Schlagwort-Archive: Ostafrika

Plötzlich Top-Terrorist

von Florian Flade

Es war der 16. Juni, als Hamid A. (Name geändert) zum ersten Mal jenes Foto sah, das eigentlich einen weltweit gesuchten Islamisten zeigen sollte – stattdessen aber ihn abbildete. Ein Freund hatte ihm den Link zu einem Online-Nachrichtenartikel geschickt. Dort waren zwei Fahndungsfotos zu sehen, die denselben Mann zeigen sollten: Emrah E., den meistgesuchten deutschen Terroristen . Allerdings war nur auf einem der beiden Bilder der Al-Qaida-Mann E. zu sehen. Auf dem anderen: Hamid A.

Wie konnte sein Foto, das nicht nur „Welt Online“ verwendete, sondern das über die Nachrichtenagentur AFP in die ganze Welt verbreitet worden war, zum Fahndungsfoto für einen gefährlichen Terroristen werden?

Kenianische Polizei präsentiert falsches Foto

Die Geschichte des falschen Fotos beginnt in Kenia. Dort fahndete die Polizei im Mai und Juni nach dem Islamisten Emrah E. aus Wuppertal, der im Frühjahr 2011 von Pakistan nach Somalia gereist war. Die Geheimdienste in der Region vermuteten, dass der deutsche Terrorist im Mai dieses Jahres über die Grenze nach Kenia eingereist war, möglicherweise um Anschläge zu begehen.

Bei einer Pressekonferenz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi präsentierte die Polizei zwei Fahndungsfotos des gesuchten Deutschen – wobei das eine eben nicht Emrah E., sondern Hamid A. zeigte.

Ein Fotograf der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) lichtete die Bilder ab und übernahm den Hinweis der kenianischen Polizei wortwörtlich: „Eine Kombo von undatierten Fahndungsfotos, veröffentlicht von der kenianischen Polizei am 13. Juni 2012, zeigt Emrah E., einen deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft, der in Kenia aufgrund von Verbindungen zur somalischen Al-Schabaab Miliz gesucht wird.“ Das Foto gelangte in die internationale Datenbank von AFP und wurde als Doppel-Portrait dutzendfach verbreitet, nicht nur in Afrika, sondern auch in englisch- und arabischsprachiger Presse weltweit.

„Ich kenne Emrah E. nicht“

Seither quält Hamid A. die Frage, wie es zu dieser verhängnisvollen Verwechselung kam. Bis heute vermag er das Bild nicht zuzuordnen. „Ich kann mich nicht erinnern, wo oder wann das Foto gemacht wurde“, sagt A. „Es ist auf jeden Fall nicht mit meinem Einverständnis entstanden.“

Wie also entstand das Bild des Stuttgarter Studenten, der nebenbei bei einem großen Sportfachhandel arbeitet? Wer hat es aufgenommen? Wer gab es weiter an kenianische Sicherheitsbehörden? Und warum wurde es weitergegeben?

Eine Möglichkeit ist, dass Hamid A. vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Verdächtige Personen verdeckt zu fotografieren, ist nicht unüblich, sondern eher das Alltagsgeschäft der Geheimdienste. Beim Gespräch im Café, im Restaurant oder in der Moschee können solche Fotos entstehen. Weshalb aber sollte sich der Verfassungsschutz für Hamid A. interessieren?

Einen wirklich nachvollziehen Grund gibt es dafür nicht. Hamid A.s Familie hat keine Kontakte in die Terroristenszene, wie der Student beteuert. Ja, mehrfach sei er mit der Familie nach Saudi-Arabien gereist, um dort die Umrah zu machen, die sogenannte „Kleine Pilgerfahrt“. Doch das ist nichts Ungewöhnliches, hunderte Muslime aus Deutschland machen die spirituelle Reise jedes Jahr. Gläubig sei er, so A., aber auf keinen Fall ein Extremist.

„Mir ist völlig schleierhaft, warum mich ein Geheimdienst observieren oder fotografieren sollte“, sagt A. „Welt Online“.“ Ich kenne Emrah E. nicht, habe ihn nie getroffen. Ich habe keine Terroristen-Freunde und war noch nie in Somalia oder Kenia.“ Er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen.

