Tag Archives: Mosul

Der Terror und das Geld

von Florian Flade

pic160215_1

Als die schwarzvermummten Kämpfer des “Islamischen Staates” im vergangenen Jahr die zweitgrößte irakische Stadt Mossul einnahmen, kamen sie nicht nur, um ihre Flagge zu hissen und die irakische Armee zu vertreiben. Sie kamen auch, um zu plündern. Die Zentralbank von Mossul raubten die selbsternannten Gotteskrieger aus. Bargeld und Goldbarren fielen den Terroristen in die Hände. Geschätzter Wert: Mehrere hundert Millionen Euro.

Jérôme Fritel und Stéphane Villeneuve sind der Spur des Geldes gefolgt. Einen Monat lang haben die beiden Journalisten im Irak die Finanzströme der Terroristen recherchiert. Sie sprachen mit Politikern, Geheimdienstlern, Terrorexperten, Schmugglern und Menschen, die unter der Herrschaft des IS leben.

Entstanden ist die beeindruckende Reportage “Die Wirtschaftsmacht der Gotteskrieger”, die am 10. Februar 2015 bei ARTE zu sehen war. Darin erläutern Fritel und Villeneuve, wie der IS mit Öl-Schmuggel, Schutz- und Lösegeldern Unsummen einnimmt. In der Mediathek können Sie sich den Beitrag noch einmal anschauen. Es lohnt sich!

http://www.arte.tv/guide/de/056621-000/is-die-wirtschaftsmacht-der-gotteskrieger

 

Deutscher Islamist Reda Seyam bei Luftangriff getötet

von Florian Flade

reda_seyam

Das Foto des IS aus Mossul soll Reda Seyam zeigen (rechts auf dem Podium)

Der ideale Staat, so hatte Reda Seyam einmal in einem TV-Interview gesagt, sei für ihn das Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban. Steinigung von Ehebrechern, Enthauptung von Andersgläubigen, öffentlichte Auspeitschung von all jenen, die das Gebet versäumt haben. Der 54-jährige Deutsch-Ägypter machte nie einen Hehl aus seiner fundamentalistischen Überzeugung. Einen seiner Söhne nannte er “Djehad”.

Es war wenig überraschend, dass Seyam, der zuletzt mit seiner zweiten Frau und den sieben Kindern in Berlin-Charlottenburg gelebt hatte, dem Aufruf gefolgt war, in den “Heiligen Krieg” nach Syrien zu ziehen. Über Ägypten reiste der Extremist wohl schon vor zwei Jahren in die türkisch-syrische Grenzregion. In der Stadt Reyhanli soll der bärtige Islamist europäische Dschihadisten empfangen und anschließend weiter über die Grenze nach Syrien vermittelt haben.

Jetzt soll Reda Seyam tot sein. Irakische Medien melden, der Deutsch-Ägypter sei Anfang Dezember nahe der nordirakischen Stadt Mossul getötet worden. Eine Rakete eines Kampfflugzeuges der Anti-IS-Koalition habe ein Fahrzeug getroffen, in dem sich Seyam und der Leiter der Universität Mossul befunden haben.

Bis zu seinem Tod soll er eine wichtige Position innerhalb der Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) inne gehabt haben – als Bildungsminister von Mossul. Nach der Einnahme der Stadt durch die Dschihadisten soll Reda Seyam im Juli das “Ministerium für Bildung” in der Provinz Nineveh übernommen haben. Zudem habe er zum Leitungsstab der Universität von Mossul gehört.

Bekannt war Seyam offenbar unter dem Namen Dhul al-Qarnain. Der Islamist aus Berlin soll diverse Änderungen im Bildungssystem von Iraks zweitgrößter Stadt unternommen haben, darunter die Abschaffung bestimmter Fakultäten, die Geschlechtertrennung, die Vorschrift für alle Mädchen ab dem Grundschulalter den Gesichtsschleier Niqab zu tragen sowie die Pflicht, dass jeder Student dem IS als Kämpfer zu Verfügung stehen muss. Außerdem sollen zahlreiche Studentinnen auf Anweisung von Seyam unfreiwillig mit IS-Dschihadisten verheiratet worden sein.

Deutsche Sicherheitsbehörden konnten den Tod von Seyam bislang nicht zweifelsfrei bestätigen. Es sei jedoch bekannt, dass sich der Extremist in den vergangenen Monaten dem “Islamischen Staat” angeschlossen hatte und dort logistische Aufgaben übernommen hat.

