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Der Netzwerker – Hamburger Islamist lebt

von Florian Flade

Totgesagte leben länger – der Hamburger Islamist Naamen Meziche soll im Oktober 2010 bei einem US-Drohnenangriff in Pakistan ums Leben gekommen sein. Ein Jahr später meldet sich der totgeglaubte Terrorverdächtige und will offenbar dem Dschihad abschwören. Die Geschichte eines unauffälligen Netzwerkers.

Anfang September, Hamburger Stadtteil St.Georg: Das Telefon klingelt. Eine Frau nimmt ab. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ihr Ehemann, der laut einem Pressebericht seit einem Jahr nicht mehr am Leben ist – der mutmaßliche Islamist Naamen Meziche. Der Algerier mit französischem Pass hatte Hamburg im März 2009 verlassen, und war mit einer Gruppe Gleichgesinnter in den „Heiligen Krieg“ nach Pakistan gezogen.

Im Stammesgebiet Waziristan schloss sich Meziche der al-Qaida an. Aus dem ehemaligen Taxifahrer aus Hamburg wurde ein Krieger Allahs, bis er im Oktober 2010 bei einem US-Drohnenangriff getötet wurde – angeblich. Doch der Anrufer, der sich im September per Telefon aus Pakistan meldet, klingt quicklebendig. Naamen Meziche sagt seiner Ehefrau, er habe genug vom Dschihad und wolle nach Deutschland zurückkehren, fürchte jedoch eine Haftstrafe. Wie er zurückkommen werde, wisse er noch nicht. Er werde sich wieder melden.

Den Anruf des totgeglaubten Gotteskriegers haben die deutschen Sicherheitsbehörden mit großem Interesse registriert. Denn Naamen Meziche ist nicht irgendeine Person aus der islamistischen Szene – der 41jährige ist ein dschihadistischer Netzwerker, einer der sich im Hintergrund hielt, dessen Freundeskreis jedoch beachtlich war. Ein Dschihadist, dessen Biografie kaum brisanter sein könnte.

Meziche, 1970 in Paris geboren, ist Sohn algerischer Einwanderer und besitzt neben der französischen auch die algerische Staatsbürgerschaft. Jahrelang lebte er in Algerien, bis das nordafrikanische Land in den 90er-Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg versank. Auch Meziches Familie wurde Opfer des Konflikts zwischen Regierung und islamistischen Oppositionellen.

Ein Bruder Meziches schloss sich Anfang der 90er-Jahre in Algerien einer Kampfgruppe an und zog gegen das Regime in den Krieg. Er wurde 1996 von algerischen Sicherheitskräften erschossen. Bereits ein Jahr zuvor wurden Naamen Meziches Vater und ein weiterer Bruder vom algerischen Geheimdienst verhaftet und verschleppt. Beide sind bis heute verschwunden.

Naamen Meziche floh vor den Unruhen in Algerien und immigrierte 1992 nach Deutschland Er siedelte sich in Hamburg an und heiratete die Tochter des prominenten marokkanischen Predigers Sheikh Mohammed al-Fazazi, mit der er zwei gemeinsame Kinder hat.

Fazazi, der auch in Hamburg als Gastprediger auftrat und schon die Todespiloten vom 11.September 2001 radikalisierte, war in Marokko als mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von Casablanca zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Der Sheikh gilt inzwischen als reuig und kam im Frühjahr dieses Jahres durch eine Amnestie frei.

Ende der 90er-Jahre verkehrte Naamen Meziche immer häufiger in der berüchtigten Al-Quds-Moschee am Steindamm, in der auch sein Schwiegervater Sheikh Fazazi auftrat. Hier, in einem unscheinbaren Gebäude zwischen Asia-Restaurant und Fitnessstudio, beteten zur gleichen Zeit die 9/11-Todespiloten Mohammed Atta und Ziad Jarrah. Sie sollen gute Bekannte von Meziche gewesen sein.

Wie eng der Kontakt des Algeriers zum Umfeld der Hamburger Al-Qaida-Zelle tatsächlich war, ist bis heute undurchsichtig. Fest steht: Naamen Meziche kannte die Attentäter und ihre Helfer. Zwischen 1996 und 1997 arbeitete er als Flugzeugbelader am Hamburger Flughafen. Einer seiner engsten Kollegen: mutmaßlicher 9/11-Terrorhelfer Mounir El-Motassadeq.

