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Die schwierige Jagd nach dem Bombenleger

von Florian Flade

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Drei Tage dauerte die Jagd nach den Bombenlegern von Boston. Dann waren die mutmaßlichen Terroristen ausfindig gemacht. Überwachungskameras hatten die tschetschenischen Brüder Dzohar und Tamerlan Tsarnaev gefilmt, wie sie mit den Bomben-Rucksäcken am Rande des Boston Marathons gewartet hatten. Nur wenige Stunden nachdem die US-Bundespolizei FBI die Aufnahmen am Mittwoch veröffentlichte, konnten die mutmaßlichen Islamisten identifiziert werden.

Boston hat seine Bombenleger zur Strecke gebracht. Das haben die deutschen Sicherheitsbehörden in Bonn bisher nicht geschafft. Am 10. Dezember 2012 hatte ein Unbekannter am Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs einen Sprengsatz versteckt in einer blauen Sporttasche abgestellt. Die Bombe explodierte glücklicherweise nicht. Die ehemalige Bundeshauptstadt entkam nur knapp einem Terroranschlag.

Seit nun fünf Monaten sind die Ermittler der Einheit „BAO Tasche“ vom Bundeskriminalamt (BKA) auf der Jagd nach dem mysteriösen Mann mit der blauen Sporttasche. Überwachungskameras hatten einen bärtigen Mann mit Strickmütze, schwarzer Sporthose und Handschuhen in einer McDonald´s-Filiale und im Bonner Hauptbahnhof gefilmt. Die Kameras am Bahnsteig selbst zeichneten keine Bilder auf.

Experten des BKA analysierten in den vergangenen Wochen die spärlichen Videoaufnahmen erneut intensiv. Das Ergebnis ist eher dürftig: Der mutmaßliche Bombenleger ist vermutlich zwischen 1,67 Meter und maximal 1,72 Meter groß. Mehr geben die Aufnahmen nicht her.

Das BKA veröffentlichte die Aufnahmen der Überwachungskameras und bat die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach dem Bombenleger. Doch entscheide Hinweise gab es nicht. „Die Qualität der Videoaufnahmen ist zu schlecht“, sagte ein Ermittler.

So verfolgen die BKA-Ermittler weiter jede noch so kleine Spur. Durch ein Haar, das in der blauen Sporttasche gefunden wurde, wissen sie, dass es sich bei dem Bombenleger wohl um einen hellhäutigen Mann aus Europa oder Nordamerika handelt. Zum Zeitpunkt der Tat hatte er sich wahrscheinlich die Haare blond gefärbt. Einen Durchbruch bei der Jagd nach dem Täter bedeutet diese Erkenntnis jedoch nicht.

Große Hoffnung setzte das BKA in die einzelnen Bestandteile der Bahnhofs-Bombe. Woher stammen der Plastikwecker, die verwendeten Batterien oder die blaue Sporttasche? Die Ermittler erhofften sich, die Teile würden sie zum Täter führen.

Die Tasche jedoch, so fand das BKA heraus, ist genau wie der Wecker ein Massenprodukt. Sie wurde tausendfach in Deutschland verkauft. Einen eindeutigen Hinweis auf einen möglichen Bombenleger ergab sich bei der Überprüfung nicht. Gleiches gilt für die Batterien, die im Sprengsatz verwendet wurden. Sie werden nach Erkenntnissen des BKA in 16 bis 18 Filialen des Discounters „Aldi Süd“ verkauft, auch in Nordrhein-Westfalen. Doch gekauft haben könnte die Batterien jeder – Neonazis, Salafisten, Islamhasser oder auch Psychopathen.

Mitte März wurden vier mutmaßliche Salafisten in Leverkusen, Essen und Bonn festgenommen. Das Quartett soll nach Ansicht der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Mordanschläge auf Mitglieder der rechtspopulistischen Splitterpartei „Pro-NRW“ geplant haben. In einer gemeinsamen Wohnung im Bonner Stadtteil Tannenbusch stieß die Polizei neben einer scharfen Schusswaffe auch auf zwei Pakete Sprengstoff.

