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Der Bombenbauer von Paris

In Paris beginnt der Prozess um die Terroranschläge vom 13. November 2015. Der Mann, der die Sprengstoffgürtel für die Attentäter baute, wird allerdings nicht vor Gericht stehen. Er konnte nach den Attentaten entkommen und ist bis heute verschwunden.

Von Florian Flade

Ziemlich ausdruckslos und müde guckt der Mann mit den markanten, dunklen Augenbrauen in die Kamera. Bevor die Fotos gemacht wurden, nahmen die ungarischen Beamten seine Fingerabdrücke und notierten die Angaben aus seinem syrischen Pass. Name: „Ahmad al Khald“. Name des Vaters: „Mohamad“. Name der Mutter: „Siham“. Geburtsdatum: „01.01.1992“. Geburtsort: „Aleppo“. Fast alles davon war wohl falsch. Nur aus der Gegend um Aleppo stammte der Mann wohl tatsächlich.

Am 19. September 2015 reiste der Syrer, der sich „Ahmad al Khald“ nannte, mit einem Flüchtlingsboot von der Türke nach Griechenland, auf die Insel Farmakonisi. Tags darauf wurde gemeinsam mit anderen Geflüchteten nach Leros gebracht. Dann ging es weiter die sogenannte Balkanroute entlang, über Mazedonien und Serbien, nach Ungarn, Österreich und Deutschland. Es war der Weg zehntausender Flüchtlinge in jenen Tagen. 

In der Masse der Menschen, die vor Krieg und Terror aus Syrien nach Europa flohen, fiel der junge Mann nicht weiter auf. Allerdings war er kein Flüchtling. Er wollte den Schrecken des Krieges, das Sterben und das Leiden nicht hinter sich lassen, sondern es nach Europa bringen. Einen perfiden Hinweis auf sein mörderisches Vorhaben lieferte ein Kleidungsstück, das er trug als er von den europäischen Beamten fotografiert wurde. Auf dem schwarzen Pullover prangt der weißen Schriftzug einer kalifornischen Modemarke. Und das Logo: eine Bombe.

Heute beginnt in Paris der Prozess zu den Anschlägen am Abend des 13. November 2015. Ein islamistisches Terrorkommando ermordete damals in der französischen Hauptstadt 130 Menschen. In Bars, Cafés, vor dem Fußballstadion Stade de France und im Konzertsaal Bataclan. Dem Islamischen Staat (IS) war es gelungen unbemerkt Attentäter von Syrien bis nach Frankreich zu bringen. Sie tarnten sich dabei als Flüchtlinge des syrischen Bürgerkrieges. „Ahmad al Khald“, der Mann mit der Bombe auf dem Sweatshirt, war einer von ihnen. Er soll die Sprengstoffwesten gebaut haben, die in der Terrornacht von Paris eingesetzt wurden.

Zwanzig Terroristen und Terrorhelfer sind in Paris angeklagt. Sie sollen sich in den kommenden Monaten dafür verantworten, dass sie an den Attentaten entweder selbst beteiligt waren – oder die Attentäter unterstützt hatten. Längst nicht alle Angeklagten stehen auch vor Gericht. Nur vierzehn von ihnen werden anwesend sein, die übrigen sind entweder im Ausland inhaftiert, gelten inzwischen als tot oder sind schlichtweg verschwunden.

Auch der Bombenbauer, der sich „Ahmad al Khald“ nannte, ist angeklagt. Allerdings ist er bis heute nicht auffindbar. Überhaupt dauerte es mehrere Jahre bis die französischen Ermittler seine wohl wahre Identität herausgefunden hatten.

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„Islamischer Staat“ verhöhnt die Taliban

In einer Propagandaveröffentlichung beschreiben die IS-Terroristen die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan als Verschwörung. Die USA hätten einen Sieg errungen, die Taliban wiederum seien Marionetten.

Von Florian Flade

Sie vermuten eine Verschwörung, sie diffamieren die neuen Herrscher in Afghanistan und machen sich über sie lustig. Die Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) haben auf die Machtübernahme der Taliban reagiert. Und geben weitere Einblicke in die Feindschaft und den Zwist unter den Dschihadisten. 

