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Dschihad-Rückkehrer Teil 1 – „Du Blödmann!“

von Florian Flade

Auf die deutsche Justiz kommen zahlreiche Verfahren gegen mutmaßliche Dschihadisten zu, die in Syrien und dem Irak gekämpft haben und nach Deutschland zurückgekehrt sind. Hier sollen einige Fälle näher beleuchtet werden. Den Auftakt macht der Frankfurter Kreshnik B..

Es gibt ein Foto von Kreshnik B., das zeigt einen dunkelblonden Jungen mit lockigem Haar, in einem blau-weißen Trikot des TuS Makkabi Frankfurt, Deutschlands größtem jüdischen Fußballverein. Auf der Brust prangt der Davidsstern. Der Deutsch-Kosovare trug die Rückennummer 14, war ein talentierter Abwehrspieler. Das Gruppenfoto seiner Mannschaft ist wenige Jahre alt.

Und dann gibt es dieses andere Bild von Kreshnik B., aufgenommen am Montag, im Saal II des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main. In Kapuzenpulli, mit T-Shirt und Vollbart sitzt Kreshnik B. auf der Anklagebank. Als mutmaßliches Mitglied der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS).

Kreshnik B., geboren in Bad Homburg als Sohn kosovarischer Einwanderer, soll ein islamistischer Fanatiker sein. Ein selbsternannter Gotteskrieger, der in Syrien gekämpft haben soll. So steht es in der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft. Es ist der erste Fall eines Syrien-Rückkehrers, der in Deutschland verhandelt wird. Der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Prozessen, die noch folgen werden.

Vor über einem Jahr war Kreshnik B. aufgebrochen in den „Heiligen Krieg“. Am 2. Juli 2013 verließ er die elterliche Wohnung in Frankfurt, wo er mit Vater, Mutter und den beiden Schwestern lebte. Die Eltern meldeten ihn am Folgetag bei der Polizei vermisst.

Zusammen mit sechs Glaubensbrüdern stieg Kreshnik B. in Mannheim in einen Bus nach Istanbul. Zwei Tage dauerte die Reise in die türkische Metropole. Die Zwischenstopps nutzten B. und seine Mitreisenden für das gemeinsame Gebet, so berichteten die Busfahrer später den deutschen Ermittlern.

Von Istanbul aus reisten Kreshnik B. und die anderen schließlich in den Süden der Türkei. Über einen Schleuser schaffte es die Gruppe nach Syrien. Kreshnik B., der Berufsschüler aus Frankfurt, war mitten im Bürgerkrieg angekommen.

Das hessische Landeskriminalamt ermittelte, dass sich der junge Deutsch-Kosovare offenbar über Kontaktpersonen aus einer einschlägig bekannten Moschee in Frankfurt radikalisiert hatte. Mitschüler der Philipp-Holtzmann-Berufsfachschule gehörten nach Erkenntnissen der Ermittler zum Umfeld der Salafisten-Szene im Rhein-Main-Gebiet. Über sie kam Kreshnik B. wohl mit dem radikalen Islam in Berührung. Regelmäßig besuchte er fortan die Abu-Bakr-Moschee im Frankfurter Stadtteil Hausen. Auch an Koran-Verteilaktionen soll er sich beteiligt haben.

Doch die Missionierungsarbeit in Deutschland war Kreshnik B. augenscheinlich nicht genug. Er wollte nach Syrien. Kämpfen gegen das Assad-Regime. Und tatsächlich schaffte es der Frankfurter in die Reihen der berüchtigten Terrortruppe „Islamischer Staat“.

Als die Eltern Kreshnik B. vermisst meldeten, setzte sich der Apparat der deutschen Sicherheitsbehörden in Gang. Sie verfolgten die Spur des Ausgereisten. Mehrfach meldete sich B. in den Folgemonaten bei seiner älteren Schwester Aferdita. Das Bundeskriminalamt (BKA) hörte die Telefonate und Skype-Gespräche mit, protokollierte die Chats. So konnten die Ermittler rekonstruieren, was Kreshnik B. in Syrien erlebte.