BKA gab Foto nicht weiter

Dann ist da noch die Frage, wie das Foto vom „falschen“ Emrah E. nach Ostafrika kam. Auch das ist nicht leicht nachzuvollziehen. Der direkte Dienstweg wäre wohl über das Bundeskriminalamt (BKA). Das BKA verfügt über sogenannte Verbindungsbeamte in zahlreichen Ländern. Diese Polizisten sind zuständig, sollte eine Fahndung über die Landesgrenzen hinaus verlaufen, oder eine Person mit Deutschlandbezug gesucht, verhaftet, entführt oder getötet werden.

Übermittelte also das BKA versehentlich echte Fotos von Emrah und das Foto von Hamid A.? Verwechselte der zuständige Beamte die Aufnahmen, weil sich beide Männer auf den ersten Blick leicht ähnlich sehen?

„Welt Online“ fragte beim BKA nach, doch dort winkt man ab.“Wir haben das Foto nach ersten Erkenntnissen nicht weitergegeben“, erklärte ein Sprecher des BKA. Nach Informationen von „Welt Online“ schickte das Amt allerdings sehr wohl die echte Fotoaufnahme von Emrah E. nach Kenia. Woher aber stammt das Foto von Hamid A.?

„Etwas gewaltig schief gelaufen“

Es scheint ausgeschlossen, dass die kenianischen Geheimdienste eigenständig an das Foto von A. gelangten. Möglich ist, dass ein Geheimdienst eines dritten Landes über Erkenntnisse zu A. und auch über ein verdeckt aufgenommenes Foto verfügt. Aufgenommen etwa während der Pilgerfahrt des Stuttgarters in Saudi-Arabien.

Es sei keine Frage, so heißt es in Sicherheitskreisen: „Da ist etwas gewaltig schief gelaufen“.

Was auch immer schief lief, Hamid A. erhofft sich eine Klarstellung. Er fürchtet um seine berufliche Zukunft und fühlt sich diffamiert. „Ich wünsche mir, dass es aufgeklärt wird und erwarte eine Erklärung“, so der Stuttgarter. Nur weiß er bis heute nicht, von wem die kommen soll.

Werbeanzeigen

„Ey, was ist mit Allah?“

von Florian Flade

Emrah E. aus Wuppertal war Deutschlands meistgesuchter Terrorist – bis er vor knapp einer Woche in Ostafrika festgenommen wurde. Salafisten-Karrieren wie die seine, will die Politik nun verstärkt verhindern. Fraglich bleibt, ob dies mit großangelegten Razzien und Vereinsverboten, wie in der vergangenen Woche geschehen, erfolgreich sein kann.

____________________________________

Weiterlesen

AQAP´s Nächstes Ziel: New York?

by Florian Flade

Findet der nächste Al-Qaida Anschlag zehn Jahre nach 9-11 erneut in New York City statt? In der beinahe alltäglichen Propaganda und permanenten Drohkulisse liefern die Terroristen nun einen Hinweis – die Macht der Symbolik sollte nicht unterschätzt werden.

Links Ausschnitt aus Inspire 2: Chicago – Rechts Ausschnitt aus Inspire 5: New York

Vor wenigen Tagen veröffentlichte der jemenitische Ableger Al-Qaidas, die „Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP), die neuste Ausgabe ihres englischsprachigen Internetmagazins „Inspire“. Neben der üblichen Propaganda und den Essays bekannter Prediger und Ideologen, findet sich auch eine zunächst als wenig bedeutsam erscheinende Aufnahme der New Yorker Skyline. Das Foto auf Seite 22 des dschihadistischen Blattes wäre nicht erwähnenswert, hätte AQAP nicht in der Vergangenheit genau durch einen solchen Hinweis einen Anschlag angekündigt.

