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Wurde Foley im Video ermordet?

von Florian Flade

Bildschirmfoto 2014-08-30 um 15.44.08Die Szene, in der Foley angeblich ermordet wurde. Doch der Henker hält das Messer falsch herum.

Die Propagandaabteilung „Al-Hayat“ der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ hat heute eine neue Ausgabe ihres Online-Magazins Dabiq veröffentlicht. Darin enthalten ist u.a. die angeblich kompletten letzten Worte des US-Journalisten James Foley vor seiner Ermordung.

In dem Text heißt es, dass mehrere europäische Geiseln, die gemeinsam mit Foley von IS gefangen gehalten wurden, offenbar von ihren jeweiligen Regierungen freigekauft worden seien. Dies entspricht meinen Recherchen zur Geschichte eines Deutschen, der von den IS-Terroristen ein Jahr lang als Geisel gehalten wurde. Nachzulesen in der „Welt am Sonntag“.

Ein Screenshot aus dem Hinrichtungsvideos Foleys ist der angeblichen Rede beigefügt. Dabei fällt etwas auf. Der Henker hielt offenbar das Messer, mit dem der US-Journalist geköpft worden sein soll, falsch herum. Die Klinge zeigt deutlich nach außen.

Schon kurz nach dem Auftauchen des grausamen Videos vor rund zwei Wochen kamen Zweifel daran auf, ob Foley tatsächlich während der Aufnahme getötet wurde oder doch zu einem anderen Zeitpunkt. Grund für die Skepsis ist insbesondere der Schnitt des Videos. Kurz nachdem der englischsprachige Terrorist das Messer an Foleys Kehle ansetzt, gibt es einen Schnitt. In der nächsten Szene ist der abgetrennte Kopf von Foley auf dem Körper liegend zu sehen.

Die eigentliche Ermordung aber wird nicht gezeigt. Dies könnte unterschiedliche Gründe haben. Denkbar ist, dass die Terroristen die grausamsten Teile des Videos nicht zeigen wollten. Was allerdings kaum schlüssig ist, angesichts vergangener Geiselvideos, in denen die Ermordung der Geiseln detailliert und in voller Länge gezeigt wurde.

Wahrscheinlicher dürfte tatsächlich sein, dass James Foley nicht direkt vor laufender Kamera getötet wurde. Sondern zu einem späteren Zeitpunkt.

Unterrichtsverbot für Braunschweiger Islamschule

von Florian Flade

Wenn Muhamed Ciftci predigt, dann spricht er mit ruhiger Stimme. „Viele denken, dass die Juden am gefährlichsten sind. Das stimmt nicht. Die Christen sind gefährlicher als die Juden.“ In einem anderen Vortrag geht es um die Ehe im Islam. „Wenn du dieser Frau den Stock zeigst, dann kriegt sie Angst. Das Ziel vom Schlagen ist, der Frau Angst zu machen. Pass auf, ich habe den Stock.“ Predigten wie diese wird Ciftci, der Leiter der Islamschule Braunschweig, künftig nicht mehr als Online-Studium anbieten dürfen. Nach Informationen der „Welt“ aus Behördenkreisen hat die Staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) einen Antrag Ciftcis abgelehnt, Fernunterricht zu erteilen.

Die Sicherheitsbehörden haben Ciftci und seine Islamschule schon länger im Visier. Der Deutsch-Türke, der in Braunschweig geboren wurde, unterrichtete seit 2007 Hunderte Muslime in Deutschland per Fernstudium im Internet. Damit ist nun Schluss. Bereits im Herbst vergangenen Jahres hatte die ZFU die Islamschule aufgefordert, eine Zulassung vorzulegen. Deshalb hatte Ciftci tatsächlich kürzlich einen Antrag gestellt. Diesen lehnte ein Gutachter in der vergangenen Woche allerdings ab. Die Voraussetzungen für eine Lehrerlaubnis, so das Ergebnis der Prüfung, seien nicht gegeben. Demzufolge ist ab sofort kein Online-Studium mehr an der Braunschweiger Islamschule erlaubt. Der Schulleitung wurde nach Informationen dieser Zeitung eine 14-Tage-Frist gestellt, auch die Webseite der Schule zu löschen. Zurzeit steht auf der Webseite, dass keine Anmeldung möglich sei.