Seine erste Station war offenbar die nord-syrische Metropole Aleppo. Dort soll sich B. Mitte Juli 2013 einer Gruppe angeschlossen haben, die er in Unterhaltungen mit seiner Schwester als „dawla muhajirin“ bezeichnete. Die Bundesanwaltschaft ist sich sicher, dass es sich dabei um eine Unterorganisation des „Islamischen Staates“ handelt, eine Aufnahmestelle für ausländische Dschihadisten.

„Mir ist eigentlich egal für welche Gruppe ich kämpfe“, schrieb Kreshnik B. seiner Schwester per Skype. Wichtig sei nur, dass er für die Scharia kämpfe.

Doch bevor er kämpfen durfte, musste Kreshnik B. eine Aufnahmeprüfung überstehen. Ihm und seinen Mitstreitern wurden die Pässe abgenommen. Dann folgte ein Verhör. Die Terrorgruppen fürchten sich vor Spitzeln und Spionen. Neuankömmlinge werden daher sorgsam aussortiert. Wer letzte Zweifel an seinen Absichten nicht ausräumen kann, dem droht Folterhaft oder die Hinrichtung.

Kreshnik B. wurde schließlich aufgenommen und leistete laut Staatsanwaltschaft den Treueeid auf den „Islamischen Staat“ (IS). Und nahm kurze Zeit später bereits an einer öffentlichen Propagandaveranstaltung der Organisation in Aleppo teil. Ein Video, veröffentlicht von der Medienabteilung des IS am 25.Juli 2013, zeigt B. vor einer IS-Flagge sitzend, neben ihm sind ein junger Dschihadist ein Kampflied.

Zudem, so behauptet die Bundesanwaltschaft, absolvierte der Deutsch-Kosovare ein vierwöchiges, paramilitärisches Training, bestehend aus einer Ausbildung an der Waffe, im Nahkampf und Erster Hilfe. Anschließend bekam er eine Schusswaffe, Kleidung gestellt und erhielt pro Monat umgerechnet 50 Euro Sold.

Vor allem Wachdienste soll Kreshnik B. für den IS geleistet haben. Aber auch an Kampfeinsätzen war der 20-jährige wohl beteiligt. Mitte September 2013 etwa nahe der Stadt Hama. Und Mitte November 2013. Zu diesem Zeitpunkt, so heißt es in der Anklageschrift, leistete B. zudem die „ba´yat“, den Treueschwur, auf den Führer des IS, Abu Bakr al-Baghdadi.

Kreshnik B. war nun ein Fußsoldat des „Islamischen Staates“, einer von Dutzenden Extremisten aus Deutschland, die in den Reihen der Terrorgruppe kämpfen. „Ich chille, gehe kämpfen, tu meinen Job für Allah“, schrieb er seiner Schwester. B. verherrlichte den Tod von Mitstreitern, berichtete aber auch von Schikanen durch die IS-Kommandeure und von Suizid-Missionen.

Mehrfach versuchte ihn die ältere Schwester zur Rückkehr nach Deutschland zu überreden. „Mit 25 wirst du das bereuen. Du bist jung, dumm und naiv“. Sie bot dem Bruder an, einen Anwalt zu besorgen. „Keiner von diesen Leuten liebt dich so wie deine Mama und dein Papa!“, schrie sie ihn am Telefon an. Er wolle den notleidenden Menschen in Syrienhelfen, entgegnete Kreshnik B., der Dschihad sei eine Pflicht für jeden Muslim. Sie solle den Koran lesen. Die Schwester führ ihn wütend an!“: „Halt’s Maul, ich lese mehr Koran als du! Du Blödmann!“

Anfang Dezember zog Kreshnik B. wohl das letzte Mal für den IS in den Krieg. Dann hatte er wohl genug vom Dschihad. Er reiste zurück in die Türkei und traf dort mit seiner Schwester und seinem Cousin zusammen. Gemeinsam flogen die drei am 12. Dezember 2013 zurück nach Deutschland. Am Frankfurter Flughafen klickten die Handschellen.