Im August 2001, nur einen Monat vor den Terroranschlägen in New York und Washington, soll Naamen Meziche für einige Wochen aus Hamburg verschwunden sein. Wo sich der Islamist aufhielt, ist unbekannt. Kurz vor seinem Verschwinden soll er Kontakt zum 9/11-Logistiker Ramzi Binalshibh gehabt haben.

Erst im Zuge der Ermittlungen gegen die Hamburger Zelle um Mohammed Atta ist Naamen Meziche ins Visier der Hamburger Sicherheitsbehörden geraten. Ob er ein aktiver Netzwerker war, oder ein Mitläufer, sei allerdings nicht ganz klar gewesen.

Klar war in den Folgejahren nach 9/11 vor allem eines: Meziche war mehr als nur ein stiller Freund und etwaiger Sympathisant der islamistischen Fanatiker. Er wollte selbst kämpfen. Zusammen mit fünf weiteren Personen aus Hamburg wollte er sich im Jahr 2003 im Irak am Dschihad gegen die US-Truppen beteiligen. Bis nach Syrien reiste Meziche, dort allerdings scheiterte die Weiterreise.

Aufgrund dieser Bestrebungen, aktiv in den Kampf zu ziehen und aufgrund seines radikalen Umfeldes, führten deutsche Sicherheitsbehörden Naamen Meziche ab 2003 als terroristischen „Gefährder“. Mehrfach fiel sein Name auch in Zusammenhang mit Ermittlungen gegen islamistische Netzwerke, die Rekruten von Europa aus in den Irak schleusten.

Die Beweise reichten allerdings nie aus, um Naamen Meziche anzuklagen. Ein Ermittlungsverfahren wegen „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ aus dem Jahr 2004 wurde später eingestellt.

Wohl wissend, dass ihn Geheimdienste und Sicherheitsbehörden im Blick hatten, zögerte Meziche, 2006 nach Algerien zu reisen. Er ließ über die Familie vor Ort nachfragen, ob die Behörden ihn im Fall der Einreise verhaften würden. Es läge kein Haftbefehl gegen ihn vor, so die Antwort aus Algerien.

Am 6. Januar 2006 flog Meziche von Frankfurt in die algerische Haupstadt Algiers. Noch am Flughafen klickten die Handschellen. Meziche wurde festgenommen. Als ihn die Familie in der Haft besuchen wollte, erfuhr sie den Grund der Festnahme: Dem Hamburger wurden „Terroraktivitäten“ im Ausland vorgeworfen.

Nach Protesten von „Amnesty International“ gegen die Folterhaft, wurde Meziche im Zuge einer Generalamnestie am 3. März 2006 entlassen und kehrte nach Deutschland zurück.

Im Umfeld der von Meziche häufig besuchten „Al-Quds Moschee“ entstand Ende 2008 eine kleine Gruppe gewaltbereiter Muslime, die den dringenden Wunsch hegten, in den Dschihad zu ziehen. Die neun Männer und zwei Frauen – darunter Araber, Iraner, Deutsch-Afghanen, zwei Konvertiten – schmiedeten bei konspirativen Treffen Pläne, in die Terror-Ausbildungslager in Pakistan zu reisen.

Naamen Meziche, der laut Ermittlern eine „Respektsperson“ innerhalb der Islamisten-Szene in Hamburg war, soll anfangs nicht Teil dieser Islamisten-Reisegruppe gewesen sein. Erst kurz vor der Abreise nach Pakistan, sollen ihn die Glaubensbrüder gefragt haben, ob er Interesse an einem Trip in den „Heiligen Krieg“ habe. Naamen Meziche hatte Interesse.

Am 5. März 2009 verließ der Franco-Algerier Hamburg. Er wolle zur Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien fliegen, sagte Meziche seiner Frau, dann verschwand er. An der Seite des Deutsch-Syrers Rami Makanesi flog er in die iranische Hauptstadt Teheran. Mit dem Bus fuhr das Duo anschließend weiter nach Zahedan, eine Grenzstadt zu Pakistan, die als Zwischenstation für ausländischer Dschihadisten gilt.

