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Gaddafi, Bin Laden und ein toter deutscher Agent

by Florian Flade

Der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi gilt als weltweiter Terror-Unterstützer. Doch er war es, der noch vor den USA den Al-Qaida Chef Osama Bin Laden jagte und festnehmen wollte – als Hauptverdächtigen im Mordfall an einem deutschen Geheimagenten.

Gaddafis Haftbefehl gegen Osama Bin Laden – März 1998

Al-Qaida heißt das Gespenst, das von unterschiedlichster Seite im Zusammenhang mit den aktuellen Geschehnissen in Libyen gebraucht und missbraucht wird. Die Dschihadisten der Al-Qaida nutzen den Konflikt zwischen dem Gaddafi-Regime und den oppositionellen Rebellen, um an Waffen wie Luftabwehrraketen zu gelangen, warnten beispielsweise jüngst algerische Sicherheitsbehörden. Der Diktator Muammar al-Gaddafi selbst, hält Osama Bin Laden und sein Terrornetzwerk gar für die Drahtzieher der Protestbewegung. Längst seien die Dschihadisten, Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan, auf Seiten der Rebellen an Kämpfen beteiligt.

Regime-Gegner halten dagegen und entwarnen, Gaddafi spiele die Al-Qaida-Karte in Wahrheit um die Terrorangst im Westen herauf zu beschwören. Er wolle sich als Bollwerk gegen den militanten Islamismus in Nordafrika präsentieren, als Garant für Sicherheit und Stabilität in der Region. In der Realität seien die Terroristen Bin Ladens jedoch wenn überhaupt, nur ein Promille-Anteil der aktuellen Rebellenbewegung und keine echte Gefahr für die politische Zukunft Libyens.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch: Tatsächlich warnte Gaddafi bereits lange vor den Anschlägen am 11.September 2001 vor der Terrorgefahr durch das Al-Qaida Netzwerk. Der libysche Despot war – vor dem US-Präsidenten – der erste Staatschef, der den saudischen Terroristen und Al-Qaida Gründer Osama Bin Laden per Haftbefehl jagen ließ, lange bevor dieser auf der politischen Weltbühne in Erscheinung trat. Die libyschen Bemühungen zur Festnahme Bin Ladens wurden anfänglich allerdings weitestgehend ignoriert.

Am 16.März 1998 stellt das Justizministerium in Libyens Hauptstadt Tripolis den ersten internationalen Haftbefehl gegen Osama Bin Laden aus und leitete ihn an Interpol im französischen Lyon weiter. Dort wurde das Dokument für rechtmäßig befunden und am 15.April 1998 erließ Interpol offiziell den Haftbefehl gegen den Al-Qaida Führer. Osama Bin Laden sei dringend verdächtig, so behaupteten die libyschen Behörden, zwei deutsche Staatsbürger in Libyen getötet zu haben.

Silvan Becker und seine Ehefrau Vera waren Anfang März 1994 im Zuge einer Urlaubsreise per Fähre von Genua über Tunesien nach Libyen eingereist. Gaddafis Reich war für den 56jährigen Deutschen ein Reiseland, in das er eigentlich keinen Fuß setzen durfte. Becker war Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) mit dem Fachbereich Terrorismus. Reisen in die libysche Diktatur waren ihm untersagt.

In Deutschland hatte Silvan Becker die Abteilung 6 des Verfassungsschutzes – „Internationaler Terrorismus“ – geleitet. Jahrelang war der Terrorfachmann leitender Referent für „Arabische Extremisten“, wechselte dann zu einem Referat zur Beobachtung der tamilischen Extremistengruppe LTTE.

Becker und seine Gattin seien am 10.März 1994, kurz nach ihrer Ankunft in Libyen, von vier bewaffneten Dieben überfallen und getötet worden, so erklärten später die libyschen Ermittler. Wie sich herausstellen sollte, wurden die beiden Deutschen zunächst in ein Militärkrankenhaus in die ostlibysche Stadt Surt gebracht, wo Vera Becker offenbar am 28.März 1994 verstarb. Ihr Ehemann soll seinen Verletzungen erst am 10.April 1994 erlegen sein.

