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Dschihad-Rückkehrer Teil 6 – Der Jäger

von Florian Flade

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Die “Lohberger Brigade” des IS

Samstag, 10. Januar 2015, im Gewerbegebiet von Dinslaken. Es ist etwa 19.40 Uhr als ein silberfarbener VW-Polo vom McDonald´s in der Krengelstraße zur nahegelegnenen Shell-Tankstelle fährt. Am Steuer sitzt ein stämmiger junger Mann. Nils D., 24 Jahre alt.

Er ahnte wohl nicht, dass er beobachtet wurde. Ein mehrköpfiges Observationsteam der Polizei, ein sogenanntes Mobiles Einsatzkommando (MEK), folgte Nils D. bereits seit Tagen. Die Beamten hielten den jungen Mann “unter Wind”, wie es im Fachjargon heißt. An jenem Abend sollte der Zugriff erfolgen.

Kaum war Nils D. aus dem Auto gestiegen, griffen die Polizisten zu. Die Zivilfahnder rasten in ihren Autos heran, hielten mit quietschenden Reifen an und stürzten sich auf D.. Sie drückten ihn zu Boden und legtem ihm Handschellen an. Tags darauf wurde der 24-jährige einem Haftrichter bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe vorgeführt.

Die Festnahme erfolgte in turbulenten Zeiten. Wenige Tage zuvor hatten drei islamistische Terroristen in Paris siebzehn Menschen ermordet, darunter Redakteure und Zeichner des Satiremagazins “Charlie Hebdo”. In deutschen Sicherheitskreisen war man nervös. Und wollte kein unnötiges Risiko eingehen.

Nils D. stellte aus Sicht der Ermittler zumindest ein potenzielles Risiko dar. Der Islam-Konvertit ist einer von mehreren Dutzend Islamisten, die nach Syrien und in den Irak in den Dschihad gezogen waren. Und nun wieder in Deutschland leben. Wochenlang observierten ihn Verfassungsschutz und Polizei, sammelten Belege für seine Mitgliedschaft in der Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS).

Begonnen hat die terroristische Karriere des Dinslakener Konvertiten im Oktober 2013. Da verschwand Nils D. irgendwann aus dem heimischen Stadtteil Lohberg. Er reiste mit Hilfe von Mittelsmännern über die Türkei nach Syrien. Und gelangte schließlich in ein Ausbildungslager des IS, wo er im Umgang mit Waffen geschult wurde.

Schon Monate zuvor hatte ein Verwandter des Islamisten dieselbe Reise angetreten – sein Cousin Philip B., ein ebenfalls zum Islam konvertierter Dinslakener. Der ehemalige Pizza-Lieferant trat im Dezember 2013 als “Abu Usamah al-Almani” in einem IS-Video auf. Er schwor darin dem IS-Anführer den Treueeid und rief Muslime in Deutschland dazu auf nach Syrien zu kommen.

Nils D. soll schon früh unter dem Einfluss seines älteren Cousins gestanden haben. Philip B. sei eine Art Vorbild für ihn gewesen, berichten Bekannte. Und derjenige, der ihn offenbar mit dem radikalen Islam vertraut machte. In der Schule sei Nils D. oft gehänselt worden, habe dann aggressiv reagiert, heißt es. Mit 15 Jahren sei er bereits Vater geworden, habe früh Drogenprobleme gehabt, später keinen Job gefunden. Der Salafismus hat dem jungen Mann wohl zunächst Halt gegeben.

Und einen neuen Freundeskreis. Rund 25 Männer und Jugendliche aus dem Dinslakener Stadtteil Lohberg sollen sich in den vergangenen Jahren zu gewaltbereiten Islamisten radikalisiert haben, so die Erkenntnis der Sicherheitsbehörden. Mindestens 13 von ihnen sollen nach Syrien ausgereist sein und sich dem IS angeschlossen haben.

Die “Lohberger Gruppe” nennen nordrhein-westfälische Staatsschützer diese Clique “Lohberger Brigade” nennen sich die Dschihadisten selbst und posten Fotos bei Facebook, die sie in martialischen Posen, mit Gewehren und Messern bewaffnet zeigen. Einer aus der Gruppe, Mustafa K., veröffentlichte ein Bild, auf dem er mit dem abgeschlagenen Kopf eines mutmaßlich syrischen Regierungssoldaten posiert. Mehr als 40 “Gefällt Mir”-Klicks erhielt der Extremist dafür.

Inzwischen sollen mindestens sechs Dinslakener Dschihadisten getötet worden sein. Mustafa K., die Brüder Hassan und Hüssein D., Yunus E. und der Konvertit Marcel L. sollen im Dezember 2014 bei einem Luftangriff nahe der syrischen Stadt Kobane ums Leben gekommen sein. Philip B., der Cousin von Nils D., soll nach Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden bei einem Gefecht schwer verletzt worden sein. Er habe nicht mehr richtig gehen können, erzählen Ermittler. Und auch seine Sprachfähigkeiten sollen eingeschränkt gewesen sein.

