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Dschihad-Rapper Cuspert in Libyen

von Florian Flade

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Wo ist Denis Cuspert alias „Deso Dogg“? Diese Frage beschäftigt deutsche Sicherheitsbehörden seit es dem Berliner Ex-Rapper im Frühsommer gelang, sich ins Ausland abzusetzen. Der bekennende Islamist war einer Verhaftung zuvor gekommen und konnte trotz Überwachung durch deutsche Sicherheitsbehörden untertauchen.

Doch nicht völlig spurlos. Schnell war klar: Cuspert hatte sich nach Ägypten abgesetzt. Das überraschte nicht. Immerhin war dorthin bereits Mohammed Mahmoud, österreichischer Dschihad-Prediger und Glaubensbruder von Cuspert, ausgewandert nachdem ihm das hessische Innenministerium mit Abschiebung gedroht hatte.

Nach dem Verbot der von Cuspert und Mahmoud ins Leben gerufenen „Millatu Ibrahim“-Gruppe im Juni setzte zudem ein wahrer Exodus radikaler Salafisten nach Ägypten ein. Dutzende Islamisten, allen voran Mitglieder der „Millatu Ibrahim“-Gemeinde im nordrhein-westfälischen Solingen, folgten Mahmoud und Cuspert an den Nil. Mit Sorge beobachten die Sicherheitsbehörden seither die Entstehung deutscher Salafisten-Kolonien in Nordafrika.

Wo aber sind die ehemaligen Führungskader von „Millatu Ibrahim“? Mohammed Mahmoud, dessen Familie Immobilien in Ägypten besitzen soll, hatte sich zunächst in Kairo angesiedelt. Über das Internet predigte der Österreicher weiter Dschihad und Hass auf Ungläubige. Aus seiner Sicht konnte das Verbot von „Millatu Ibrahim“ in Deutschland, der Bewegung an sich nichts wirklich schaden. Sie existiert nach Mahmouds Auffassung weiter – nur liegt der Schwerpunkt nun im ägyptischen Exil.

Auf eigenen Blogs und durch Einträge in radikalislamischen Internetforen meldete sich Mahmoud in den vergangenen Wochen mehrfach zu Wort. Mal drohte einer seiner ebenfalls ausgewanderten Mitstreiter in einem PDF-Schreiben mit Terroranschlägen in Deutschland, mal verkündete Mahmoud selbst den Tod zweier Salafistinnen aus Deutschland und ernannte sie zu den ersten „Märtyrerinnen“ von „Millatu-Ibrahim“.

Denis Cuspert hingegen meldete sich monatelang nicht zu Wort. In Sicherheitskreisen kursierten Gerüchte und schwammige Informationen über den Verbleib des Berliner Dschihad-Rappers. Einmal hieß es, Cuspert sei möglicherweise nicht mehr am Leben. Im Sudan habe er „unglücklich mit Sprengstoff hantiert haben“, so die Information. Andere Hinweise legten den Schluss nahe, Cuspert sei womöglich auf dem Weg nach Mali.

Nichts davon erwies sich als korrekt. Vor einigen Wochen dann tauchte im Internet ein erstes Lebenszeichen des Berliners auf. In Form eines „Nashid“, eines islamistischen Kampfliedes. „Wir sind ausgewandert in die Welt auf dem Weg Allahs“, singt Cuspert darin. Doch wieder gab es keinerlei Hinweise auf einen Aufenthaltsort des Islamisten.

„Herr Cuspert ist in Bewegung“, so war aus Sicherheitskreisen zu vernehmen. Gemeint war offenbar, dass er sich nicht an einem Ort angesiedelt hatte. Spätestens seit Anfang Oktober war bekannt: Denis Cuspert ist in Libyen.

Und auch sein Weggefährte Mohammed Mahmoud hat sich nach Erkenntnissen der Nachrichtendienste vor kurzem nach Libyen begeben. Bei den Terrorjägern weiß man, dass Mahmoud plante im libyschen Benghazi eine Art deutschsprachiges Medienzentrum für den Dschihad aufzubauen. Eine Propagandamaschinerie, die Salafisten aus Deutschland nach Nordafrika rufen soll. Dieser Plan scheiterte bislang.