Wie bei dem Anschlagsversuch vom Bonner Hauptbahnhof handelt es sich dabei um eine Mischung aus Ammoniumnitrat. Die Substanz sei ähnlich zu der, die am Bahnhof gefunden wurde, heißt es aus Ermittlerkreisen, jedoch nicht identisch. Dennoch gebe es „relativ auffällige Parallelen“ zwischen der Salafisten-Zelle und den wenigen Erkenntnissen zur Bahnhofs-Bombe.

Aus der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe verlautet bislang lediglich, dass keiner der vier Salafisten als Beschuldigter für den Anschlagsversuch in Bonn vermerkt ist.

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Der Artikel erschien in längerer Form am 21.April bei „Welt Online“

http://www.welt.de/politik/deutschland/article115475160/Die-Qualitaet-der-Videoaufnahmen-ist-zu-schlecht.html

Der Mann mit der blauen Tasche

von Florian Flade

Einen Monat nach dem versuchten Bombenattentat im Bonner Hauptbahnhof tappen die Ermittler im Dunkeln. Es gibt einige Indizien für einen islamistischen Hintergrund. Ermittelt wird jedoch in alle Richtungen.

Wenn dieser Tage im „Gemeinsamen Terror-Abwehrzentrum“ in Berlin-Treptow die Ermittler der Nachrichtendienste und Polizeibehörden zusammenkommen, um in ihrer Morgenrunde über die Gefahr des islamistischen Terrorismus zu beraten, gibt es aktuell nur ein Thema: Wer ist der Mann mit der blauen Tasche?

Vor einem Monat stießen zwei Jugendliche am Bonner Hauptbahnhof zufällig auf eine herrenlose blaue Sporttasche. Aus ihr ragten Drähte und Kabel heraus. Wie die Sprengstoffexperten der Kölner Polizei wenig später herausfanden, handelte es sich um eine funktionsfähige Bombe. Bonn, so scheint es, entging am 10.Dezember vergangenen Jahres nur knapp einem Anschlag.

Seit dem Fund der Bombe vor einem Monat arbeiten Polizei, Verfassungsschutz und Bundesanwaltschaft fieberhaft an der Aufklärung. In Karlsruhe ermittelt der Generalbundesanwalt wegen des Verdachts auf einen terroristischen Anschlag. Er hat das Bundeskriminalamt (BKA) beauftragt, mit Hochdruck zu ermitteln. Nun jagt die 85-köpfige Sonderkommission „Tasche“ die Bombenleger. Aber auch einen Monat nach dem Beinahe-Anschlag sind die Erkenntnisse dürftig. Immer noch ist unklar, wer der oder die Bombenleger sind, aus welchem Milieu sie stammen und was sie mit dem versuchten Anschlag bezwecken wollten.

Die bislang wertvollsten Hinweise für die Ermittler sind die Aufnahmen einer Überwachungskamera der McDonald’s-Filiale am Bonner Hauptbahnhof. Sie filmte gegen 12.49 Uhr einen bärtigen Mann mit Mütze und Handschuhen. Die Ermittler halten ihn derzeit für den möglichen Bombenleger. Die Videomaterial ist nur wenige Sekunden lang, aber es zeigt, wie der Mann jene himmelblaue Sporttasche trägt, die später von Jugendlichen auf Gleis 1 entdeckt wird.

Kurz vor Weihnachten stießen die Ermittler auf eine zweite Videoaufnahme, vom Vorplatz des Bonner Bahnhofs. Sie zeigt zwar denselben Mann, liefert aber keine neuen Informationen. Wie aus Ermittlerkreisen zu erfahren ist, soll auf der Videosequenz sogar noch weniger erkennbar sein als auf der Aufnahme von McDonald’s. Wer also ist der Mann mit der blauen Tasche?

Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass die Person bislang weder vom Verfassungsschutz noch von Polizeibehörden identifiziert werden konnte. Es handelt sich offenbar weder um einen bekannten Islamisten noch um einen Neonazi oder Linksextremisten, der den Sicherheitsbehörden bisher aufgefallen wäre. Ein Abgleich mit den Datenbanken lieferte jedenfalls keinen Treffer.

Große Hoffnung setzten die Ermittler nach meinen Informationen daher in einen Fund kurz vor Weihnachten. Da entdeckten Kriminalisten in der blauen Sporttasche ein Haar, das vermutlich vom Bombenleger stammt. Ersten Analysen zufolge handelt es sich um das Haar einer männlichen, hellhäutigen Person aus Europa oder Nordamerika. Ob sich der Fund für eine DNA-Analyse eignet, ist aber fraglich. Das Haar wurde offenbar blond gefärbt – und ist damit vermutlich für einen DNA-Abgleich wertlos.