Neun Monate später muss sich Kreshnik B. nun für sein Syrien-Abenteuer vor Gericht verantworten. Sein Mandant habe dem radikalen Islam abgeschworen, erklärte sein Verteidiger, der Bonner Anwalt Mutlu Günal, am Montag. Das Gericht unterbreitete zugleich ein Angebot. Sollte sich B. umfassend einlassen und die Vorwürfe gestehen, würde ihm eine Jugendstrafe von maximal vier Jahre und drei Monate Gefängnis drohen.

„Wir wollen Ihnen nicht mit aller Gewalt Ihre Zukunft verbauen“, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel. Man wolle dem 20-jährigen noch eine Chance geben. Eine Chance, die einer der Glaubensbrüder mit denen Kreshnik B. nach Syrien gereist war, nicht mehr hat. Er kam nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes (BKA) ums Leben.

 

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Schlag gegen Dschihadisten-Netzwerk

von Florian Flade

Den Sicherheitsbehörden ist ein Schlag gegen ein Dschihadisten-Netzwerk in Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen gelungen. Die Extremisten sollen eine Terrorgruppe in Syrien unterstützt haben.

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In Berlin-Treptow, auf dem Gelände einer ehemaligen Preußischen Kaserne, befindet sich das Herz der deutschen Terrorbekämpfung. Das “Gemeinsame Terrorabwehrzentrum” (GTAZ). In täglichen Lagebesprechungen kommen hier Experten von Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst (BND), Bundeskriminalamt (BKA) und Vertreter der Bundesanwaltschaft (GBA) zusammen, um die Gefahr einzuschätzen, die von radikalen Islamisten ausgeht. Dazu tauschen die Terrorermittler Erkenntnisse aus, werten abgehörte Telefonate, abgefangene E-Mails und Berichte von Informanten aus, analysieren Propagandavideos.

Seit Monaten dominiert ein Thema die Runden im GTAZ: Syrien. Mindestens 300 Islamisten aus der Bundesrepublik sollen in das Bürgerkriegsland gereist sein, um sich am Kampf gegen das Assad-Regime zu beteiligen. Der Sicherheitsapparat arbeitet fieberhaft daran, den Extremisten auf die Schliche zu kommen. Wer will nach Syrien reisen? Wer ist bereits ausgereist? Wer zurückgekehrt? Was treiben die deutschen Islamisten vor Ort? Wer hat eine Terror-Ausbildung erhalten? Was haben die Syrien-Rückkehrer vor? All diese Fragen versuchen die verschiedenen Sicherheitsbehörden in Kooperation zu klären. Eine Sisyphos-Aufgabe.

Das Ziel ist dabei klar: Wer in Syrien als Kämpfer oder Helfer von Kämpfern aktiv war, und wieder in die Bundesrepublik einreist, den soll die volle Härte des Rechtsstaats treffen. Wie jetzt im Fall von Fatih K., Fatih I. und Karolina R.

Am Montagmorgen rückten mehr 100 Beamte der GSG-9, des BKA und verschiedener Landeskriminalämter aus und durchsuchten insgesamt zehn Wohnungen mutmaßlicher Islamisten in Berlin, Bonn und Frankfurt am Main. Insgesamt ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen ein Netzwerk von acht Personen, die der Terrorunterstützung verdächtigt werden.

Im Fokus stehen der 35-jährige Deutsch-Türke Fatih K. aus Berlin, der 26-jährige Türke Fatih I. aus Frankfurt am Main und die 27-jährige polnisch-deutsche Staatsbürgerin Karolina R. aus Bonn. Sie wurden am Montag wegen des Verdachts der “Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung” verhaftet. Die beiden Männer sollen sich in Syrien der Terrorgruppe “Islamischer Staat im Irak und Großsyrien” (ISIG) angeschlossen haben. Der Bonnerin Karolina R. wird vorgeworfen, Geld an ISIS gespendet zu haben.

