Schlagwort-Archive: Kenia

Deutsche Dschihadisten flüchten aus Somalia

von Florian Flade

Bildschirmfoto 2014-09-11 um 14.13.58

Zwei Wochen ist es her, da tauchte ein islamistisches Propagandavideo auf, in dem Muslime aus dem Westen aufgerufen wurden in den Dschihad zu ziehen. Nicht etwa nach Syrien, dem wohl beliebtesten Zielland für selbsternannte Gotteskrieger derzeit. Sondern nach Somalia.

„Diejenigen, die in den USA leben, speziell in Minnesota, in Großbritannien, Deutschland und vielen Teilen der Welt der Ungläubigen – ihr müsst euch heute entscheiden!“, erklärte auf Englisch ein vermummter Dschihadist der somalischen Terrororganisation Al-Shabaab in dem Video.

Dschihad in Somalia? Der Konflikt zwischen der Zentralregierung und der radikalislamischen Terrorgruppe Al-Shabaab scheint in Vergessenheit geraten zu sein – insbesondere als Ziel für kampfeswillige Islamisten aus dem Westen. Dabei zogen noch vor Jahren Dutzende Somalier aus den Exil-Gemeinden in Großbritannien, den Niederlanden, Skandinavien und den USA in den „Heiligen Krieg“ am Horn von Afrika.

Auch eine kleine Zahl von deutschen Islamisten reiste nach Somalia und schloss sich dort der Al-Shabaab an. Es handelte sich dabei hauptsächlich um gebürtige Somalier aus Nordrhein-Westfalen. Aber auch Konvertiten waren darunter.

Am vergangenen Samstag nahm das Bundeskriminalamt (BKA) am Frankfurter Flughafen drei mutmaßliche Mitglieder der somalischen Al-Shabaab fest, die per Flugzeug aus Kenia kamen. Es handelt sich dabei um die deutschen Staatsbürger, Abdullah W., Abdulsalam W. und den Konvertiten Steven N.. Die Bundesanwaltschaft wirft den drei Männern vor, sich im Jahr 2012 bzw. 2013 in Somalia der Terrororganisation angeschlossen und anschließend eine Waffenausbildung erhalten zu haben.

Den Verhafteten ging es bei ihrer Rückreise in die Heimat allerdings wohl eher nicht darum, den Terror nach Deutschland zu tragen. „Es bestehen keine Hinweise darauf, dass die Beschuldigten konkrete Anschlagsplanungen oder -vorbereitungen getroffen hatten“, teilte die Bundesanwaltschaft mit.

Nach meinen Informationen ging dem Zugriff am Frankfurter Flughafen eine Verhaftung zweier Islamisten aus Deutschland in Ost-Afrika voraus. Kenianische Anti-Terror-Einheiten hatten am 29. August den Deutsch-Somalier Abdul Wahid W. und den Deutsch-Tunesier Mounir T. festgenommen. Beide waren wohl kurz zuvor aus Somalia nach Kenia eingereist und werden verdächtigt, sich ebenfalls der Al-Shabaab angeschlossen zu haben.

Wie aus Sicherheitskreisen zu erfahren ist, sollen sowohl Mounir T. als auch Abdul Wahid W. gegenüber einem BKA-Verbindungsbeamten umfangreich über ihre Zeit in Somalia ausgesagt haben. Die Aussagen klingen eher nach Flucht als nach Terrorabsicht. Die mutmaßlichen Dschihadisten erklärten, sie hätten Al-Shabaab den Rücken gekehrt, weil sie fürchteten als Spione verdächtigt zu werden. Die Terrororganisation hatte in der Vergangenheit häufiger aus Angst vor Spitzeln ausländische Kämpfer inhaftiert, gefoltert oder sogar hingerichtet.

Abdul Wahid W. und Mounir T. sollen zudem auch von drei Mitkämpfern berichtet haben, die ebenfalls nach Deutschland zurückreisen wollten. So erfolgte schließlich runde eine Woche später die Festnahme von Steven N., Abdullah W. und Abdulsalam W. am Flughafen in Frankfurt.

Aus Sicherheitskreisen ist zu vernehmen, dass in den vergangenen Wochen wohl eine ganze Reihe von europäischen und nordamerikanischen Dschihadisten aus Somalia geflohen ist. Augenscheinlich ergreift die Islamisten derzeit die Furcht vor Racheakten der Al-Shabaab. Grund könnte insbesondere der jüngste US-Drohnenangriff vom 1.September sein, bei dem der Anführer der Terrorgruppe, Ahmed Abdi Godane alias Mukhtar Abu Zubayr, ums Leben kam.

