stießen. Auch die Baseball-Cap und die Minikamera der Marke „GoPro“, die der Attentäter aus dem Jüdischen Museum von Brüssel bei sich führte, hatte Nemmouche bei sich.

Die Ermittler entdeckten auf der Kamera ein Video, dass sie als eine Art Bekennervideo werten. In der rund 40 Sekunden langen Aufnahme soll sich Mehdi Nemmouche selbst der Tat bezichtigen. „Es ist schade, dass meine Kamera nicht funktioniert hat, als die Action losging“, soll der Franzose darin sagen.

Das Attentat von Brüssel markiert einen Wendepunkt in der Diskussion um den syrischen Dschihad-Tourismus. Es dürfte nun kaum noch Zweifel daran geben, dass die islamistischen Rückkehrer aus dem Bürgerkrieg, insbesondere jene, die vor Ort tatsächlich an Kampfhandlungen teilgenommen haben, ein reales Sicherheitsrisiko darstellen. Nicht alle Islamisten, die Greueltaten, Tod und Leid hautnah erlebt haben, werden zu tickenden Zeitbomben. Aber ein gewisser Prozentsatz, so die Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden, kommt radikalisiert, hochemotional aufgeladen, vielleicht sogar mit einem Auftrag einer Terrororganisation, in den Heimatländern an.

Alle Syrien-Rückkehrer gleichermaßen im Blick zu behalten ist angesichts der wachsenden Zahl von rund 3000 europäischen Dschihadisten beinahe unmöglich, wie das Beispiel Mehdi Nemmouche zeigt. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Belgien, die Niederlande, Dänemark und Schweden haben es mit hunderten gewaltbereiten Islamisten zu tun, die nach Syrien gezogen sind. Der Brüsseler Fall verdeutlicht allerdings, dass es offenbar präzise Anschlagspläne von Islamisten in Syrien gegen Ziele in Europa gibt. Geklärt werden muss deshalb schnellstens, wer die Reisen des Todesschützen quer durch Südostasien und Europa finanzierte, wie Nemmouche an das AK-47 Sturmgewehr kam, wer seine möglichen Helfer vor Ort in Belgien waren.

Werbeanzeigen

Die Phantombehörden des BND

von Florian Flade

Keine Geheimniskrämerei mehr. Der Bundesnachrichtendienst (BND) will seine geheimen Außenstellen offiziell enttarnen. Doch es gibt Bedenken, dass die neue Transparenz dem Geheimdienst schaden könnte.

pic080414

Die deutsche Bürokratie trägt häufig sehr kuriose Früchte. Da gibt es beispielsweise Behörden, Ämter und Institute, von denen niemand so recht weiß, was sie eigentlich tun. Das „Amt für Schadensabwicklung“ ist eine solche Einrichtung. Untergebracht in einem unscheinbaren Eckhaus mit grauen Fassaden an der Taubenstraße 1, in Berlin-Mitte. Was geschieht hier? Wer arbeitet in dem Gebäude? Wozu gibt es das mysteriöse Amt?

Die Antwort findet sich nicht etwa auf irgendeiner Webseite, sondern schlichtweg im Telefonbuch. Dort gibt es einen Eintrag zum „Amt für Schadensabwicklung“. Die Adresse ist hier jedoch eine andere: Gardeschützenweg 71, 12203 Berlin, Lichterfelde. Hier residiert, ganz offiziell, der Bundesnachrichtendienst (BND).

Das „Amt für Schadensabwicklung“ ist eine Phantombehörde, sie existiert nicht. Es handelt sich um eine getarnte Außenstelle des deutschen Auslandsgeheimdienstes. Wer hier täglich zur Arbeit geht, ist kein Verwaltungsbeamter, sondern Agent.

Mehr als zwanzig derartige, sogenannte abgetarnte Außenstellen betreibt der BND in der Bundesrepublik, verteilt über das ganze Land. Sie tragen fantasievolle Namen. Da gibt es etwa das Amt für Militärkunde in Bonn, die Bundesstelle für Sondervermögen in München, das „Ionosphäreninstitut“ in Rheinhausen, die „Bundesstelle für Fernmeldestatistik“ in Söcking.

Im Mai soll Schluss sein mit dem Versteckspiel der Schlapphüte. Der BND plant, seine größten Außenstellen öffentlich bekannt zu machen, sprich absichtlich zu enttarnen. An den Gebäuden sollen die Tarnbezeichnungen verschwinden, und Schilder angebracht werden, die sie ganz offiziell als BND-Residenturen ausweisen.

Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Geheimdienst, dessen Arbeit zu einem großen Teil aus Tarnung und Täuschung besteht. Aus Sicht von BND-Präsident Gerhard Schindler dennoch ein notwendiger. Der Agenten-Chef hat eine klare Vorstellung vom Selbstverständnis seiner Behörde als Dienstleister für die Politik und somit für die Bevölkerung. Er wünsche sich einen „BND zum Anfassen“, sagte der 62-Jährige bei der Eröffnung der neuen BND-Zentrale in Berlin-Mitte am Montag.

Ein protziges, gigantisches Hauptquartier für 4000 Mitarbeiter, größer als jedes Ministerium, mitten in Berlin. Inklusive einem Besucherzentrum, für jedermann zugänglich. Dazu Außenstandorte, die nun offiziell als BND-Dienststellen erkennbar sind. Kann ein Geheimdienst noch vernünftig arbeiten, wenn er immer weniger geheim ist?

„Wir brauchen mehr Transparenz – nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für eine breitere Vertrauensbasis in der Gesellschaft“, forderte Schindler bereits bei einer Rede im Dezember 2013. Mehr Transparenz sei für einen Geheimdienst eine große Herausforderung. „Aber ich bin mir sicher, sie ist möglich.“

Innerhalb des BND stößt die neue Offenheit allerdings bei Weitem nicht nur auf Zuspruch. Im persönlichen Gespräch mit der „Welt“ äußerten einige Agenten Bedenken gegenüber der schrittweisen Enttarnung des Dienstes.

„Manche Kollegen haben sich über Jahre geheime Identität aufgebaut. Oft wissen nicht einmal die eigenen Kinder oder die Ehefrau von der eigentlichen Arbeit“, gibt ein langjähriger BND-Mitarbeiter zu bedenken. „Da ist es nicht besonders hilfreich, wenn jetzt offiziell bekannt wird, dass das Amt bei dem der Vater arbeitet, eigentlich der Geheimdienst ist.“

Insbesondere die Tatsache, dass offenbar erwogen wird, die Tarnnamen abzuschaffen, löst Unmut aus. Jeder BND-Mitarbeiter verfügt normalerweise über eine Tarnidentität mit falschem Namen und falscher Biografie. Damit soll nach dem Willen der BND-Leitung bald Schluss sein. Wer nicht operativ, also als Agent tätig ist, brauche auch keine Tarnidentität.

Der BND-Präsident kündigte den Paradigmenwechsel schon vor Monaten an. „Es ergibt für mich keinen Sinn, die Außenstellen des BND in Deutschland unter einer Legendenstruktur zu führen, wenn ich gleichzeitig im Internet nachlesen kann, dass das Amt für x oder das Amt für y eine Organisation des BND ist“, so Schindler Ende 2013. Die Geheimnistuerei erzeuge Misstrauen statt Vertrauen. „Transparenz ist also das Gebot der Stunde.“

Tatsächlich sind zahlreiche Standorte des BND schon vor Jahren durch Journalisten, die Bundesregierung selbst oder Privatleute enttarnt und im Internet publik gemacht worden. Deren Existenz oder Zugehörigkeit weiterhin zu leugnen wirkt wie ein halbherziger Versuch, das alte Image eines nicht greifbaren Geheimdienstes aufrechterhalten zu wollen.

Jetzt soll mit mehr Offenheit der Ruf des Dienstes verbessert werden. Die Botschaft von BND-Präsident Schindler ist dabei eindeutig: Seine Mitarbeiter müssten sich nicht für seine Arbeit schämen. Die Öffentlichkeit dürfe durchaus wissen, wie und auch wo der Dienst arbeite.

„Die Bekanntmachung der Außenstellen ist längst überfällig“, sagte der Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom der „Welt“. Vor Ort wisse die Bevölkerung längst, wer in den mysteriösen Ämtern oder Instituten in Wahrheit tätig sei.

Ein großer Teil des BND-Personals, etwa in der Verwaltung, könne zudem auf Tarnnamen verzichten, erklärte Schmidt-Eenboom. „Ein moderner Nachrichtendienst kann sich durchaus Transparenz leisten. Die setzt Schindler nun konsequent um.“

In der Politik trifft die neue Transparenz-Kampagne auf breite Zustimmung. „Unsere Nachrichtendienste sind moderne Informationsdienstleister im Auftrag des Staates“, sagte SPD-Innenexperte Michael Hartmann der „Welt“. In einer Demokratie könne sich der BND durchaus mehr Transparenz leisten. „Die Bürgerinnen und Bürger dürfen sie auch einfordern.“

