Schlagwort-Archive: Kalter Krieg

Das Gleichgewicht des Schreckens

Durch Russlands Angriff auf die Ukraine ist das Schreckgespenst eines Atomkrieges plötzlich wieder in aller Munde. Dass Russland heute über ein nukleares Arsenal verfügt, hat der Kreml auch einem Deutschen zu verdanken. Die Geschichte eines Verrats, der die Welt verändert hat.

Von Florian Flade 

Der Friedhof im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichsfelde ist kaum besucht an diesem sonnigen Tag im Mai. In den Bäumen zwitschern Vögel, eine Frau geht mit einem Hund an der Leine spazieren, eine andere sitzt auf einer Parkbank und telefoniert. Sie spricht Russisch. Im südlichen Teil der großen Friedhofsanlage liegt die Gedenkstätte der Sozialisten, eingeweiht 1951 in der DDR als Ruheort für Personen, die sich für für den deutschen Sozialismus engagiert haben. Rosa Luxemburg liegt hier begraben, ebenso Karl Liebknecht.

Am Pergolenweg, direkt hinter dem Denkmal, sind die Gräber in mehreren Reihen angeordnet. Hier wurde einige der prominentesten Geheimdienstler der ehemaligen DDR bestattet. Markus Wolf beispielsweise, der legendäre Chef der DDR-Auslandsspionage. Nur wenige Meter daneben befindet sich das Grab eines Mannes, der zum Verräter wurde und damit die Geschichte auf entscheidende Weise beeinflusst hat. Ein Ausschuss in den USA hat seine Taten untersucht und kam zu dem Fazit, dass er „den größten Verrat in der Geschichte der Menschheit“ begangen habe.

Klaus Fuchs war kein Geheimdienstmann, kein Spion, sondern ein Wissenschaftler. Ein Atomphysiker, der beim Bau der ersten Nuklearwaffen in den USA beteiligt war. Und der schließlich die Baupläne an die Sowjetunion verriet.

Weiterlesen

Tierische Spione

Ob Delfine, Katzen oder Tauben – Geheimdienste versuchten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Tiere als Spionage-Helfer einzusetzen. Manche dieser geheimen Projekte wirken heute mehr als skurril.

Von Florian Flade

Plötzlich war er da. Ein knapp vier Meter langer Beluga-Wal verfolgte im Frühjahr 2019 immer wieder Fischerboote vor den Inseln Ingøy and Rolvsøy, ganz im Norden von Norwegen. Das Tier schien keine Angst vor den Schiffen zu haben, es war sogar erstaunlich zutraulich. Und noch etwas viel den Fischern auf: Der Wal trug zwei seltsame Gurte um seinen Körper. Mitarbeiter der norwegischen Fischerei-Behörde versuchten das Tier einzufangen und näher zu untersuchen, doch alle Versuche scheiterten. Es war schließlich ein Fischer, der mit Schutzkleidung ausgestattet beherzt ins eiskalte Wasser sprang und dem es tatsächlich gelang, das merkwürdige Geschirr von dem Meeressäuger zu lösen.

Zur Überraschung der Norweger hatte sich das Tier offensichtlich nicht in einem Fischernetz oder in Müll verfangen. Der Beluga-Wal war vielmehr mit einer kleinen Kamera bestückt worden, die offenbar mit den Gurten an seinem Körper befestigt worden war. Die Kamera war nicht mehr vorhanden, auf der Halterung aber gab es Aufschriften, die darauf hindeuteten, dass sie aus St. Petersburg stammte. Kam der Wal demnach aus Russland?

Bis heute ist unklar, warum das Tier plötzlich in den Gewässern vor Norwegen auftauchte und augenscheinlich gezielt Boote verfolgte. Niemand erhob bislang Besitzansprüche auf den zahmen Beluga, der den Spitznamen „Hvladimir“ bekam. Norwegens Behörden vermuten allerdings, dass es sich um einen trainierten Wal der russischen Marine handelt, möglicherweise stammt er aus dem rund 400 km entfernten Stützpunkt der russischen Nordflotte in Murmansk. Schon zu Sowjetzeiten waren Delfine speziell trainiert worden, um beispielsweise Unterwasserminen aufzuspüren oder gegnerische U-Boote und andere Schiffe auszuspionieren.

Dass Tiere von Militär als nützliche Helfer eingesetzt werden, ist seit vielen Jahren bekannt. Die Brieftauben aus dem Ersten Weltkrieg, „carrier pigeons“ genannt, beispielsweise galten als äußerst effektive Form der Kommunikation. Und auch im Zweiten Weltkrieg wurden Tauben eingesetzt, etwa von der Einheit MI14 (d) des britischen Militärgeheimdienstes. Damals wurden die Vögel in Boxen mit Fallschirmen über dem von Nazis besetzten Gebieten abgeworfen. Die Agenten schickten die Tauben schließlich mit strategisch wichtigen Informationen, etwa zu deutschen Abwehranlagen oder Abschlussrampen der V2-Raketen zurück nach Großbritannien.