Knapp 300 Muslime aus dem gesamten Bundesgebiet waren dort zuletzt als Internetstudenten eingeschrieben. Sie lernten gegen eine monatliche Studiengebühr von 55 Euro Arabisch und Theologie. Als Lehrmaterialien dienten unter anderem Video- und Audio-Predigten von Muhamed Ciftci alias Abu Anas. Seinen Angaben zufolge lehrte er nach den Richtlinien der Universität Medina in Saudi-Arabien, wo er nach eigenen Angaben selbst studiert hat.

Für die Sicherheitsbehörden ist die Islamschule des 39-jährigen Salafisten-Predigers keineswegs eine harmlose Lehranstalt, sondern eher eine radikal-islamische Kaderschmiede. „In Ciftcis Predigten wird die Scharia in ihrer orthodoxesten Form gelehrt, also: Theokratie statt Demokratie, Diskriminierung von Frauen und Andersgläubigen, Tötung von Glaubensabtrünnigen“, sagte Niedersachsens Verfassungsschutzpräsident Hans-Werner Wargel der „Welt“. Nach außen gebe sich der Braunschweiger Prediger zwar gewaltfrei, in seinen Predigten aber schüre er Hass gegen Juden und Christen. Durch das in Braunschweig angebotene Online-Studium würden junge Muslime per Mausklick radikalisiert. „Dieses Studium in deutscher Sprache … verdeutlicht die erst durch moderne Techniken ermöglichte Globalisierung der salafistischen Ideologie“, heißt es einer Broschüre des niedersächsischen Verfassungsschutzes.

Wie gefährlich die Indoktrinierung durch das Studium an der Islamschule ist, verdeutlichen die gewalttätigen Salafisten-Proteste in Bonn im Mai dieses Jahres. Fünf Islamisten, die bei der Veranstaltung Polizisten angegriffen hatten, waren eingeschriebene Online-Studenten an Muhamed Ciftcis Schule. Unter ihnen war auch Murat K., ein 25-jähriger Salafist aus Hessen, der zwei Bonner Polizisten mit einem Messer lebensgefährlich verletzte.

Plötzlich Top-Terrorist

von Florian Flade

Es war der 16. Juni, als Hamid A. (Name geändert) zum ersten Mal jenes Foto sah, das eigentlich einen weltweit gesuchten Islamisten zeigen sollte – stattdessen aber ihn abbildete. Ein Freund hatte ihm den Link zu einem Online-Nachrichtenartikel geschickt. Dort waren zwei Fahndungsfotos zu sehen, die denselben Mann zeigen sollten: Emrah E., den meistgesuchten deutschen Terroristen . Allerdings war nur auf einem der beiden Bilder der Al-Qaida-Mann E. zu sehen. Auf dem anderen: Hamid A.

Wie konnte sein Foto, das nicht nur „Welt Online“ verwendete, sondern das über die Nachrichtenagentur AFP in die ganze Welt verbreitet worden war, zum Fahndungsfoto für einen gefährlichen Terroristen werden?

Kenianische Polizei präsentiert falsches Foto

Die Geschichte des falschen Fotos beginnt in Kenia. Dort fahndete die Polizei im Mai und Juni nach dem Islamisten Emrah E. aus Wuppertal, der im Frühjahr 2011 von Pakistan nach Somalia gereist war. Die Geheimdienste in der Region vermuteten, dass der deutsche Terrorist im Mai dieses Jahres über die Grenze nach Kenia eingereist war, möglicherweise um Anschläge zu begehen.

Bei einer Pressekonferenz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi präsentierte die Polizei zwei Fahndungsfotos des gesuchten Deutschen – wobei das eine eben nicht Emrah E., sondern Hamid A. zeigte.

Ein Fotograf der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) lichtete die Bilder ab und übernahm den Hinweis der kenianischen Polizei wortwörtlich: „Eine Kombo von undatierten Fahndungsfotos, veröffentlicht von der kenianischen Polizei am 13. Juni 2012, zeigt Emrah E., einen deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft, der in Kenia aufgrund von Verbindungen zur somalischen Al-Schabaab Miliz gesucht wird.“ Das Foto gelangte in die internationale Datenbank von AFP und wurde als Doppel-Portrait dutzendfach verbreitet, nicht nur in Afrika, sondern auch in englisch- und arabischsprachiger Presse weltweit.

