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„Der Dschihad ist Urlaub für uns“

von Florian Flade

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Seinen Kollegen bei der Deutschen Telekom fiel Yamin A.-Z. vor allem als wissbegierig und engagiert auf. Der 28-jährige Kaufmännische Auszubildende sei als „vielversprechender und sehr höflicher Mitarbeiter“ gestartet, sagte mir ein Telekom-Sprecher. Doch irgendwann trat eine Veränderung bei A.-Z. ein. Der gebürtige Stuttgarter, der im Telekom-Standort in Bonn arbeitete, steigerte sich offenbar zunehmend in den Islamismus hinein. Und wurde so ein Fall für die Sicherheitsabteilung des Konzerns.

„Wir haben versucht ihn von unseren Werten zu überzeugen“, so ein Unternehmenssprecher. „Als er offen Sympathien für den Islamischen Staat bekundete, haben wir die Sicherheitsbehörden informiert.“ Yamin A.-Z. sei schließlich nicht mehr zur Arbeit erschienen. Und habe damit seine Kündigung bewirkt.

Vor zwei Wochen tauchte der zuletzt in Königswinter bei Bonn wohnhafte Islamist wieder auf. In einem Propagandavideo des „Islamischen Staates“ (IS), aufgenommen in der syrischen Ruinenstadt Palmyra. Als „Abu Umar al-Almani“ tritt Yamin A.-Z. darin auf, trägt einen dichten Vollbart, Kampfmontur und Sturmgewehr.

Muslime sollten die „Hijrah“ machen, so A.-Z., die Auswanderung nach Syrien und in den Irak. Sie sollten sich dem IS anschließen. „Der Dschihad ist tatsächlich der Urlaub für uns“, sagt der Islamist. Und ruft zu Gewalttaten in Deutschland auf. „Greift die Kuffar (Ungläubigen) an, in ihren eigenen Häusern! Tötet sie dort, wo ihr sie findet!“, fordert der Ex-Telekom-Azubi.

In der nächsten Szene ist Yamin A.-Z. neben dem Österreicher Mohamed Mahmoud alias „Abu Usamah al-Gharib“ zu sehen. Vor den Terroristen auf dem Boden knien zwei gefesselte syrische Regierungssoldaten. „Meine Geschwister, entweder schließt ihr euch hier den Mujaheddin an“, sagt Mahmoud. „Oder ihr führt den Dschihad in Deutschland und Österreich durch! Du brauchst nicht viel: Nimm ein großes Messer und schlachte jeden Kafir (Ungläubigen)!“

Was dann folgt ist aus Sicht der deutschen Sicherheitsbehörden eine Premiere. Mohamed Mahmoud und Yamin A.-Z. laden ihre Sturmgewehre durch, legen an und exekutieren die Gefangenen zu ihren Füßen. Mehrere Salven schießen sie in die Körper der syrischen Soldaten, sie lachen, strecken dann ihre Gewehre gen Himmel und schreien „Allahu akbar!“.

Ein deutscher Islamist erschießt Gefangene. Das gab es bislang nicht. Hunderte Männer und Frauen aus Deutschland sollen sich dem IS inzwischen angeschlossen haben. Einige traten in Videos auf, drohten mit Anschlägen, riefen Muslime zur Auswanderung auf. Aber einen Mord vor laufender Kamera, ohne Maske, hat bislang noch keiner begangen.

Es dauerte einige Tage bis Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt (BKA) die Identität von „Abu Umar al-Almani“ geklärt hatten. Inzwischen aber sind sich die Ermittler sicher, dass es sich um Yamin A.-Z. aus Königswinter handelt. Samt Ehefrau soll der Islamist vor wenigen Monaten über die Türkei nach Syrien ausgereist sein.

Die Bundesanwaltschaft führt nach meinen Informationen mittlerweile ein Verfahren gegen den 28-jährigen IS-Terroristen. Und zwar nicht nur wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (§ 129 a /b StGB), sondern auch wegen des Verdachts der Begehung von Kriegsverbrechen (§ 8 VStGB).

Im Februar hatte ich darüber berichtet, dass in Karlsruhe bereits geprüft wird, ob einige deutsche Dschihadisten nicht vor Ort auch an Kriegsverbrechen oder sogar Völkermord beteiligt sind. So etwa der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert oder der Deutsch-Algerier Fared S. aus Bonn.

Yamin A.-Z. ist nun wohl der erste Fall, in dem ein Nachweis für ein entsprechendes Verbrechen leichter zu erbringen sein dürfte. Immerhin begeht er den Mord unmaskiert vor laufender Kamera. Ob sich der Islamist jemals seine Tat vor einem deutschen Gericht verantworten muss, ist allerdings fraglich. „Er gehört zu denen, die wohl kein Rückflugticket haben“, sagt ein Verfassungsschutz.

