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Das „Grüne Buch“ – Gaddafis Weltbild

by Florian Flade

Was ist Gaddafis „Grünes Buch“? Bei jeder Gelegenheit liest der libysche Despot aus seinem eigenen Werk – so auch bei einer Fernsehansprache am Dienstag. Doch was steckt hinter der mysteriösen Schrift, für die einst sogar eine deutsche Eishockey-Mannschaft warb?

Das „Grüne Buch“ stets zur Hand – Muammar al-Gaddafi in TV-Ansprache am 22.Februar

Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi trotzt dem Volksaufstand in seinem Wüstenreich. Während in den Straßen Libyens Menschen sterben und das Regime stückweise aufzulösen beginnt, droht Gaddafi, er werde notfalls als „Märtyrer“ sterben. Bei einer Fernsehansprache aus seinem einst von den USA bombardierten Anwesen, verhöhnte er die libyschen Demonstranten am vergangenen Dienstag als „Ratten“ und „Drogenabhängige“.

Wie so oft, nahm Gaddafi bei dieser Gelegenheit ein grünes Buch zur Hand, aus dem er wie ein Pastor während der Predigt, vorlas. Die Schrift, vom Despoten selbst verfasst, bietet einen Einblick in die wirre Gedankenwelt des libyschen Herrschers.

Das legendäre „Grüne Buch“ wird als Revolutionsschrift, als eine Art libysche Mao-Bibel, verstanden. Gaddafi veröffentlichte das dreiteilige Werk zwischen 1976-1979 und ernannte es zum Leitfaden seiner panarabischen Politik. Es sollte über Libyen hinaus zu einer globalen Kampfschrift einer abstrusen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Utopie werden, die ähnlich wie das „Kommunistische Manifest“ Völker weltweit inspirieren sollte.

Das „Grüne Buch“ beschreibt Gaddafis Deutung von politischen Systemen, Gesellschaft und Volkswirtschaft. Es enthält seine Theorien zu einem neuen Ordnungssystem. Der Despot nennt das Werk selbst die „Dritte Universaltheorie“, seine Vorstellung von einer Alternative zu Marxismus und Kapitalismus. „Das Grüne Buch präsentiert die ultimative Lösung des Problems des Instruments Regierung“, so erklärt Gaddafi seine angeblich wegweisende Schrift, „es zeigt den Massen den Weg, den sie einschlagen können, von einer Zeit der Diktator zu der einer wahrhaften Demokratie.“

Gaddafi publizierte das „Grüne Buch“ in drei Teilen. Am 02.Februar 1976 erschien der erste Teil mit dem Titel „Die Autorität des Volkes“, und dann im Abstand von jeweils einem Jahr folgten „Die Lösung des ökonomischen Problems: Sozialismus“ und „Die soziale Basis der Dritten Internationalen Theorie“.

An einigen Stellen beschreibt Gaddafi in seinem Buch tatsächlich politische und ökonomische Ansätze. Beispielsweise heißt es, eine parlamentarische Demokratie sei in Wahrheit eine Diktatur, weil ein Kandidat bei einer Wahl bereits mit 51 Prozent der Stimmen über das Schicksal des Volkes bestimmen könne. Als Alternative führt Gaddafi sein Konzept der „Volkskonferenzen“ und „Volkskommittees“ an, eine Form der Massendemokratie, die er formal in Libyen einführte, jedoch nie praktisch umsetzte.

In seiner Beschreibung einer Ideal-Gesellschaft erläutert der Despot unter anderem die Stellung von Frauen, die Rolle von Sport, Erziehung und Musik. „Der Stamm“ wird in diesem dritten Teil des „Grünen Buches“ von Gaddafi als „besser als die Nation“ beschrieben. Nur Familienbände seien noch wichtiger als die Stammeszugehörigkeit.