Das eigentliche Ziel der Reise war die pakistanische Stammesregion Waziristan. Hier trafen in folgenden Wochen nach und nach die Mitglieder der „Hamburger Reisegruppe“ ein und teilten sich auf die unterschiedlichen Terrorlager auf.

Meziche, der sich in Waziristan „Abu Barra“ nannte, und sein Freund Rami Makanesi landeten zunächst bei der „Islamischen Bewegung Usbekistans“ (IBU). In der von Usbeken dominierten Terrorgruppe fühlte sich der Araber Meziche offensichtlich von Anfang an nicht wohl.

„Naamen wollte weg, weil die Usbeken nicht seine Sprache sprechen“, berichtete der Weggefährte Makanesi den Ermittlern im Verhör, „Er ist noch am selben Tag gegangen.“

In Kreisen der Sicherheitsbehörden wird vermutet, dass sich Naamen Meziche früh von der IBU lossagte und sich stattdessen der al-Qaida anschloss. Unter dem Kommando eines ägyptischen Al-Qaida-Mannes namens „Jaffar“ soll Naamen Meziche in den Sommermonaten 2009 an Waffen ausgebildet worden sein. Mit den aus Hamburg angereisten Glaubensbrüdern kam er danach nur noch gelegentlich, zum gemeinsamen Essen oder Gesprächen am Lagerfeuer, zusammen.

Wo genau sich Naamen Meziche in den vergangenen zwei Jahren aufhielt, ist nur teilweise bekannt. Sporadisch fingen deutsche Ermittler Lebenszeichen Meziches, häufig in Form von E-Mails und Telefonaten, ab. Im Juli 2009 beispielsweise, als Meziche im pakistanischen Islamabad insgesamt 880 Euro von seinem Konto abhob.

Seiner in Hamburg lebenden Frau sagte er im vergangenen Jahr, sie solle sich nicht um ihn sorgen, auch wenn sie lange nichts mehr von ihm hören werde. Die Lage habe sich verändert, die Mudschaheddin müssten ihre Stützpunkte verlassen und in die Berge ziehen.

Tatsächlich gab es daraufhin monatelang kein Lebenszeichen mehr von Meziche. War er tot? Hatten ihn die Pakistaner verhaftet? Am 4. Oktober 2010 dann die Pressemeldung: Mehrere deutsche Islamisten seien bei einem US-Drohnenangriff auf ein Haus in der Ortschaft Mir Ali in Waziristan getötet worden – unter den Opfern befanden sich einem Medienbericht zufolge der Hamburger Shahab D, der Wuppertaler Bünyamin E. und Naamen Meziche.

Eine offizielle Bestätigung für den Tod Meziches gab es jedoch nie, weder von Seiten einer Terrorgruppe noch von Seiten deutscher Geheimdienste. Die Zweifel am Tod des Franzosen wuchsen. „Wir wissen dass er lebt“, heißt es aus Kreisen der Ermittler. Die Generalbundesanwaltschaft stellte nach dennoch Anfang 2011 ein Verfahren gegen Meziche wegen „fehlendem Deutschlandbezug“ ein.

Bei seinem Anruf aus Pakistan beteuerte Naamen Meziche, er wolle zurück nach Deutschland und habe genug vom Leben als Gotteskrieger. Ins Gefängnis wolle er allerdings auch nicht. Er wolle nicht so enden wie sein ehemaliger Weggefährte Makanesi, der im Mai zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde.

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„Der Krieg mit al-Qa´ida ist kürzer geworden“ – Interview mit Peter Bergen

von Florian Flade

Osama Bin Laden & Peter Bergen (1997)

Der Journalist und Autor Peter Bergen (48) gilt als einer weltweit angesehensten Al-Qa´ida-Experten. Er reiste im Auftrag des US-Fernsehsenders CNN 1997 nach Afghanistan und traf als einer von nur wenigen westlichen Journalisten den Al-Qa´ida-Gründer Osama Bin Laden zum Interview. Damals erklärte der nun getötete Top-Terrorist im Gespräch mit Peter Bergen den USA den Krieg.

