Schlagwort-Archive: Strategische Aufklärung

Die Kommission

In einem abhörsicheren Raum unter dem Bundestag tagt die wohl geheimste Runde des Landes: Die G10-Kommission entscheidet darüber, ob die Geheimdienste Überwachungsmaßnahmen durchführen können – und gegen wen. Ein Blick auf ein sehr verschwiegenes Gremium.

Von Florian Flade

Der lange Flur wirkt trist und kalt, die Wände sind aus Beton. In den Sitzungswochen ist hier viel los, im Untergeschoss des Jakob-Kaiser-Hauses, eines von drei Gebäuden des Deutschen Bundestages. Gleich um die Ecke befindet sich die Kantine. In dem Gang gibt es unscheinbare, graue Doppeltür. Auf einem Schild daneben steht: U1-215. Wer den fensterlosen Raum dahinter betritt, darf kein Handy mitnehmen, keinen Laptop, jegliche Aufzeichnungen sind verboten.

Hier, in dem abhörsicheren Raum im Keller des Bundestages, kommt regelmäßig eine kleine Gruppe Abgeordneter zusammen, die mit einer sehr brisanten Aufgaben betraut sind: Das Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr) ist dafür zuständig, die Arbeit der Geheimdienste des Bundes zu überwachen. Regelmäßig muss die Bundesregierung diesen Parlamentariern darüber berichten, woran der Bundesnachrichtendienst (BND), das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und der Militärischer Abschirmdienst (MAD) gerade arbeiten, welche besonderen Vorgänge und Ereignisse es gibt.

In Raum U1-215 tagt jedoch noch eine weitere Runde, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung findet. Es ist die wohl geheimste Runde der Bundesrepublik: Die G10-Kommission. Sie ist dafür zuständig, zeitweise ganz legal ein Grundrecht zu beschränken, besser gesagt: außer Kraft zu setzen. Wie der Name verrät, geht es um Artikel 10 des Grundgesetzes, das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis. Die Mitglieder der G10-Kommission entscheiden darüber, ob die Geheimdienste Überwachungsmaßnahmen durchführen dürfen. Ob sie Telefone abhören und Internetkommunikation überwachen, Fluggast- und Bankdaten abfragen dürfen.

Wenn der BND, das BfV oder der MAD eine Person für einen potentiellen Extremisten, Terroristen oder Spion halten und sie überwachen wollen, dann muss der jeweilige Dienst der G10-Kommission dafür eine schriftliche Begründung und einen Antrag vorlegen. Dies gilt, wenn es sich bei der Person um einen deutschen Staatsbürger handelt oder um einen Ausländer, der in Deutschland lebt, also Grundrechtsträger ist. Auch bei der anlasslosen Überwachung des BND, also wenn weltweite Kommunikation mit Suchbegriffen durchforstet wird, übt die Kommission eine wichtige Rolle aus (es gibt G10-Kommissionen auch auf Landesebene, dort entscheiden sie nur über die Abhörmaßnahmen durch die jeweilige Landesverfassungsschutzbehörde).

Anders als das PKGr hat die G10-Kommission damit tatsächlich direkte Auswirkungen auf die Arbeit der Nachrichtendienste. Das PKGr kontrolliert streng genommen nicht die Dienste, sondern die Aufsicht der Bundesregierung über die Dienste. Oder anders gesagt: Das PKGr hat keine Weisungsbefugnis gegenüber den Spionen, es hat auch keine echte Sanktions- und Disziplinarmöglichkeit. Die Abgeordneten des PKGr können durch den Ständigen Bevollmächtigten zwar Untersuchungsaufträge erteilen, wie vor einiger Zeit beispielsweise zum Thema Rechtsextremistische Netzwerke mit Bezug zur Bundeswehr. Die PKGr-Mitglieder können bei den Diensten auch jederzeit Akteneinsicht nehmen und Vorgänge überprüfen, aber das hat nicht unbedingt Auswirkungen auf die Arbeit der Spione. Die G10-Kommission hingegen kann die Dienste in ihrer Arbeit durchaus beschränken, mitunter sogar empfindlich. Es ist somit ein mächtigen Kontrollorgan, über dessen Innenleben dennoch sehr wenig bekannt ist.

Weiterlesen

Augen im All

von Florian Flade

Seit der NSA-Affäre ist klar: Geheimdienste setzen massiv auf die Überwachung des Internets. Wie aber steht es um die Spionage aus dem Weltall?

pic210614

Schwere Transportfahrzeuge rollen über die Landstraßen an der russisch-ukrainischen Grenze. Es sind Bilder, die an Krieg erinnern. Doch geschossen wird bislang nicht, es ist eine Machtdemonstration. Noch vor kurzem hatte Russland sein Militär in der Grenzregion zur Ukraine abgezogen. Jetzt marschieren erneut Truppen auf. Bis zu 5000 Soldaten sollen im Einsatz ein.