Teils wirr und widersprüchlich, führt Gaddafi an mehreren Stellen des „Grünen Buches“ offensichtlich überflüssige und kaum näher erläuterte Feststellungen an. Zum Beispiel heißt es über die Geschlechter: „Frauen sind Weibchen und Männer sind Männchen. Laut der Gynäkologen menstruieren Frauen jeden Monat während Männer, die ja männlich sind, nicht menstruieren oder unter der monatlichen Periode leiden.“

In Libyen wurde dem „Grüne Buch“ Verfassungsrang verliehen. Die Schrift ist Pflichtlektüre in Schulen und Universitäten. In der Hauptstadt Tripolis rief Gaddafi gar ein „Internationales Institut zur Erforschung und Verbreitung des Grünen Buches“ ins Leben, das mit Staatsgeldern an der globalen Publikation der „Grünen Buches“ mitarbeitete. Eine deutsche Übersetzung der Schrift erschien bereits 1988 und wurde im Jahr 2000 unverändert neu aufgelegt. Im Internet findet sich das „Grüne Buch“ inzwischen in englischer Übersetzung im Volltext frei verfügbar.

Der deutsche Eishockey-Club ECD Iserlohn warb kurioserweise in der Spielseason 1987 auf seinen Trikots für das „Grünes Buch“. Heinz Weifenbach, der Präsident des Clubs, flog mit einer Gruppe ausgewählter Journalisten nach Libyen, um für den von Steuerschulden angeschlagenen Sportverein, einen neuen Sponsor zu gewinnen. Staatschef Muammar al-Gaddafi versprach den deutschen Sportlern über eine Millionen Mark, sollten diese auf ihren Trikots künftig Werbung für das „Grüne Buch“ machen.

Am 04.Dezember 1987 trugen die Spieler des ECD Iserlohn dann auch tatsächlich bei einem Spiel gegen Rosenheim die Revolutionsschrift des libyschen Diktators zur Schau. Was folgte war harsche Kritik, vor allem von Seiten des damaligen Innenministers Friedrich Zimmermann (CSU), der die Neutralität des Sportes mit diesem politischen Statement gefährdet sah. Daraufhin verzichtete der Eishockey-Club im folgenden Spiel auf die Gaddafi gesponserten Trikots. Nur eine Woche, nach dem geglückten PR-Coup, gab ECD Iserlohn bekannt, finanziell am Ende zu sein und keine Spiele mehr bestreiten zu können.

Dr.Heiner Lohmann, Islamwissenschafter und Soziologe aus Münster, übersetzte das „Grüne Buch“ ins Deutsche und verfasste seine Dissertation über das Werk des libyschen Despoten. Er kennt die utopischen Gedanken Gaddafis und hält das „Grüne Buch“ für ein eindeutiges Zeugnis des vorzeitlichen Weltbildes des libyschen Staatschefs.

Das „Grüne Buch“ sei lange fälschlicherweise für eine politische Kampfschrift gehalten worden, sagte mir Dr.Lohmann. Tatsächlich aber sei das Buch nicht vergleichbar mit den Schriften von Marx, Mao oder Hitler. „Was Gaddafi geschaffen hat, ist ein beduinischer Mythos der Herrschaftsfreiheit und der Subsistenzwirtschaft und der gegenseitigen Hilfe unter Verwandten“, so Dr.Lohmann, „Das „Grüne Buch“ ist etwas regionales, ein narrativer, sehr auf Libyen bezogener Mythos.“

Das Buch beinhalte Widersprüche und sei beinahe unverständlich geschrieben. „Es ist wie ein religiöser Text: undurchsichtig und sehr inspirierend“, erklärt der 59jährige Islamwissenschaftler. „Das “Grüne Buch” ist eine illusionäre Weltdeutung. Die Botschaft ist: die ganze Welt besteht aus Stämmen“, so Dr.Lohmann, „Gaddafi kann überhaupt nicht unterscheiden, zwischen einer beduinischen Stammesgesellschaft und den parlamentarischen Demokratien bei uns. Das versteht Gaddafi überhaupt nicht.“

Das als Revolutionsfibel propgagierte „Grüne Buch“ floss letztendlich auch kaum in die reale politische Entwicklung Libyens unter Gaddafi ein. Eine Volksdemokratie, wie er sie im „Grünen Buch“ preist, schuf Gaddafi nie, regierte stets als alleiniges Oberhaupt des libyschen Staates und verteilte Machtpositionen an Mitglieder seines Familienklans.