Nach den Anschlägen vom 11.September 2001 veröffentlichte Bergen mehrere Bücher über Bin Laden und sein Terrornetzwerk. Bergens jüngstes Werk „The Longest War – The Enduring Conflict Between America And Al-Qaeda“ erschien im Februar. Ich habe mit Peter Bergen über den Tod Osama Bin Laden gesprochen und warum dieser möglicherweise der Anfang vom Ende al-Qa´idas sein könnte.

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Herr Bergen, Sie haben Bin Laden 1997 in einer kleinen Lehmhütte irgendwo in den Bergen getroffen. Waren Sie überrascht als Sie hörten, dass er jahrelang in einem Anwesen in einer relativ großen pakistanischen Stadt gelebt hat?

Ehrlich gesagt habe ich ihn in einer ziemlich urbanen Umgebung irgendwo in den Stammesgebieten (afghanisch-pakistanische Grenzgebiet) getroffen. Es war keine Überraschung dass er in einem Haus gelebt hat. Von den Audio-und Videobotschaften konnte man darauf schließen dass er Zugang zu Nachrichten hatte. Er war auch nicht in einer Höhle weil wir in den Videos gesehen haben: seine Kleidung war immer sauber und ordentlich. Also nein, mich hat nicht die Art seines Versteckes überrascht. Dass er in Abbottabad war, schon.

Enge Vertraute Bin Ladens wurden in der Vergangenheit meist in Städten wie Abbottabad festgenommen und nicht in den Bergen.

Ja, stimmt. Nehmen Sie z.B. Khalid Sheikh Mohammed, Abu Zubaidah, Ramzi Binalshibh – sie alle wurden in Städten gefasst. 2004 entschieden sich viele al-Qa´ida Führer in die Stammesgebiete abzuwandern. Ganz offenbar hat Bin Laden die gegenteilige Entscheidung getroffen. Es sieht wohl danach aus, dass er irgendwann 2003 in der Grenzregion zu Afghanistan war, aber 2004 oder 2005 in eine Stadt gezogen ist. In den Stammesgebieten ist es durch die Drohnenangriffe nicht mehr sicher, in einer Stadt bemerken aber mehr Leute dass du da bist – beide Verstecke haben Vor- und Nachteile.

Was sind die unmittelbaren Folgen seines Todes für al-Qa´ida?

In meinem Buch „The Longest War“ sage ich, dass Bin Laden und al-Qa´ida schon seit Jahren dabei sind, den Krieg der Ideen in der muslimischen Welt zu verlieren. Umfragen in Indonesien, Saudi-Arabien, Jordanien und Marokko belegen das. Die Unterstützung für al-Qa´ida und ihre Ideen sinkt seit Jahren. Und dann kommt der Arabische Frühling, in dem Bin Laden und al-Qa´ida keinerlei Rolle spielen, und schließlich die Tötung von Bin Laden selbst. Der Arabische Frühling schadet al-Qa´idas Ideologie und Bin Ladens Tod schadet al-Qa´ida als Organisation. Ich denke die Ideologie und die Organisation haben sehr starke Schläge einstecken müssen, von denen sich beide kaum wieder erholen werden.

Ist der Tod Bin Ladens also das Ende des „Longest War“?

Ja, ich denke es bedeutet dass der „Longest War“ kürzer geworden ist. Es bedeutet nicht, dass es keinen dschihadistischen Terrorismus mehr geben wird. Wir sehen diese Bedrohung auch in Deutschland regelmäßig. Letzten Herbst gab es die Terrorwarnungen für Europa und wir werden auch weiter Deutsche sehen, die in die pakistanischen Stammesgebiete reisen, um dort eine Terrorausbildung zu erhalten. Das gleiche gilt für Großbritannien und die USA. Sind diese Leute ein großes Risiko für die nationale Sicherheit der Länder? Nicht wirklich. Wenn sie Glück haben töten sie zwei oder drei Dutzend Menschen. Aber wir wissen dass das weitergehen wird. Und wir wissen vom Beispiel der Baader-Meinhof Gruppe, dass eine kleine Gruppe mit praktisch keiner öffentlichen Unterstützung, dem deutschen Staat gewaltig geschadet hat in den 1970er Jahren. Ich denke aber der „Krieg gegen den Terror“ ist vorbei. Wenn er nicht mit dem Arabischen Frühling vorbei ist und mit dem Tod Bin Ladens, was will dann? Es ist unrealistisch, dass jede Person auf der Welt, die al-Qa´ida angehört oder von ihr inspiriert ist, einfach verschwindet. Das wird nicht passieren. Es gibt immer noch Marxisten auf dem Campus von Universitäten, aber sie sind praktisch irrelevant. Ich denke al-Qa´ida und ihre Idee werden eines Tages auch irrelevant sein. Der Arabische Frühling und der Tod von Bin Laden haben diesen Prozess nur beschleunigt.