In Österreich haben die Behörden das IS-Tötungsvideo inzwischen geprüft und für echt befunden. Die Staatsanwaltschaft Wien hat daher Ermittlungen wegen des Mordverdachts gegen Mohamed Mahmoud eingeleitet. 

Von Göttingen in den Tod

von Florian Flade

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Das Foto könnte eine Toyota-Werbung sein. Vier Geländewagen stehen in einer Reihe. Der Lack glänzt, die Autos sehen frisch poliert aus. Daneben stehen Männer – der jüngste ist wohl gerade siebzehn Jahre alt, der älteste wohl jenseits der Vierzig.

Die Männer sind Selbstmordattentäter des „Islamischen Staates“ (IS). Ihre Wagen sind Autobomben. In der vergangenen Woche haben sie damit den Stützpunkt einer schiitischen Miliz in Al-Hajjaj, südlich irakischen Stadt Baiji, attackiert. Es gab mindestens elf Tote.

Die Attentäter stammten laut IS aus unterschiedlichen Ländern: Großbritannien, Kuwait, den Palästinensergebieten – und aus Deutschland.

Auf einem Propagandafoto feiert der IS den deutschen Selbstmordbomber als „Märtyrer Abu Ibrahim al-Almani“. In Deutschland trug der Dschihadist noch einen anderen Namen: Jacek S.. Der gebürtige Pole lebte zuletzt im niedersächsischen Göttingen. Anfang 2014 soll er zum Islam konvertiert sein. Zuvor fiel der 26-jährige der Polizei durch Drogen- und Fahrzeugdelikte auf.

Im Oktober 2014 schließlich wurde der Verfassungsschutz auf Jacek S. aufmerksam. Aufgrund seines Facebook-Profils und den dortigen, radikalen Äußerungen. Wenige Monate später gab es erste Hinweise auf eine mögliche, bevorstehende Ausreise nach Syrien.

Irgendwann im April verschwand Jacek S. schließlich und reiste offenbar über Antalya zunächst nach Syrien, anschliessend in den Irak, wo er sich schließlich in die Luft sprengte.

pic160615_2Jacek S. aus Göttingen

Deutsche Sicherheitsbehörden identifizierten den Islam-Konvertiten am Montag anhand der Fotos, die der IS über Twitter am Wochenende verbreitet hatte. Wie zu erfahren ist, führt auch die Staatsanwaltschaft in Hannover ein Ermittlungsverfahren gegen S. und hat die Polizei beauftragt, den Fall aufzuklären.

Aus Niedersachsen waren bislang keine Islamisten als prominenten Akteure des IS in Erscheinung getreten. Die Zahl der nach Syrien und in den Irak ausgereisten Extremisten ist mit rund 30 Personen, die der Verfassungsschutz registriert hat, im bundesweiten Vergleich eher gering. Insgesamt gehen deutsche Sicherheitsbehörden von mindestens 780 Islamisten aus Deutschland aus, die sich zumindest zeitweise in der Bürgerkriegsregion aufgehalten halten, um sich am Dschihad zu beteiligen.

Der Göttinger Jacek S. ist nur der letzte Attentäter aus Deutschland, der bislang in den Reihen des IS einen Selbstmordanschlag verübte. Mindestens 15 Islamisten zählen Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt (BKA) inzwischen in dieser Kategorie.

Erst im Mai gab der IS den Tod von Yannick P. bekannt, einem weiteren 23-jährigen Konvertiten aus Freiburg im Breisgau. Der Islamist war polizeibekannt, fiel wegen Körperverletzung und Drogendelikten auf, lebte zeitweise als Obdachloser auf der Straße. Dann geriet P. in salafistische Kreise und radikalisierte sich.

pic160615_3Yannick P. aus Freiburg

Im Oktober 2014 reiste P. über die Türkei schließlich nach Syrien. Vor wenigen Wochen vermeldete die Terrorgruppe IS, der Freiburger mit Kampfnamen „Abu Muhammed al-Almani“ habe – genau wie nun der Göttinger Jacek S. – in der irakischen Stadt Baiji einen Autobombenanschlag verübt.

 

Pegida und die einsamen Wölfe

von Florian Flade

pic220115_2Droh-Tweet gegen Ex-Pegida-Chef Lutz Bachmann

In der vergangenen Woche hat die Berliner Polizei eine Zahl veröffentlicht, die aufhorchen lässt: 4950. So viele Demonstrationen gab es im Jahr 2014 in der Hauptstadt. Ein gewaltiger Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Thematisch war alles dabei, was das Protestlerherz höher schlagen lässt: Von Tierschutz, über Anti-Überwachung bis Pro-Asyl.