Offiziell ermittele man „in alle Richtungen“, heißt es bei den zuständigen Stellen. Eine Formulierung, die nach dem Auffliegen der rechtsextremen NSU-Terrorzelle bewusst gewählt ist. Es ist keineswegs sicher, dass der oder die Bombenleger aus der islamistischen Szene stammen. Überwacht wurden mehrere Dutzend Personen aus verschiedenen Extremismus-Szenen. Auch dass der Täter aus der Szene der organisierten Kriminalität stammt, schließen die Ermittler nicht aus.

Trotzdem scheint es in Ermittlerkreisen wenig Zweifel zu geben, dass man es wohl mit einem missglückten Anschlag radikaler Islamisten zu tun hat. Weiterhin federführend bei den Ermittlungen sind daher auch die Islamismusexperten von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt.

„Es gibt derzeit keine belastbaren Hinweise darauf, dass die Bombenleger aus dem rechts- oder linksextremistischen Spektrum stammen“, sagt ein eingeweihter Vertreter der Sicherheitsbehörden dieser Zeitung. Für einen islamistischen Hintergrund hingegen gebe es starke Indizien. So wurde die Bombe wohl nach einer Anleitung aus dem „Inspire“-Online-Magazin von Al-Qaida gebaut. Der Sprengsatz, bestehend aus einem 40 Zentimeter langen Aluminium-Rohr, gefüllt mit Ammonium-Nitrat, vier Gaskartuschen, einem Wecker, Nägel und Drähten, ist fast identisch mit dem Al-Qaida-Bausatz.

Anfangs war unklar, ob die Bombe überhaupt gezündet wurde. Mittlerweile aber habe die Experten des BKA herausgefunden, dass der Sprengsatz zwar aus funktionsfähigen Materialien hergestellt wurde, aber über keinen funktionsfähigen Zünder verfügte. Selbst wenn der Wecker bereits gestellt gewesen wäre. Die Bombe wäre vermutlich nicht explodiert.

Was die Ermittler dennoch sehr beunruhigt, ist etwas, das in der Sprache der Nachrichtendienste „Hinweisaufkommen“ genannt wird. Gemeint sind damit Erkenntnisse über Anschlagsplanungen aus nachrichtendienstlichen Quellen. Sprich: abgefangene E-Mails, Telefonate oder Informationen von V-Leuten. Die gab es kurz vor dem Fund der Bonner Bombe und sollen durchweg aus der islamistischen Szene stammen.

Schon in den Wochen vor dem Fund registrierten die deutschen Nachrichtendienste einige Kontakte zwischen radikalen Islamisten aus dem Ausland und Personen in Deutschland. Dabei soll es zwar nicht um konkrete Anschlagsplanungen gegangen sein, aber der Ton der Nachrichten sei alarmierend gewesen, sagt ein Ermittler und fügt hinzu: „Das Hintergrundrauschen war lauter als sonst.“

Seit Jahren warnen Sicherheitsbehörden davor, dass Deutschland weiterhin im Visier von islamistischen Terrornetzwerken und radikalisierten Einzeltätern steht. 2012 kam es mehrfach zu Gewalttaten fundamentalistischer Muslime, vor allem der sogenannten Salafisten. Das Bundesinnenministerium ließ daraufhin im Juni 2012 die islamistische Gruppierung Millatu-Ibrahim mit Sitz im nordrhein-westfälischen Solingen verbieten.

Sollte der Anschlag von Bonn vielleicht ein Racheakt für das Vereinsverbot sein? Auch diese Frage stellen sich die Terrorermittler. „Das wäre denkbar“, bestätigt einer der über die Ermittlungen informiert ist, „Aber sie brauchen nicht unbedingt einen Anlass.“ Sie fänden schon einen Grund, mit dem sie ihre Taten rechtfertigen könnten. Sei es den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, seien es die Mohammed-Karrikaturen oder die Aktivitäten von Pro-NRW.