Was geschieht jetzt innerhalb der al-Qa´ida? Gibt es Machtkämpfe?

Es wird Diskussionen und Streit darüber geben, wer der Anführer werden soll. Ob es z.B. ein Ägypter wie Ayman Zawahiri sein soll.

Al-Qa´ida hatte fast 10 Jahre Zeit seit dem 11.September für eine Zeit nach Osama Bin Laden zu planen. Trotzdem scheinen sie keinen Notfall-Plan zu haben. Es wurde immer noch kein Nachfolger ernannt.

Wenn man den Nazis beitrat, dann hat man keinen Eid auf die Partei geschworen, sondern einen persönlichen Eid auf Adolf Hitler. Als Hitler starb, ist das Nazitum faktisch mit ihm gestorben. Es ist hier nicht gleich aber doch ähnlich. Bin Laden hat al-Qa´ida 1988 gegründet und es gab seither keinen anderen Anführer. Und es wird keinen neuen Führer wie ihn geben.

Bin Laden ist aus Ihrer Sicht also unersetzbar?

Ja, das denke ich. Wenn man al-Qa´ida beitrat, dann hat man direkt einen Treueschwur auf Bin Laden geleistet und die al-Qa´ida Ableger mussten ihm direkt die Treue schwören, z.B. al-Qa´ida im Maghreb und al-Qa´ida im Irak. Deshalb wird es schwierig sein, Bin Laden zu ersetzen. Was passiert, wenn ein Ableger des Terrornetzwerks keinen Treueid auf Zawahiri leisten will? Wenn sie sagen: Wir sehen in ihm keinen kompetenten, charismatischen, inspirierenden Anführer. Ich glaube deshalb haben sie jetzt einen Übergangs-Führer ernannt. Letztendlich aber wird wohl Zawahiri der Nachfolger Bin Ladens werden.

Aus Ihrer Sicht wäre diese Wahl allerdings schlecht. Sie halten Zawahiri für wenig charismatisch, er ziehe keine neuen Rekruten an.

Richtig, und selbst in seiner eigenen Gruppe – Jihad al-Islami – hat man in ihm keinen geeigneten Anführer gesehen. Er hat die Gruppe gegen die Wand gefahren. Der Grund warum Zawahiri al-Qa´ida beitrat, war Verzweiflun. Er war der Anführer einer Gruppe mit wenigen Mitgliedern, die kaum noch operieren konnte. Zawahiri als Gehirn al-Qa´idas zu bezeichnen halte ich auch für falsch. Vielleicht war das in den 1980er Jahren der Fall, aber seit Ende der 1990er Jahre war Bin Laden der internationale Celebrity, Bin Laden führte al-Qa´ida und es war Bin Laden der Zawahiri unter seine Fittiche nahm und ihn überzeugte dass der wahre Feind die USA sind und nicht das ägyptische Regime.

Einige Experten befürchten eine jüngere, noch radikalere Generation von Dschihadisten könnte nun die Führung al-Qa´idas übernehmen. Was denken Sie?

Es fällt schwer, sich jemanden vorzustellen der noch gewalttätiger ist als Ayman al-Zawahiri und Osama Bin Laden, aber es ist durchaus möglich. Die junge Generation von al-Qa´ida hat die letzten Jahre auf der Flucht und in der Defensive verbracht, was sie natürlich militanter und radikaler macht. Aber al-Qa´ida ist bereits äußert brutal. Außerdem gibt es einen Unterscheid einfach nur gewalttätig sein zu wollen, und in der Lage zu sein, Gewalt wirklich auszuüben. Al-Qa´idas Möglichkeiten dazu sind sehr begrenzt.

