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Erst Salafist, dann Cybergangster

von Florian Flade

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Ein Bankkonto kann sehr nützlich sein – selbst wenn sich darauf kein Geld befindet. Für Nader H. aus dem schleswig-holsteinischen Pinneberg wurden die leeren Konten wohl zur lukrativen Einnahmequelle. Mindestens 85 Konten soll der 29-jährige seit Januar 2015 bei unterschiedlichen Finanzinstituten eröffnet haben. Und zwar immer mit gefälschten Personalien. Zwei Bekannte halfen ihm laut Staatsanwaltschaft dabei. Sie arbeiteten bei Verifizierungsdiensten und sollen die Bankkonten freigeschaltet haben. Gegen eine Zahlung von bis zu 200 Euro pro Konto.

Nader H. soll die illegal eröffneten Bankkonten –„Bankdrops“ genannt – samt dazugehöriger EC- und Kreditkarte in Internetforen im sogenannten „Darknet“ verkauft haben. Preis: Ab 1.400 Euro pro Konto. Gekauft wurden die „Bankdrops“ nach Erkenntnissen der Ermittler von anderen Cybergangstern, die sie wiederum für ihre kriminellen Geschäfte nutzten. Der Pinneberger H. soll außerdem nicht nur mit illegalen Bankkonten sondern auch mit Drogen im Internet gehandelt haben.

Am vergangenen Mittwoch schließlich bekam Nader H. unerwarteten Besuch. Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) und Polizisten aus Schleswig-Holstein nahmen den „Bankdrop“-Händler im Auftrag der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt in seiner Wohnung fest. Gleichzeitig wurden noch acht weitere Wohnungen und Büros in Hamburg durchsucht. Bei Nader H. beschlagnahmte die Polizei nicht nur Unterlagen zu den illegalen Kontoeröffnungen und Blanko-Zahlungskarten, sondern auch Cannabis, 2000 Euro in Bar, eine Schreckschusspistole, eine Blendgranate und Manövermunition.

Auf die Spur von Nader H. waren die Ermittler des Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) in Gießen und des BKA gekommen. Sie hatten die Angebote des 29-jährigen Schleswig-Holsteiners im Internet verfolgt und konnten den Online-Händler schließlich identifizieren.

Dabei stellte sich heraus, dass gegen Nader H. bereits ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Hamburg läuft. Und zwar wegen des Verdachts des Verstoßes gegen ein Vereinsverbot.

Es geht dabei um das islamistische Netzwerk „Millatu Ibrahim“, das im Juni 2012 vom Bundesinnenministerium verboten wurde. In einer bundesweiten Razzia hatten damals Polizei und Staatsanwaltschaft eine Moschee im nordrhein-westfälischen Solingen, sowie zahlreiche Wohnungen, Vereinsräume und Büros durchsucht. Beschlagnahmt wurden Bargeld, Computer, Unterlagen und Festplatten.

Viele Salafisten, die „Millatu Ibrahim“ angehörten, verließen nach dem Vereinsverbot die Bundesrepublik. Sie wanderten nach Ägypten, Libyen und später auch nach Syrien aus. Einige Islamisten allerdings sollen das Netzwerk in Norddeutschland im Untergrund weitergeführt haben.

Nur rund ein Jahr nach dem Verbot von „Millatu Ibrahim“ rückte die Polizei daher erneut aus. Am 20. Juni 2013 durchsuchten 80 Beamte insgesamt 15 Wohnungen von Salafisten in Hamburg, Pinneberg, Elmshorn und Lübeck. Die Staatsanwaltschaft Hamburg erklärte damals sie ermittle gegen 15 Personen wegen des Verdachts eine Nachfolgeorganisation von „Millatu Ibrahim“ gegründet zu haben.

Auch Nader H., der jetzt festgenommene „Bankdrop“-Händer, gehört zu den Verdächtigen. Ein Prozess gegen den 29-jährigen fand bislang allerdings noch nicht statt. Ob er weiterhin in der radikal-islamischen Szene verkehrte, ist noch unklar. Es gebe keinerlei Hinweise darauf, so heißt es in Ermittlerkreisen, dass der Pinneberger seinen kriminellen Internethandel dazu genutzt habe, terroristische Gruppen zu finanzieren.

 

Großrazzia gegen Millatu-Ibrahim Nachfolger

von Florian Flade

In Hamburg und Schleswig-Holstein gab es Razzien gegen ein Netzwerk radikaler Islamisten. Sie sollen die verbotene Salafisten-Organisation „Millatu Ibrahim“ fortgeführt und Anschläge geplant haben.

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Quelle: Youtube

Vor einem Jahr ging der Staat mit bislang beispielloser Härte gegen radikale Salafisten vor. In mehreren Bundesländern durchsuchten im Juni 2012 hunderte Polizeibeamte Privatwohnungen und Vereinsräume von islamischen Extremisten. Im Fokus der Razzien stand die militante Organisation Millatu Ibrahim.

Das Bundesinnenministerium erließ ein Vereinsverbot gegen die Gruppe. In kämpferisch-aggressiver Weise richte sich Millatu Ibrahim gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung und den Gedanken der Völkerverständigung. Computer, Festplatten, Dokumente, Bargeld, Propagandamaterialien wurden beschlagnahmt.