Salafisten, die sich jüngst aus Deutschland nach Nordafrika abgesetzt haben, riefen in den vergangenen Monaten immer wieder zu Gewalttaten hierzulande auf. Da gab es beispielsweise ein Schreiben eines „Abu Assad al-Almani“. Er gilt als der Verfasser einer Drohschrift mit dem Titel „Abrechnung mit Deutschland“, die im Oktober 2012 im Internet auftauchte. Darin rief der Islamist seine Glaubensbrüder in Deutschland auf, Rache für die Beleidigung des Propheten Mohammed zu üben.

Das radikale „Millatu-Ibrahim“-Netzwerk, zu dem auch „Abu Assad al-Almani“ gerechnet wird, versucht zu Gewalt aufzustacheln. Die Radikalen, die sich inzwischen in Ägypten neu formieren und weiter Propaganda produzieren, hoffen auf terrorwillige Anhängerschaft in Deutschland.

Einen mutmaßlichen Islamisten hat die Polizei bereits kurz nach dem Bombenfund von Bonn festgenommen: den Deutsch-Somalier Omar D. Er ist den Sicherheitsbehörden seit Jahren als Vertreter der salafistischen Szene bekannt. Aber es gibt bisher keinen einzigen Beleg dafür, dass der 28-jährige etwas mit der Bombe zu tun hat. Nach wenigen Stunden in Polizeigewahrsam wurde Omar D. wieder freigelassen.

Bei der Durchsuchung von D.s Wohnung hatte die Polizei mehrere SIM-Karten, eine größere Menge Bargeld sowie Amphetamin gefunden. Utensilien, die alles oder nichts bedeuten können.

Ins Visier der Ermittler war Omar D. durch die Aussage zwei Jugendlicher geraten, die den Sprengsatz am Gleis gefunden hatten. Sie hatten der Polizei von einem groß gewachsenen dunkelhäutigen Mann erzählt, der die Tasche vor ihren Füße abgestellt habe und dann verschwunden sei. Die Teenager erkannten den Mann später auf Fotos der Polizei als Omar D..

Im September 2008 hatte die Polizei D. und einen weiteren Islamisten aus einem startenden Flugzeug am Flughafen Köln-Bonn geholt. Sie seien auf dem Weg in ein Terrorcamp in Pakistan oder Somalia gewesen, vermutete das Landeskriminalamt NRW. Auch damals reichten die Hinweise für eine Anklage nicht aus. Beide kamen auf freien Fuß.

Und auch eine zweite Spur ins islamistische Milieu ist aus Sicht der Ermittler keine heiße. Ein Abgleich von Mobilfunkdaten hatte zunächst einen vielversprechenden Treffer ergeben. Die SIM-Karte eines radikalen Islamisten war am Tag des fehlgeschlagenen Anschlags an der Funkzelle des Bonner Hauptbahnhofs geortet worden. Es ist das Handy von Mounir T..

Der 29-jährige Mounir T. gilt den Sicherheitsbehörden als relevante Person der Islamisten-Szene. Vor vier Jahren wollte sich der ehemalige Maschinenbaustudent in den Dschihad nach Pakistan absetzen. Die Eltern registrierten das Verschwinden ihres Sohnes und informierten damals voller Sorge die Behörden.

Die Nachrichtendienste setzten ihre Kanäle auf Mounir T. an und konnten ihn schließlich im Iran orten. T. war auf dem Weg per Schleuser ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, vermutlich um sich dort einer Terrorgruppe anzuschließen.

Deutsche Sicherheitsbehörden halfen der Familie T. ihren Sohn noch im Iran zu kontaktieren. Die Schwester schärfte dem angehenden Dschihadisten Mounir ein, er solle nach Deutschland zurückkehren. Seine Pläne seien längst bekannt. Anfang April 2009 kehrte Mounir T. schließlich nach Deutschland zurück. Der Traum vom Dschihad war geplatzt.

Wieder in der Heimat löste sich T. allerdings nicht von der radikalen Islamisten-Szene im Rheinland. Im Gegenteil. Seit Herbst vergangenen Jahres ist der in Bonn-Tannenbusch wohnhafte Mounir T. verschwunden. In Sicherheitskreisen wird vermutet, dass sich Mounir T. samt Ehefrau nach Somalia abgesetzt hat. Vermutlich will der Islamist erneut in den Dschihad ziehen.