Die nächste Generation von al-Qa´ida Führern ist in die Strukturen, die Bin Laden aufgebaut hat, hineingewachsen. Sie ist vertraut mit dem Internet, die Terroristen stammen teilweise aus dem Westen – sind sie auch gefährlicher?

Der tödlichste Terroranschlag in der Geschichte wurde von Osama Bin Laden und Zawahiri von einem Land aus geplant, in dem es kein Telefonnetz gab, schon gar kein Internet. Während das vielleicht zutrifft, was Sie sagen, ist das Internet aber vor allem in unseren Augen nützlich. Letztendlich aber kann man darüber keine Terroristen ausbilden. Man muss sie in Ausbildungslagern trainieren.

Was ist al-Qa´ida heute – wie groß ist das Netzwerk, wie viele Mitglieder gibt es tatsächlich?

Die Kern al-Qa´ida in Afghanistan und Pakistan besteht aus vielleicht 300 oder 400 Terroristen. Al-Qa´ida im Jemen hat ca. 200 bis 300 Mitglieder, die al-Qa´ida nahen Gruppen wie die „Islamische Bewegung Usbekistans“ und die „Islamische Dschihad Union“ haben einige hundert Kämpfer. Die pakistanische Lashkar e-Toiba hat einige tausend, vielleicht sogar zehntausende Anhänger, die pakistanischen Taliban sicherlich zehntausende. Es macht also keinen Sinn al-Qa´ida auf Zahlen zu reduzieren. Al-Qa´ida war schon immer eine kleine Gruppe. Worauf es ankommt, sind die Leute um al-Qa´ida und diejenigen die sich der Ideologie zugehörig fühlen.

Ist al-Qa´ida zu einem Rache-Anschlag für die Tötung Bin Ladens im Stande?

Jeder Anschlag der in den nächsten Jahren stattfinden wird, wird von al-Qa´ida als Rache für Bin Laden bezeichnet werden. Aber ohne seinen Tod hätte der Anschlag vielleicht wegen Guantánamo oder wegen der Bundeswehr in Afghanistan stattgefunden. Sie werden immer einen Grund finden. Al-Qa´idas Möglichkeiten einen Großanschlag als Racheakt auszuüben sind äußert begrenzt. Das war schon so als Bin Laden noch lebte, das ist auch jetzt so wo er tot ist.

Im März tötete ein junger Deutsch-Kosovare in Frankfurt zwei US-Soldaten, er war kein Mitglied einer Terrorgruppe, aber wohl von der Ideologie beeinflusst. Was ist gefährlicher – al-Qa´ida die Organisation oder al-Qa´ida die Ideologie?

Wie viele Menschen hat er in Frankfurt getötet?

Zwei Amerikaner, ein dritter ist weiterhin in einem kritischen Zustand.

Wie viele Menschen werden jedes Jahr in Deutschland getötet? Ich weiß es nicht, aber ich will damit sagen, dass diese „Einsamen Wölfe“ nicht so relevant sind. Der „führerlose Dschihad“ ist ein Phänomen das nunmal auftritt. Ein „einsamer Wolf“ wie Arid Uka oder der Mann der Theo van Gogh ermordete, kann vielleicht ein oder zwei Leute töten aber es bedarf einer Organisation für größere Terroranschläge. Uns sollten nicht jene Sorgen bereiten die ein paar Menschen töten wollen, sondern die Dutzende oder hunderte ermorden wollen. Und in diesen Fällen ist meist eine Organisation involviert, und der Anführer der Terrorzelle wurde in einem al-Qa´ida Lager ausgebildet. Die echte Gefahr droht weiter von den Organisationen. Al-Qa´ida auf der Arabischen Halbinsel ist eine Organisation der es fast gelungen ist eine Passagiermaschine über Detroit in die Luft zu jagen. Der Attentäter war kein einsamer Wolf, er war Teil einer Organisation. Glücklicherweise sind diese Organisationen geschwächt. Die Ideologie ist jedoch immer Grund zur Sorge.

Al-Qa´idas Terrorausbildung findet in erster Linie im pakistanischen Nord-Waziristan statt. Wenn die USA jetzt al-Qa´ida den Todesstoß versetzen wollen, müsste man nicht dieses Gebiet als Terrorsumpf austrocknen?