“Die heutigen Maßnahmen zeigen, dass gewaltsame Konflikte wie der in Syrien sich unmittelbar auf uns in Deutschland auswirken”, warnte Bundesanwalt Harald Range am Montag in Karlsruhe. “Wir müssen dieser Entwicklung auch mit den Mitteln des Strafrechts entschieden entgegentreten auch mit Blick auf mögliche Gefahren, die von radikalisierten Rückkehrern aus Syrien für die Bevölkerung in Deutschland ausgehen können.“

Dem Polizeieinsatz voraus ging eine monatelange Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Sicherheitsbehörden. Schon seit dem vergangenen Jahr standen die nun Beschuldigen Fatih K. und Fatih I. auf einer Liste von mutmaßlichen Syrien-Reisenden aus der deutschen Islamisten-Szene. Im Sommer 2013 hatten sich die Männer über die Türkei nach Syrien abgesetzt. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden schloss sich Fatih K. wohl zunächst der islamistischen Rebellengruppe “Junud ash-Sham” an, wechselte später zum “Islamischen Staat im Irak und Großsyrien” (ISIG). Der Berliner soll sich sowohl an Kämpfen als auch an der Propagandaarbeit beteiligt haben.

Es wirkt wie ein dschihadistisches Dejavu, denn Fatih K. wurde bereits vor drei Jahren wegen Terror-Unterstützung verurteilt. Mehr als 2.000 Euro hatte der sechsfache Vater im November und Dezember 2009 an die “Deutschen Taliban Mujahideen” (DTM), eine nicht mehr existente Terrortruppe im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, überwiesen. Zudem soll K. als eine Art Schleuser für kampfeswillige Islamisten fungiert haben.

Im April 2011 verurteilte das Berliner Kammergericht den Deutsch-Türken zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Der Haftbefehl wurde jedoch ausgesetzt. Es bestehe keine Fluchtgefahr, befand der damalige Vorsitzende Richter. Das Geständnis von Fatih K. habe gezeigt, dass der Terrorhelfer seine Taten bereue.

Wohl eine fatale Fehleinschätzung, wie die erneute Festnahme von Fatih K. am Montag zeigt. Wieder wird dem Berliner Unterstützung einer Dschihad-Gruppierung vorgeworfen. Dieses Mal geht es um Syrien.

Der zweite Beschuldigte, Fatih I. aus Frankfurt am Main, war den Sicherheitsbehörden vor seiner Ausreise in den syrischen Bürgerkrieg als aktives Mitglied der hessischen Salafisten-Szene bekannt. Er beteiligte sich an der Koran-Verteilkampagne “Lies!”, meldete eine solche Aktion in Offenbach selbst an. I. soll sich im Spätsommer 2013 in Syrien der Terrorgruppe ISG angeschlossen haben.

Die Ermittler in Deutschland stießen nach meinen Informationen im Internet auf Fotos des Frankfurter Islamisten aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet. Die Aufnahmen sind datiert und zeigen Fatih I., wie er mit einem schwarzen Banner der ISIG posiert. Für die Bundesanwaltschaft ein wichtiger Hinweis auf die Unterstützung der Terrororganisation.

Am 23.September 2013 reiste Fatih I. gemeinsam mit Fatih K. wieder nach Deutschland ein. Per Flugzeug von Istanbul nach Berlin. Ab diesem Moment galten die beiden Syrien-Veteranen als islamistische Gefährder und standen unter ständiger Beobachtung der Behörden. Dennoch gelang es Fatih I., sich Ende vergangenen Jahres erneut nach Syrien abzusetzen. Auf “hochkonspirative Art”, wie es aus Sicherheitskreisen heißt.

Im Januar kehrte der 26-jährige Türke aus Syrien zurück. Offenbar radikalisiert und motiviert, weiter im Dienste der Terroristen der ISIG zu arbeiten. Nach Darstellung der Bundesanwaltschaft befasste sich Fatih I. damit, “Geld- und Sachmittel für die terroristische Vereinigung zu beschaffen”. Zuletzt soll I. sogar geplant haben, ein drittes Mal nach Syrien zu reisen.