„Gaddafi hat immer behauptet: was ich in Libyen mache, ist das was ich im „Grünen Buch“ geschrieben habe“, so Dr.Lohmann,, „Aber er hat es auf keinen Fall umgesetzt. Er hat genau das Gegenteil gemacht (..) Die Realpolitik die er betrieben hat, steht im krassen Widerspruch zu seiner Weltanschauung, die im „Grünen Buch“ hinterlegt ist.“

Der libysche Diktator präsentiere das Buch, wie ein „Evangelium, dem man nicht widersprechen kann“, so der Islamwissenschaftler Dr.Lohmann. Gaddafi sei davon überzeugt, das von ihm beschriebene System sei die Heilslehre für die gesamte Menschheit. „Das ist eine illusionäre Weltdeutung, total naiv, auf dem Niveau eines siebenjährigen Kindes“, meint Dr.Lohmann, „Daher kann er das argumentativ auch nicht begründen.“

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Egypt At The Crossroads

by Florian Flade

There is a joke circulating on the Internet about the ongoing protests in Egypt against the Mubarak-Regime, now reaching the 11th day. It is a fictional phone conversation between the US President and Egypt´s leader.

Obama: „Hosni, you should send a farewell note to the Egyptians and say Goodbye.“

Mubarak: „Why? Where are they going?“

There couldn´t be more truth in a statement. Hosni Mubarak is just not giving up, he still remains in power and even justifies his decision of not stepping down by warning the world of an Egypt without him in power. „If I resign now…there will be chaos“, the Egyptian President told ABC´s Christiane Amanpour in a rare face-to-face interview in his palace.

Nevertheless, the 30-year ruling leader of Egypt did not totally ignore the millions out on the streets calling for the overthrow of his regime. Mubarak did react but he did not meet the demands of his people. „We want an overthrow of the system!“ – the mob screams – „Mubarak no more!“ As a first reaction to the violent protests, the President did announce he would form a new government and appoint new ministers.

One of these new faces of the same old regime is Ahmed Shafiq, the newly appointed Prime Minister. Shafiq is the former Minister of Aviation, was a pilot in the Egyptian Airforce and is regarded by many as a war hero. In the October War of 1973, Shafiq served as a figher jet pilot under then Chief of Airforce, Hosni Mubarak. He shot down two Israeli airplanes and was later awarded though Egypt lost the war against the Israelis. Between 1996 and 2002 he was the commander of the air force.

Mubarak also appointed a new Vice-President, the former head of intelligence Omar Sulaiman – he is now Egypt´s first Vice-President since 30 years. Sulaiman is a military man, too – educated in Egypt and Moscow – but is also a good friend of the United States and was Washington´s man in Egypt during the times of the secret rendition program of the CIA. As part of America´s War on Terror, al-Qaida suspects were captured and flown to secret prisons were they were questioned and tortured by US agents and their local allies.

The two new faces of the Egyptian leadership are Mubarak´s attempt to calm down the protesting masses in the streets of Cairo, Alexandria and Suez. Those demanding a real regime-change were not welcoming Mubarak´s announcement of re-structuring a new government. „We want the regime to change, not its colour!“ – Egyptians answered.