Wenn Mounir T. in Somalia ist, wer telefonierte aber dann mit seinem Handy am 10.Dezember 2012 am Bonner Hauptbahnhof? Die Ermittler glauben dass eine andere Person nun das Telefon von T. nutzt. Wer, das scheint bislang noch unklar. Auch ob diese Person eventuell mit dem Bombenleger in Verbindung steht.

Noch ermittelt der Generalbundeswalt in Karlsruhe gegen eine inländische terroristische Vereinigung, die für den fehlgeschlagenen Bombenanschlag von Bonn verantwortlich gemacht wird. Vielleicht, so heißt es aus Ermittlerkreisen, werde die Behörde den Fall jedoch schon bald wieder abgeben. Nämlich dann, wenn ersichtlich wird, dass die Hinweise auf eine politische Motivation für die Tat fehlen.

„Wir werden Helden“

von Florian Flade

Es ist der 7. April 2011, 23.14 Uhr, als in der Wohnung in der Düsseldorfer Witzelstraße die entscheidenden Sätze fallen. „Die Deutschen sind Eindringlinge. Wir sind Helden. Wir werden Vorbilder für andere.“ Das BKA hört mit, als der Marokkaner Abdeladim El-K. diese Worte ausspricht. Als wenig später die Rede davon ist, es „an einer Bushaltestelle zu machen“, greift die Staatsmacht zu. Am 29.April 2011 werden El-K. und seine Mitstreiter von GSG9-Polizisten festgenommen. Sie sollten für al-Qaida in Deutschland morden.

An diesem Mittwoch beginnt vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht der Prozess gegen die sogenannte „Düsseldorfer Al-Qaida-Zelle“. Ihnen wird vorgeworfen, Terroranschläge mit Splitterbomben in deutschen Großstädten vorbereitet zu haben. Stolze 280 Aktenordner füllen die Ermittlungsergebnisse der Bundesanwaltschaft zu El-K. und den anderen.

Dokumente von BKA und Justiz, die vorliegen, machen deutlich: Selten entkam Deutschland einem Terroranschlag so knapp wie im Fall der Düsseldorfer Zelle. Noch nie hatten Islamisten in Deutschland direkt einen Anschlagsbefehl von der Al-Qaida-Führung in Pakistan erhalten. Und nur durch Zufall stießen die Sicherheitsbehörden auf die tödlichen Pläne des Quartetts.

Begonnen hatte die Jagd auf die Zelle im Herbst 2010. In der Bundesrepublik herrschte damals Terrorangst. Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière warnte die Bevölkerung vor möglichen Anschlägen islamistischer Fanatiker. Ein Anrufer aus dem fernen Pakistan hatte die Sicherheitsbehörden in Alarmbereitschaft versetzt.

Eine Terrorzelle der al-Qaida befinde sich bereits in Deutschland und plane Bombenanschläge, hatte der deutsche Islamist Emrah E. per Telefon gewarnt. Beim BKA und Verfassungsschutz liefen seitdem die Datenbanken heiß. Wer könnten die Terroristen sein? Sind die möglichen Attentäter vielleicht schon auf dem Radar der Sicherheitsbehörden?

Die Profile von hunderten gewaltbereiten Islamisten wurden analysiert. Am Ende blieb ein Mann im Raster hängen – der damals 30-jährige Marokkaner Abdeladim El-K.. Vieles passte: El-K. hatte ein Ausbildungslager von al-Qaida in Pakistan besucht. Jetzt war er zurück in Deutschland. War er ein islamistischer Schläfer?

Um das herauszufinden, heftete sich das BKA ab Ende November 2010 mit der „BAO Komet“ an seine Fersen und begann mit der Observation. In der von El-K. genutzten Wohnung wurden Wanzen installiert, Telefone wurden abgehört, E-Mails abgefangen. Der Islamist wurde fortan rund um die Uhr überwacht. Dabei stellten die Fahnder schnell fest: El-K. verhielt sich auffällig unauffällig.

Nur äußerst selten verließ er die Wohnung. Meist um in einem „Callshop“ im Internet zu surfen. Das tat er ungewöhnlich oft. „Callshop Hopping“, tauften die Fahnder das Verhalten heißt es in einem BKA-Protokoll. Daheim nutzte El-K. lediglich einen Computer ohne Internetanschluss. Um sein Aussehen zu verändern, wollte sich der Marokkaner zunächst die Haare färben. Dies ging schief, die Haare wurden rot. Schließlich rasierte er sie sich raspelkurz. Verließ El-K. die Wohnung, dann trug er meist ein Basecap oder gar eine Perücke.“Brad Pitt“, nannten ihn die Fahnder deshalb scherzhaft.

