Schlagwort-Archive: Kobane

Dschihad-Rückkehrer Teil 8 – „Bin im Kalifat“

von Florian Flade

Ein Schüler aus Baden-Württemberg reist zum „Islamischen Staat“ nach Syrien. Bald ist er frustriert und hat genug vom Dschihad. Bei seiner Rückreise gerät er in die Gefangenschaft kurdischer Milizen. Inzwischen ist er wieder in Deutschland.

pic150416

Symbolfoto: IS-Kämpfer

Auf den ersten Blick sind es nur Zahlen. 800 Ausreisen, 130 Tote, ein Drittel Rückkehrer. Islamisten die von Deutschland aus in den vergangenen Jahren nach Syrien und in den Irak gezogen sind. Männer und Frauen, Jugendliche, Kinder, manche erst 14 Jahre alt. Einige gingen alleine, andere nahmen ihre Geschwister, ihre Ehefrauen oder die eigenen Kinder mit. Für die Polizei und für den Verfassungsschutz sind die Syrien-Reisenden potenzielle Terroristen. Sie sehen in der Rückkehr der Dschihadisten eine Gefahr für die innere Sicherheit der Bundesrepublik.

Oft aber steht hinter jedem einzelnen Fall ein geradezu traumatischer Schicksalsschlag für Familie und Bekannte. Zahlreiche Eltern sind völlig überrascht, wenn das eigene Kind urplötzlich in ein Flugzeug steigt und in den syrischen Bürgerkrieg zieht. Und nicht wenige ergreifen eigenständig die Initiative und wollen den Sohn oder die Tochter zurückholen. So wie Familie W. aus Waldshut-Tiengen im südlichen Baden-Württemberg.

Am 17. August 2015, einem Montag, durchsuchte das Landeskriminalamt (LKA) die Wohnung von Familie W.. Die Beamten fanden dabei einen Zettel.  „Samy W.“, stand darauf, dazu Daten und auch Uhrzeiten. Das Papier dokumentiert die Kontaktaufnahme zwischen den Eltern in der baden-württembergischen Provinz und ihrem Sohn, der sich nach Syrien aufgemacht hatte. 

Samy war 18 Jahre alt, stand kurz vor dem Abitur, als er verschwand. Das war am 01. März 2015. Da stieg der Gymnasiast in Frankfurt am Main in ein Flugzeug und flog nach Bulgarien. Von dort aus reiste er wohl per Bus in die Türkei und anschließend über die Grenze nach Syrien. Über Twitter soll Samy kurz zuvor einen Dschihadisten kennengelernt haben, der ihm Ratschläge für seine Reise gab.

Nur einen Tag später meldete sich Samy per Skype bei seinen Eltern in Deutschland. Diese dokumentierten die Kontaktaufnahme mit ihrem Sohn. Auf jenem Zettel, den das LKA fand, notierten sie am 02. März 2015: „Meldung Samy: Bin in Kalifat“.

Samy W. war über die türkisch-syrische Grenze gereist. In ein Ausbildungslager der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS). Rund drei Wochen trainierten die Terroristen den 18-jährigen Baden-Württemberger an Schusswaffen. Dann brachten sie ihn nach Raqqa, in die inoffizielle Hauptstadt des IS.

Zu dieser Zeit tobten die Kämpfe in der syrischen Grenzstadt Kobane. IS-Dschihadisten lieferten sich heftige Gefechte mit kurdischen Milizen, die von der US-Luftwaffe unterstützt wurden. Der IS erlitt dabei massive Verluste und musste für einen stetigen Nachschub an Waffen und Kämpfern sorgen. Auch der Neuankömmling Samy W. sollte in Kobane eingesetzt werden. Doch der Baden-Württemberger zögerte. „Samy möchte Gruppe wechseln“, notierten seine Eltern nach einem weiteren Skype-Kontakt, „wegen Sprachproblemen.“

Der IS verlegte Samy W. Anfang Mai 2015 schließlich in eine Einheit, die speziell für englischsprachige Dschihadisten aus Europa und Nordamerika eingerichtet worden war. Die sogenannte „Anwar al-Awlaki Brigade“, deren schwedischer Kommandeur vor kurzem bei einem US-Luftangriff ums Leben kam. Fortan konnte der 18-jährige Samy mutmaßlich keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern aufnehmen. Er sei in einem Trainingslager „ohne Außenverbindungs-Möglichkeit“, hielten die Eltern in ihren Notizen fest.

Nach Erkenntnissen der Ermittler wuchs zu dieser Zeit bei Samy der Unmut über die Situation beim IS. Hinzu kam eine Erkrankung der Mutter, die ihm wohl zusätzlich zusetze. Der Islamist soll daher versucht haben per Anhalter aus Raqqa zu flüchten. Doch die Aktion misslang, Samy soll zwei Wochen in Haft gekommen sein.

Seine Eltern versuchten wohl zu dieser Zeit von der Türkei aus einen Schleuser für ihren Sohn zu organisieren. Anfang Juli 2015 kam Samy tatsächlich in der umkämpften Stadt Kobane mit zwei Männern in Kontakt, die ihn schließlich an die kurdischen Volksbefreiungseinheiten YPG übergaben. Die YPG-Milizionäre sollen den deutschen IS-Dschihadisten zunächst eingekerkert haben. Zehn Tage sei er in einem Erdloch ohne Licht oder Fenster festgehalten worden, teilte Samys Verteidiger der Bundesanwaltschaft mit. Oft hätten ihn die kurdischen Kämpfer stundenlang verhört, ihm dabei die Augen verbunden und ins Gesicht geschlagen.

Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) haben das Verhörprotokoll der YPG eingesehen. Der deutsche Auslandsgeheimdienst erhielt zudem von den kurdischen Milizen noch weitere Beweisstücke: einen Tablet-Computer, auf dem drei Fotos gespeichert waren. Sie sollen Samy W. mit Tarnkleidung und Schusswaffe in Syrien zeigen. Außerdem bekam der BND einen IS-Personalausweis von Samy W. ausgehändigt, auf dem der Kampfname „Abu Ismail“, sowie die Funktion des Deutschen vermerkt ist: „Mudschahid“ (Kämpfer).

Am 29. Juli 2015 schließlich übergaben die YPG-Kämpfer Samy W. über Mittelsmänner in der türkischen Grenzstadt Gaziantep seinen Eltern. Kurz darauf nahmen ihn türkische Sicherheitskräften fest. Es dauerte Monate bis Samy W. nach Deutschland zurückkehrte. Erst am 09. Oktober 2015 brachte ihn ein Flugzeug nach Stuttgart, wo ihn noch am Flughafen die Beamten des LKA Baden-Württemberg in Gewahrsam nahmen.

Seitdem wartet Samy W. auf seinen Prozess wegen Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Er befindet sich mittlerweile nicht mehr in Untersuchungshaft. Gegen Auflagen darf er wieder bei seinen Eltern wohnen. Seinen Reisepass und seinen Personalausweis musste er bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hinterlegen. Außerdem muss sich der Syrien-Rückkehrer seit Anfang Dezember drei Mal wöchentlich bei der Polizei melden.

_______________________________

Dschihad-Rückkehrer Teil 1 – “Du Blödmann!”

Dschihad-Rückkehrer Teil 2 – Auf Shoppingtour

Dschihad-Rückkehrer Teil 3 – “Etwas erledigen”

Dschihad-Rückkehrer Teil 4 – Kämpfer im Sturm

Dschihad-Rückkehrer Teil 5 – Liebe im “Heiligen Krieg”

Dschihad-Rückkehrer Teil 6 – Der Jäger

Dschihad-Rückkehrer Teil 7 – Die Herforder Clique

 

Werbeanzeigen

Salafisten-Gruppe „Tauhid Germany“ verboten

von Florian Flade

pic260315

Hasan K. alias „Abu Ibrahim“ – führendes Mitglied von „Tauhid Germany“

Eine Tankstelle, ein Supermarkt, dazwischen ein unscheinbares Mietshaus. Nader H. lebte unauffällig im Frankfurter Stadtteil Höchst. Von seinem Computer aus aber verbreitete der gebürtige Marokkaner seit Jahren islamistische Propaganda. Er soll ein führender Kopf der salafistischen Gruppierung „Islamische Audios“ gewesen sein. Zahlreiche Video- und Audioaufnahmen produzierten die Hinterleute dieses Netzwerkes und warben so im Internet für den radikalen Islam. Und auch an Koran-Verteilaktionen in Hessen soll Nader H. beteiligt gewesen sein.

Inzwischen ist Nader H. alias „Abu Bilal al-Maghribi“ wohl tot. Der Frankfurter Islamist soll am Dienstag bei einem Luftangriff in der umkämpften Stadt Kobani in Nord-Syrien ums Leben gekommen sein. Das meldete Dschihadisten über soziale Netzwerke und feiern den Online-Propagandisten als Märtyrer.

Noch vor einer Woche hatte Nader H. in einem selbstgeschriebenen Gedicht über seinen eigenen Tod siniert. „Und vielleicht schon morgen werde ich meinem Herren begegnen“, heißt es in dem Text, den Nader H. über seinen Twitter-Kanal „Stimme der Wahrheit“ verbreitete. „Meine zerfetzen Körperteile tragend zu meinem Herrn, und ihn fragend ob er mit mir zufrieden war.“

In Deutschland bekamen heute morgen radikale Salafisten unerwarteten Polizeibesuch, die wie Nader H. im Internet Propaganda betrieben hatten. Das Bundesinnenministerium erließ ein Vereinsverbot gegen die Gruppe „Tauhid Germany“.

„Die heutige Verbotsmaßnahme ist ein klares Signal an die militant-dschihadistische Szene“, teilte Bundesinnenminister Thomas de Maizìere mit. Man werde weiter entschlossen gegen radikalislamische Gruppierungen vorgehen.

„Tauhid Germany“ wird von Sicherheitsbehörden als Nachfolgeorganisation des im Juni 2012 verbotenen Salafisten-Netzwerkes „Millatu Ibrahim“ gewertet. Im Internet war die Gruppierung auf eigenen Webseiten, bei Youtube, Tumblr, Twitter und Facebook aktiv. Einige dieser Seiten wurden heute von den Providern gelöscht.

Nach eigenen Angaben verfügt „Tauhid Germany“ über etwa 30 Mitglieder. Insgesamt wurden heute 26 Wohnungen in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Schleswig-Holstein und Bayern von rund 500 Polizeibeamten durchsucht. Darunter auch die Wohnung des führenden Kopfes der Gruppierung, Hassan K. alias „Abu Ibrahim“. Es wurden Computer, Festplatten, Handys, USB-Sticks, Flyer, DVDs und auch Kleidungsstücke beschlagnahmt.

Das Verbot von „Tauhid Germany“ ist bereits das fünfte dieser Art gegen eine dschihadistische Organisation in Deutschland in den vergangenen drei Jahren. Zuvor waren neben „Millatu Ibrahim“ auch das missionarische Salafisten-Netzwerk „DawaFFM“, der Spenden-Verein „An-Nussrah“ und die Propaganda-Truppe „Islamische Audios“ verboten worden.