Da stimme ich zu. Am Ende des Tages ist das Problem der sichere Hafen für Terroristen in Nord-Waziristan. Die amerikanischen Drohnenangriffe tun einiges, um die Terroraktivitäten dort einzudämmen. Al-Qa´ida ist unter Druck, aber dieser Druck muss erhöht werden.

Wird al-Qa´ida in ihrer nächsten Veröffentlichung den neuen Anführer verkünden?

Ja, und ich denke es wird Ayman al-Zawahiri sein. Er ist kein guter Manager für die Organisation sein und im Laufe der Zeit wird al-Qa´ida deshalb immer mehr an Bedeutung verlieren.

Bin Laden-Son´s Letter About Father´s Death

by Florian Flade

Letter signed by Omar Bin Laden

For the first time since US Special Forces killed al-Qaida leader Osama Bin Laden nearly one week ago, relatives of the most-wanted terrorist have issued a statement on his death. A blog operated by one a former Jihadi colleague of Osama Bin Ladens, released a document yesterday allegedly written by the sons of the al-Qaida founder. The letter bears the signature of Osama Bin Laden´s fourth son, Omar.

„We have received the news given by US-President Obama that US troops attacked the compound of our father, Osama Bin Laden (…) and killed him instead of arresting him“, reads the single-page letter. The killing of Bin Laden is regarded by the family as the „strongest violation of human feelings“, according to the document. Now, the letter says, President Obama is obliged to fully investigate the fate of Osama Bin Laden and release the DNA analysis.

Dumping Bin Ladens body in the sea is „not acceptable from humanitarian and religious standpoint“, it is described as a „reckless and abusive towards the family“. The feelings of hundreds of millions of Muslims were hurt by this action, the Bin Laden son writes. As children of Osama Bin Laden, his sons now feel the responsibility and right to demand full investigation into the death of their father.

The letter, who´s authenticity cannot be independently verified was signed by Omar Bin Osama Bin Laden. Other sons of the al-Qaida leader, are not named although the document claims to speak in their name. At least five of the ten known sons of Osama Bin Laden have turned their back on their father and his violent campaign of terrorism. They no longer belong to the al-Qaida circle and left Bin Laden years ago. One of the sons, 24 year-old Ali, was sentenced to 18 years in prison by a Saudi court in 2008 for illegal possession of a gun.

The alleged author of the newly released statement, Omar Bin Laden, was born in 1981 in the Saudi coastal town of Jeddah. He is the son of Osama Bin Laden and his Syrian wife Najwa Ghanem. Omar left his father in 2001 and is an outspoken critic of al-Qaida´s terrorism. Due to his renunciation of Jihad, he was able to regain his Saudi citizenship. Meanwhile Omar Bin Laden is married to a British woman in his second marriage and is seeking to obtain a permission to move to a European country or the United States.

In 2009 Omar Bin Laden and his mother wrote a biographical book titled „Growing Up Bin Laden“, in which both describe their lives as relatives of World´s most-wanted man.

Omar´s alleged letter about his father´s death was published on the webiste run by the former Egyptian Jihadi fighter Abu Walid al-Masri. Al-Masri, born in 1945 in Egypt allegedly worked for Mercedes Benz in Kuwait before joining the Arab Mujahidin in Afghanistan in their fight against the Soviets in the 1980s. He worked as a journalist, reporting about the Jihad news from the frontlines. During that time Al-Masri met Osama Bin Laden.

He claimed he was never part of al-Qaida and strongly criticized the organization´s violent agenda. One of Al-Masri´s daughters is allegedly married to Saif al-Adl, who had been living in Iran and is now said to be part of the al-Qaida infrastructure in the Pakistani tribal areas of North-Waziristan, acting as Al-Qaida´s Military Chief.

Abu Walid al-Masri, living under house arrest in Iran for some years, is an active blogger, release comments on Muslim affairs and the war in Afghanistan on a regular basis on his Arabi-language website.