Sowohl in Somalia als auch in Pakistan vermuten Dschihadisten hinter jedem Drohnenangriff das Werk von eingeschleusten oder angeworbenen Spitzeln in den eigenen Reihen, die für westliche Geheimdienste angeblich Ziele markieren oder auskundschaften. Dieses Misstrauen gegen Gotteskrieger aus dem Westen, die paradoxerweise in der Propaganda stets aufgerufen werden, sich anzuschließen, kostete bereits einige Al-Shabaab-Kämpfer das Leben. Die fünfköpfige Gruppe aus Deutschland wollte wohl diesem Schicksal entgehen.

The Al-Shabaab Terror Cell That Attacked Westgate

by Florian Flade

The Somali terror group Al-Shabaab attacks a Kenyan shopping center, killing scores of civilians. Among the attackers are several Jihadists from Western countries, including Britain and the United States.

vlcsnap-2012-01-22-01h14m49s194

The Westgate Shopping Mall in Northern Nairobi is a popular place for middle class and upper class Kenyans as well as tourists and foreigners living in the East African country. On Saturday this place became a war zone. A group of Islamist fighters from the Somali terror group Al-Shabaab stormed the shopping mall, taking several dozen hostages and killing at least 59 people, among them French, British and Dutch citizens.

While the terrorists were selecting only the Non-Muslims, Muslim shoppers were allowed to leave the scene as Westgate turned into a place of Jihad. The Harakat Al-Shabaab Al-Mujahidin Movement claimed responsibility for the attack, claiming it was retaliation for Kenya´s involvement in the Somali conflict in recent years.

The hostage situation is still going on with a unknown number of people still trapped inside Westgate and Kenyan police and military in the area.

Meanwhile Al-Shabaab has released the names and places of origin of the alleged terrorist involved in the Westgate assault. It is no surprise the terror raid was carried out by a international terrorist cell of at least twelve Al-Shabaab fighters, some of which were at least raised in the West.

According to the terrorist group the attackers all between the age of 20 and 27 years old, are from numerous countries, including the US, UK, Canada, Sweden, Finland, Syria and Russia and where all trained in Somalia.

The strategy of the „Mumbai Style Attack“ reflects Al-Shabaab´s effort to carry out an attack outside of Somalia where the group faces huge challenges and suffered military defeat on various occasions.

Here is the list (UNCONFIRMED!) of the alleged attackers released by Twitter account allegedly affiliated with Al-Shabaab:

Sayid N. from Kismayu, Somalia.

Zaki Jama C., from Hargeisa, Somalia

Saad D., from Damascus, Syria

Mohamed B., from Aleppo, Syria

Qasim Said M., Garissa, Kenya

Ismail G., from Helsinki, Finland

Ahmed Nasir S., from London, UK

Mustafa N., from Kansas City, US

Abdishakur Sheikh H., from Maine, US

Abdifatah Osman K., from Minneapolis, US

Ahmad Mohamed I., from Saint Paul, US

Abdikarem Ali M., from Illinois, US

Shafie D., from Tucson, US

Abdirazak M., from Ontario (Canada)

Eliko M., from Dagestan, Russia

Mohammed A., from Svalov, Sweden

Moulid A., from Sweden

Plötzlich Top-Terrorist

von Florian Flade

Es war der 16. Juni, als Hamid A. (Name geändert) zum ersten Mal jenes Foto sah, das eigentlich einen weltweit gesuchten Islamisten zeigen sollte – stattdessen aber ihn abbildete. Ein Freund hatte ihm den Link zu einem Online-Nachrichtenartikel geschickt. Dort waren zwei Fahndungsfotos zu sehen, die denselben Mann zeigen sollten: Emrah E., den meistgesuchten deutschen Terroristen . Allerdings war nur auf einem der beiden Bilder der Al-Qaida-Mann E. zu sehen. Auf dem anderen: Hamid A.

Wie konnte sein Foto, das nicht nur „Welt Online“ verwendete, sondern das über die Nachrichtenagentur AFP in die ganze Welt verbreitet worden war, zum Fahndungsfoto für einen gefährlichen Terroristen werden?

Kenianische Polizei präsentiert falsches Foto

Die Geschichte des falschen Fotos beginnt in Kenia. Dort fahndete die Polizei im Mai und Juni nach dem Islamisten Emrah E. aus Wuppertal, der im Frühjahr 2011 von Pakistan nach Somalia gereist war. Die Geheimdienste in der Region vermuteten, dass der deutsche Terrorist im Mai dieses Jahres über die Grenze nach Kenia eingereist war, möglicherweise um Anschläge zu begehen.

Bei einer Pressekonferenz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi präsentierte die Polizei zwei Fahndungsfotos des gesuchten Deutschen – wobei das eine eben nicht Emrah E., sondern Hamid A. zeigte.