All the signs are now indicating Mubarak is preparing for a regime-change, meaning he will leave power at a time which seems appropriate to him. In 1969 the Soviet-educated soldier Mubarak became head of the Egyptian Airforce and served as a general during the war with Israel in 1973. Two years later, Mubarak was named Vice-President to Anwar al-Sadat. When Sadat was assassinated in 1981, Vice-President Mubarak became President Mubarak – „father of all Egyptians“.

The Vice-President in Egypt is traditionally seen as the new leader taking over from the ruling person. Could that mean Mubarak will leave office and 74 year-old Sulaiman is then named President? This would in no way satisfy those millions of Egyptians protesting against the old system. What they want is a democratic vote on their new leader.

A great obstacle of the opposition-movement is the question of who would lead a new government. Their is no real leader figure among those opposing Hosni Mubarak. Muhammad ElBaradei is a popular politician but insiders think he would rather like to remain a symbol than a real acting leader.

Without any doubt, the Mubarak regime will collapse in the weeks to come. Eleven days of protest, violence, worldwide media attention and steady pressure on the President to act according to the will of the people will eventually lead to a new Egyptian leadership. It is legitimate to say, Egypt has several options of shaping its future. Basically three options are on the table for the Post-Mubarak Egypt.

„The Turkish Way“

Egypt could follow the Turkish Example and turn into a Muslim Democracy with a powerful military defending the state values and constitution against Islamist forces. This would mean the torture in the prisons continues, the military´s position would be strengthened and Generals would occupy powerful political offices.

The peace-treaty with Israel would remain in place when a military-dominated government takes over. Foreign policy would be kept in the hands of the military which would take all necessary steps to avoid religious forces to influence the relationships with other states, especially the European Union and the United States.

„The Iranian Way“

An Egyptian Islamic Revolution of an Iranian-model is a very unlikely outcome of the current uprising. Many factors in today´s Egypt do not match the situation of Iran back in 1979. Just take a look at the opposition elements: Egypt´s opposition does not have a Khomeini-figure living in exile, prepared and ready to take over the country.

Egypt´s youth has witnessed the results and the bloody reality of a theocratic regime on Al-Jazeera during protests in Iran after the 2009 elections. There is no majority in Egypt who would agree to be ruled by religious authorities. The Islamic Revolution of 1979 is no role model for Egypt in 2011.

Even the Muslim Brotherhood, Egypt´s largest opposition party, have distanced themselves from the Iranian Mullah-regime. In Western Media, the Muslim Brothers are commonly referred to as Islamists and fundamentalists – the reality is somewhat different. Decades of political and social events have created a different Muslim Brotherhood then the one promoted by Hassan al-Banna and Sayyid Qutb.

„The Burmese Way“

No other native force accept for the military is able to shape Egypt´s future right now. When Mubarak´s policemen were clashing with protesters, the people called for the army to intervene. Soldiers and their leadership harbor the sympathies of many Egyptians. If the mob is able to pull the military onto its side – then the security forces loyal to Mubarak have no other option than to retreat.

Up to this point the Egyptian military leadership has not clearly announced which side they are supporting. They wouldn´t fire at protesters, soldiers said, but on the other hand they are securing the Presidential palace. A Coup is highly unlikely because Mubarak himself is a military man and therefore the military in-fact is in power right now. Would could though, is Generals taking over all political power. Egypt´s highest ranking military leaders could install a council of Generals ruling in a way similar to how Myanmar (former Burma) is governed.

This solution is probably not welcomed by the majority of Egyptians – but the military could still try to convince the opposition forces that they are part of the new government and in fact able to make political decisions. If the Generals are able to assure more freedom, a brighter economic future and an end to police brutality, torture and the oppression of critics, a certain percentage of Egyptians would possibly support a military dictatorship consisting of not one but many leaders and decision-makers.