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von Florian Flade

Erstmals seit der Tötung des al-Qaida Führers Osama Bin Laden vor knapp einer Woche, haben sich Verwandte des Dschihad-Führers in einem Brief offenbar zu Wort gemeldet. Auf einer von einem ehemaligen Kampfgefährten Bin Ladens betriebenen Webseite erschien gestern ein Dokument, das von den Söhnen des Al-Qaida Gründers verfasst worden sein soll. Das Schriftstück, das mir vorliegt, trägt die Unterschrift von Bin Ladens viertem Sohn, Omar (30).

„Wir haben mit Bedauern die Nachricht des US-Präsident Obama erhalten, dass US Truppen das Haus unseres Vaters, Osama Bin Laden, angegriffen haben (…) und ihn töteten anstatt ihn festzunehmen“, heißt es in dem einseitigen Dokument. Die Tat wird insbesondere mit Blick auf die in Bin Ladens Versteck anwesenden Familienmitglieder als „schwerste Verletzung menschlicher Gefühle“ beschrieben. Es sei nun die Pflicht von Präsident Obama, das Schicksal Bin Ladens aufzuklären und DNA Beweise vorzubringen, heißt es weiter.

Aus „humanitärer und religiöser Sicht ist es nicht akzeptabel“, so der Verfasser des Briefes, die Leiche Bin Ladens nicht an die Familie zu übergeben, sondern sie im Meer zu versenken. „Diese Vorgehensweise ist rücksichtslos und beleidigend gegenüber seiner Familie“, schreiben die Söhne Bin Ladens. Als Kinder von Osama Bin Laden behandelte man sich nun das Recht vor, auf Aufklärung zu drängen, um das Schicksal des al-Qaida Führers aufzuklären.

Unterzeichnet wurde das Dokument, dessen Authentizität „Welt Online“ nicht bestätigten kann, von Omar Bin Osama Bin Laden. Weitere Söhne Bin Ladens, in deren Namen der Brief verfasst sein soll, werden nicht genannt. Mindestens fünf der insgesamt zehn bekannten Söhne Osama Bin Ladens, haben sich vom Vater losgesagt und leben nicht mehr im Umfeld der Al-Qaida. Ein Sohn, der 24jährige Ali, wurde 2008 von einem saudi-arabischen Gericht zu 18 Jahren Haft wegen Waffenbesitz verurteilt.

Der angebliche Verfasser des nun aufgetauchten Briefes, Omar Bin Laden, kam 1981 in der saudiarabischen Hafenstadt Dschidda zur Welt und ist ein Sohn Osama Bin Ladens und der Syrerin Najwa Ghanem. Er kehrte der Gewalt der al-Qaida den Rücken und verließ seinen Vater 2001. Ihm gelang es, durch die klare Loslösung von seinem Vater und der Kritik am blutigen Terror der al-Qaida, die saudi-arabische Staatsbürgerschaft wieder zu erlangen. Inzwischen ist Omar Bin Laden in zweiter Ehe mit einer Britin verheiratet. 2009 verfasste er zusammen mit seiner Mutter das Buch „Growing Up Bin Laden“, in dem er seine Erlebnisse als Sohn des meistgesuchten Terroristen der Welt schildert.

Veröffentlicht wurde der angebliche Brief der Bin Laden Söhne, den Omar Bin Laden unterzeichnet haben soll, auf der Webseite des ehemaligen ägyptischen Dschihad-Kämpfers Abu Walid al-Masri. Al-Masri, der 1945 in Ägypten geboren worden sein soll und angeblich eine Zeit lang für Mercedes Benz in Kuwait tätig war, zog in den 80er Jahren als einer von hunderten arabischen Freiwilligen in den Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan. Er berichtete als Journalist der Mudschaheddin über die Ereignisse an der Front und lernte dabei wohl auch Osama Bin Laden kennen.

Nach eigener Aussage war al-Masri nie Teil von al-Qaida sondern wandte sich sogar gegen die Methoden des Terrornetzwerkes. Ein Tochter al-Masris soll verheiratet sein mit Saif al-Adl, dem mutmaßlichen Militärchef von Al-Qaida, der ebenfalls aus Ägypten stammt und einst ein Oberst der Streitkräfte war. Abu Walid al-Masri soll seit einigen Jahren im Iran unter Hausarrest leben. Von dort aus betreibt er ein arabischsprachiges Blog, auf dem er regelmäßig Kommentare zum Krieg in Afghanistan abliefert.