Das Recht auf Demonstration, auf Versammlung und Protest ist ein deutsches Grundrecht . Eines, das nur sehr selten außer Kraft gesetzt werden kann. So geschehen allerdings am vergangenen Montag in Dresden. Wie in den Wochen zuvor, wollte die islamfeindliche Pegida in der sächsischen Metropole demonstrieren. Doch diesmal erließ die Polizei ein Verbot des Protestzuges – und sämtlicher anderer öffentlichen Veranstaltungen.

Pegida-Frontmann Lutz Bachmann und seine Sprecherin Kathrin Oertel bestätigten auf einer spontanen Pressekonferenz, dass die Polizei die Demo-Veranstalter über eine konkrete Gefährdungslage informiert hätten. Am Wochenende war bekannt geworden, dass die sächsischen Behörden offenbar Hinweise auf ein geplantes Attentat auf Führungskader der Pegida und möglicherweise auch auf Veranstaltungs-Teilnehmer vorliegen.

Was aber steckt hinter dem Pegida-Verbot?

In der Verbotsverfügung des Dresdner Polizeipräsidenten Dieter Kroll heißt es.

Bildschirmfoto 2015-01-24

Und tatsächlich findet sich auf Twitter ein arabischsprachiger Aufruf vom 13. Januar eines Twitter-Nutzers mit Namen „Abu Yusuf al-Dhahabi“, der konkret Pegida und deren Veranstalter Lutz Bachmann erwähnt. Wörtlich heißt es:

„An die einsamen Wölfe: Kümmert euch wegen der anti-islamischen Aktivitäten um den Hund Lutz Bachmann“

Beigefügt ist ein Foto des Ex-Pegida-Chefs.

Der Twitter-Account, von dem der Mordaufruf stammt, hat rund 1700 Follower und verbreitet seit längerer Zeit umfangreiches Propagandamaterial der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS).

In einem BKA-Lagebild zur Terrorgefahr in Deutschland, über das ich vor kurzem berichtet hatten, listen die Ermittler ebenfalls diverse Twitter-Äußerungen von radikalen Islamisten auf. Es geht dabei um Lobpreisungen und Anschlagsaufrufe nach den Attentaten von Paris.

Erwähnt wird in dem als „VS – Nur für den Dienstgebrauch“ gestempelten Papier auch ein polizeibekannter Islamist, der in deutscher Spracher über Twitter hetzt. Er hatte die Bundesrepublik als „nächstes Ziel“ bezeichnet und die Pegida-Demonstrationen als mögliche Anschlagsziele genannt.

Die Drohungen über Twitter waren wohl nicht der alleinige Grund für das aktuelle Demonstrationsverbot, das die Behörden für Dresden verhängt haben. Aus Sicherheitskreisen heißt es, es lägen noch weitere Hinweise war, dass die islamistische Szene in Europa die Pegida-Versammlungen als mögliche Ziele ins Visier genommen hat.

Wie der SPIEGEL am Wochenende berichtet hat, sollen auch US-Geheimdienste entsprechende Kommunikation von islamistischen Terroristen abgefangen und daraufhin die deutschen Kollegen informiert haben. Konkret sei in den Gesprächen der Dschihadisten die Rede von möglichen Anschlägen auf die Bahnhöfe in Dresden oder Leipzig gewesen.

„Das Erkenntnisaufkommen hat sich verdichtet“, fasst es ein Vertreter der Sicherheitsbehörden in Beamtendeutsch zusammen. Es ist demnach ein Zusammenspiel von Informationen, das letztendlich zur Gefahrenbewertung geführt hat. So ist u.a. auch von möglichen Attentätern aus dem europäischen Ausland, etwa dem Balkan die Rede, die für ein mögliches Attentat nach Deutschland einreisen könnten. Ein Umstand, der wenig überraschend ist.

Die islam-feindlichen Demonstrationen, die seit Wochen in Dresden, Leipzig, Berlin und anderenorts stattfinden, werden von islamistischen Gruppen und Einzelakteuren weltweit wahrgenommen. Die Großveranstaltungen mit teilweise mehreren tausend Teilnehmern sind aus Sicht der Terroristen attraktive Ziele. Und für die Polizei nur sehr schwer zu schützen.

Das Demonstrations-Verbot von Dresden zeigt, wie nervös die deutschen Behörden derzeit sind. Nach Paris hat das BKA einen Alarmplan angeordnet. Die islamistische Szene, insbesondere die rund 260 als „Gefährder“ eingestuften Extremisten, wurden in der vergangenen Woche verstärkt ins Visier genommen. Es gab Festnahmen von Syrien-Rückkehrern in Dinslaken und Wolfsburg. Und in Berlin ging die Polizei gegen eine mutmaßliche Islamisten-Zelle vor, die Terrorgruppen in Syrien unterstützt und junge Muslime dorthin geschleust haben soll.