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Anklage gegen Emrah E.

von Florian Flade

Quelle: Fahndungsfoto der kenianischen Polizei

Mittwoch, 17.November 2010, 12:05 Uhr. Bundesinnenminister Thomas De Maizère ruft überraschend zur Pressekonferenz. Er hat beunruhigendes zu berichten. Deutschland drohe Terror von radikalen Islamisten, erklärt de Maizère in gewohnt ernstem und routiniertem Ton. Es gebe eine Vielzahl von Hinweisen, dass es schon bald, möglicherweise schon Ende November, Anschläge in der Bundesrepublik geben solle. Die Hinweisen beruhten auf den Informationen von Partnerdiensten im Ausland und auf eigenen Erkenntnissen, so der Minister.

„Kann man jetzt davon reden, dass es konkrete Hinweise auf Anschläge in Deutschland gibt?“, will eine der anwesenden Journalistinnen im Saal wissen. „Ja“, so die prompte Antwort des Bundesinnenministers. Also nicht mehr nur eine abstrakte Gefahr, sondern diesmal tatsächliche Hinweise auf Terrorplanungen?

Es folgte eine bundesweite Erhöhung der Terror-Warnstufe. Der Berliner Reichstag wurde für Besucher gesperrt. An Bahnhöfen und Flughäfen patrouillierten verstärkt Polizisten. Die Bevölkerung solle wachsam sein. Deutschland erlebte einen Herbst der Terrorangst. Von einem bevorstehenden Attentat im „Mumbai-Stil“, also beispielsweise die Erstürmung eines Hotels, durch ein Terrorkommando, wurde in einigen Medien spekuliert. Al-Qaida habe bereits Attentäter gen Deutschland entsandt.

Was der Öffentlichkeit in den Tagen rund um den Terroralarm verschwiegen wurde, war, dass die Warnung überwiegend auf den angeblichen Hinweisen eines mysteriösen Telefonanrufers fußte: Emrah E..

Der deutsch-kurdische Islamist, aufgewachsen in Wuppertal, hatte das Bundeskriminalamt in den Wochen vor dem Auftritt von Thomas de Maizère mehrfach per Telefon kontaktiert. Als Anrufer „Herr Schmitz“ gab Emrah E. an, er habe Informationen über unmittelbar bevorstehende Al-Qaida-Anschläge in Deutschland. Das Terrornetzwerk plane ein Blutbad in der Bundesrepublik. Inklusive der Erstürmung des Berliner Reichstages.

Mittlerweile ist Emrah E. in Haft. Gestern teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit, dass sie den 24-jährigen Islamisten offiziell vor dem Frankfurter Oberlandesgericht angeklagt hat.

Die Vorwürfe: Mitgliedschaft in den ausländischen terroristischen Vereinigungen Al Qaida und Al Shabaab, Totschlag in zwei Fällen, versuchte Anstiftung zu einem schweren Raub und Störung des öffentlichen Friedens durch Vortäuschung von Straftaten.

Letztes ist die Terrorpanik, die Emrahs Anrufe in Deutschland auslösten. Oder wie die Bundesanwaltschaft es nennt: „Aufgrund der detaillierten Schilderung der angeblichen Anschlagsvorhaben wurden seine Angaben ernst genommen. Sie bildeten die Grundlage für Terrorwarnungen des Bundesinnenministers und verschärfte Sicherheitsvorkehrungen an öffentlichen Gebäuden.“

In Karlsruhe ist man überzeugt: Emrah E. hat die deutschen Sicherheitsbehörden genarrt. Er erfand Anschlagspläne, die es so nie gab. Er erfreute sich an der anschließenden Terrorpanik. Sogar noch mehr: Al-Qaida habe genau dies gewollt.

„Um im Sinne von Al Qaida die Bevölkerung in Deutschland zu verunsichern, spiegelte er den deutschen Sicherheitsbehörden in Telefonaten im November 2010 vor, dass drei Anschläge der Terrororganisation im Bundesgebiet unmittelbar bevorstünden“, so heißt es in der Mitteilung der Bundesanwaltschaft.

Emrah E. weist eine beachtliche Dschihadisten-Karriere auf, die ihn vom heimischen Wuppertal über das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet bis in die Steppe Somalias führte. Er soll in mehreren Terrororganisationen gedient haben und war nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft auch an Kampfeinsätzen in Pakistan und Somalia beteiligt, bei denen Soldaten getötet wurden.

