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Die Master-Spione sind da

In Deutschland kann man seit einigen Jahren den Master of Intelligence and Security Studies (MISS) studieren. Ein akademischer Abschluss speziell für Geheimdienst-Mitarbeiter. Was lernt man in diesem Studium?

Von Florian Flade

Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung (ZNAF) in Berlin

Rund drei Millionen Studierende gibt es in Deutschland. Die Auswahl an Studiengängen ist so groß wie nie. Besonders beliebt sind weiterhin BWL, Informatik, Rechtswissenschaften und Medizin. Aber auch Psychologie, Maschinenbau und Soziale Arbeit. Und dann gibt es da noch ziemlich außergewöhnliche Studienfächer.

Onomastik etwa kann man in Leipzig studieren, auch Namenforschung oder Namenkunde genannt. Wer sich für Keltologie interessiert, wird in Marburg fündig. Das Studium Brauwesen gibt es in München, und in Berlin kann man den akademischen Abschluss in Gamedesign machen.

In Berlin wurden kürzlich auch die Absolventen eines anderen, ebenfalls ungewöhnlichen Studiengangs feierlich verabschiedet. Die Feier war jedoch nicht öffentlich, sie fand hinter verschlossenen Türen statt – in der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Berlin.

Seit 2019 gibt es in Deutschland den Studiengang Master of Intelligence und Security Studies (MISS), den Master in Geheimdienstwissenschaften sozusagen. Ein Studium, das sich speziell an Mitarbeitende von BND, Verfassungsschutz und dem Militärischem Nachrichtenwesen der Bundeswehr richtet.

Wer sich für den MISS-Studiengang entscheidet, wird an zwei unterschiedlichen Standorten in der Bundesrepublik ausgebildet. Ein Teil des Studiums findet an der Universität der Bundeswehr (UniBw M) in Neubiberg (Landkreis München) statt, anschließend geht es ans Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung (ZNAF) beim BND in Berlin.

Zwei Jahrgänge haben das MISS-Studium inzwischen absolviert, aufgrund der Corona-Pandemie musste die ursprünglich angedachte Abschlussfeier allerdings verschoben werden. Und so wurden die insgesamt 102 MA-Absolventen der Jahrgänge 2019 und 2020 erst am 17. Juni dieses Jahres in der BND-Zentrale an der Chausseestraße in Berlin-Mitte verabschiedet.

Erst spielten zwei Blechbläser der Bundeswehr. Dann trat Michael Baumann ans Rednerpult, einst Brigadegeneral der Bundeswehr, wechselte dann zum BND, war zwischenzeitlich Resident in Washington D.C. und ist heute Vize-Präsident des Auslandsnachrichtendienstes. Der Saal „München“ in der BND-Zentrale war gut gefüllt, im Publikum saßen der Chef des Kanzleramtes, ranghohe Vertreter der deutschen Sicherheitsbehörden und der Bundeswehr.

„Neben unserer praktischen Expertise und langjährigen Erfahrung braucht unser Geschäft vor allem aber auch ein wissenschaftliches Fundament“, sagte BND-Vize Baumann in seiner Ansprache. Die deutschen Geheimdienste müssten schließlich international anschlussfähig sein und an gesellschaftlichen Debatten rund um sicherheitspolitischen und nachrichtendienstliche Fragen mitwirken können. „Der MISS ist ein deutschlandweit einzigartiger Studiengang“, so Baumann.

Was genau ist der MISS-Studiengang? Und warum wurde er eingerichtet?

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Die ND-Lage

In den USA bekommt der Präsident täglich ein Lagebild von seinen Geheimdiensten präsentiert. In Deutschland wird die Bundesregierung einmal pro Woche von BND & Co. unterrichtet. Dann findet im Bundeskanzleramt die Nachrichtendienstlichen Lage (ND-Lage) statt. Was hat es mit dieser geheimen Runde auf sich?

Von Florian Flade

Der Ort, an dem es einmal in der Woche, immer dienstags, ab 10 Uhr, um Geheimnisse geht, befindet sich im vierten Stock des Bundeskanzleramtes. Hier liegt das Lagezentrum, ein abhörsicherer, schmuckloser Raum, in dem Tische und Stühle U-förmig angeordnet sind. Wöchentlich sitzen hier Männer und Frauen zusammen, die zu einer der privilegiertesten Runde des Landes gehören. Sie dürfen wissen, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist – und müssen Stillschweigen darüber bewahren.

In diesem Raum findet die Nachrichtendienstliche Lage, kurz ND-Lage genannt, statt. Dabei tragen die Chefs der Geheimdienstes des Bundes, der BND, das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und der Militärische Abschirmdienst (MAD) der Bundesregierung zu den wichtigsten Themen der Woche vor. Mit dabei sind der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), oft auch der Bundespolizei-Chef, Staatssekretäre aus dem Innen-, dem Justiz- und dem Verteidigungsministerium sowie aus dem Auswärtigen Amt. Die geheime Runde leiten der Chef des Bundeskanzleramtes, Helge Braun, und der Beauftragte für die Nachrichtendienste des Bundes, Staatssekretär Johannes Geismann.