Warum die Beckers trotz des Einreiseverbotes in Libyen auftauchten, ist bis heute ein Rätsel. Der deutsche Agent habe seinen privaten Urlaub genutzt, um Kontakte zu libyschen Islamisten herzustellen, wurde gemunkelt. Der Verfassungsschutz dementierte diese Theorie vehement. Es gebe keinen Anlass zu glauben, Becker sei ein Doppelagent gewesen oder habe für einen ausländischen Geheimdienst eine Mission in Libyen durchführen wollen.

Von Seiten des deutschen Verfassungsschutzes wollte man sich auf Nachfrage nicht näher zum Fall Silvan Becker äußern. Auch 17 Jahre nach dem Mord an dem deutschen Terrorexperten und seiner Ehefrau würden keine Informationen über die Arbeit von ehemaligen Mitarbeitern oder deren Angehörige veröffentlicht. „Das war schon damals unsere Politik, und daran hat sich nichts geändert“, so eine Pressesprecherin.

Die Frage nach den Mördern des deutschen Agenten und seiner Ehefrau, sowie die genauen Hintergründe sind weiterhin nicht zweifelsfrei geklärt. Libysche Behörden übergaben den deutschen Kollegen ihre Ermittlungsergebnisse, denen zufolge militante Islamisten, die der Al-Qaida nahe standen, für den Tod der Beckers verantwortlich seien.

Bei den drei Hauptverdächtigen – den Libyern Faraj al-Alwan, Faez Abu Zeid al-Warfali und Faraj al-Chalabi – soll es sich um Mitglieder der Gruppierung „Al-Muqatila“ (auch „Libysch Islamische Kampfgruppe“) handeln, die seit Anfang der 1990er Jahre in Libyen für die Errichtung eines islamistischen Gottesstaates kämpfte. „Al-Muqatila“, die sich als eine der ersten islamistischen Gruppen der Al-Qaida angeschlossen haben soll, bestand weitestgehend aus libyschen Dschihad-Veteranen, so genannten „libyschen Afghanen“, des Krieges gegen die Sowjet-Armee in Afghanistan in den 1980er Jahren.

Drahtzieher des mysteriösen Doppelmordes an den Beckers soll der Saudi Osama Bin Laden gewesen sein. Dessen Auslieferung wurde durch die libysche Justiz im März 1998 gefordert, ohne Angaben, wo genau sich Bin Laden aufhielt. Aus jedem Staat, mit Ausnahme Israels, solle Bin Laden an Libyen überstellt werden, heißt es in dem Interpol-Haftbefehl.

Der französische Terrorismus-Experte Jean-Charles Brisard, der in einem Buch erstmals auf den von Gaddafi ausgestellten Haftbefehl für Bin Laden hinwies, hält die libysche Darstellung von der Ermordung des deutschen Ehepaars durch Islamisten für glaubhaft. „Die Behauptung ist sicherlich wahr“, sagte mir Brisard, „Man sollte bedenken dass andere islamistische Kampfgruppen in der Region zur gleichen Zeit Operationen gegen westliche Personen durchgeführt haben. Die GIA (Algerien) hat einige westliche Personen 1993 und 1994 getötet, ein Terroranschlag fand 1994 auf ein Hotel in Marrakesh statt.“ Der Kontext dieser islamistischen Gruppen, erklärt Brisard, sei in den 1990er Jahren gewesen, Terror gegen westliche Touristen in Nordafrika zu verüben.