„Es fühlt sich an wie vor Oklahoma-City“ – Interview mit Mark Potok

by Florian Flade

Jared Loughner – Todesschütze von Tucson

Eine Woche nach den tödlichen Schüssen auf die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Gifford in Tucson (Arizona) wird das letzte Opfer des Amokschützen Jared Loughner zu Grabe getragen. Amerika fragt sich, ob der Mord an sechs Menschen eine politisch motivierte Tat war, der Beginn einer Serie regierungsfeindlicher Gewalt.

Die Linke wirft den konservativen Republikanern vor, die Politik vergiftet zu haben und im Präsidenten ein Feindbild zu erzeugen, das es gewaltsam zu bekämpfen gilt. Das Vertrauen in die Regierung schwindet, Rassisten sehen sich beflügelt durch eine Anti-Obama Welle und Washington wird zum Sumpf politischen Versagens und einer bürgerfremden Politik erklärt. War Tucson die erste Eruption einer brodelnden Bevölkerungsschicht, in der Teile für den Tod des Präsidenten beten und andere sich bis an die Zähne bewaffnen und Bürgermilizen gründen um ihr Land vor Immigranten und dem schwarzen Präsidenten zu schützen?

Mark Potok gilt als führender Experte des amerikanischen Rechtsextremismus. Der Direktor des Southern Poverty Law Center (SPLC) in Alabama spricht im Interview über das Tucson-Attentat, Amerikas wachsenden Rechtsextremismus und einen Hass auf Präsident und Regierung der inzwischen mehrheitsfähig geworden ist.

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Herr Potok, nach dem tödlichen Schüssen auf die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords, sagte der zuständige Sheriff von Tucson, George Stephanopoulos, die Tat sei das Ergebnis des „Klima des Hasses“ in den USA. Stimmen Sie ihm zu?

Ich würde ihm allgemein absolut zustimmen. Die Tat war sicher nicht direkt durch die politische Situation ausgelöst worden, der Täter Jared Lee Loughner war jedoch offensichtlich vom Gedankengut der politischen Rechten beeinflusst. Natürlich ist Arizona durch die Debatten um schärfere Immigrationsgesetze ein besonders heißes Pflaster. Aber man darf nicht vergessen: Loughner war in erster Linie verrückt, psychisch krank. Von dem was er gelesen und auch selbst geschrieben hat, lässt sich sagen dass er keinerlei gefestigtes Weltbild hatte oder einer bestimmten politischen Ideologie anhing. Er hat sowohl Marx „Kommunistisches Manifest“ gelesen, als auch „Mein Kampf“ und Orwell´s „Animal Farm“. Er war kein rationaler Aktivist.

Er war auch kein Mitglied irgendeiner militanten oder politischen Gruppierung.

Das war er zum jetzigen Informationsstand nicht. Aber er hat Ansichten und Verschwörungstheorien rechtsextremer Aktivisten übernommen. Zum Beispiel glaubte er offenbar daran dass es keine Währung geben könne, die nicht mit Gold aufzuwiegen ist. In seiner Literatur findet sich auch die Verschwörungstheorie, die Regierung wolle durch die Veränderung der Grammatik die Bürger einer „Gehirnwäsche“ aussetzen. Diese Ansichten sind bei der extremen Rechten äußerst populär. Loughner ist jemand der glaubt die Regierung wolle die Bürger immer weiter kontrollieren, von Ideen der Gehirnwäsche, zu Ideen Mexiko wolle Teile der USA zurückerlangen bis hin zu geheimen Konzentrationslagern.

Die Zielperson von Loughners Attentat, Gabrielle Gifford, ist Jüdin. War die Tat vielleicht anti-semitisch motiviert?

Das ist absurd. Es gibt keine Anzeichen dafür, außer dass Gifford jüdisch ist. Antisemitisches findet sich in den Dokumenten des Attentäters nicht. Der Täter lebt in Angst vor der Regierung. Er sieht einen Kampf zwischen Individuum und Staat. Gifford war als Vertreterin des Staates in seiner Umgebung ein nahes Ziel.