Die neue russische Truppenverlegung steht unter genauer Beobachtung. Rund 500 Kilometer über der Erde kreisen fünf Satelliten mit hochauflösenden Kameras. Sie liefern detaillierte Aufnahmen der russischen Militärbewegungen, bei Tag und Nacht, egal bei welchen Wetterverhältnissen, auch bei geschlossener Wolkendecke.

Die Satelliten senden ihre Bilder an einen kleinen Ort, rund 20 Kilometer südlich von Bonn. Im beschaulichen Gelsdorf, in einer hermetisch abgesicherten Militäranlage, residiert das „Kommando Strategische Aufklärung“ der Bundeswehr. Die rund 620 Mann starke Einheit ist mit einer brisanten Aufgabe betraut: dem Einsatz von Spionagesatelliten.

Tief unter der Erde, in einem atombombensicheren Kommando-Raum, abgesichert durch Schleusen und Türen mit Sicherheitscodes, steuert die Bundeswehr-Einheit das System „SAR-Lupe“, dessen fünf Satelliten seit November 2007 über der Erde kreisen. Jedes Zielobjekt wird von den Kameras der Satelliten auf unterschiedlichen Winkeln aufgenommen. So entstehen hochpräzise Radarbilder, selbst von Objekten die nur rund 50 Zentimeter groß sind.

Ausgewertet werden die Bilder in Gelsdorf von Experten des „Kommando Strategische Aufklärung“, und von Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes (BND). Egal ob Einsatzgebiete der Bundeswehr in Afghanistan und Mali, oder aktuelle Krisenherde wie Syrien oder die Ukraine – die deutschen Spionagesatelliten liefern aus dem Weltall heraus wichtige Informationen für die Analysen und Auswertungen. Ohne dabei in fremde Lufträume eindringen zu müssen. Ein entscheidender Vorteil gegenüber Spionage-Flugzeugen oder Drohnen.

Die Satellitenaufklärung gehört schon lange zu den wichtigsten Komponenten militärischer und geheimdienstlicher Arbeit. Ähnlich wichtig wie die Auswertung von Telefon- und E-Mail-Verkehr, im Bezug auf militärische Einsätze teilweise sogar von absoluter Priorität. Die Bundesrepublik verfügt über einige der modernsten Systeme weltweit. Und möchte aufrüsten.

Im Juli 2013 schloss das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) mit der Bremer Firma OHB Systems GmbH einen Vertrag über die Anschaffung neuer Satelliten. Auftragsvolumen: 816 Millionen Euro. In drei Jahren ist die Lebensdauer des aktuellen Systems „SAR-Lupe“ erschöpft. Dann soll Ersatz bereitstehen. In Form des Systems „SARah“.

Statt fünf Spähsatelliten sollen künftig nur drei im Dienste der Bundesrepublik aus dem All spionieren. Zwei Satelliten sollen in 500 Kilometern Höhe kreisen, ein dritter, ausgestattet mit einem sogenannten Phased-Array-Radar der Firma Astrium GmbH, fliegt in 750 Kilometern Höhe. Im Zusammenspiel sollen die „SARah“- Satelliten hochauflösende Aufnahmen an zwei Bodenstationen liefern. Geplant ist, die neuen Systeme Ende 2018 und Anfang 2019 ins All zu schießen. Mit dem Transport beauftragt ist das amerikanische Unternehmen Space-X.

Bereits vor fünf Jahren wurden erste Schritte in die Wege geleitet, die deutsche Sallitenaufklärung zu auszubauen. In Zusammenarbeit mit den USA. Es ging um das gemeinsame Projekt „High Resolution Optical System“, kurz „HiROS“ genannt.

Am 8.April 2009 reiste eine hochrangige Delegation deutscher Geheimdienstler und Militärs in die USA. Mit dabei waren unter anderem der BND-Vize Arndt Freytag Freiherr von Loringhoven und der BND-Abteilungsleiter für die Satellitenaufklärung (GEOINT), Joachim Karl Trenker. Die deutschen Gäste trafen sich mit den Vertretern der National Geospatial Intelligence Agency (NGA), des amerikanischen Weltraum-Geheimdienstes.

Der BND, so vermerkt die amerikanische Seite später in Gesprächsnotizen, sei sehr daran interessiert in Kooperation mit den USA die Satellitenaufklärung zu modernisieren und auszubauen. Im Kanzleramt habe der BND-Vertreter Trenker schon für das Projekt „HiROS“ geworben. „HiROS hat Merkels Ohr, aber hat es auch ihren Geldbeutel?“, heißt es in einer Vermerk des US-Außenministeriums. Der deutsche Auslandsnachrichtendienst sei sich sicher, dass „HiROS umgesetzt wird, egal wie die Bundestagswahlen ausgehen werden“.

Eine Fehleinschätzung. „HiROS“, das der BND zu rund 30 Prozent mit nutzen wollte, wurde letztendlich nicht realisiert. Im Sommer 2010 verwarf die Bundesregierung die Pläne für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit bei der Weltraum-Spionage. Aus Kostengründen heißt es, und weil man Streitigkeiten mit Ländern wie Frankreich vermeiden wollte.