Kaum zu klären sein wird die Behauptung, ob Osama Bin Laden tatsächlich jemals in Libyen verweilte. Angeblich lebte der Al-Qaida Anführer in der Ortschaft unweit der ostlibyschen Stadt Bengasi und unterhielt dort enge Kontakte zur „Al-Muqatila“-Gruppe. „Es gibt Geheimdiensterkenntnisse, dass Osama Bin Laden in Libyen war“, meint Terrorexperte Brisard, „Es ist aber schwierig zu bestätigen, ob er wirklich physisch in Libyen präsent war.“

Über die Jahre entstanden Verschwörungstheorien um den Mordfall Silvan Becker, die an Agentenkrimis erinnern. Eine Theorie stammt vom ehemalige britische Geheimdienstler David Shayler. Dieser behauptet, der britische Auslandsgeheimdienst MI6 habe in den 1990er Jahren mit den mutmaßlichen Mördern des deutschen Paares Becker, den libyschen Islamisten der „Al-Muqatila“, kooperiert um eine Mordanschlag auf Muammar al-Gaddafi durchzuführen. Die Dschihadisten sollten angeblich behilflich sein, den libyschen Staatschef bei einer Parade in der Stadt Surt zu eliminieren. Silvan und Vera Becker seien den Islamisten dabei in die Quere gekommen und deshalb getötet worden, so die Theorie.

Die britische Zusammenarbeit mit den libyschen Extremisten sei auch der Grund, weshalb der libysche Interpol-Haftbefehl von Großbritannien und den USA ignoriert wurde, behauptet Shayler.

Eine weitere Theorie für die Hintergründe im Mordfall Becker lieferte bereits kurz nach Bekanntwerden des Falles, die Tageszeitung „taz“. Sie spekulierte, Silvan Becker sei hauptverantwortliche Ermittler des Verfassungsschutzes im Fall des Anschlages auf die Berliner Discothek „La Belle“ gewesen, bei dem am 05.April 1986 zwei amerikanische Soldaten und eine türkische Frau getötet wurden. Als Auftraggeber des Attentats wird der libysche Geheimdienst vermutet.

Die Behauptung, Becker sei ein Ermittler im Fall „La Belle“ gewesen, wies ein Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz gegenüber der „taz“ entschiedenurück. So bleibt weiterhin unklar, was der deutsche Agent 1994 in Libyen vor hatte, und wer ihn letztendlich weshalb ermordete.

„Ich hoffe dass Gaddafi entmachtet wird“

by Florian Flade

Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi tötet nicht nur sein eigenes Volk. Gaddafis Terror kostete 1988 fast 200 Amerikaner das Leben. Ich sprach mit Hinterbliebenen des Lockerbie-Attentats. Sie hoffen nach über zwei Jahrzehnten endlich auf Gerechtigkeit – durch den Sturz Gaddafis.

Am 21.Dezember 1988 startete in London Heathrow der Flug Pan Am 103 in Richtung New York. An Bord des Flugzeugs vom Typ Boing 747 befanden sich 16 Crew-Mitglieder und 243 Passagiere, unter ihnen ein großer Teil Studenten, die ein Auslands-Semester in Großbritannien verbracht hatten und nun Weihnachten mit der Familie in die Heimat feiern wollten.

Die vollbesetzte Passagiermaschine befand sich nur knapp eine halbe Stunde nach dem Start in 9,400 Metern Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie, als sie von einer gewaltigen Explosion zerrissen wurde. Eine Bombe, versteckt in einem Koffer, zerstörte die Maschine in der Luft und ließ einen Trümmerregen auf Lockerbie niedergehen. Insgesamt starben durch das Attentat 270 Menschen, darunter 190 Amerikaner.

Wer für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich war, war zunächst unklar. Der erste Verdacht fiel auf den von Ayatollah Khomeini regierten Iran und das syrische Regime. Erst drei Jahre nach dem Anschlag fanden Ermittler eine Spur nach Libyen und erhoben Anklage gegen den inzwischen in den Niederlanden lebenden libyschen Geheimdienst-Agenten Abdel Basset Ali al-Megrahi. Er soll im Auftrag des libyschen Diktators Gaddafi den Sprengsatz an Bord von Pan Am Flug 103 gebracht haben.