Ist Tucson das Resultat einer vergifteten politischen Debatte in den USA? Hat Amerikas politische Rechte ein Klima geschaffen in dem Tucson immer wahrscheinlicher wurde?

Ich würde nicht bei Tucson ansetzen, sondern die extreme Rechte schon für andere Vorfälle verantwortlich machen. Sie verbreitet völlig haltlose Verschwörungstheorien, die einige Individuen als Realität akzeptieren und dann handeln. Nehmen Sie z.B. den Mann, der am 18.Februar 2010 in das IRS (US-Steuerbehörde) Gebäude von Austin (Texas) mit einem Kleinflugzeug flog. Er hat geglaubt, die IRS sei verantwortlich für die Misere der amerikanischen Unterschicht und das Abrutschen in die Armut.

Die Ex-Gouverneurin von Alaska und Star der Republikanischen Partei, Sarah Palin, widersprach in einer Videobotschaft der Behauptung das Tucson-Attentat sei durch das aktuelle politische Klima verursacht worden.

Da liegt sie falsch. Ihr Videoauftritt ist ohnehin ziemlich abstrus. Für sie war die größte Tragödie der letzten Woche dass man sie und ihr politisches Umfeld kritisiert, und nicht dass sechs Menschen getötet wurden. Palin ist natürlich nicht verantwortlich für das was in Tucson passiert ist. Aber hat sie zur Atmosphäre beigetragen? Absolut.

Inwiefern?

Sie ist die populärste Vertreterin der Rechtskonservativen. Als diese setzt Standards. Sie setzt Dinge in die Welt, die ihr viele Menschen glauben. Palin erzählt dass Obamas Gesundheitsreform nicht nur Wohlstand verringert sondern unsere Großmütter tötet. Das ist keine politische Debatte, das ist eine Lüge. Und Palin weiß das.

Teile der amerikanischen Bevölkerung wenden sich immer rechtsradikaleren Positionen zu. Präsident Obama und Washington allgemein werden zunehmend zum Feindbild. Seit wann ist diese Entwicklung zu beobachten?

Schon seit Juli 2008, seit Barak Obama als Präsidentschaftskandidat nominiert wurde. Es begann schon als er noch im Wahlkampf war. Seitdem ist ein schwerer Rückschlag in der politischen Kultur zu beobachten. Angetrieben wird diese Entwicklung von weißen Rassisten die ihre Stellung gefährdet sehen. Sie sehen einen schwarzen Präsidenten mit einer schwarzen First Lady und seinen schwarzen Kindern im Weißen Haus, und schließen daraus dass sie ihr Land verloren haben. Deshalb auch der Slogan „We want our country back“, zurück von dieser anderen Person, mit der sie sich nicht identifizieren können und wollen.

Spielt dabei neben Rassismus nicht auch der Faktor der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust und die Unzufriedenheit mit der Wirtschaftssituation eine Rolle?

Doch, natürlich. Beides spielt da mit rein, die Angst einer weißen Mittelschicht abzurutschen und rassistische Elemente.

Ist die Situation gefährlicher als in den letzten Jahrzehnten?

Es fühlt sich an wie kurz vor Oklahoma City (19. April 1995: Bombenattentat auf Regierungsgebäude tötet 168 Menschen – Täter Timothy McVeih gehörte einer regierungsfeindlichen Miliz an). Ich würde sogar sagen heute ist es schlimmer als damals. Es ist ein sehr aufgeheizter Moment. Heute ist der Präsident der Feind.

Aber schon vor Jahrzehnten gab es Hass auf die Regierung und sogar Attentate auf Präsidenten. Was ist heute anders als zu Zeiten von Lee Harvey Oswald (Kennedy-Mörder) und Timothy McVeigh (Oklahoma Attentäter)?