Zuletzt gab es Hinweise, Cuspert und Mahmoud hätten versucht, sich in der ostlibyschen Ortschaft Derna islamistischen Milizen anzuschließen. Die Stadt gilt als Hochburg der Dschihadisten. Derna war bis vor kurzem die Basis von „Ansar al-Sharia“, einer Islamisten-Miliz, die für den Angriff auf das US-Konsulat von Benghazi verantwortlich gemacht wird.

Die Stadt ist ein beliebter Rekrutierungsort für internationale Terrornetzwerke wie Al-Qaida. In den salafistischen Gemeinden der Küstenstadt finden sie idealen Nährboden. Schon in den 1980er Jahren sollen Islamisten aus Derna in Afghanistan gegen die Sowjet-Besatzer gekämpft haben. Dutzende Bewohner der Stadt zog es vor Jahren zwecks Dschihad gegen die US-Truppen in den Irak . Aktuell sollen bis zu 200 Männer aus Derna in Syrien an Kämpfen gegen das Assad-Regime beteiligt sein.

Westliche Nachrichtendienste wissen um die brisante Lage in der Region. Al-Qaida-Anwerber als den Maghreb-Staaten, aus Somalia, Jemen und Syrien fischen in Nordafrika nach todeswilligen Rekruten. Der Bundesnachrichtendienst (BND) warnte jüngst in einer Mitteilung an die Bundesregierung vor den Reisebewegungen von Dschihadisten aus Europa. Es gäbe Erkenntnisse, so BND-Chef Schindler, dass auch Islamisten aus Deutschland auf dem Weg nach Mali und in andere Konfliktgebiete seien.

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Flucht an den Nil

von Florian Flade

Quelle: Youtube

Prediger Mohamed Mahmoud und Ex-Rapper Denis Cuspert

Mohamed Mahmoud predigt weiter. Nicht im hessischen Erbach, wo der Islamist zuletzt lebte, oder im nordrhein-westfälischen Solingen, wo er der Emir einer Salafisten-Gemeinde war. Mahmoud predigt via Internet aus dem ägyptischen Exil. „Ich werde Deutschland nur in einem einzigen Fall betreten“, warnt der Österreicher, „Als Eroberer, um die Scharia in Deutschland einzuführen! Ich bleibe nicht in einem Land, um unter den Kuffar (Ungläubigen) zu leben!“

Mahmoud alias „Abu Usama al-Gharib“ predigt längst nicht mehr nur ein tugendhaftes Leben im Sinne des fundamentalistischen Islam. Er ruft seine Anhängerschaft zu sich. In Deutschland würden Muslime verfolgt und bekämpft werden, warnt der Extremist. Die „Hijrah“, die Auswanderung in ein islamisches Land wie Ägypten, sei daher die religiöse Pflicht eines jeden Muslims.

Der österreichische Islamist war im Mai aus dem hessischen Erbach abgereist und hatte sich samt Ehefrau nach Ägypten abgesetzt. Tags zuvor hatte das hessische Innenministerium angekündigt, den Extremisten aufgrund seiner Hasspredigten und Gewaltaufrufe notfalls abschieben zu wollen, sollte er die Bundesrepublik nicht freiwillig verlassen.

Jetzt zieht Mahmoud seine Anhänger zu sich ins Exil. Voller Sorge beobachtet der Verfassungsschutz wie in den vergangenen Monaten zahlreiche Salafisten aus Deutschland nach Ägypten ausgewandert sind. In Sicherheitskreisen heißt es, mit der Zahl der Ausreisen steige die Gefahr, dass sich einige Salafisten über Ägypten in ein terroristisches Ausbildungslager absetzen könnten. Diejenigen Islamisten, die eines Tages womöglich nach Deutschland zurückkehren, könnten noch radikaler, noch gewaltbereiter sein.

