Schlagwort-Archive: Sachsen

Zahlte die Bundesregierung Lösegeld an Al-Qaida?

von Florian Flade

pic_22052017

Jemenitischer Al-Qaida-Anführer „Abu Basir“

Das Datum war sicher kein Zufall. Am 19. Januar, einen Tag vor der Amtseinführung von Donald Trump, gab das Büro des US-Geheimdienstkoordinators James Clapper eine überraschende Veröffentlichung bekannt: 98 Dokumente aus dem Versteck des getöteten Al-Qaida-Führers Osama Bin Laden wurden ins Netz gestellt. „Closing the Book on bin Laden“, ließ Clapper verlauten. Soll heißen: Es sind vermutlich die letzten Schriftstücke des Top-Terroristen, die an die Öffentlichkeit gelangen werden.

Mehr als 1 Million Dateien, Notizen, Bücher und Aktenordner sollen in Bin Ladens Villa im pakistanischen Abbottabad im Mai 2011 von US-Spezialeinheiten erbeutet worden sein. Die Unterlagen, die sich auf Computern, DVDs, USB-Sticks und Festplatten befanden, wurden von der CIA jahrelang ausgewertet. Ein kleiner Teil – rund 620 Dokumente – wurde schrittweise öffentlich gemacht. Es handelt sich dabei vor allem um Strategie-Papiere, teils unveröffentliche Reden und Briefwechsel zwischen dem Al-Qaida-Chef und seinen Statthaltern im Nahen und Mittleren Osten.

Einer dieser Briefe liefert bislang unbekannte Einblicke in die Geiselnahme einer deutschen Familie im Jemen. Das Schriftstück legt zudem nahe, dass in dem Fall wohl Lösegeld an Al-Qaida gezahlt wurde.

Im Juni 2009 waren Johannes und Sabine H., die für eine christliche Hilfsorganisation arbeiteten, mit ihren Kindern Anna, Lydia und dem damals einjährigen Sohn Simon im Norden des Jemen verschleppt worden. Die Familie aus Sachsen war gemeinsam mit zwei Bibel-Schülerinnen aus Nordrhein-Westfalen, einer koreanischen Lehrerin und einem britischen Ingenieur auf dem Rückweg von einem Ausflug in ein Wadi nahe der jemenitischen Stadt Saada.

Nur wenige Tage nachdem die Reisegruppe verschwand, fanden jemenitische Sicherheitskräfte in einem ausgetrockneten Flussbett die Leichen der beiden deutschen Bibel-Schülerinnen und der Südkoreanerin. Offenbar hatten die Geiselnehmer die Frauen erschossen.

Die sächsische Familie H. blieb monatelang verschwunden. Wer sie entführt hatte, war lange unklar. Zuerst hieß es, lokale Stämme seien für die Verschleppung verantwortlich. Dann wurde berichtet, Al-Qaida stecke dahinter. Es folgten Gerüchte über Lösegeld-Forderungen in Millionen-Höhe. Den Krisenstab in Berlin erreichten außerdem mindestens zwei Geisel-Videos. Darin zu sehen war das Ehepaar H. mit ihren offensichtlich erschöpften, und gesundheitlich angeschlagenen Kindern.

Im Mai 2010, rund ein Jahr nach ihrem Verschwinden, kam schließlich die Meldung: Die entführten Mädchen Anna und Lydia sind frei. Saudi-arabische Sicherheitskräfte sollen die beiden Kinder im Nordjemen befreit haben. Es sei keine militärische Befreiungsaktion gewesen, sondern eine „Rettungsaktion“, betonte der saudische Innenminister Mansur Turki. In anderen Berichten hieß es, die Mädchen seien von jemenitischen Stammesleuten an die saudischen Vermittler „übergeben“ worden.

Ein zweiseitiges Schriftstück aus Osama Bin Ladens Versteck in Abbottabad lässt vermuten, dass die Freilassung der deutschen Kinder wohl gegen Lösegeld erfolgt ist. Es ist ein Brief des jemenitischen Al-Qaida-Chefs Nasir al-Wuhayshi („Abu Basir“) an den Al-Qaida-Militärchef Jamal Ibrahim al-Misrati („Atiyah Abd al-Rahman al-Libi“), datiert auf den 08. Juni 2010.

„Ich war so erfreut, deinen Brief zu erhalten“, beginnt der Emir der Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) sein Schreiben. „Ich habe nachfolgend einige wichtige Botschaften.“ Al-Wuhayshi berichtet über Kontakte zu somalischen Dschihadisten und über deren Wunsch sich Al-Qaida anzuschließen. Dann geht es um eine Geiselnahme.

„Vor ungefähr einem Jahr haben wir neun Christen entführt, darunter Deutsche, einen Briten und eine Koreanerin. Die Brüder haben drei Frauen getötet. Dann haben sich eine Frau und ihr Ehemann gewehrt und sie wurden gemeinsam mit dem Briten getötet. Die drei Kinder blieben ein Jahr lang bei uns. Wir haben versucht, dich zu kontaktieren. Ohne Erfolg. Das Kind starb vor rund zwei Wochen und wir haben die verbliebenen zwei Kinder gegen ein kleines Lösegeld ausgetauscht. Wir waren nicht erfahren mit Geiselnahmen (…) Wir hatten außerdem kein gutes Versteck und daher konnten wir die Entführung nicht so ausnutzen, wie wir es hätten machen sollen (…) Das ist die Zusammenfassung der Entführung der Evangelikalen.“

Die Details zur Geiselnahme, die der jemenitische Al-Qaida-Chef in seinem Brief erwähnt, decken sich weitestgehend mit den bereits bekannten Informationen. Über Lösegeld war bislang allerdings nur spekuliert worden.