Geld für ISIG beschaffte auch eine Islamistin aus Bonn. Karolina R. soll, so fanden die Ermittler heraus, in vier Geldzahlungen insgesamt rund 4.800 Euro an die syrische Terrorgruppe gespendet haben.

Fünf weitere mutmaßliche Terrorhelfer, die wohl mit Fatih K., Fatih I. und Karolina R. in Verbindung standen, sind ebenfalls Teil des Ermittlungskomplexes, wurden jedoch am Montag nicht verhaftet.

Der Fall zeigt, dass die dschihadistischen Ausreisen auf das syrische Schlachtfeld inzwischen eine Rückwirkung nach Deutschland haben. Sicherheitsbehörden warnen seit Monaten vor der Gefahr, die von den kampferprobten Rückkehrern aus dem Bürgerkrieg ausgeht. Wer in Syrien Kampferfahrung gesammelt habe, radikalisiere sich oftmals weiter, so die Einschätzung des Verfassungsschutzes. Nicht wenige Islamisten agieren offensichtlich weiter im Auftrag einer Terrorgruppe, werben neue Kämpfer an oder sammeln Spendengelder.

Etwa ein Dutzend Verfahren mit Syrien-Bezug sollen aktuell bei der Bundesanwaltschaft in Kalrsruhe anhängig sein. Hinzu kommen noch zahlreiche weitere Verfahren bei den jeweiligen Staatsanwaltschaften der Länder.

Der Dschihad-Tourismus nach Syrien wird die deutsche Justiz und auch die Sicherheitsbehörden wohl noch eine ganze Weile beschäftigen.

 

Al-Qaidas mächtigster Kommandeur

von Florian Flade

Abu Bakr al-Baghdadi gilt als Phantom: Er ist der Anführer des stärker werdenden Terrornetzwerkes Islamischer Staat im Irak und Sham – und provoziert damit den eigentlichen Al-Qaida-Chef.

www.rewardsforjustice.net 2014-1-26 17 34 5

Als er noch im nordrhein-westfälischen Dinslaken wohnte, war Philip B. ein Berufsschüler, der als Pizzabote sein Geld verdiente. Jetzt lebt der Konvertit in Syrien und kämpft als „Abu Osama al-Almani“ an der Seite al-Qaidas gegen das Assad-Regime. In einer Videobotschaft lobt Philip B. das Terrornetzwerk in höchsten Tönen. „Ich hab noch eine Nachricht an meinen Sheikh Abu Bakr al-Baghdadi. Wir sind wirklich zufrieden mit deiner Arbeit“, sagt der deutsche Dschihadist. „Und dass du bereit bist, trotz der ganzen Gegner den Islamischen Staat auszurufen. Dafür lieben wir dich, und dafür stehen wir dir zur Seite!“

Wer ist der ominöse Sheikh, dem der deutsche Gotteskrieger seine Loyalität ausspricht?

Abu Bakr al-Baghdadi ist der derzeit wohl mächtigste Mann innerhalb des Terrornetzwerkes al-Qaida. Obwohl die Organisation nach der Tötung Osama Bin Ladens im Mai 2011 rein hierarchisch von dem Ägypter Ayman az-Zawahiri geführt wird, lenkt al-Baghdadi mittlerweile faktisch einen Großteil der islamistischen Gotteskrieger. Der 42-jährige Iraker, dessen richtiger Name Ibrahim Bin Awad Bin Ibrahim al-Badri al-Radawi al-Husseini al-Samarrai lauten soll, befehligt den Al-Qaida-Ableger Islamischer Staat im Irak und Sham (ISIS), die aktuell wohl schlagkräftigste Terrorgruppe auf dem syrischen Schlachtfeld. Das US-Außenministerium hat für Hinweise zu seiner Ergreifung eine Belohnung von zehn Millionen US-Dollar ausgesetzt.

Für westliche Sicherheitsbehörden war al-Baghdadi lange Zeit ein Phantom. Nach der Tötung des Jordaniers Abu Mussab az-Zarkawi im Juni 2006 übernahm er zunächst das irakische Al-Qaida-Netzwerk. Auf öffentliche Auftritte, etwa in Propagandavideos, verzichtet al-Baghdadi bislang. Lediglich Audiobotschaften veröffentlicht der Extremist in regelmäßigen Abständen.