In Al-Naba, dem wöchentlichen Propaganda-Newsletter der Terrormiliz, ist ein Kommentar zu den jüngsten Ereignissen in Afghanistan erschienen. Schon im Titel verhöhnen die Dschihadisten die Taliban und deren politische Führungsfigur Mullah Abdul Ghani Baradar als eine angeblichen Marionette der USA: „Endlich haben sie Mullah Bradley eingesetzt!“

Die Machtübernahme der Taliban am vergangenen Wochenende sei keineswegs überraschend, sondern sei schlichtweg das Ergebnis des „Friedensabkommens“ zwischen „den Kreuzfahrern und den Abtrünnigen in Doha“. Da die Taliban den Amerikanern versichert hätten, den Al-Qaida-Terroristen keine Basis mehr zu gewähren und den „Manhatten Fehler“ (Terroranschläge des 11. September 2001) nicht zu wiederholen, hätten die USA die Herrschaft der Taliban wieder hergestellt und ihnen „Kabul ohne einen Schuss abzufeuern“ überlassen.

Für die USA sei dies ein „Sieg des Friedens, nicht des Islams! Und für Verhandlungen, und nicht für den Dschihad!“ Aufgrund der aktuellen Situation sei dies vielleicht nicht so offensichtlich, schreiben die IS-Terroristen, aber hinter all dem stecke ein bösartiger Plan, aus den „Kämpfern“ harmlose „Verhandler“ zu machen.

Es sei offensichtlich, heißt es im Text der IS-Dschihadisten, dass die USA und die Taliban koordiniert vorgingen und Absprachen getroffen hätten. Unter anderem beim Einmarsch der Taliban in Kabul, und bei der „Evakuierungsoperation von tausenden Kreuzfahrern und ihrer Spione“. Die Unterstützung des wahren Islams – wie der IS ihn vertrete – finde jedoch nicht in den Hotels von Katar statt oder in den Botschaften von Russland, China und Iran. Seit den Friedensverhandlungen sei die Rede von den „neuen Taliban“, die eigentlich nur von den USA gesteuerte Gruppierung sei, die dem Terrorismus und auch der Scharia längst abgeschworen habe. Anderenfalls hätten die USA bei ihrem Abzug in Afghanistan niemals ihre Militärbasen und ihre Ausrüstung intakt zurück gelassen, so die Behauptung im IS-Newsletter. Die Verhandlungen und in den Abmachungen zwischen den Taliban und den USA und nun die kampflose Machtübernahme seien ein Beweis dafür, dass der Westen in den Taliban keine Gefahr mehr sehe.

„Die Führer der Taliban haben die Befreiung Afghanistans aus den Hotels von Katar, einschließlich der amerikanischen Al-Ubeid-Basis verkündet, von der aus die Flugzeuge aufsteigen, um die Aufenthaltsorte der Muslime zu bombardieren. Ihr falscher Sieg hat seinen Ursprung dort, wo der Krieg gegen den Islam seinen Ursprung hat! Also über was für einen Sieg sprechen wir? Amerika hat es wahrlich geschafft und hat uns endlich den „Mullah Bradley“ eingesetzt, und es gibt keinen Zweifel daran, dass „andere Mullahs“ gerade in den Hotels und in den Botschaften der Götzendiener erschaffen werden, und diese rechnen mit einem „weiteren Sieg“, den ihnen Amerika und andere gewähren. Tatsächlich ist nur ein rasierter Götzendiener (Anmerkung: gemeint ist offenbar der afghanische Präsident Ashraf Ghani) durch einen bärtigen ersetzt worden. Ersterer ist im Kampf gegen den Terrorismus gescheitert, während der zweite von Amerika als möglicherweise effektiver angesehen wird. Was die Soldaten des Kalifats betrifft, so bereiten sie sich auf eine neue Etappe der Etappen ihres gesegneten Dschihad vor, die nicht mit der Erlaubnis des Allmächtigen Gottes aufhören wird, bis die Erde – die gesamte Erde – der Herrschaft ihres Schöpfers unterworfen ist. Denn dies ist der Sieg, und was daneben ist, ist bloßes Flüstern und Illusion“