Im September 2014 hatten Angehörige der Familie H. eine Mitteilung des Auswärtigen Amtes erhalten. „Gemäß hier vorliegendem zuverlässigen nachrichtendienstlichen Aufkommen wurden Johannes, Sabine und Simon H. im Verlauf ihrer Entführung im Jemen getötet bzw. verstarben“, hieß es darin. Das „nachrichtendienstliche Aufkommen“ war wohl jener Brief aus dem Jemen, der im Bin Laden Versteck in Pakistan gefunden wurde.

Die beiden Mädchen Anna und Lydia kamen nach ihrer Freilassung zunächst in die Obhut von  saudi-arabischen Sicherheitskräften und dann wieder nach Deutschland. Sie sprachen nach elfmonatiger Geiselhaft fließend Arabisch und hatten offenbar von den Entführern auch neue Namen erhalten.

Zu Lösegeld, das an die Al-Qaida-Terroristen geflossen sein soll, will sich das deutsche Außenministerium derweil nicht äußern. Auf Nachfrage heißt es: „Die Bundesregierung äußert sich grundsätzlich nicht zu Entführungsfällen und Geiselnahmen deutscher Staatsangehöriger im Ausland.“

Advertisements

Zwei Sachsen auf dem Weg in den Dschihad?

von Florian Flade

Bildschirmfoto 2014-09-20 um 12.02.43

Beim Verfassungsschutz führt man seit rund zwei Jahren eine Liste. Darauf stehen die Namen von mehr als 400 Männern und Frauen, die in Richtung Syrien ausgereist sind. Um sich dort am Dschihad zu beteiligen, wie der Verfassungsschutz mutmaßt.

Der jüngste Syrien-Reisende ist gerade einmal 13 Jahre, der älteste 64 Jahre alt. Viele haben muslimische Eltern, jeder achte ist ein Konvertit. Die Mehrzahl besitzt einen deutschen Pass. Manche reisten per Flugzeug, andere mit dem Bus oder in Fahrgemeinschaften.

Sarah O., eine Gymnasiastin aus Kontanz, steht auf der Liste. Tarek S., ein ehemaliger Kindergärtner aus Bielefeld. Auch Majdi J., ein Friseur aus Siegen. Einige, wie David G. aus Kempten oder Samir M. aus Berlin, sind bereits tot. Andere, wie Silvio K. aus Essen oder Fared S. aus Bonn, kämpfen weiter vor Ort und hetzen im Internet gegen Ungläubige.

Am vergangenen Wochenende kamen zwei neue Namen auf die Verfassungsschutzliste: Max P. und Samuel W. aus dem sächsischen Dippoldiswalde.

Die Eltern des 19-jährigen Max P. sollen sich am Abend des 9. September bei der Polizei gemeldet haben. Ihr Sohn werde vermisst. Wenige Tage zuvor war Max aus dem Urlaub zurückgekommen. Anschließend habe er seine Arbeit gekündigt. Mit seinem Moped soll er dann nach Dresden gefahren sein. Und verschwand.

Tags darauf erhielt die Familie offenbar eine E-Mail des Sohnes. Das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen wertet sie als Abschiedsbotschaft.

Vor zwei Jahren soll Max P. begonnen haben, sich für den Islam zu interessieren. Mit einem Freund machte er zwei Mal Urlaub in Tunesien. Und war offenbar fasziniert von der arabischen Kultur. Schließlich konvertierte der junge Sachse und verkehrte häufiger in einer salafistischen Moschee in Dresden.

Auf dem Facebook-Profil von Max P. fanden sich zahllose Fotos und Cartoons, in denen die USA, Israel und allgemein der Westen diffamiert werden. Das Titelbild zeigte die Al-Aqsa-Moschee von Jerusalem. Darüber der Satz: „Israel we are coming“.

Etwa zur gleichen Zeit wie Max P. verschwand auch dessen Freund Samuel W., ein 21-jähriger Sportwissenschaftsstudent der Universität Jena. Auch seine Eltern erhielten eine Abschieds-Mail. Samuel soll vor rund einem Jahr zum Islam konvertiert sein. „Islam – Der Schlüssel zum Paradies“, „Die Wahre Religion“, „Pierre Vogel“ – all dies fügte der Sachse bei Facebook zu seinen Favoriten hinzu.

Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Max P. und Samuel W. gemeinsam reisen und sich derzeit auf dem Weg nach Syrien befinden. „Wir nehmen den Fall sehr ernst“, erklärte eine Sprecherin des sächsischen Landeskriminalamtes. Die Staatsanwaltschaft in Dresden soll bereits ein Ermittlungsverfahren gegen die beiden Islam-Konvertiten führen.

Indes hoffen die Eltern, so heißt es aus Ermittlerkreisen, ihre Söhne noch zur Umkehr bewegen zu können. Samuels Vater rief über Facebook die Freunde seines Sohnes auf, sie sollten ihn überreden, sein Vorhaben aufzugeben.