Im Januar 2001 wurde Al-Megrahi wegen des Lockerbie-Anschlages zu lebenslanger Haft verurteilt. Aufgrund einer Krebserkrankung wurde er jedoch im August 2009 vom britischen Justizminister begnadigt und anschließend nach Libyen ausgeflogen, wo er von Staatschef Gaddafi persönlich empfangen wurde. Gaddafi übernahm offiziell nie die Verantwortung für das Attentat vom Dezember 1988, der libysche Despot gilt aber als Drahtzieher und Auftraggebers Al-Megrahis.

Opfer Theodora Cohen – „Gaddafi ist ein Monster“

Eines der Opfer von Lockerbie ist Theodora Cohen. Die 20jährige Theaterstudentin aus Port Jervis (New York), von der die Eltern sagen, sie habe Schauspielerin werden wollen und eine sagenhafte Sopran-Stimme gehabt, hatte wie viele Passagiere des Fluges Pan Am 103 ein Studiensemester in Großbritannien verbracht. Am 21.Dezember 1988 saß Theodora auf Platz 21H der Pan Am Maschine als diese über dem schottischen Lockerbie von einer Bombe zerstört wurde.

An jenem Tag verloren Susan und Daniel Cohen ihre einzige Tochter. In den Folgejahren nach dem Bombenattentat verlor das Paar auch zunehmend die Hoffnung dass die Mörder von Theodora endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Dass die politischen Führer der Welt Gaddafi aus der Isolation holten, hält Susan Cohen für unerträglich.

„Ich erinnere mich noch genau an die Worte von Bush kurz vor dem Jahrestag“, so Cohen gegenüber Welt Online, „Wir hatten unsere Differenzen mit dem libyschen Führer – Diese Worte haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wir hatten unsere Differenzen? Eine zivile Passagiermaschine in die Luft zu jagen war der schlimmste Akt des Terrorismus vor dem 11.September 2001 und du redest von Differenzen?“

Damals, kurz nach dem Attentat verlangte Susan Cohen, die sich selbst eher als links-liberal bezeichnet, Militärschläge gegen Gaddafi. „Sie hätten ihn spätestens dann ausschalten sollen, als er Pan Am 103 bombte“, so Cohen, „Meine Tochter war noch ein Kind, gerade einmal 20 Jahre alt. Dieser Mann hat sie einfach so getötet, so wie man einen Käfer auf dem Boden zerquetscht.“

Die Verhaftung und Verurteilung des Geheimdienstagenten Megrahi, war für die Cohens „ein winziger Schimmer Gerechtigkeit“ im Fall Lockerbie. „Letztendlich hatten wir nicht einmal mehr das“, zürnt Susan Cohen, „Gaddafi wollte Megrahi zurück – und er hat ihn bekommen.“ Dass Muammar al-Gaddafi Drahtzieher von Lockerbie war, steht für die Cohens, die eine 5- Millionen US-Dollar Zahlung für den Tod ihrer Tocher ablehnten, außer Frage: „Es geht nicht darum, wer schießt, sondern wer für die Kugel bezahlt.“

Der Westen habe Gaddafi durch seine Öl-Gier erst zu dem gemacht, was er heute ist, meint die 73jährigen. „Ich habe damit gerechnet dass ich sterben werde und er mich überlebt nur aus dem einzigen Grund weil der Westen ihn so nett behandelt“, sagt Susan Cohen. Die westlichen Regierungen, in erster Linie die USA, Großbritannien, Italien und Frankreich, hätten Gaddafi politisch rehabilitiert und ihn völlig falsch eingeschätzt. „Er ist ein Monster, das wir zwar nicht direkt geschaffen haben“, so Cohen, „aber wir haben das Monster möglich gemacht.“