– Al-Naba Newsletter der Terrororganisation Islamischer Staat 

Zusammengefasst sieht das IS also in den Ereignissen in Afghanistan eine wilde Verschwörung zwischen den Taliban und den USA. Die Taliban, die als Abtrünnige erachtet werden, hätten kein Interesse mehr am Dschihad und an der Durchsetzung der echten Scharia, sie seien korrupt und machtbesessen, und hätten auf den eigentlich notwendigen Kampf verzichtet. Die USA hätten somit ihre Ziele erreicht, der Sieg der „neuen Taliban“ sei damit in Wahrheit ein Sieg des Westens, ein weiterer Schritt, um die dschihadistische Bewegung zu unterminieren. Sogar eine Allianz der Taliban mit den USA zur Bekämpfung des „Islamischen Staates“ wird suggeriert. 

Die feindliche Rhetorik des IS gegenüber den Taliban ist keineswegs neu, die Gruppierungen sind verfeindet und bekämpfen sich in Afghanistan seit Jahren. Anfang 2015 hatte der IS offiziell seinen Ableger in der Region, das „Wilayat Khorasan“ ausgerufen („Islamischer Staat in Khorasan“, oft abgekürzt auch IS-K genannt). Zunächst war die IS-Regionalgruppe, der sich zahlreiche ehemalige Mitglieder der pakistanischen Tehrik e-Taliban (TTP) angeschlossen haben soll, vor allem im Osten des Landes aktiv, in den Provinzen Nangarhar und Kunar. 

Bald aber schlossen sich auch Islamisten in anderen Gegenden Afghanistans an, einige Taliban-Kämpfer liefen über, so dass IS-K in den vergangenen Jahren auch in Zabul, Badakhshan, Kunduz und um Mazar i-Sharif präsent war. Mit den afghanischen Taliban kam es dabei immer wieder zu schweren Kämpfen und Anschlägen, bei denen Dschihadisten von beiden Seiten getötet wurden.

Angeführt wurde IS-K zunächst von Abdullah Orokzai alias „Aslam Farooqi“ und dann von Zia ul-Haq („Abu Omar al-Khorasani“), der im Mai 2020 von afghanischen Spezielkräften festgenommen worden war. Nachfolger wurde „Shahab al-Muhajir“, der für mehrere Terroranschläge in Kabul und anderen städtischen Gebieten verantwortlich sein soll und den IS-Ableger bis heute anführt.

Zia u-Haq hingegen soll am vergangenen Wochenende von den Taliban getötet worden sein. Sie hatten das Pul-e-Charkhi Gefängnis in Kabul eingenommen und zahlreiche Häftlinge freigelassen. Darunter sollen sich auch IS-Anhänger befunden haben, von denen jedoch einige auch getötet worden sein sollen. So wie der einstige Regional-Chef des Terrornetzwerkes Zia ul-Haq. Auf Twitter kursierten kurz darauf Fotos seiner Leiche. Inzwischen soll er in seinem Heimatdorf in der ostafghanischen Provinz in Kunar beerdigt worden sein.

Europas Guantánamo

Noch immer leben zahlreiche Dschihadisten aus Europa in kurdischen Gefangenenlagern in Nordsyrien – mit ihren Kindern. Auch Sicherheitsbehörden drängen inzwischen darauf, die Islamisten in die Heimatländer zu holen und vor Gericht zu stellen. Ansonsten wachse die nächste Terroristen-Generation heran. Die Politik aber drückt sich um eine Entscheidung.

Von Florian Flade

Lager Al-Hol in Nordsyrien

Am vergangenen Mittwochmorgen kamen einige Abgeordnete im niederländischen Parlament zu einer Expertenanhörung zusammen. Es ging nicht um die Bekämpfung des Corona-Virus, sondern um ein Thema, für das sich derzeit kaum noch jemand interessiert: Die islamistische Terrorgefahr und die Frage, wie europäische Staaten mit Dschihadisten umgehen sollen, die seit Jahren in kurdischen Gefangenenlagern in Nordsyrien festgehalten werden.