Hatten die Sicherheitsbehörden den richtigen aufgespürt? Einen Al-Qaida-Terroristen, der fieberhaft versuchte unsichtbar zu bleiben und auf seinen Einsatzbefehl wartete?

Abdeladim El-K. war 2001 nach Deutschland gekommen. Nach einigen Sprachkursen hatte er 2004 ein Studium der Mechatronik in Krefeld begonnen, wechselte dann 2006 an die Universität Bochum. Wohl noch zu Studienzeiten wurde El-K. zunehmend religiös. Er trug muslimische Kleidung, ließ sich einen Bart wachsen, ging immer seltener zur Uni. Im August 2009 exmatrikulierte ihn die Universität.

Drei Monate später verschwand El-K. aus Deutschland. Über den Iran setzt er sich nach Pakistan ab, um eine Terrorausbildung zu erhalten. In der Grenzregion zu Afghanistan, im Stammesgebiet Wasiristan, wurde aus dem Bochumer Studenten Abdeladim El-K. der Al-Qaida-Lehrling „Abu al-Baraa“. Deutsche Ermittler sind sich sicher, dass El-K. in Wasiristan das Bombenhandwerk gelernt hat und ranghohe Al-Qaida-Führer traf. Von ihnen, so glaubt die Staatsanwaltschaft, erhielt er einen Auftrag: in Deutschland eine Terrorzelle zu gründen und Anschläge zu planen.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Mai 2010 hielt sich El-K. konsequent an die Befehle der Al-Qaida-Führung in Pakistan. Er tat alles, so sagen Ermittler heute, um seine Anwesenheit in der Bundesrepublik zu verheimlichen. Da seine Aufenthaltserlaubnis ablief, setzte sich El-K. kurzzeitig nach Marokko ab, wo ihn der örtliche Geheimdienst auf Schritt und Tritt überwachte. Für seine Rückkehr nach Deutschland Ende 2010 besorgte er sich über einen Freund in Belgien gefälschte französische Pässe.

Anstatt eine eigene Wohnung anzumieten, zog El-K. in die seines Freundes Jamil S. im Düsseldorfer Stadtteil Bilk. Der damals 29-jährige Waziristan-Rückkehrer El-K. rekrutierte den 30-jährigen Elektriker und machte Jamil S. somit zum zweiten Mitglied der „Düsseldorfer Zelle“. Zwei weitere Bekannte stießen bald hinzu: Der Bochumer Student Halil S. und der Abiturient Amid C., den El-K. fast schon väterlich „Sohn“, nannte.

Amid C., ein vom Boxsport begeisterter Deutsch-Iraner, lebte noch bei seinen Eltern als El-K. ihn ansprach, ob er nicht ein Mudschahid, ein Gotteskrieger werden wolle. Beide kannten sich wohl von gemeinsamen Moschee-Besuchen. Zwei Jahre vor Gründung der „Düsseldorfer Zelle“, hatte C. eigenständig versucht in den Dschihad zu ziehen. Am 23.November 2009 reiste der damals 18-jährige über Istanbul ins iranische Mashad. Die Stadt im Osten des Iran ist ein beliebter Sammelpunkt für Dschihad-Reisende. In Deutschland fehlte Amid C. unentschuldigt in der Schule. Seine Eltern unterrichtete er erst, nachdem die Weiterreise nach Pakistan offenbar scheiterte. Abdeladim el-K. sollte nun Amids Wunsch nach dem Dschihad gegen die Ungläubigen erfüllen – mitten in Deutschland.

Als Kopf der Zelle hielt El-K. offenbar per Internet Kontakt zur Al-Qaida-Führung in Pakistan und prahlte mit den Ergebnissen der Anschlagsplanung. Darauf lassen arabische Dokumente schließen, die Ermittler später auf USB-Sticks sicherstellten. „Oh unser Sheikh, wir halten noch unser Versprechen, entweder Sieg oder Märtyrertum“, heißt es darin.