Nun seien die westlichen Regierungen in der Verantwortung das Morden Gaddafis zu beenden und ihn nach Jahren zur Rechenschaft für seine Terrorakte zu ziehen. „Plötzlich – und zwar nicht Dank unserer Regierungen, sondern Dank des libyschen Volkes – sehen wir diese Ereignisse in Libyen“, erklärt Susan Cohen gegenüber Welt Online, „Ich mag diese jungen Libyer wirklich sehr. Sie sind sehr mutig und ganz anders als alle Stereotypen die man von Arabern hat. Ich fühle mich mit ihnen verbunden. Wir sind alle Opfer Gaddafis.“

Präsident Obama habe die Verantwortung, die militärische Operation nun bis zum Sturz des libyschen Diktators durchziehen, sagt die Mutter eines Lockerbie-Opfers, schießlich habe Gaddafi Amerikaner auf dem Gewissen. Diesmal dürfe es keine Spielchen um Öl geben. „Gaddafi ist geisteskrank und gefährlich“, meint Susan Cohen, „Tötet ihn! Es gibt nichts was es rechtfertigen würde, dass es einen Muammar al-Gaddafi auf diesem Planeten gibt.“

Was würde sie tun, sollte Gaddafi bei den Luftangriffen auf Libyen ums Leben kommen? „Ich könnte dann morgens aufstehen und sagen: Gott sei Dank!“, entgegnet die 73jährige Amerikaner, „Es ist furchtbar, all die Jahre zu Leben ohne Gerechtigkeit zu erhalten.“

Opfer Thomas Ammerman – „Gaddafi muss gehen!“

Bert Ammerman aus Northvale (New Jersey) verlor am 21.Dezember 1988 am Himmel über Lockerbie seinen 36 Jahre alten Bruder Thomas J.Ammerman, einen Manager der von einer Geschäftsreise zurückkehrte. Als Gaddafis Verbindung zum Lockerbie-Attentat bekannt wurde, unterstütze Bert Ammermann eine militärische Vergeltungsaktion gegen den libyschen Despoten. „Von jenem Moment, als Gaddafis Verbindungen zum Staats-Terrorismus nachgewiesen wurden, hätten wir alles mögliche versuchen müssen, ihn zu stürzen“, so Ammerman gegenüber „Welt Online“, „Was er getan hat, war ein Akt des Krieges gegen uns. Aber nichts ist passiert.“

Die USA, so Ammerman, hätten nach Lockerbie niemals einen politischen Neuanfang mit einem Libyen unter Gaddafi starten sollen. „Die Feinde von heute, sind unsere Alliierten von morgen, siehe Deutschland und Japan“, erklärt der inzwischen pensionierte Schulleiter, „Aber wir hätten heute doch auch keine Beziehungen mit Deutschland, hätten wir damals gesagt: Hitler du kannst an der Macht bleiben. Aber als er entmachtet war, haben wir Wiederaufbau geleistet und wurden starke Alliierte.“

Das aktuelle militärische Vorgehen der USA und anderer Staaten begrüßt der Bruder eines Lockerbie-Opfers. „Ich bin froh dass die USA und andere Länder begonnen haben zu intervenieren“, sagt Ammerman, „Ich hoffe nur dass Gaddafi tatsächlich entmachtet wird.“ Sobald dies geschehen sei, sollten sich die USA zurückziehen: „Wir sollten aus Libyen kein Irak oder Afghanistan machen.“

Enttäuscht zeigt sich Ammerman von einer passiven Haltung der deutschen Regierung im Fall Libyen: „Sie sollten sich daran beteiligen wie andere Länder auch.“

Angesichts der revoltierenden Massen in Libyen, müssten die USA nun auch über die Bewaffnung der Oppositionsbewegung nachdenken. „Das libysche Volk revoltiert gegen einen brutalen Diktator, einen Mann der Amerikaner in 9,400 Meter Höhe getötet hat“, erklärt Bert Ammerman, „Das Mindeste was wir jetzt tun sollten ist, eine Flugverbotszone einzurichten und den Rebellen militärische Waffen zu geben, damit sie den Kampf fortsetzen können.“