„Ich kenne Emrah E. nicht“

Seither quält Hamid A. die Frage, wie es zu dieser verhängnisvollen Verwechselung kam. Bis heute vermag er das Bild nicht zuzuordnen. „Ich kann mich nicht erinnern, wo oder wann das Foto gemacht wurde“, sagt A. „Es ist auf jeden Fall nicht mit meinem Einverständnis entstanden.“

Wie also entstand das Bild des Stuttgarter Studenten, der nebenbei bei einem großen Sportfachhandel arbeitet? Wer hat es aufgenommen? Wer gab es weiter an kenianische Sicherheitsbehörden? Und warum wurde es weitergegeben?

Eine Möglichkeit ist, dass Hamid A. vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Verdächtige Personen verdeckt zu fotografieren, ist nicht unüblich, sondern eher das Alltagsgeschäft der Geheimdienste. Beim Gespräch im Café, im Restaurant oder in der Moschee können solche Fotos entstehen. Weshalb aber sollte sich der Verfassungsschutz für Hamid A. interessieren?

Einen wirklich nachvollziehen Grund gibt es dafür nicht. Hamid A.s Familie hat keine Kontakte in die Terroristenszene, wie der Student beteuert. Ja, mehrfach sei er mit der Familie nach Saudi-Arabien gereist, um dort die Umrah zu machen, die sogenannte „Kleine Pilgerfahrt“. Doch das ist nichts Ungewöhnliches, hunderte Muslime aus Deutschland machen die spirituelle Reise jedes Jahr. Gläubig sei er, so A., aber auf keinen Fall ein Extremist.

„Mir ist völlig schleierhaft, warum mich ein Geheimdienst observieren oder fotografieren sollte“, sagt A. „Welt Online“.“ Ich kenne Emrah E. nicht, habe ihn nie getroffen. Ich habe keine Terroristen-Freunde und war noch nie in Somalia oder Kenia.“ Er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen.

BKA gab Foto nicht weiter

Dann ist da noch die Frage, wie das Foto vom „falschen“ Emrah E. nach Ostafrika kam. Auch das ist nicht leicht nachzuvollziehen. Der direkte Dienstweg wäre wohl über das Bundeskriminalamt (BKA). Das BKA verfügt über sogenannte Verbindungsbeamte in zahlreichen Ländern. Diese Polizisten sind zuständig, sollte eine Fahndung über die Landesgrenzen hinaus verlaufen, oder eine Person mit Deutschlandbezug gesucht, verhaftet, entführt oder getötet werden.

Übermittelte also das BKA versehentlich echte Fotos von Emrah und das Foto von Hamid A.? Verwechselte der zuständige Beamte die Aufnahmen, weil sich beide Männer auf den ersten Blick leicht ähnlich sehen?

„Welt Online“ fragte beim BKA nach, doch dort winkt man ab.“Wir haben das Foto nach ersten Erkenntnissen nicht weitergegeben“, erklärte ein Sprecher des BKA. Nach Informationen von „Welt Online“ schickte das Amt allerdings sehr wohl die echte Fotoaufnahme von Emrah E. nach Kenia. Woher aber stammt das Foto von Hamid A.?

„Etwas gewaltig schief gelaufen“

Es scheint ausgeschlossen, dass die kenianischen Geheimdienste eigenständig an das Foto von A. gelangten. Möglich ist, dass ein Geheimdienst eines dritten Landes über Erkenntnisse zu A. und auch über ein verdeckt aufgenommenes Foto verfügt. Aufgenommen etwa während der Pilgerfahrt des Stuttgarters in Saudi-Arabien.

Es sei keine Frage, so heißt es in Sicherheitskreisen: „Da ist etwas gewaltig schief gelaufen“.

Was auch immer schief lief, Hamid A. erhofft sich eine Klarstellung. Er fürchtet um seine berufliche Zukunft und fühlt sich diffamiert. „Ich wünsche mir, dass es aufgeklärt wird und erwarte eine Erklärung“, so der Stuttgarter. Nur weiß er bis heute nicht, von wem die kommen soll.