„Ich trainiere einige Jugendliche aus Europa, die bislang in Sachen Sicherheit sauber sind. Nach dem Ende des Trainings werde ich mit Hilfe Allahs mit dem Schlachten der Hunde anfangen.“ Wenn möglich, solle ihm der Sheikh noch ein Dokument schicken, einen „Lehrgang über Gifte“, so schrieb El-K dem Al-Qaida-Mann am 14.April 2011 um 20:53 Uhr. „Und bete für deinen Bruder im Land der Versuchungen, dass er standhaft bleibt und ein gutes Ende bekommt.“

Der Sheikh, dem El-K. wohl über ein passwortgeschütztes Islamisten-Forum verschlüsselte Nachrichten schickte, war der Libyer Jamal Ibrahim al-Misrati, besser bekannt als „Sheikh Atiyyatullah“. Er galt als ranghöchster Al-Qaida-Mann in Waziristan und war Osama bin Ladens direkter Stellvertreter in den Terrorcamps. Inzwischen ist der Sheikh tot, gestorben bei einem US-Drohnenangriff im August 2011.

Während das BKA die Al-Qaida-Zelle in der Witzelstraße weiter überwachte, setzten El-K. und seine Mitstreiter die Anschlagsvorbereitungen unbeirrt fort. Sie drehten den Fernseher laut, in der Hoffnung, mögliche Überwacher könnten so nicht mithören, was sie besprachen. Ein Irrtum. Die Fahnder hatten längst Personal und Technik vor Ort, um die heiße Phase der Vorbereitungen der Zelle Ende April 2011 zu überwachen.

Sie wussten, dass die die Islamisten im Supermarkt große Mengen Grillanzünder („weiße Kohle“) kauften. Abdeladim El-K. hatte bei al-Qaida in Pakistan gelernt, dass sich daraus durch Erhitzen die Chemikalie Hexamin gewinnen lässt – ein wichtiger Bestandteil des Bombenzünders. „Dann hast du den Zünder für eine Bombe“, erklärte El-K. seinem Freund Jamil S. am 26. April 2011. „Zünder ist das wichtigste, Bombe ist einfach.“

So einfach wie al-Qaida es in den Bombenbauanleitungen beschreibt, war es dann aber doch nicht. Deutsche Grillanzünder enthalten anstatt Hexamin nur das untaugliche Paraffin. Doch das wusste die „Düsseldorfer Zelle“ augenscheinlich nicht. Selbstbewusst sprachen sie von einem „Test“, der durchgeführt werden sollte.

Ein Test mit explosiven Chemikalien in einem Mehrfamilienhaus? Das Risiko erschien den Fahndern zu groß, sie entschieden zuzugreifen. Polizisten der Eliteeinheit GSG9 stürmten am 29. April 2011 die Wohnung in der Düsseldorf und weitere Objekte in Bochum und nahmen Abdeladim El-K., Jamil S. und Amid C. fest.

Neben dem Schlafsofa in Jamil S. Wohnung fanden die Ermittler einen Laptop, zwei USB-Sticks und eine SD-Speicherkarte mit zahlreichen Dokumenten. Darauf entdeckte das BKA unter anderem eine genaue Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Herstellung von Sprengstoffen sowie gespeicherte Nachrichten an Sheikh Atiyyatullah.

In Amid C.s Wohnung stießen die Polizisten bei der Durchsuchung auf einen handschriftlichen Zettel. „Pässe falsch“, „Tarnungsmöglichktn“, „Geld beschaffn“ stand darauf.

Das vierte Mitglied der Al-Qaida-Zelle, der gebürtige Gelsenkirchener Halil S., konnte nach dem Auffliegen des Terrorplans noch monatelang untertauchen. Für die Ermittler war der Bochumer Maschinenbau-Student ein unbekannter. Erstmals war er am 16.April 2011 zusammen mit Amid C. im konspirativen Treffpunkt der Zelle, der Wohnung von Jamil S., aufgetaucht. Im Verhör erzählte Amid C. später, dass er Halil S. seit 2008 kenne. Beide seien Mitglieder einer salafistischen Studentenbewegung gewesen.