Ich habe bereits mehrfach über Emrah E. berichtet. Lesen Sie hier mehr über einen der meistgesuchten deutschen Terroristen:

Der Terror-Insider

„Ey, was ist mit Allah?“

„Beteiligt euch am Dschihad!“

 

Deutsche Dschihadisten festgenommen 2012

von Florian Flade

In den vergangenen Monaten ging es Schlag auf Schlag. Ein Dschihadist mit Deutschland-Bezug nach dem anderen wurde irgendwo auf der Welt festgenommen. Darunter so terroristische Cosmopoliten wie Naamen Meziche und Emrah Erdogan.

Da einige Leser offenbar mit den Namen, Orten und Daten nicht hinterher kommen und eine Übersicht wünschten, hier nun die Liste der Dschihadisten mit Deutschland-Bezug, die in den letzten Monaten festgenommen wurden:

  • Mohamed D. – 1.Mai – Somalia (vermutlich Al-Shabaab)
  • Fatih T. – Anfang Juni – Türkei (Deutsche Taliban Mudschaheddin)
  • Emrah Erdogan – 10.Juni – Tansania (IBU, Al-Qaida, Al-Shabaab)
  • Naamen Meziche – Mitte Juni – Pakistan (Al-Qaida)
  • Peter B. – 27.Juni – Türkei (IBU)

Berliner Dschihadist Fatih T. in der Türkei gefasst

von Florian Flade

Fatih T. – Von Berlin-Steglitz in den Dschihad

Es waren keine guten Wochen für deutsche Dschihadisten. Drei Islamisten aus der Bundesrepublik wurden seit Monatsbeginn in Ostafrika, Pakistan und der Türkei festgenommen. Der erste war Emrah E., der am Flughafen der tansanischen Haupststadt Dar-es-Salam am 10.Juni festgenommen wurde. Mit der Verhaftung fand die beispiellose Terrorkarriere eines Wuppertaler Islamisten ein jähes Ende.

Vor wenigen Tagen folgte die Nachricht, dass Naamen Meziche, ein Hamburger mit französischem Pass, in Pakistan gefasst wurde. Meziche gilt als Bekannter der Todespiloten von 9/11 und hatte sich im März 2009 der Al-Qaida in Pakistan angeschlossen. In der Metropole Quetta verhafteten pakistanische Sicherheitskräfte Meziche und weitere Al-Qaida Mitglieder bei einer Razzia.

Am Wochenenden nun die Meldung: der Berliner Islamist Fatih T. wurde in der Türkei gefasst. Der 27-jährige Deutsch-Türke aus Berlin-Steglitz war im Frühjahr 2009 gemeinsam mit seinem Freund Yusuf O. nach Pakistan ausgereist. Im Grenzgebiet Waziristan wurden die beiden Berliner zunächst Teil einer usbekischen Terrorgruppe, spalteten sich schließlich ab und gründeten gemeinsam mit anderen Islamisten aus Deutschland die „Deutschen Taliban Mujahideen“ (DTM). Fatih T. alias „Abdul Fettah al-Mujahir“ war zuletzt Anführer der Splittergruppe.

Im Oktober 2010 meldeten dschihadistische Websites der DTM-Emir sei bei einem US-Drohnenangriff ums Leben gekommen. Der Bericht erwies sich als falsch.

Nachdem die DTM durch Gefechte und die Flucht von frustrierten Kämpfern stark an Mitgliedern einbüßte, setzte sich Fatih T. offenbar Ende 2011 in den Iran ab. Von dort aus verhandelte er mit Anwälten in Deutschland über die Möglichkeiten einer Rückkehr nach Deutschland. Er gab der „New York Times“ ein Telefon-Interview und erklärte er und weitere europäische Islamisten hätten genug vom Dschihad in Pakistan. Der Iran nutze sie nun als Faustpfand gegen den Westen und lasse die Gotteskrieger nicht ausreisen.

Anfang Juni gelang es Fatih T. dann offenbar doch sich vom Iran aus in die Türkei abzusetzen. Dort klickten die Handschellen. T. sitzt seitdem in Untersuchungshaft und hofft offenbar auf eine Auslieferung nach Deutschland.

Lesen Sie hier mein Portrait über den Gotteskrieger aus Berlin-Steglitz.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article12508451/Fatih-T-der-islamistische-Fanatiker-aus-Berlin.html