Ein Fotograf der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) lichtete die Bilder ab und übernahm den Hinweis der kenianischen Polizei wortwörtlich: „Eine Kombo von undatierten Fahndungsfotos, veröffentlicht von der kenianischen Polizei am 13. Juni 2012, zeigt Emrah E., einen deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft, der in Kenia aufgrund von Verbindungen zur somalischen Al-Schabaab Miliz gesucht wird.“ Das Foto gelangte in die internationale Datenbank von AFP und wurde als Doppel-Portrait dutzendfach verbreitet, nicht nur in Afrika, sondern auch in englisch- und arabischsprachiger Presse weltweit.

„Ich kenne Emrah E. nicht“

Seither quält Hamid A. die Frage, wie es zu dieser verhängnisvollen Verwechselung kam. Bis heute vermag er das Bild nicht zuzuordnen. „Ich kann mich nicht erinnern, wo oder wann das Foto gemacht wurde“, sagt A. „Es ist auf jeden Fall nicht mit meinem Einverständnis entstanden.“

Wie also entstand das Bild des Stuttgarter Studenten, der nebenbei bei einem großen Sportfachhandel arbeitet? Wer hat es aufgenommen? Wer gab es weiter an kenianische Sicherheitsbehörden? Und warum wurde es weitergegeben?

Eine Möglichkeit ist, dass Hamid A. vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Verdächtige Personen verdeckt zu fotografieren, ist nicht unüblich, sondern eher das Alltagsgeschäft der Geheimdienste. Beim Gespräch im Café, im Restaurant oder in der Moschee können solche Fotos entstehen. Weshalb aber sollte sich der Verfassungsschutz für Hamid A. interessieren?

Einen wirklich nachvollziehen Grund gibt es dafür nicht. Hamid A.s Familie hat keine Kontakte in die Terroristenszene, wie der Student beteuert. Ja, mehrfach sei er mit der Familie nach Saudi-Arabien gereist, um dort die Umrah zu machen, die sogenannte „Kleine Pilgerfahrt“. Doch das ist nichts Ungewöhnliches, hunderte Muslime aus Deutschland machen die spirituelle Reise jedes Jahr. Gläubig sei er, so A., aber auf keinen Fall ein Extremist.

„Mir ist völlig schleierhaft, warum mich ein Geheimdienst observieren oder fotografieren sollte“, sagt A. „Welt Online“.“ Ich kenne Emrah E. nicht, habe ihn nie getroffen. Ich habe keine Terroristen-Freunde und war noch nie in Somalia oder Kenia.“ Er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen.

BKA gab Foto nicht weiter

Dann ist da noch die Frage, wie das Foto vom „falschen“ Emrah E. nach Ostafrika kam. Auch das ist nicht leicht nachzuvollziehen. Der direkte Dienstweg wäre wohl über das Bundeskriminalamt (BKA). Das BKA verfügt über sogenannte Verbindungsbeamte in zahlreichen Ländern. Diese Polizisten sind zuständig, sollte eine Fahndung über die Landesgrenzen hinaus verlaufen, oder eine Person mit Deutschlandbezug gesucht, verhaftet, entführt oder getötet werden.

Übermittelte also das BKA versehentlich echte Fotos von Emrah und das Foto von Hamid A.? Verwechselte der zuständige Beamte die Aufnahmen, weil sich beide Männer auf den ersten Blick leicht ähnlich sehen?

„Welt Online“ fragte beim BKA nach, doch dort winkt man ab.“Wir haben das Foto nach ersten Erkenntnissen nicht weitergegeben“, erklärte ein Sprecher des BKA. Nach Informationen von „Welt Online“ schickte das Amt allerdings sehr wohl die echte Fotoaufnahme von Emrah E. nach Kenia. Woher aber stammt das Foto von Hamid A.?

„Etwas gewaltig schief gelaufen“

Es scheint ausgeschlossen, dass die kenianischen Geheimdienste eigenständig an das Foto von A. gelangten. Möglich ist, dass ein Geheimdienst eines dritten Landes über Erkenntnisse zu A. und auch über ein verdeckt aufgenommenes Foto verfügt. Aufgenommen etwa während der Pilgerfahrt des Stuttgarters in Saudi-Arabien.

Es sei keine Frage, so heißt es in Sicherheitskreisen: „Da ist etwas gewaltig schief gelaufen“.

Was auch immer schief lief, Hamid A. erhofft sich eine Klarstellung. Er fürchtet um seine berufliche Zukunft und fühlt sich diffamiert. „Ich wünsche mir, dass es aufgeklärt wird und erwarte eine Erklärung“, so der Stuttgarter. Nur weiß er bis heute nicht, von wem die kommen soll.