Die ND-Lage gilt als die wichtigste Sicherheitsunterrichtung der Bundesrepublik. In vergleichsweise kurzer Zeit, innerhalb von ein bis zwei Stunden, bekommt die Regierung allwöchentlich von den Spionen und Ermittlern mitgeteilt, welche Gefahren und Bedrohungen es derzeit für die Bürgerinnen und Bürger des Landes gibt. Welche weltpolitischen Krisen und Konflikte die Interessen der Bundesrepublik betreffen und ihre Sicherheit gefährden könnten. Es sind Berichte über Krieg und Konflikte, über die Terrorgefahr, Mordanschläge, Hackerangriffe und Geiselnahmen.

Deutschland leistet sich große Sicherheitsbehörden mit vielen Tausend Mitarbeitenden, mit Budgets, die in den vergangenen Jahren immer weiter gewachsen sind und mit Befugnissen, die ausgeweitet wurden. Die Arbeit der Nachrichtendienste findet naturgemäß im Verborgenen statt, aber die Spionage durch den BND und die Aufklärungsarbeit des Verfassungsschutzes, soll kein Selbstzweck sein – und die Dienste keine willfährigen Werkzeuge einer bestimmten politischen Agenda.

Die Dienste sollen vielmehr Informationen sammeln und bewerten, Einschätzungen und Prognosen abgeben und somit die Regierung in die Lage versetzen, in bestimmten Bereichen bessere, fundiertere Entscheidungen zu treffen. Die Kanzlerin und ihre Ministerinnen und Minister sollen dabei unterstützt werden bestehende Krisen zu lösen oder aufkommende Krisen zu verhindern.

Die Unterrichtung durch die Geheimdienst-Chefs ist zwar nur eine Quelle aus der die Bundesregierung Informationen schöpfen kann – aber mitunter eine äußerst wertvolle. Die Wertschätzung der Dienste und ihrer Arbeit unterlag im Laufe der Jahre allerdings teils erheblichen Schwankungen. Manch ein Bundeskanzler soll die tägliche Zeitungslektüre den BND-Berichten vorgezogen haben, und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt lange einen deutlichen Sicherheitsabstand zu den Spionen.

Welche Bedeutung hat die ND-Lage tatsächlich für das Regierungshandeln? Und wie genau laufen die geheimen Sitzungen ab?

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Das Virus und die Spione

Die Corona-Pandemie beeinflusst die Arbeit von Geheimdiensten. Es gibt neue Herausforderungen und Bedrohungen. Außerdem stellen sich Fragen: Haben die Spione die Gefahr unterschätzt?

Von Florian Flade

Der Kleine Wannsee liegt im äußersten Südwesten von Berlin, im grünen Speckgürtel der Hauptstadt. Am Wochenende steigt hier oft ein Mann ins Ruderboot und zieht seine Bahnen, den bis vor rund einem Jahr nur wenige Menschen in Deutschland kannten. Mittlerweile gehört er zu den bekanntesten Gesichtern der Bundesrepublik: Lothar Wieler, Fachtierarzt für Mikrobiologie und Leiter des Robert-Koch-Instituts (RKI) – jener Behörde, die hierzulande für die Beobachtung von Krankheiten und den Schutz der Gesundheit der Bevölkerung zuständig ist.

Der 60-Jährige mit den grau-melierten Haaren, der randlosen Brille und der tiefen, rauchigen Stimme tritt seit nun mehr einem Jahr Woche für Woche vor die Presse, oft an der Seite von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, und verkündet die neuesten Zahlen zur Corona-Pandemie. In seiner Freizeit ist Wieler ein begeisterter Ruderer, er hat an zahlreichen Wettkämpfen teilgenommen. Als sein Verein wegen der Pandemie pausieren musste, stellte ihm der Berliner Landesruderverband eigens eine Rudermaschine zur Verfügung, damit er auf der heimischen Terrasse oder im Wohnzimmer trainieren kann.

Auf dem Wasser sitzt hin und wieder ein alter Freund mit Wieler im Ruderboot, die beiden kennen sich seit der Studienzeit. Im Gegensatz zum RKI-Chef ist dieser Mann in der Öffentlichkeit bis heute kaum bekannt, dabei ist seine Funktion eine durchaus wichtige: Bruno Kahl ist der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Normalerweise haben der Chef der Infektionsschutzbehörde und der Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes wohl nur selten beruflich miteinander zu tun. Die Corona-Pandemie aber hat nun deutlich gemacht, dass es neben dem Terrorismus, Cyberangriffen oder Diktatoren mit Atombomben noch ganz andere Bedrohungen gibt, die das weltpolitische Geschehen dramatisch und umfassend beeinflussen – und damit erhebliche Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und die Sicherheitslage haben können.

Ein Virus erweist sich als eine globalen Herausforderung für die Menschheit. Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Bevölkerung sind gefordert wie selten zuvor, die Erwartungen und Hoffnungen nehmen zu, der Druck auf Entscheidungsträger wächst stetig. Gleichzeitig stellen sich Fragen, die auch die Nachrichtendienste betreffen: War die Pandemie vorhersehbar? Haben die Geheimdienste als Frühwarnsystem versagt? Was wissen BND, CIA und andere Dienste über den Ausbruch von SARS-CoV-2? Oder über die Infektionslage in anderen Erdteilen, etwa in China, Iran, Russland oder auf dem afrikanischen Kontinent? Welche Rolle spielen Spione bei der Bekämpfung der Seuche? Und wie verändert sich Spionage durch die Pandemie?

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