Auch der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele begrüßte es, dass die BND-Außenstellen bekannt gemacht werden sollen. „Ich halte das für richtig. Die permanente Geheimniskrämerei der Geheimdienste ist ein Relikt des Kalten Krieges“, sagte Ströbele der „Welt“. Nicht alles, was Geheimdienste täten, müsse geheimgehalten werden. „Jeder Schritt zu mehr Offenheit ist zu unterstützen“, betonte Ströbele. „Auch wenn ich kritisiere, dass nicht alle BND-Außenstellen mit einbezogen werden.“

 

__________________________

Der Artikel erschien in DIE WELT am 02.04.2014

http://www.welt.de/politik/deutschland/article126455027/Phantombehoerden-des-BND-werden-aufgeloest.html

Ein Geheimdienst zieht um

von Florian Flade

Moderner, größer, nah an der Politik: Der Bundesnachrichtendienst (BND) zieht Ende März mit den ersten Mitarbeitern von Pullach nach Berlin. Ein Risiko?

pic250314

Quelle: Google Maps

Die schwedische Touristengruppe trottet durch die Märzsonne in der Chausseestraße in Berlin-Mitte. Eine junge Frau bleibt stehen und deutet auf einen gigantischen, hellgrauen Betonklotz, der sich hinter einem abgedunkelten Bauzaun erhebt. „Ist das das neue Parlament?“, fragt die Schwedin. Nein, hier entsteht kein Parlament, sondern das neue Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes (BND). Mitten in Berlin, groß und mächtig, ragt die Geheimdienstzentrale in den Himmel. Seit Mai 2008 wird an der Chausseestraße gemauert, gehämmert, gesägt und geschraubt.

Nicht ohne Pannen: Geheime Baupläne verschwanden spurlos, Klimaanlagen mussten ausgebaut werden, es gab Probleme mit den Fluchtwegen und Feuerwehrzugängen, ständig verzögerte sich die Fertigstellung.

Jetzt aber ist es so weit. Die BND-Zentrale, der größte Bau seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ist so gut wie fertig. Überraschend angesichts anderer skandalträchtiger Großprojekte wie des Berliner Flughafens BER oder der Hamburger Elbphilharmonie.

Ende März werden die ersten Agenten den BND-Neubau beziehen und das kolossale Gebäude mit Leben füllen. Rund 170 140 Männer und Frauen werden es sein. Weitere 4000 BND-Mitarbeiter sollen schrittweise in den kommenden Jahren folgen. Das ist ein historischer Schritt für den Geheimdienst, der seit seiner Gründung 1956 in einem Waldstück bei Pullach, einem beschaulichen Örtchen rund zwölf Kilometer südlich von München, residierte – weit weg von Politik und Hauptstadttrubel.

Nun aber wird der BND die alte Nazi-Siedlung in Pullach verlassen. Raus aus dem fernen Wäldchen, hinein in den Großstadtdschungel. „Der BND gehört als Dienstleister für die politischen Entscheidungsträger in deren unmittelbare Nähe“, sagte BND-Präsident Gerhard Schindler. Er hoffe, dass die Arbeitsabläufe und Leistungsfähigkeit verbessert werden könnten.

Schon seit Jahren verfügt der Geheimdienst über eine Berliner Außenstelle in Lichterfelde-West, unweit des Botanischen Gartens. Hier sind unter anderem die Abteilungen „Auswertung“ und „Internationaler Terrorismus und Organisierte Kriminalität“ stationiert. Doch dies reiche nicht, fand man beim BND. Eine neue Zentrale musste her. Moderner, größer, nah an der Politik.

„Wir müssen täglich die Bundesregierung und Ministerien über Krisengebiete, Entführungsfälle und Bedrohungen informieren“, sagte BND-Pressesprecher Martin Heinemann. „Es ist daher ein enormer Vorteil, wenn wir das zukünftig jederzeit kurzfristig innerhalb Berlins tun können.“

Sechs Jahre hat der Bau der neuen BND-Zentrale in Berlin-Mitte gedauert und bislang 792 Millionen Euro gekostet. Die Baustelle hat eine Grundfläche von 250.000 Quadratmetern, was der Größe von 35 Fußballfeldern entspricht. Wo sich einst das „Stadion der Weltjugend“ befand, ist ein Behördenkomplex mit 3300 Büros für die deutschen Spione entstanden.

Sie werden im Hauptgebäude arbeiten. In der sogenannten Nordbebauung befinden sich das Logistikzentrum und ein Parkhaus mit 600 Parkplätzen. In der Südbebauung ist die Geheimdienstschule mit Fachbibliothek, Labors und Unterrichtsräumen untergebracht. In diesem Internat werden schon bald die Agenten von BND und Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gemeinsam ausgebildet.