Damals wurde viel geschimpft, viel beleidigt. Doch das kam von kleinen Gruppen, einzelnen Radiomoderatoren. Heute kommt die gleiche Rhetorik von Kongressabgeordneten, hohen Parteiführern und Mainstream TV-Größen wie Glenn Bleck. Ihre regierungsfeindliche Rhetorik ist heute massenwirksam, damals waren es einzelne, sehr isolierte Individuen.

Sind rechtskonservative TV- und Radiomoderatoren wie Glenn Beck oder Rush Limbaugh verantwortlich für die jetzige Situation?

Ja, sie sind die Anführer dieser Bewegung, sie zerstören den politischen Diskurs. Jeder der sie kritisiert oder nicht mit ihren Vorstellungen übereinstimmt, wird öffentlich zum Feind Amerikas deklariert.

Ist diesen politischen Scharfmachern bewusst, was Sie anrichten?

Sie wissen wie viel Einfluss sie haben. Ihnen ist das bewusst.

Wie konnte es soweit kommen, dass Teile der Republikaner als Mittel der Opposition Angst und Hass vor Washington und dem Präsidenten schüren?

Das zeigt wie zerstritten und innerlich kaputt die Partei ist. Die Republikaner haben den Weg verloren. Es gibt einen Konflikt zwischen dem wirtschaftlich-orientierten Flügel und dem eher bürgerlich-konservativen, evangelikal-religiösen Teil der Partei. Der wirtschaftliche Flügel will die Einwanderung von billigen Arbeitskräften, der Rest der Partei ist dagegen und entwickelt eine wachsende Anti-Immigranten-Ideologie, die stark Anti-Latino orientiert ist. Der rechte Flügel der Republikaner entwickelt immer absurdere Ideen, selbst moderate Republikaner werden immer verrückter. Sie erzählen, Homosexuelle würden in der Schule Anti-Mobbing Programme starten, um unsere Kinder zu Schwulen und Lesben machen. Aber auch die Medien – vor allem das Internet – haben eine Mitschuld.

Medien fördern den Hass auf Washington?

Schauen Sie: als ich aufwuchs sah jeder abends die gleichen Nachrichten. Alle konnten sich zumindest in Teilen auf die gleiche Ansicht einigen, wie was laufen sollte. Die Fakten wurden damals akzeptiert. Heutzutage werden in den Medien nicht einmal die Grundfakten als wahr akzeptiert. Da wird ernsthaft in Frage gestellt ob der Präsident ein Amerikaner ist oder nicht. In den USA sind die Medien, ist der ernsthafte, seriöse Journalismus, in einer furchtbaren Situation. Und das Internet lässt natürlich ohnehin jede Meinung zu.

Ehemals um Neutralität bemühte Medien wie etwa CNN gehen im Kampf um Zuschauerquoten unter. Hat die politische Ideologie also die amerikanischen Medien vergiftet?

CNN ist auf eine gewisse Weise symbolisch für die Entwicklung. Der Sender hatte sich um direkte, einigermaßen neutrale Nachrichten bemüht. Dann wurde er mit Fox News konfrontiert, einem Sender bei dem alles provozierend, zugespitzt kommentiert wird. Also holte man bei CNN auch provokative Moderatoren wie etwa Lou Dobbs, der sich zu einem schreienden Immigranten-Vermöbler entwickelt hat. (inzwischen CNN verlassen hat)

Wird es Ihrer Meinung nach zu einer Zunahme rechtsextremer Gewalttaten gegen Regierungsvertreter und Politiker geben?

Das kann ich nicht sagen. Es gibt immer mehr Bürgermilizen und regierungsfeindliche Gruppierungen. Tucson ist außerdem nur das letzte Beispiel einer ganzen Serie von politisch-motivierten Gewalttaten. Büros von demokratischen Politikern, auch das Büro von Gifford, wurden in den vergangenen Monaten angegriffen. Dies wird höchstwahrscheinlich zunehmen. Ich bin nicht sehr hoffnungsvoll.