Zuvor war Seyam, der schon in den 1990er Jahren auf dem Balkan und später in Indonesien islamistische Propagandavideos gedreht hatte, auch als freier Kamerakmann in Syrien tätig – unter anderem für den arabischen TV-Sender Al-Jazeera. Seine Kontakte zu islamistischen Terroristen verschafften ihm wohl exklusive Zugänge.

Bekannt wurde Reda Seyam kurz nach den Terroranschlägen von Al-Qaida auf einen Nachtclub in Bali im Oktober 2002. Damals verhafteten indonesische Behörden den Deutsch-Ägypten unter dem Verdacht das Attentat möglicherweise finanziert zu haben. Die Bundesregierung entschied damals, Seyam von Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA) nach Deutschland zu bringen. Befürchtet wurde offenbar, der US-Geheimdienst CIA könnte Seyam aufgrund seiner Verbindungen zu Terrorgruppen entführen.

In Deutschland kam es nie zu einer Anklage gegen den bekennenden Islamisten. Er lebte zunächst in Neu-Ulm, zog später nach Berlin. Dort leitete er jahrelang eine salafistische Moschee-Gemeinde im Stadtteil Wedding, bevor er schließlich nach Ägypten auswanderte. Seyams erste Frau lebt heute in einem Zeugenschutzprogramm. Sie hatte gegenüber deutschen Behörden gegen ihren Mann ausgesagt und von dessen Kontakten zu radikalen Terroristen auf dem Balkan, in Saudi-Arabien und Südostasien berichtet.

Der BND, dein Facebook-Freund

von Florian Flade

Der deutsche Auslandsgeheimdienst hat einen Wunsch: er möchte soziale Netzwerke, Internetforen, Video- und Fotoplattformen in Echtzeit durchforsten und analysieren. Der Albtraum für Netzaktivisten und Datenschützer.

Sie ist derzeit in aller Munde. Die Terrororganisation “Islamischer Staat im Irak und Großsyrien”, ISIG oder ISIS genannt. Innerhalb kürzester Zeit haben die Dschihadisten in einem Blutrausch den West-Irak und große Teile des Nord-Irak eingenommen, inklusive der Millionen-Städte Mossul und Tikrit. Grenzübergänge nach Syrien und Jordanien wurden besetzt. Hunderte Regierungssoldaten offenbar exekutiert. Schon rufen die siegestrunkenen Extremisten zum Sturm auf Bagdad und Sturz der Regierung von Präsident Nouri al-Maliki.

Begleitet wird der “dschihadistische Blitzkrieg” des ISIG von einer bislang wohl beispiellosen Social-Media-Kampagne. Unzählige Unterstützer der Dschihadisten und auch offizielle Repräsentanten der Gruppierung twittern und facebooken was das Zeug hält. Jeder noch so kleine vermeintliche Sieg, beinahe jedes Gefecht, Bombenanschläge, Hinrichtungen, gefallene Gotteskrieger und abgehackte Köpfe – so gut wie alles landet per Twitter, Facebook, Instagram oder JustPaste in den Weiten des Internets.

Wer will, kann über soziale Medien teilhaben an der Erschaffung eines Fantasiestaates, eines “Dschihadistans”, das vom syrischen Raqqah bis zum irakischen Mossul reicht. Propaganda in Echtzeit. Zum liken, retweeten und digitalen favorisieren.

Für westliche Geheimdienste sind die Internet-Einträge der Gotteskrieger Fluch und Segen zugleich. Fluch weil sie immer neue Dschihad-Fans motivieren selbst aktiv zu werden. Segen weil sich aus ihren recht gut ablesen lässt, in welchen Regionen sind welche Extremisten aufhalten, wo es gerade Gefechte gibt, wo sich Rückzugsorte und terroristische Ausbildungslager befinden.

Wenn die Geheimdienste denn soziale Medien überwachen dürfen. Anfang des Monats geriet der Bundesnachrichtendienst (BND) in heftige Kritik. Bekannt wurde, dass der Geheimdienst neben besserer Technik und Software, zukünftig gerne soziale Netzwerke in Echtzeit überwachen würde. “BND will soziale Netzwerke live ausforschen” – so die Schlagzeile.

Der BND, dein Facebook-Freund – ein Albtraum für Netzaktivisten und Datenschützer. Aus ihrer Sicht ist die Planung des Geheimdienstes ein weiterer Schritt in Richtung eines orwellschen Überwachungsstaates.

Was aber steckt hinter der Meldung?

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat im vergangenen Jahr gegenüber der Bundesregierung den Wunsch geäußert, seine technischen Fähigkeiten zu modernisieren. Um schritthalten zu können, und um den Gefahren der Zukunft zu begegnen. “Strategischen Initiative Technik” (SIT) heißt das Projekt bei den Schlapphüten. Eine schrittweise Aufrüstung im Bereich der Internetüberwachung bis zum Jahr 2020. Kostenpunkt: knapp 300 Millionen Euro.