Dies sei wohl der Grund gewesen, weshalb sich der ehemalige Berufsschüler Philip B. schließlich freiwillig für ein Selbstmordattentat meldete. Im August 2014 soll sich der 27-jährige mit einer Autobombe an einem Stützpunkt der kurdischen Peshmerga-Miliz nahe der irakischen Stadt Mossul in die Luft gejagt haben. Bis zu 20 Menschen sollen bei dem Anschlag ums Leben gekommen sein.

Vier Islamisten aus Dinslaken haben die Reise in den Krieg überlebt und sind wieder in Deutschland. Nils D. ist einer von ihnen. In Syrien diente Konvertit nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft in einer Spezialeinheit des IS, die damit beauftragt war, Deserteure zu jagen. In mindestens drei Fällen soll Nils D. bei solchen Festnahmen mitgewirkt haben.

Vom IS erhielt der deutsche Dschihadist dafür ein eigenes Auto. Sowie ein AK-47 Sturmgewehr, ein amerikanisches M-16 Sturmgewehr und eine Pistole Marke “Browning”, Kaliber 9mm. Mit einem speziellen Ausweis, der ihn als Mitglied der Fahndungseinheit kenntlich machte, soll Nils D. so auf die Jagd nach geflohenen IS-Kämpfern gegangen sein. Aber auch bei Krankentransporten von der Front soll er geholfen haben.

Anfang November 2014 war plötzlich Schluss mit seiner Zeit beim IS. Nils D. reiste zurück in die Türkei und bestieg dort einen Bus, der ihn wieder nach Deutschland, genauer nach Dortmund, bringen sollte. Auf der Durchreise in Bulgarien kontrollierten Grenzbeamte die Personalien der Insassen des Reisebusses. Die Polizisten bemerkten, dass Nils D. im Schengener Informationssystem SIS zur verdeckten Fahndung ausgeschrieben war. Sie benachrichtigten umgehend die deutschen Kollegen, ließen den Islamisten jedoch weiterreisen.

Wieder in Deutschland quartierte sich Nils D. bei seiner Mutter in einer Wohnung in einem Reihenhaus in Dinslaken ein. Der Verfassungsschutz nahm ihn daraufhin verstärkt ins Visier. Kehrt ein radikaler Islamist aus Syrien zurück, dann greift bei den Islamismus-Experten des Inlandsgeheimdienstes eine Art Checkliste. Sie versuchen den Rückkehrer auf seine Gefährlichkeit einzuschätzen. Was hat der Islamist in Syrien gemacht? Hat er gekämpft und womöglich getötet? Sucht er in Deutschland wieder Kontakt zur Szene? Verhält sich die Person besonders vorsichtig und konspirativ?

Bei Nils D. kamen die Ermittler schnell zu dem Schluss, dass es sich vermutlich nicht um einen Syrien-Rückkehrer handelt, der einen Anschlag in Deutschland begehen will. Der Tod des Cousins Philip B., so mutmaßten die Ermittler, war womöglich der Auslöser für seine Rückreise.

Dennoch wollten die Behörden sichergehen. Sie präparierten daher das Auto von Nils D. unbemerkt mit Abhörtechnik. So konnten sie mithören wie der Islamist über seine Zeit beim “Dawla” sprach, beim “Islamischen Staat”, über die Spezialeinheit und die Jagd auf Deserteure.

Bei seiner Festnahme beschlagte die Polizei auch das Mobiltelefon von Nils D.. Darauf fanden sie mehrere Kontaktdaten, die sie Personen aus der islamistischen Szene zuordnen konnten. Zahlreiche Fotos hatte der Islamist zwar gelöscht, die Aufnahmen waren jedoch – ein Glücksfall für die Ermittler – noch als Miniaturbilder auf der Festplatte des Mobiltelefons gespeichert und konnten so rekonstruiert werden. Zu sehen ist darauf Nils D. mit Waffen im Kriegsgebiet posierend.

Noch in diesem Monat will die Bundesanwaltschaft Anklage gegen den Dinslakener Dschihadisten erheben.

PBS Frontline – Das grausame Schicksal der IS-Sklavinnen

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Es ist eines der düstersten Kapitel in der Geschichte der Terrorherrschaft des “Islamisches Staates” (IS) – die Versklavung und Vergewaltigung von hunderten jesidischen Mädchen und Frauen.

