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Das IS-Strategiepapier für den Medienkrieg

von Florian Flade

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Das Video, das mir Charlie Winter auf seinem Laptop vorspielte, ist ziemlich ungewöhnlich. Es geht nicht so sehr um die martialischen Gefechtsszenen, um die explodierenden Bomben und Granaten. Im Mittelpunkt stehen nicht die Kämpfer der Terrormiliz IS, sondern jene, die sie filmen. In dem Propagandaclip, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, aber wenig Beachtung fand, geht es um die Medienabteilung der Terroristen. Um ihren Informationskrieg.

Charlie Winter, Doktorand am Londoner King´s College, forscht seit Jahren zu dschihadistischer Propaganda. Er gilt als einer der führenden Experten in diesem Bereich. Derzeit arbeitet er im International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR).

Im April 2016 stieß Winter auf einem IS-Telegram-Kanal auf ein ungewöhnliches Dokument („Auch du bist ein Mudschahid“), das erstmals in dem Propagandafilm auftauchte. Es handelt sich um ein 55-Seiten starkes Strategiepapier der Terrormiliz für ihren Propagandakrieg. Charlie Winter hat das Pamphlet analysiert und einen wissenschaftlichen Report darüber veröffentlicht.

In der vergangenen Woche habe ich ihn in London besucht und mit ihm über seine Arbeit und die Macht der IS-Propaganda gesprochen.

Der Artikel ist heute in der WELT erschienen: https://www.welt.de/politik/deutschland/article162046416/So-funktioniert-der-Medienkrieg-der-IS-Fanatiker.html

Den Report von Charlie Winter gibt es hier als Downloadhttp://icsr.info/2017/02/icsr-report-media-jihad-islamic-states-doctrine-information-warfare/

 

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Was ist die Amaq Agentur?

von Florian Flade

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Das Video kam nicht überraschend. Es war geradezu erwartbar. Zwei junge Männer sitzen in einem Raum, einer trägt eine Flecktarn-Jacke, der andere eine Gebetsmütze, darüber ein Tuch. In einem Bilderrahmen ist die Flagge der Terrororganisation IS zu sehen. Neben dem üblichen Logo die arabische Ergänzung „min fransa“ – „in Frankreich“. Die Männer blicken ernst in die Kamera, sie sprechen arabische Gebete leisten den Treueeid auf den IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi.

Am Dienstagmorgen stürmte das Duo in der nordfranzösischen Kleinstadt Saint-Etienne-du-Rouvray mit Messern und Sprengstoffattrappen bewaffnet während des Gottesdienstes eine Kirche. Dem katholischen Priester Jacques Hamel schnitten sie die Kehle durch, zwei weitere Geiseln, darunter eine Nonne, verletzten die beiden Islamisten schwer.

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Nach nur wenigen Stunden war klar: Der brutale Mord in der Normandie wurde von zwei Sympathisanten des IS verübt. Eine Bestätigung dafür kam über das Chatprogramm Telegram. Dort tauchte noch am Abend ein arabischsprachiges Schreiben auf, in dem die beiden Attentäter als „Soldaten des Islamischen Staates“ bezeichnet wurden. Es stammt – wie bereits schon bei den Terroranschlägen von Nizza, Würzburg und zuletzt in Ansbach – von der „Amaq Agentur“. Auch auf dem kurzen Video, in dem die beiden Kirchen-Attentäter zu sehen sind, prangt oben rechts in der Ecke das Amaq-Logo in arabischer Kalligrafie.

Was hat es mit der mysteriösen Nachrichtenagentur auf sich? Was ist die Amaq Agentur? Und in welcher Beziehung steht sie zur Terrorgruppe IS?

Amaq (عمق) ist Arabisch und heisst  übersetzt „Tiefe“ oder auch „Tiefgründigkeit“. In den vergangenen Monaten hat sich Amaq zur favorisierten Propaganda-Abteilung der IS-Dschihadisten entwickelt. Über eine eigene Webseite und über zahlreiche Vertriebskanäle bei Telegram und Twitter werden Eilmeldungen, Fotos oder Videos veröffentlicht. Und das gleich in mehreren Sprachen, darunter Arabisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch. Es geht dabei vor allem um den Kriegsalltag in Syrien und dem Irak. Aber auch vermehrt um Terroranschläge von IS-Anhängern im Westen.

Seit Wochen wiederholt sich der virtuelle Ablauf. Erst gibt es einen Anschlag, am Strand von Nizza, in einem Zug bei Würzburg, vor einer Bar im fränkischen Ansbach oder in einer Kirche in der Normandie, dann folgt, oft nur Stunden später, die vermeintliche Exklusiv-Nachricht: Der oder die Attentäter, so verkündet Amaq Agentur im Netz auf wenigen Zeilen stolz, handelten im Namen des IS.