Anfang Oktober 2010 erschien die zweite Ausgabe von „Inspire“. Darin fand sich, – ebenfalls ohne konkreten Zusammenhang – ein Foto der Skyline von Chicago in ähnlicher Aufmachung. Nur knapp zwei Wochen nach der Veröffentlichung von „Inspire 2“, am 29.Oktober 2010, verhinderten Sicherheitskräfte in Dubai und Großbritannien eine Anschlagsserie der jemenitischen Al-Qaida mit Paketbomben.

Die mit Zeit- und Mobilfunkzündern ausgestatteten Sprengsätze, versteckt in einem Drucker und einer Druckerpatrone, waren in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa als Paketsendungen aufgegeben worden. Ihr Zielort: Synagogen in der Metropole Chicago.

Will Al-Qaida diesmal erneut warnen und darauf hindeuten, dass New York das nächste Ziel eines Anschlages werden könnte? Die Fotoaufnahmen der US-Metropolen in dem Terror-Magazin ähneln sich, so dass ein Zufall ausgeschlossen werden kann. In beiden Fällen sind sie das Deckblatt einer schriftlichen Anleitung für terroristisches Handeln.

Nicht zu unterschätzen bleibt, dass Al-Qaida um die bloße Wirkung von Panik und Drohungen weiß. Der mutmaßliche Macher von „Inspire“, Samir Khan, ein pakistanisch-stammiger US-Staatsbürger, lebte seit 1993 Jahre in New York City. Er reiste vor wenigen Jahren in den Jemen und schloss sich der dortigen Al-Qaida an. Khan, dessen ehemalige islamistische Webseite ein ähnliches Layout hatte wie das „Inspire“-Magazin, ist sich vermutlich vollends bewusst, was eine erneute Platzierung einer konkreten US-Stadt in der neusten Ausgabe des Propaganda-Magazins auslösen könnte.

Zu beachten ist: die neueste Ausgabe von „Inspire“ war bereits knapp zwei Wochen vor der Veröffentlichung im Internet fertiggestellt und wurde über verschiedene Upload-Services vervielfältigt. Weshalb die Verzögerung von der Fertigstellung bis zur Veröffentlichung? Sind eventuell Anschlagspläne für New York schon in der Umsetzung?

Dass der Al-Qaida Ableger im Jemen derzeit von westlichen Sicherheitsdiensten als gefährlichste und auch kreativste Zweigstelle des Terrornetzwerkes ausgemacht wurde, steht spätestens seit dem gescheiterten Attentat des Nigerianers Umar Farouk Abdulmutallab fest. Der im Jemen ausgebildete Bankierssohn hatte Sprengstoff in seiner Unterwäsche an Bord einer amerikanischen Passagiermaschine geschmuggelt und wollte sich über Detroit in die Luft sprengen.

Jüngst meldeten amerikanische Medien unter Berufung auf Behördenkreise, die jemenitische Al-Qaida soll aktuell fieberhaft an Plänen für Attentate in den USA arbeiten. US-Geheimdienste hätten Informationen zusammengetragen, die vermuten ließen, Al-Qaidas jemenitischer Zweig stünde kurz davor Anschläge durchzuführen. „Wir sind auf einer hohen Alarmstufe und sind dies seit geraumer Zeit aufgrund der Al-Qaida im Jemen“, zitierte die Washington Post einen anonymen Mitarbeiter eines Geheimdienstes.

Größte Sorge mache man sich in Washington derzeit über die Unruhen in Nahost, berichtete die Zeitung weiter. Im Jemen könne Al-Qaida vom Sturz des Regimes profitieren und sich weiter ausbreiten, heißt es. „Al-Qaida im Jemen ist der aktivste Ableger des Netzwerkes“, so der Sprecher des National Security Council, Tommy Vietor.

Erst in der vergangenen Woche hatten die US-Behörden den Chef-Bombenbauer der jemenitischen Al-Qaida, Ibrahim Hassan al-Asiri, der auch die Paketsprengsätze aus dem vergangenen Jahr konstruiert haben soll, offiziell als Terrorist deklariert. Al-Asiris Bruder hatte 2009 versucht den saudi-arabischen Innenminister Prinz Najef mit einem im Körper versteckten Sprengsatz, zu töten.