Zu der Anhörung geladen waren Pieter-Jaap Aalbersberg, der Nationale Koordinator der Terrorismusbekämpfung, Erik Akerboom, Leiter des niederländischen Geheimdienstes AIVD, und Ferry van Veghel, der für Terrorismusverfahren zuständige Vertreter der Staatsanwaltschaft. Die Botschaft der drei niederländischen Sicherheitsexperten war eindeutig: Die niederländischen Frauen und Kinder, die sich in Nordsyrien in Gefangenschaft befinden, sollten umgehend in die Niederlande gebracht werden. Das komme nicht nur dem Rechtsstaat zu Gute, denn diese Personen sollten vor Gericht kommen, sondern es sei auch wichtig für die innere Sicherheit der Niederlande.

„Wir sehen Kinder derzeit als Opfer“, soll der Anti-Terror-Beauftragte Aalbersberg den Parlamentariern gesagt haben. „Längerfristig aber werden sie eher rekrutiert, geschult und indoktriniert.“ 23 niederländische Frauen mit 56 Kinder sollen sich momentan noch in den kurdischen Lagern in Nordsyrien befinden.

Die ausgereisten Islamisten sollten strafrechtlich verfolgt werden, so teilte der Anti-Terror-Koordinator mit, anderenfalls bestehe das große Risiko, dass sie eines Tages doch frei kämen. Entweder weil sie freigelassen werden oder fliehen. Die kurdischen Sicherheitskräfte seien möglicherweise irgendwann überlastet und könnten die vielen ausländischen IS-Kämpfer und ihre Familie nicht mehr bewachen, warnte auch der niederländische Geheimdienstchef.

Die Justiz macht außerdem Druck. Zwar können Straftäter in den Niederlanden auch in Abwesenheit verurteilt werden, jedoch nur, wenn die Personen einwilligen, nicht vor Gericht erscheinen zu wollen. Dies sei jedoch bei den Dschihadisten in den kurdischen Lagern nicht der Fall. Man stehe davor vor der Wahl: Entweder Straflosigkeit für die Terrorverdächtigen oder man stelle sie in den Niederlanden vor Gericht.

Es ist ein Dilemma für Europas Regierungen. Noch immer befinden sich mehr als 65.000 Menschen in mehreren Lagern der kurdischen Selbstverwaltung im Norden Syriens. Es handelt sich vor allem um Frauen und Kinder, die nach der Zerschlagung des einstigen „Kalifats“ der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) in die Gefangenschaft der Kurden gerieten.

Die überwiegende Mehrzahl sind Syrer und Iraker, aber auch zahlreiche ausländische Islamisten, sogenannte „Foreign Terrorist Fighters“ und deren Familien, werden in den Lagern festgehalten. Rund 9.500 Frauen und Kinder aus 57 Ländern sollen es laut UN sein, darunter etwa 200 Frauen aus Europa und deren rund 650 Kinder. Manche wurden von den dschihadistischen Eltern in das Kriegsgebiet verschleppt, die meisten der Kinder aber wurden vor Ort geboren.

Wie soll man mit den gefangenen IS-Anhängern aus Europa umgehen? Soll man sie in die Heimatländer zurückholen und vor Gericht stellen, wie etwa die Kurden seit langer Zeit fordern? Oder sollten sie Ort für ihre etwaigen Verbrechen büßen müssen?

Seit Jahren schon müsste es eigentlich Antworten auf diese Fragen geben. Eine einheitliche europäische Haltung zu dem Problem aber gibt es bis heute nicht. Jede Regierung hat bislang eine eigene Art gefunden, mit der Thematik umzugehen – oder drückt sich ganz einfach vor einer Entscheidung über das Schicksal der Dschihadisten. 

Dabei warnen Experten mittlerweile eindringlich davor, die Situation im Status quo zu belassen. Zu groß sei das Risiko, dass etwa die Kinder der IS-Leute in den Lagern weiter radikalisiert und indoktriniert würden. Eine neue Generation von Terrorkämpfern könnte heranwachsen. Manche der Frauen haben der dschihadistischen Ideologie keinesfalls abgeschworen, sie vertreten weiterhin die Geisteshaltung des IS-Kalifats, einige sind gar überzeugt davon, dass sie bald von den Dschihadisten befreit würden und wieder in einem islamistischen Gottesstaat leben werden.

Die Europäer hätten die USA lange für das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba kritisiert, sagte ein ehemaliger US-Diplomat kürzlich der New York Times, jetzt aber hätten sie ihr eigenes „Guantánamo in der Wüste“.

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