Abdeladim El-K. hatte für den 16.April 2011 den Besuch seines „Sohnes“ (gemeint war Amid C.) und eines „Freundes“ angekündigt. Die BKA-Fahnder filmten, wie ein Mann mit rotem Pullover die Wohnung in der Witzelstraße betrat. Im Verlauf des Tages begleitete der Besucher El-K. bei einem Spaziergang. El-K. trug dabei eine Perücke. Anschließend drehten die Islamisten in ihrer Wohnung den Fernseher laut, damit Nachbarn die Gespräche nicht mithören konnten. Wer war der Unbekannte?

Das BKA vermutete, dass El-K.s Besuch an jenem Tag zum möglichen Unterstützerkreis der Zelle gehörte. Sie fanden später heraus, dass Halil S. dem Marokkaner an jenem Tag eine Liste mit 45 Namen, Bankverbindungen, Anschriften und in zwei Fällen auch Kreditkarten-Daten übergab – hilfreich für ein Leben im Untergrund. S. hatte die Daten über seinen damaligen Arbeitgeber, einen Vermittler von Mobilfunkverträgen, bezogen.

Als die Düsseldorfer Zelle aufflog, entdeckten die Ermittler den Brief von El-K. an Al-Qaida-Kommandeur Atiyyatullah. Darin hatte El-K. erklärt, im Falle einer Festnahme wolle er „Brüder hinterlassen, die die Arbeit fortführen“.
Halil S. war einer dieser Brüder.

Er kaufte nur zwei Tage nach den Festnahmen in Düsseldorf und Bochum einen „Spy Wecker“ mit Kamera, der die Wohnung filmte und vor möglichen Eindringlingen warnte. Unter falschen Identitäten mietete er sich in einem Bochumer Studentenwohnheim ein, eröffnete Bankkonten,  besorgte sich zudem Computer und legte Ebay-Accounts an. Der 27-jährige S. wollte das Werk seiner Glaubensbrüder offenbar zu Ende bringen. Konspirativ strickte er einen Plan, an Geld zu kommen um mögliche Anschläge zu finanzieren.

Zu diesem Zweck knüpfte er Kontakte ins kriminelle Milieu von Schleswig-Holstein. Ohne zu wissen, dass sie es mit einem überzeugten Islamisten zu tun hatten, unterstützten einige junge Männer aus Norddeutschland Halil S. bei diversen Internet-Betrügereien. Gegen Vorkasse bot er bei Ebay teure Spiegelreflexkameras an, die er nicht besaß. Bis zu 5200 Euro soll er so ergaunert haben. Einem Freund gab Halil S. anschließend mehrere tausend Euro mit der Bitte, in Hamburg eine Waffe zu kaufen.

Für das BKA war Halil S. nur schwer greifbar. Der Student, der unter falscher Identität in einem Bochumer Wohnheim lebte, nutzte allerlei Verschlüsselungstechnik für seinen Computer. Das Gerät zu infiltrieren war für die Fahnder eine Sisyphos-Arbeit. 

So bekamen die Terrorjäger nur allmählich mit, dass Halil S. nach der Festnahme von El-K. und den anderen, Rat von höchster Terrorstelle gesucht hatte, was nun zu tun sei. Halil S. alias „Abdullah“ schrieb E-Mails an den jemenitischen Al-Qaida-Prediger Anwar al-Awlaki. Er schwärmte von Maschinengewehren und von Bombenanschlägen in Europa. Das nötige Geld, so erzählte der Islamist dem Jemeniten, bekäme er indem er die „kuffar“ betrüge.

Am 8. Dezember 2011 um 12:05 Uhr griff das BKA im Fall „Abdullah“ zu. Der letzte Mann der Düsseldorfer Zelle wurde in seiner Bude im Bochumer Studentenwohnheim festgenommen, gerade als er sich auf seinem Computer eingeloggt hatte. 

Ab Mittwoch müssen sich nun Abdeladim El-K. und seine Jünger vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht wegen Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und wegen der Anschlagsvorbereitung verantworten. Ihr Traum vom Märtyrertum wurde nicht wahr. Der jüngste Angeklagte, der Deutsch-Iraner Amid C., scheint allerdings noch Hoffnung zu haben, ein Leben nach der Haft beginnen zu können. In der Untersuchungshaft machte er seine schriftlichen Abitur-Prüfungen – mit Erfolg. Agrarwissenschaften an der Universität Bochum wolle er studieren, sagte Amid C. den Ermittlern, ein geregeltes Leben führen.