Doch auch außerhalb von Kriegszeiten wurde immer wieder daran getüftelt, tierische Helfer für Spionage-Zwecke einsetzen zu können. Historische Akten zeigen, wie Geheimdienste in den vergangenen Jahrzehnten intensiv daran forschten, wie man Vögel dazu verwenden kann, heimlich Fotoaufnahmen von militärischen Anlagen zu machen, de-facto als biologische Variante der späteren Drohne. Oder auch, ob Katzen mit Mikrofonen ausgestattet werden können, um Gespräche in eigentlich sehr abgeschirmten Anlagen abhören zu können.

Weiterlesen

Sommerregen am Hindukusch

Der BND unterstützte in den 1980er Jahren die afghanischen Mudschaheddin im Kampf gegen die Sowjets. Wie genau lief die Operation „Sommerregen“ ab? Und was war das Ziel? Akten geben Einblicke in eine der letzten großen BND-Operationen des Kalten Krieges.

Von Florian Flade

Hafizullah Amin sollte sterben. Anfang Dezember 1979 beschloss das Politbüro in Moskau den afghanischen Premierminister, der kurz zuvor durch Intrigen und einen Putsch an die Macht gekommen war, zu liquidieren. Mehrere Attentate auf Amin waren zuvor bereits gescheitert. Die Angst der Sowjetführung war groß, dass Amin, der Afghanistan eigentlich in ein sozialistisches Land umbauen wollte, möglicherweise doch zu einem Verbündeten der USA werden würde, um sein Überleben zu sichern. Dies hätte im schlimmsten Fall bedeutet, dass amerikanische Truppen an der Südflanke der Sowjetunion stationiert worden wären. Ein inakzeptables Szenario für Moskau.

Am 27. Dezember 1979 fand im Tajbeg-Palast am südlichen Stadtrand von Kabul ein Empfang statt. Hafizullah Amin hatte seine Minister und hochrangige Funktionäre seiner Partei geladen. Dem sowjetischen Geheimdienst war es gelungen, das Essen zu vergiften. Mehrere Anwesende erkrankten schwer, einige starben später. Amin überlebte zunächst. Dann aber stürmten sowjetische Fallschirmjäger und KGB-Einheiten den Palast, erschossen seine Leibgarde und töteten Amin und seinen Sohn schließlich mit einer Handgranate.

Gleichzeitig wurde über das Radio eine Rede gesendet. Babrak Karmal, einstiger Weggefährte von Amin, wurde als neuer Machthaber von den Sowjets in Kabul installiert. Er verkündete nun, Afghanistan sei von Amins Regime befreit worden. Moskau hatte durch eine militärische Aktion einen Machtwechsel herbeigeführt.

Bereits zwei Tage zuvor, am 25. Dezember 1979, hatten sowjetische Truppen die Grenze zu Afghanistan überquert. Zudem wurden tausende Soldaten per Flugzeug nach Kabul und Bagram gebracht. Es war der Beginn des sowjetisch-afghanischen Krieges, der neun Jahre dauern sollte und zu einer der letzten heißen Schlachten des Kalten Krieges werden sollte. Zwei Millionen Afghanen und zehntausende sowjetische Soldaten kamen dabei ums Leben, unzählige Menschen wurden vertrieben, in den Nachbarländern Pakistan und Iran entstanden riesige Flüchtlingslager.

Der Einmarsch und die Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion rief den Westen auf den Plan. Zunächst erfolgte aus Protest der Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 durch die USA und weitere Staaten wie der Bundesrepublik Deutschland, Kanada, Japan und Norwegen. In den Folgejahren aber sah man Washington eine günstige Gelegenheit, der rivalisierenden Großmacht einen erheblichen Schaden zuzufügen. 

In Afghanistan hatten sich mehrere Partisanengruppen gegründet, die gegen die Sowjetarmee kämpften. Sie nannten sich Mudschaheddin. Der Krieg gegen die kommunistischen Invasoren war für sie einerseits ein Widerstandskampf zur Befreiung ihres Landes, andererseits sahen sie es als religiöse Pflicht in den Dschihad zu ziehen. Einen gottgewollten Krieg gegen die „ungläubigen“ Aggressoren. 

Die USA begannen ab Mitte der 1980er Jahre damit, den afghanischen Widerstand gegen die Sowjets zu unterstützen – mit Geld, mit Ausrüstungsgegenständen und mit Waffen. Das Kalkül der Regierung von Ronald Reagan war: Die Mudschaheddin sollten mit amerikanischer Hilfe die Sowjets in einen verlustreichen, kostspieligen Abnutzungskrieg verwickeln. Die CIA sollte dafür sorgen, dass Moskau in Afghanistan sein „Vietnam-Trauma“ erlebt.

Doch nicht nur die CIA mischte am Hindukusch mit. Auch der Bundesnachrichtendienst (BND) hat die afghanischen Kämpfer mehrere Jahre lang unterstützt. In einer geheimen Operation namens „Sommerregen“. Aus historischen Akten des BND wird ersichtlich, wie die deutschen Spione dabei vorgingen, was mit der Operation erreicht werden sollte – und wie sie zustande kam.

Weiterlesen