Als Teil von SIT sollen neben den bereits vorhandenen Filtersystemen für Telefon – und E-Mail-Verkehr auch soziale Netzwerke, Blogs, Video- und Fotoplattformen beobachtet werden können. “Echtzeitanalyse von Streaming-Daten”, so die Bezeichnung des Geheimdienstes. Um seinem gesetzlichen Auftrag u.a. zur Terrorismus-Abwehr gerecht zu werden, müsse der BND technisch aufrüsten. Die sozialen Medien dabei zu ignorieren, sei naiv, heißt es aus Nachrichtendienstkreisen.

Jeden Tag werden im Durchschnitt 500 Millionen Tweets verfasst, 55 Millionen Status-Updates bei Facebook eingetragen 60 Millionen neue Fotos bei Instagram veröffentlicht, 144.000 Stunden Videomaterial bei Youtube hochgeladen.

Eine gigantische Menge an Daten, in denen sich auch Veröffentlichungen und Kommunikation von Terroristen und Extremisten findet – wie die aktuelle Twitter-Kampagne von ISIG veranschaulicht. Weshalb sollten diese Aktivitäten von einem Geheimdienst nicht erfasst werden? Wo sie ohnehin für jedermann zugänglich sind.

Dem BND geht es allerdings um mehr, als nur bei twitternden Terroristen mitlesen zu können. In sozialen Netzwerken, so die Einschätzung, seien politische Ereignisse abzulesen. Sich ein genaueres Lagebild verschaffen, Trends vorherzusehen, aktuelle Geschehnisse besser einschätzen zu können, darum gehe es, heißt es aus dem Geheimdienst.

Etwa wenn sich zehntausende Ägypter auf dem Tahrir-Platz versammeln, Fotos und Videos auf Facebook und Twitter ihres Protests in die Welt hinaus senden. Wenn prorussische Separatisten in der Ost-Ukraine mit Panzern auffahren. Oder wenn Mossul in die Hände der Dschihadisten von ISIG fällt. Kaum ein Ereignis in einem Krisengebiet findet heutzutage mehr ohne soziale Medien statt. Die Menschen bloggen, twittern und facebooken. Nicht immer die Wahrheit. Aber dennoch lässt sich aus der Masse der Einträge, Tweets, Fotos und Videos ein Trend ablesen, ein Lagebild erstellen.

Dabei gehe es nicht um deutsche Staatsbürger, heißt es aus dem BND. Deren Kommunikation in sozialen Medien solle und dürfe von Gesetzes wegen nicht überwacht werden. Und es gehe nicht darum “verschlossene Foren” oder “isolierte Chaträume” gezielt zu knacken. “Was ich poste, gebe ich frei. Social Media ist allgemein keine vertrauliche Information”, so ein Vertreter der Sicherheitsbehörden. Dies auszuwerten, um Gefahren zu erkennen, sei legitim und im gesetzlichen Rahmen möglich.

Offene Quellen sollen so gefiltert werden, dass daraus Statistiken und Analysen erstellt werden können. Es handelt sich also quasi um ein automatisiertes Mitlesen von ohnehin öffentlich zugänglichen Informationen, im Geheimdienstjargon “Open Source Intelligence” (OSINT) genannt.

Ob dies überhaupt möglich und wie weit es sinnvoll ist, eine solche Technik anzuwenden, soll eine Studie (“Automatisierten Beobachtung von Internetinhalten”) klären, die der BND an der Bundeswehr-Universität in München in Auftrag gegeben hat. In den kommenden Monaten werden erste Ergebnisse erwartet. Aktuell befinde man sich ohnehin noch im Stadium der “Machbarkeitsstudie”, heißt es aus Sicherheitskreisen.

“Koalition blockiert BND-Aufrüstung” – meldeten einige Medien vor rund zwei Wochen. Die Bundesregierung habe angesichts der stark kritisierten Pläne zur Überwachung der sozialen Medien nur 6 Millionen Euro statt der gewünschten 300 Millionen Euro im Haushalt 2014 für das Projekt “Strategische Initiative Technik” (SIT) bewilligt. 

Dies als “Blockade” oder “Dämpfer” zu werten, ist jedoch etwas weitgegriffen. Hatte doch der BND für das kommende Jahr nur 6 Millionen Euro gefordert – und genau diese auch bekommen. Die restlichen Gelder sollen stufenweise in den kommenden Jahren freigegeben werden.