Al-Baghdadis nicht unumstrittener Machtanspruch beruht zum größten Teil auf seiner Biografie. Geboren 1971 im irakischen Samarra, soll al-Baghdadi aus einer angesehenen Familie stammen, die mehrere Sharia-Gelehrte hervorgebracht hat und in direkter Verwandtschaft zum Propheten Mohammed stehen soll. Zudem, so heißt es in einer in dschihadistischen Internetforen verbreiteten Biografie, soll er über einen Doktortitel in islamischer Theologie von der Universität Bagdad verfügen. Und somit offiziell ein Rechtsgelehrter sein. Als „Dr. Abu Dua“ bezeichnete er sich lange Zeit selbst.

Nach dem Einmarsch der US-Armee in den Irak im Jahr 2003 schloss sich al-Baghdadi eigenen Angaben zufolge der frühen Al-Qaida-Keimzelle um Abu Mussab az-Zarkawi an. Welche Rolle er unter az-Zarkawi innehatte, ist bis heute ungeklärt. Jedenfalls stieg er nach dessen Tod unmittelbar zum Anführer des Islamischen Staates im Irak (ISI), wie sich die irakische al-Qaida nennt, auf.

Mittlerweile hat er das Nachbarland Syrien ins Visier genommen. Al-Baghdadi entsandte wohl erstmals 2012 Kämpfer aus dem Irak über die Grenze, um Präsenz im syrischen Bürgerkrieg aufzubauen. Sein erklärtes Ziel war dabei die Errichtung eines radikal-islamischen Gottesstaates in Nahost. Ausgehend vom West-Irak sollen Dschihadisten die gesamte Region über die Grenze nach Syrien hinaus unter ihre Kontrolle bringen. Nie hat al-Qaida ein derart großes Gebiet beherrschen können.

Um diese Vision umsetzen zu können, verkündete der Terrorchef im April 2013 die Gründung einer neuen Organisation, des Islamischen Staates im Irak und Sham. Eine Aktion, die al-Sawahiri zornig machte. Wohl aus seinem Versteck irgendwo im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet heraus sandte der Bin-Laden-Nachfolger im Juni 2013 einen wütenden Brief an seine Statthalter im Irak und in Syrien. „Sheikh Abu Bakr al-Baghdadi lag falsch, als er ISIS gegründet hat, ohne unsere Genehmigung und ohne unseren Rat einzuholen oder uns auch nur zu informieren“, schrieb al-Sawahiri. Der Islamische Staat in Syrien sei nun aufzulösen, so der Al-Qaida-Chef, die Organisation im Irak solle jedoch fortgeführt werden. Eine andere Terrorgruppe, die islamistische Jabhat-al-Nusrah-Front unter Führung von „Abu Mohamed al-Dscholani“, sei der rechtmäßige Al-Qaida-Ableger in Syrien.

Die Anordnung Sawahiris kam einer Ohrfeige für Abu Bakr al-Baghdadi gleich. Zu diesem Zeitpunkt aber hatten sich dessen Gotteskrieger bereits in zahlreichen Ortschaften in Nord-Syrien eingenistet und mit drakonischen Strafen, Folter und Hinrichtungen den Ruf als brutalste und furchterregendste Rebellengruppe erworben. Eine wachsende Zahl von Kämpfern der Jabhat al-Nusrah lief zu ISIS über. Der Machtbereich al-Baghdadis weitete sich zusehends aus. Und das, obwohl Ayman az-Zawahiri eigentlich den Rückzug der Terrormiliz in den Irak befohlen hatte.

Westliche Nachrichtendienste beobachteten den Machtkampf innerhalb al-Qaidas sehr genau. Wie würde al-Baghdadi auf die Anordnung seines Chefs reagieren? „Einen vergleichbaren Disput hatte es bis dato in der al-Qaida nicht gegeben“, sagt ein Analyst des Bundesnachrichtendienstes.