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Amaq-Meldung zum Terroranschlag von Nizza

Inhaltlich sind diese de-facto Bekennerschreiben der Terrororganisation IS nahezu identisch. Selbst im Wortlaut. Stets heißt es „Insiderquellen bestätigen gegenüber Amaq Agentur…“. Dann wird, knapp und ohne Details oder gar Täterwissen, die Tat beschrieben. Meist mit Nennung der Opferzahlen. Am Ende folgt die vermeintliche Begründung für das Attentat: Rache für die Beteiligung der jeweiligen Nation am Kampf gegen den IS in Syrien und dem Irak.

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Die Terroristen selbst werden von Amaq durchaus unterschiedlich bezeichnet. Mal heißt es, wie im Fall des Attentats im kalifornischen San Bernardino im Dezember 2015, die Tat sei das Werk von „Unterstützern“ des IS. In anderen Fällen, etwa beim Lastwagen-Anschlag des Tunesiers Mohamed Bouhlel in Nizza oder bei Riaz Khan Ahmadzai, dem Axt-Attentäter in Bayern, spricht Amaq von einem „der Soldaten“ des IS.

Sowohl sprachlich als auch durch den spärlichen Inhalt will Amaq Agentur offenbar den Eindruck der Distanz zur Terrororganisation erwecken. Es soll das Bild vermittelt werden: Wir berichten zwar exklusiv über den IS, aber wir sind nicht der IS. Keine offizielle Medienstelle also, sondern quasi eine Nachrichtenagentur mit ungeahnten Zugängen im Terrorkalifat?

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Ein solcher Eindruck dürfte wohl Teil der Propagandamasche sein. Tatsächlich sind die Veröffentlichungen von Amaq Agentur auf den ersten Blick weniger spektakulär aufgemacht als die übliche IS-Propaganda. Die Kurznachrichten und die Videos kommen ohne aufwendiges Design oder Bearbeitung aus. Oft wirkt es so, als würde Amaq lediglich Rohmaterial zur Verfügung stellen.

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Ohne Kommentar, meistens sogar ohne musikalische Untermalung, zeigt Amaq auch nicht nur Terrorakte und Kampfszenen von der Front im Irak, Syrien oder Libyen. Auch Videos, die angeblich nach der Bombardierung von Wohngebieten durch die Anti-IS-Koalition aufgenommen wurden, veröffentlicht die Dschihadisten-Agentur. Aufnahmen von zerstörten Häusern, von brennenden Autos, von Zivilisten, Kindern, die in Krankenhäusern behandelt werden oder gar tot unter den Trümmern liegen. Oder auch Aufnahmen von abgeschossenen Flugzeugen und Drohnen.

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Und auch andere Ereignisse aus dem IS-Herrschaftsgebiet, abseits von Krieg und Kamopf, sendet Amaq über soziale Netzwerke in alle Welt. Beispielsweise Aufnahmen von Koran- und Hadith-Wettbewerben, bei denen Muslime dafür belohnt werden, dass sie Aussagen des Propheten oder Koranverse auswendig lernen und vortragen.

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Bei Amaq Agentur handelt es sich dennoch nicht um ein vom IS unabhängiges Nachrichtenmedium mit schlichtweg exklusiven Zugängen. Auch wenn nicht ganz klar ist, wer dahinter steckt, geht man in Sicherheitskreisen davon aus, dass Amaq nur ein weiterer IS-Propaganda-Kanal ist, der mit weniger großem Aufwand bezüglich Bild- und Videobearbeitung betrieben wird. Zwischenzeitlich bewarben die Dschihadisten sogar eine Smartphone-App von Amaq Agentur. Damit sollen die Terrornachrichten direkt auf Handy geliefert werden. Das IS-Kalifat im Liveticker sozusagen.

 

Bilanz 2011: Weltweit 66 Journalisten getötet

von Florian Flade

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat einen traurigen Jahresbericht vorgestellt. Im Jahr 2011 wurden weltweit 66 Journalisten aufgrund ihrer Tätigkeit getötet – die meisten in Pakistan, Irak, Mexiko und Libyen. Auch Blogger wurden Opfer von Gewalt und Repression.

María Elisabeth Macías Castro aus Nueva Laredo im nordmexikanischen Bundesstaat Tamaulipas war mutig. So mutig, dass die 39jährige Journalistin ihren Mut mit ihrem Leben bezahlte. Castro, Chefredakteurin der Lokalzeitung „Primera Hora“, wagte in diesem Jahr einen riskanten Schritt. Sie startete ein Internet-Projekt. Über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter berichtete María Castro regelmäßig über die Verbrechen der Drogenkartelle in ihrer Heimatstadt Nuevo Laredo.