Sollte Gaddafi in naher Zukunft militärisch entmachtet werden, müssten auch seine Söhne sein Schicksal teilen, fordert Ammerman. „Was mich beunruhigt sind diese Kriegsgegner, die sagen: macht mal langsam“, so der 62jährige, „Gaddafi und seine Söhne haben bewiesen, dass sie ihr eigenes Volk massakrieren werden. Und das einzige was man jetzt tun kann, und was Präsident Obama jetzt endlich sagt: Gaddafi muss gehen!“

Ob der libysche Diktator für das Lockerbie-Attentat vor Gericht gestellt wird oder im Zuge einer militärischen Operation getötet wird, ist für Bert Ammerman keine relevante Frage. „Ich würde sowohl das eine, als auch das andere akzeptieren“, sagte er Welt Online, „Wenn Sie ihn lebendig fangen, super. Wenn sein Leben genommen wird, damit das libysche Volk eine Chance auf Freiheit hat, heiße ich das noch mehr willkommen.“

Opfer John Flynn – „Wir wollen Gerechtigkeit“

Der 21jährige Austauschstudenen John Patrick Flynn aus Monteville (New Jersey) war Teil jener amerikanischen Studentengruppe, die in London Auslands-Semester absolvierte. Auch für ihn wurde Pan Am 103 zum Todesflug.

„Mein Sohn studierte als Teil des Syracuse Programms in London und war auf seinem Weg nach Hause zu Weihnachten“, erzählt Johns Mutter Kathleen. Für sie ist es unverständlich, dass die USA den libyschen Auftraggeber des Lockerbie-Attentats so lange ungeschoren davon kommen ließen: „Hätten wir ihn schon vor langer Zeit ausschalten sollen? Ja, aber wir haben es nicht gemacht.“

Ihre Wut sei nach dem Tod ihres Sohnes derart groß gewesen, so Kathleen Flynn, „Ich wäre selbst dorthin gegangen, und hätte Gaddafi getötet.“ Die jüngsten Entwicklungen in Libyen begrüßen die Flynns. Sie hoffen auf Gerechtigkeit. „Wir wollen keine Rache, wir wollen Gerechtigkeit“, sagt der Vater Jack Flynn, „Ich würde ihn gerne vor dem Internationalen Gerichtshof sehen für das war er mit Pan Am 103 gemacht hat.“

Muammar al-Gaddafi bei Staatsempfängen zu sehen, habe über all die Jahre, die Wut nur noch größer gemacht, berichten die Flynns. „Es war eine unfassbare Beleidigung“, so Kathleen Flynn, „Ich wollte mich übergeben, jedesmal wenn ich ein Staatsoberhaupt gesehen habe, das Gaddafi die Hand schüttelte.“ Ziehe man den Diktator jetzt nicht zur Verantwortung für seine Taten, werde es für die Lockerbie-Opfer bis in alle Ewigkeit keine Gerechtigkeit geben. „Es interessiert mich nicht, wer wen bewaffnet“, so die Mutter von Lockerbie-Opfer John Flynn, „Werdet Herr der Lage und holt ihn da raus.“

In der Vergangenheit spielte Gaddafi häufig den Büßer, gab Atomwaffenprogramme auf, entschädigte Opfer von Terroranschlägen. Eine Entschuldigung für Lockerbie, ist für Kathleen Flynn völlig inakzeptabel, sagte sie im Gespräch mit Welt Online. „Ich will keine Entschuldigung von Muammar al-Gaddafi, ich würde ihm eher ins Gesicht spucken.“

http://www.welt.de/politik/ausland/article12970218/Wir-haben-das-Monster-moeglich-gemacht.html