Und noch etwas befindet sich in diesem Teil der BND-Zentrale: ein Besucherzentrum. Touristen und geladenen Gästen soll ein Einblick in die Geschichte und Arbeit des Dienstes gewährt werden. Bislang gaben sich die deutschen Geheimdienste nach außen verschlossen. Man arbeite nun mal geheim, so die Devise. Ein Besucherzentrum für die Öffentlichkeit ist daher ein Novum.

Der Umzug von Pullach nach Berlin ist nicht nur logistisch eine Mammutaufgabe. Tausende Agentinnen und Agenten werden versetzt. Und längst nicht alle freuen sich auf ein neues Leben. Viele BND-Mitarbeiter haben Sicherheitsbedenken in der Großstadt und sehen sich mit ganz alltäglichen Problemen konfrontiert. Auf welche Schule soll mein Kind gehen? Zieht der Lebenspartner nach, oder droht eine Fernehe? Was geschieht mit Wohnung oder Haus in München und Umland?

„Berlin, das klingt für viele nach maroden Schulen und viel Kriminalität“, sagte eine BND-Mitarbeiterin. Um den Umzug dennoch möglichst unproblematisch zu gestalten, hat der BND ein umfassendes Beratungsprogramm für die Mitarbeiter gestartet. Dazu gehören Broschüren, die über das Leben in Berlin informieren, der Dienst hilft außerdem bei der Wahl von Kitas und Schulen, verteilt Ratgeber für die Wohnungssuche. Seit Monaten liegen in Pullach Berliner Tageszeitungen aus, um auf das Hauptstadtleben einzustimmen. Es gibt virtuelle Rundgänge in den neuen Räumlichkeiten. Sogar ein Musterbüro aus der neuen Zentrale wurde aufgebaut.

Dennoch regt sich bei einigen Schlapphüten heftiger Widerstand gegen eine Versetzung nach Berlin. „Es gibt Härtefälle, die nicht aus Pullach wegwollen“, berichtete ein langjähriger BND-Mitarbeiter. „Bei einigen ist die Ehefrau vielleicht Lehrerin in München, man hat seit Jahren einen festen Freundeskreis oder besitzt wertvolle Immobilien. All das sind gute Gründe, in Pullach bleiben zu wollen.“

Einige dürfen tatsächlich bleiben. Insgesamt 1020 Dienststellen wird der BND in Pullach halten, hauptsächlich in der Abteilung „Technische Aufklärung“ (TA), die den weltweiten Datenverkehr filtert, Telefonate abhört und E-Mails mitliest. Dass die Ausspäher nicht nach Berlin ziehen, hat vor allem politische Gründe. Die CSU, so heißt es, wolle den Standort Pullach aus wirtschaftlichen Aspekten nicht gänzlich aufgeben.

„Der BND hätte schon damals nach Bonn gemusst“, sagte der ehemalige BND-Präsident Hans-Georg Wieck. Und kritisierte gleichzeitig die Lage des neuen Hauptquartiers. „Für Außenstehende sieht die neue BND-Zentrale aufgrund ihrer Dimensionen nach Überwachungsstaat aus. Es ist fraglich, ob man sie direkt nach Berlin-Mitte hätte setzen müssen. Auch aus Sicherheitsgründen.“

Tatsächlich ist der Neubau von außen gut einsehbar. Ringsherum befinden sich Wohnungen, Büro- und Geschäftsräume. Ein- und Ausgänge, Zufahrten zur Garage – alles könnte von feindlichen Geheimdiensten aus China oder Russland ausgespäht werden. „Das ist ein Risiko, mit dem wir leben müssen und auch können“, sagte ein BND-Mann. Auch, weil der Dienst bundesweit über eine Vielzahl von geheimen Außenstellen verfügt. „Wenn wir getarnt arbeiten müssen, können wir das weiterhin tun.“

Vielleicht bietet die Arbeit in den Außenstellen sogar einen ungeahnten Vorteil – besonders im heißen Berliner Sommer. Denn nach Informationen der „Welt“ verfügt die BND-Zentrale über keine Klimaanlage. Nachdem das Belüftungssystem wegen Hygienemängeln 2011 ausgebaut werden musste, wurde es nicht ersetzt. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung als Bauherr des BND-Neubaus teilte auf Nachfrage mit, die Be- und Entlüftung der Büroräume sei selbstverständlich möglich: „Durch das Öffnen der Fenster.“

__________________________

Der Artikel erschien in DIE WELT am 24.03.2014

 http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article126110206/Die-Agenten-muessen-schwitzen.html