Seit die mexikanische Drogenmafia die lokalen Medien mit Drohungen und brachialer Gewalt größtenteils zum Schweigen gebracht hat, erfahren viele Mexikaner oft nur noch über soziale Netzwerke von Morden und sonstige Verbrechen in ihrer Region. Für ihren Einsatz, die seit Jahren anhaltende Gewalt durch die Drogenkartelle in Mexiko im Internet anzuprangern, musste die Journalistin María Castro sterben.

Am 24.September wurde ihre Leiche an der Hauptstraße von Nueva Laredo gefunden. Die Journalistin war enthauptet worden. Ihren abgetrennten Kopf hatten die Mörder in einen Topf gelegt. Darin fanden sich zudem eine Computer-Maus, eine Tastatur, Kopfhörer und Kabel – Symbole für Castros Internet-Aktivitäten. „Ich bin hier wegen meinen und euren Berichten“, stand auf einem Zettel den das Drogenkartell „Zetas“ an der Leiche hinterließ.

María Elisabeth Macías Castro starb für ihren journalistischen Kampf gegen die Gewaltspirale, in der Mexiko seit Jahren versinkt. Sie ist eine von Dutzenden Reportern, Fotojournalisten und Bloggern die in diesem Jahr in der Ausübung ihres Berufes ihr Leben verloren. Insgesamt wurden im Jahr 2011 weltweit 66 Journalistinnen und Journalisten aufgrund ihrer Tätigkeit getötet. Dies geht aus dem diesjährigen Abschlussbericht von „Reportern ohne Grenzen“ (ROG) hervor der am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Laut ROG starben damit neun Journalisten mehr als noch im Vorjahr. Gestiegen ist zudem die Zahl der Entführungen und Festnahmen von Journalisten und Mitarbeitern von Medien. Im Jahr 2011 wurden laut ROG 1044 Journalisten weltweit festgenommen, die meisten in Eritrea, dem Iran und Myanmar. 1.959 Journalisten wurden bedroht oder physisch angegriffen und 71 wurden Opfer von Entführungen.

Die politischen Entwicklungen in Nordafrika und Nahost, genannt der „Arabische Frühling“, seien verantwortlich für den Anstieg von Gewalt gegen Medienvertreter, analysiert ROG. Auch in anderen Ländern, in denen 2011 Demonstrationen und Bürgerprotest stattfand, wurden Journalisten Opfer von Regime-Gewalt und Unterdrückung. So etwa in Weißrussland, Uganda und dem Sudan.

Wie bereits 2010 starben die meisten Journalisten in diesem Jahr in Pakistan (10), gefolgt vom Irak (7), Mexiko (5) und Libyen (5). Zu den gefährlichste Regionen für journalistische Arbeit zählten laut ROG im Jahr 2011 die syrischen Städte Homs, Deraa und Damaskus, die libysche Stadt Misrata, sowie der Kairoer Tahrir-Platz, die pakistanische Provinz Belutschistan, Somalias Hauptstadt Mogadischu und der mexikanische Bundesstaat Veracruz.

Neben den Mitarbeitern offizieller Medien erwies sich 2011 auch als gefährliches Jahr für Blogger und Internet-Aktivisten. Fünf Online-Aktivisten verloren in diesem Jahr ihr Leben, 199 wurden festgenommen.

Eines der prominentesten Opfer der journalistischen Branche, die 2011 ums Leben kamen, ist der britische Kriegs-Fotograf Tim Hetherington. Er starb am 20.April bei einem Granatenangriff in Libyen. Hetherington, dessen Fotostrecken aus Afghanistan und ein Dokumentarfilm aus Liberia weltweit für Aufmerksamkeit sorgten, war im Auftrag des Magazins „Vanity Fair“ in Libyen unterwegs. In der libyschen Stadt Misrata geriet Tim Hetherington mit einigen Kollegen in ein Straßengefecht. An seiner Seite starb Fotograf Chris Hondros von der Agentur „Getty Images“.

Der österreichisch-südafrikanische Fotograf Anton Hammerl wurde in diesem Jahr ebenfalls in Libyen getötet. Hammerl wurde am 5.April nahe der ostlibyschen Stadt Brega von Truppen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi angegriffen. Der freischaffende Journalist erlitt einen Bauchschuss an dem er kurze Zeit später verstarb. 

In Pakistan starb 2011 mit Syed Saleem Shahzad einer der bekanntesten Enthüllungsjournalisten des Landes. Shahzad, der für die „Asia Times“ über die Taliban, Al-Qaida und den pakistanischen Geheimdienst ISI berichtete, verschwand am 29.Mai in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Am Folgetag wurde der Leichnam des Journalisten rund 150km südöstlich von Islamabad in einem Kanal gefunden. Wie die „New York Times“ berichtete, sollen US-Regierungskreise über Informationen verfügen dass Elemente in Pakistans mächtigem Geheimdienst ISI die Ermordung von Syed Saleem Shahzad anordneten.