Al-Baghdadis Antwort auf az-Zawahiri folgte nur wenige Tage später. „Der Islamische Staat im Irak und in der Levante wird fortbestehen und ist nicht gefährdet, bis wir sterben“, sagte der Iraker in einer Audiobotschaft, die im Internet verbreitet wurde. An die Konkurrenz der Jabhat al-Nusrah gerichtet, bot al-Baghdadi an, diese könne sich problemlos seiner Gruppierung anschließen.

Zawahiri hatte die Jabhat al-Nusrah offiziell als Teil al-Qaidas und rechtmäßigen Ableger in Syrien geadelt. Für al-Baghdadi aber ist die Gruppe in ihrer Auslegung der Sharia nicht radikal genug. Der Kampf Jabhat al-Nusrahs gilt primär dem syrischen Regime Baschar al-Assads. Aus Sicht al-Baghdadis aber müssten sämtliche Schiiten und auch Kurden als „Feinde der Sunniten“ bekämpft werden.

Der Machtkampf innerhalb der al-Qaida war mit al-Baghdadis Absage an az-Zawahiri perfekt. Der machtbesessene Emir des Islamischen Staates war nicht gewillt, einen Rückzieher zu machen. Und er hat dabei gute Argumente auf seiner Seite. Die schwarz vermummten Dschihadisten von ISIS nehmen seit Monaten eine Ortschaft nach der anderen im syrischen Kriegsgebiet ein, hissen dort die schwarzen Flaggen mit dem Siegel des Propheten Mohammed, errichten Sharia-Gerichte und vertreiben lokale Rebellengruppen.

Zawahiri kann dem Siegeszug ISISs nur hilflos zusehen. Auch wenn er in einer Audiobotschaft am 8. November 2013 erneut auf al-Baghdadi einredete. In 14 Punkten legte al-Sawahiri dar, wie sich die Terrorgruppen in Syrien zu verhalten haben. Al-Baghdadis ISIL-Fraktion, so wiederholte er, solle sich auf irakisches Territorium zurückziehen. Jabhat al-Nusrah solle den Dschihad in Syrien führen.

Die Worte des Al-Qaida-Emirs scheinen jedoch auf taube Ohren zu treffen. Abu Bakr al-Baghdadi hat längst größere Ziele vor Augen. Er sieht sich als Herrscher eines grenzüberschreitenden Gottesstaates zwischen dem Irak und Syrien. Vergleichbare Macht übte bislang kein Al-Qaida-Vertreter aus.

Möglich ist all dies auch durch den Umstand, dass die Situation im Irak aufgrund des anhaltenden Bürgerkrieges in Syrien in Vergessenheit geriet. Insbesondere seit dem Rückzug der US-Truppen. Dabei gibt es weiterhin Terroranschläge gegen die irakische Regierung, kurdische Milizen im Norden und Schiiten im Südirak. Hunderte Menschen starben im vergangenen Jahr bei Attentaten, für die al-Baghdadis Organisation die Verantwortung übernahm.

Im Juli 2013 etwa stürmten Al-Qaida-Kämpfer das größte irakische Gefängnis in Abu Ghraib und befreiten über 500 Insassen, darunter unzählige Terroristen. Ein Coup, der al-Baghdadi in dschihadistischen Kreisen weitere Sympathie verschaffte. Zudem gelang es den Al-Qaida-Extremisten, beinahe unbemerkt ein Machtvakuum in der westirakischen Provinz al-Anbar auszunutzen. In den Städten Falludscha und Ramadi riefen die Dschihadisten in der vergangenen Woche einen islamischen Staat aus. Tausende Menschen flohen daraufhin.

Die irakische Regierung entsandte das Militär und forderte die örtliche Bevölkerung auf, sich gegen die Islamisten zur Wehr zu setzen. Die Folge waren blutige Gefechte mit mehr als 150 Toten. Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki kündigte an, weitere Anti-Terror-Einsätze in der Region durchzuführen, „bis wir alle terroristischen Gruppen beseitigt und unser Volk in Anbar gerettet haben“.