Insbesondere seit dem Verbot der salafistischen Gruppe „Millatu Ibrahim“ im Juni durch das Bundesinnenministerium setzen sich viele Anhänger der verbotenen Organisation nach Ägypten ab. Nach meinen Informationen hat bis Juli dieses Jahres ein gutes Dutzend Islamisten aus Deutschland am Nil eine neue Heimat gefunden. Darunter sind prominente Köpfe der Szene wie der Kölner Ex-Boxer Pierre Vogel oder der Konvertit Sven Lau alias „Abu Adam“ aus Mönchengladbach. Doch nicht nur die salafistischen Missionare halten sich derzeit in Ägypten auf. Auch als gewaltbereite „Gefährder“ eingestufte Islamisten leben nun in dem nordafrikanischen Land. So etwa der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert alias „Deso Dogg“.
(INFO: An dieser Stelle möchte ich betonen: Entgegen der Meinung einiger (Twitter)-Kommentatoren, behaupte ich nicht, dass Vogel und Lau dem Ruf Mahmouds gefolgt sind. Sie sind Teil jener Ausreisewellen nach Ägypten, die bereits seit längerem zu registrieren sind. Mir ist sehr wohl bewusst, dass Herr Vogel bereits im vergangenen Jahr nach Ägypten ging, dann wieder kurzfristig nach Deutschland zurückkehrte. Jene Personen, die sich bereits nach Ägypten begeben haben (die Zahl im SPIEGEL ist übrigens zu hoch angesetzt), sind aus unterschiedlichen Beweggründen gegangen – ein Teil folgte den Aufrufen von Mahmoud zur Hijrah.)

Insbesondere die Ausreise von Cuspert sorgte innerhalb der Nachrichtendienste für Unruhe. Trotz Beobachtung durch die Berliner Polizei gelang es dem ehemaligen Rap-Musiker im Juni, zunächst innerhalb Deutschlands unterzutauchen. Eine bundesweite Fahndung inklusive Haftbefehl wurde eingeleitet. Schon kurze Zeit später stand fest: Cuspert ist in Ägypten. Das Verschwinden des Islamisten bleibt nicht ohne Kritik aus den Reihen der Sicherheitsdienste. „Das LKA Berlin war zuständig die Person Cuspert zu sichern“, sagte mir ein Verfassungsschützer. „Aber die Polizei macht ja bekanntlich nie Fehler.“

In der ägyptischen Haupstadt Kairo hat der Berliner Islamist vermutlich Kontakt zu seinem Glaubensbruder und Freund Mohamed Mahmoud gesucht, dessen Familie dort über Immobilien verfügt. Beide Fundemantalisten waren bereits in Deutschland enge Weggefährten. Sie gelten als Gründungsfiguren der verbotenen „Millatu Ibrahim“-Bewegung.

Deutsche Nachrichtendienste sind nun besorgt: Im ägyptischen Exil könnte aus dem „Millatu-Ibrahim“-Netzwerk eine deutsche Salafisten-Kolonie entstehen. Denn viele Millatu-Ibrahim-Anhänger, insbesondere einige Salafisten aus dem Raum Solingen, haben inzwischen ebenfalls die Reise an den Nil angetreten. Die Behörden reagieren deshalb zunehmend auch mit Ausreiseverboten. Nach meinen Informationen wurde einem deutschen Salafisten kürzlich verweigert, ein Flugzeug nach Ägypten zu betreten. Der junge Mann hatte angegeben, ein Sprachstudium absolvieren zu wollen. Die Sicherheitsbehörden hielten jedoch das Risiko für zu groß, dass sich der junge Mann eventuell in ein terroristisches Ausbildungslager absetzen könnte.

Innerhalb der Bundesrepublik fällt es den Geheimdiensten vergleichsweise leicht, gefährliche Islamisten zu observieren. Im Ausland ist die Situation weitaus unübersichtlicher. Daher die Besorgnis über die Ausreisewellen nach Ägypten. Es bestehe die Gefahr, dass Ägypten nur als Durchreiseland dient und sich Islamisten von dort aus in Terrorlager begeben oder an Kampfhandlungen in Konfliktgebieten teilnehmen, heißt es aus Sicherheitskreisen. „Es wird zunehmend schwieriger, die Lage in Ägypten einzuschätzen. Die Frage dort sei, so hört man von den Geheimdiensten: Was ist machbar, mit wem ist Zusammenarbeit möglich? Wer sind unsere Ansprechpartner auf ägyptischer Seite?

Die politische Lage in Ägypten sei attraktiv für radikale Muslime, heißt es. Auf politischer Ebene profizieren salafistische Parteien und Gruppen derzeit vom aktuellen Klima im Land. Die Fundamentalisten wähnen sich seit dem Sturz des Mubarak-Regimes auf dem Weg zum Gottesstaat.