Monatelang hatten die radikalen Salafisten der Millatu Ibrahim gegen Ungläubige gehetzt, beteiligten sich an Straßenschlachten mit der Polizei in Solingen und Bonn. Von einer „islamistischen Kameradschaft“ sprach man in Sicherheitskreisen über Millatu Ibrahim. Die führenden Köpfe der Organisation, allen voran der Österreicher Mohamed M., ließen nie Zweifel daran, was sie anstrebten: die Einführung der Scharia. „Bis der Kopf fliegt“, betonte Mohamed M. alias „Abu Usama al-Gharib“ stets.

Mohamed M. hat Deutschland mittlerweile verlassen. Er wanderte zunächst nach Ägypten aus. Reiste dann über Libyen in die Türkei, wollte wohl weiter nach Syrien. Im türkisch-syrischen Grenzgebiet schlugen die türkischen Sicherheitskräfte zu. Der gebürtige Österreicher wartet seitdem auf seine Auslieferung.

Der Verfassungsschutz hat beobachtet, dass sich Dutzende Mitglieder und Sympathisanten von Millatu Ibrahim nach dem Vereinsverbot ins Ausland abgesetzt haben. Ein großer Teil folgte Mohamed M. nach Ägypten. Andere reisten nach Libyen oder Syrien.

Diejenigen Anhänger von Millatu Ibrahim, die noch in Deutschland leben, sind jedoch weiter aktiv. So sehr, dass Behörden eine Neu-Vernetzung der Radikal-Salafisten befürchten. Es gäbe Erkenntnisse, sagte mir ein Verfassungsschützer, dass sich die Szene in Norddeutschland neu organisiere. Möglicherweise habe man es mit einer Nachfolge-Organisation von Millatu Ibrahim zu tun.

Um dies zu verhindern, schritten die Behörden in der vergangenen Woche ein. Wie die Hamburger Polizei auf Nachfrage bestätigte, durchsuchten rund 80 Polizeibeamte am vergangenen Donnerstag insgesamt 15 Wohnungen mutmaßlicher Islamisten in Hamburg, Pinneberg, Elmshorn und Lübeck und eine Moschee im Hamburger Stadtteil Harburg.

„Es wurde umfangreiches Beweismaterial beschlagnahmt, das derzeit ausgewertet wird“, sagte mir eine Sprecherin der Hamburger Polizei. Festnahmen habe es keine gegeben.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt nach meinen Informationen gegen insgesamt 15 mutmaßliche Islamisten wegen „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ und „Verstoß gegen ein Vereinigungsverbot“.

Spendengelder bei Salafisten-Razzia beschlagnahmt?

von Florian Flade

Razzia gegen Salafisten auch in Husum

Ismail S. wohnt nicht gerade dort, wo man einen Islamisten vermuten würde. Er wohnt nicht in Bonn Bad-Godesberg, Hamburg-St.Georg, Solingen oder Berlin-Wedding, sondern im hohen Norden der Bundesrepublik – in Husum. In der vergangenen Woche bekam Ismail S. dennoch überraschend Besuch von Beamten des Landeskriminalamtes Schleswig-Holstein. Im Zuge einer bundesweiten Razzia gegen radikale Salafisten wurde auch seine Wohnung durchsucht. Und dabei wurden die Beamten überraschend fündig: Neben Computern und anderen Datenträgern nahmen sie auch insgesamt rund 12.000 Euro mit. Das Bundesinnenministerium bestätigte auf Anfrage der „Welt“ bestätigte, dass bei der Hausdurchsuchung in Husum tatsächlich eine hohe Bargeldsumme beschlagnahmt wurde. Um welchen Betrag es sich dabei genau handelt, wollte das Ministerium nicht mitteilen.

S. war ins Visier der Ermittler geraten, weil er ohne direkte Anbindung an eine Moschee wichtige Dienste für die deutsche Islamisten-Szene geleitet hatte. Er gilt als Anhänger der seit vergangener Woche verbotenen Gruppe „Millatu Ibrahim“ und war der offizielle Administrator mehrere Salafisten-Webseiten.

Das Geld, so behauptet Ismail S. nun im Internet, sei von Muslimen als Spende überwiesen worden. Es sollte für humanitäre Zwecke nach Syrien fließen. So jedenfalls heißt es auf der Webseite „An-Nusrah“, die der Schleswig-Holsteinische Islamist vor einigen Wochen ins Leben gerufen hatte. Auf der Internetseite – die radikale Salafisten in ganz Deutschland als „Projekt eines vertrauenswürdigen Bruders“ lobten – steht, die Spenden seien für „das syrische Volk“ bestimmt.

Bei weiteren Razzien am 14.Juni hatten Polizeibeamte in insgesamt sieben Bundesländern zahlreiche Privatwohnungen und Vereinsräume durchsucht. Hintergrund war das Verbot des islamistischen Vereins „Millatu Ibrahim“ in Solingen. Dessen Anhängerschaft ist über das gesamte Bundesgebiet verteilt und wurde daher Ziel der Polizeiaktion. Aus Sicherheitskreisen heißt es, die gesamte Aktion werde als Erfolg erachtet da umfangreiches Material beschlagnahmt werden konnte, darunter Computer, Dokumente und auch Bargeldvermögen.