Bei ihrem blutigen Feldzug durch Syrien und große Teile des Nordiraks haben die Dschihadisten des IS nicht nur tausende irakische Regierungssoldaten, feindliche Sunniten-Stämme, Schiiten und Kurden ermordet. Sie nahmen auch zahlreiche Jesidinnen gefangen. Auf Sklavenmärkten verkaufen sie die Frauen und Mädchen seitdem als “Kriegsbeute”.

Die Kollegen von PSB Frontline haben sich dieser Thematik angenommen. Im Norden des Irak begleiten sie Jesiden, die ein Netzwerk etabliert haben, um die verkauften Ehefrauen, Töchter und Schwestern ausfindig zu machen und zu befreien. Einige werden von den IS-Terroristen freigekauft, andere wiederum fliehen. Unter Lebensgefahr retten Helfer in den IS-Hochburgen die Gefangenen und bringen sie über die Grenze in sicheres Territorium.

Die äußerst sehenswerte Reportage “Escaping ISIS” gibt es hier online zu sehen:

http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/escaping-isis/

Von Göttingen in den Tod

von Florian Flade

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Das Foto könnte eine Toyota-Werbung sein. Vier Geländewagen stehen in einer Reihe. Der Lack glänzt, die Autos sehen frisch poliert aus. Daneben stehen Männer – der jüngste ist wohl gerade siebzehn Jahre alt, der älteste wohl jenseits der Vierzig.

Die Männer sind Selbstmordattentäter des “Islamischen Staates” (IS). Ihre Wagen sind Autobomben. In der vergangenen Woche haben sie damit den Stützpunkt einer schiitischen Miliz in Al-Hajjaj, südlich irakischen Stadt Baiji, attackiert. Es gab mindestens elf Tote.

Die Attentäter stammten laut IS aus unterschiedlichen Ländern: Großbritannien, Kuwait, den Palästinensergebieten – und aus Deutschland.

Auf einem Propagandafoto feiert der IS den deutschen Selbstmordbomber als “Märtyrer Abu Ibrahim al-Almani”. In Deutschland trug der Dschihadist noch einen anderen Namen: Jacek S.. Der gebürtige Pole lebte zuletzt im niedersächsischen Göttingen. Anfang 2014 soll er zum Islam konvertiert sein. Zuvor fiel der 26-jährige der Polizei durch Drogen- und Fahrzeugdelikte auf.

Im Oktober 2014 schließlich wurde der Verfassungsschutz auf Jacek S. aufmerksam. Aufgrund seines Facebook-Profils und den dortigen, radikalen Äußerungen. Wenige Monate später gab es erste Hinweise auf eine mögliche, bevorstehende Ausreise nach Syrien.

Irgendwann im April verschwand Jacek S. schließlich und reiste offenbar über Antalya zunächst nach Syrien, anschliessend in den Irak, wo er sich schließlich in die Luft sprengte.

pic160615_2Jacek S. aus Göttingen

Deutsche Sicherheitsbehörden identifizierten den Islam-Konvertiten am Montag anhand der Fotos, die der IS über Twitter am Wochenende verbreitet hatte. Wie zu erfahren ist, führt auch die Staatsanwaltschaft in Hannover ein Ermittlungsverfahren gegen S. und hat die Polizei beauftragt, den Fall aufzuklären.

Aus Niedersachsen waren bislang keine Islamisten als prominenten Akteure des IS in Erscheinung getreten. Die Zahl der nach Syrien und in den Irak ausgereisten Extremisten ist mit rund 30 Personen, die der Verfassungsschutz registriert hat, im bundesweiten Vergleich eher gering. Insgesamt gehen deutsche Sicherheitsbehörden von mindestens 780 Islamisten aus Deutschland aus, die sich zumindest zeitweise in der Bürgerkriegsregion aufgehalten halten, um sich am Dschihad zu beteiligen.

Der Göttinger Jacek S. ist nur der letzte Attentäter aus Deutschland, der bislang in den Reihen des IS einen Selbstmordanschlag verübte. Mindestens 15 Islamisten zählen Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt (BKA) inzwischen in dieser Kategorie.

Erst im Mai gab der IS den Tod von Yannick P. bekannt, einem weiteren 23-jährigen Konvertiten aus Freiburg im Breisgau. Der Islamist war polizeibekannt, fiel wegen Körperverletzung und Drogendelikten auf, lebte zeitweise als Obdachloser auf der Straße. Dann geriet P. in salafistische Kreise und radikalisierte sich.

pic160615_3Yannick P. aus Freiburg

Im Oktober 2014 reiste P. über die Türkei schließlich nach Syrien. Vor wenigen Wochen vermeldete die Terrorgruppe IS, der Freiburger mit Kampfnamen “Abu Muhammed al-Almani” habe – genau wie nun der Göttinger Jacek S. – in der irakischen Stadt Baiji einen Autobombenanschlag verübt.