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Per Mausklick zum Terroristen – Symposium des Verfassungsschutzes

von Florian Flade

In Berlin fand gestern das 9.Symposium des Verfassungsschutzes statt, diesmal zum Thema „Extremismus im digitalen Zeitalter“. Im Schatten der Zwickauer Terrorzelle wurde analysiert, gewarnt und immer wieder betont: der Verfassungsschutz hatte Rechtsextremismus immer im Blick. Für die Zukunft im Kampf gegen rechten, linken und islamistischen Terrorismus fühlt sich die Behörde ausreichend gewappnet – aber die Arbeit in Zeiten von Facebook & Co. wird schwieriger.

Ein verregneter, grauer Januar-Morgen in Berlin-Pankow. Der Tagungssaal der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAK) füllt sich. An diesem Montag hat das Bundesamt für Verfassungsschutz zu seinem 9.Symposium geladen. Die Veranstaltung mit dem Thema „Extremismus und Terrorismus im digitalen Zeitalter“ sollte eigentlich schon im Dezember stattfinden. Doch Anfang November flog die Zwickauer Terrorzelle auf. Quasi über Nacht wurde klar, dass ein untergetauchtes Neonazi-Trio unentdeckt von Polizei und Geheimdiensten über 10 Jahre lang ungehindert mordete und raubte. Der Verfassungsschutz verschob angesichts dieser Entwicklung seine geplante Veranstaltung auf den gestrigen Montag. „Nicht zur Tagesordnung übergehen“, hieß es Ende 2011 in einer schriftlichen Erklärung an die geladene Gäste. „Nicht zur Tagesordnung übergehen. Das ist auch weiterhin gültig“, sagt Heinz Fromm, der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), zu Beginn des heutigen Symposiums. Das Thema der Tagesveranstaltung wurde aktualisiert aber nicht geändert: Extremismen und ihre Nutzung des Internets.

Vorwürfe an Verfassungsschutz „absurd“

Zu Beginn bemühte sich der Verfassungsschutz aber zunächst um Schadensbegrenzung und ging in die Defensive. Mit Hinblick auf die Zwickauer Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) war die Behörde in den vergangenen Wochen einer Vielzahl von Vorwürfen ausgesetzt. Vom Versagen der Verfassungsschützer war die Rede gewesen, vom Unsinn des V-Mann-Einsatzes, es kam gar der Vorwurf auf, der Verfassungsschutz sei „auf dem rechten Auge blind“.

„Ich spreche im Namen aller Verfassungsschützer von Bund und Ländern: Das war und ist nicht der Fall“, verteidigte Verfassungsschutz-Präsident Fromm in  seine Behörde in der Begrüßungsrede energisch, „Das ist absurd. Ich finde es bemerkenswert dass wir das ausdrücklich betonen müssen.“ An einer Debatte zu Versäumnissen wolle er sich zum aktuellen Zeitpunkt jedoch nicht beteiligen, so Fromm. Etwaige Ermittlungsfehler im Fall der modernden Neonazi-Trio müsse der parlamentarische Untersuchungsausschuss klären. Die Weichen für effektivere Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus seien politisch bereits gestellt worden, u.a. mit der Schaffung einer Behörden-übergreifenden Datenbank zur Erfassung von Rechtsextremisten und dem im Dezember eröffneten Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus in Köln und Meckenheim.

Brutalität des Rechtsterrors überraschte Verfassungsschutz

Trotz der Nachwirkungen der Neonazi-Terrorzelle bemühte sich der Verfassungsschutz beim diesjährigen Symposium „Extremismus im digitalen Zeitalter“ um eine breite Abdeckung des gesamten Spektrums – Rechts- und Linksextremismus als auch Islamismus und deren jeweiligen Aktivitäten im virtuellen Raum wurden durch Experten-Vorträge beleuchtet.

Den Anfang machte Matthias Weber von der Verfassungsschutz-Abteilung „Rechtsextremismus“. Der Neonazi-Experte ließ keinen Zweifel daran, dass die Verfassungsschützer im vergangenen Jahr von der Existenz und den Taten des NSU überrascht wurden. Man sei schockiert gewesen über „die unfassbare Kaltblütigkeit und Brutalität“ der Rechtsterroristen. Dabei seien Gewalt und Terrorismus im Zusammenhang mit Rechtsextremismus nicht wirklich überraschend. Die Liste der Beispiele rechtsmotivierten Terroranschlägen sei lang, so Weber, vom Attentat auf das Münchner Oktoberfest 1980 über den Bombenanschlag von Oklahoma 1995 bis hin zur Bluttat des norwegischen Islam-Hassers Anders Breivik im Juli 2011.

Dass das Zwickauer Terror-Trio viel zu spät erkannt wurde, sei auch darin begründet, dass es unmittelbar nach den Taten nie Bekennerschreiben gab, so Weber. Die ideologische Motivation des NSU sei inzwischen – unter anderem durch den Fund dreier DVDs – zweifelsfrei erkennbar. In einer während des Vortrags abgespielten Video-Sequenz aus einer bislang unveröffentlichten NSU-Bekenner-DVD heißt es: „Ist nun klar wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist.“

NPD als ideologischer Wegbereiter für militanten Rechtsextremismus

Bislang, so der Schluss des Verfassungsschutzes nach Auswertung auch von Internet-Einträgen, reagiere die Neonazi-Szene in Deutschland mehrheitlich nicht positiv auf die Zwickauer Terrorzelle. Teilweise gäbe es unterschwellige Zustimmung zu den Mordtaten, würden die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos als „Märtyrer eines freien Deutschland“ gefeiert und finde eine Verhöhnung der türkisch- und griechischstämmigen Opfer. Gängiger seien aber Verschwörungstheorien die das Terror-Trio als Teil eines Geheimdienst-Komplotts einstufen.
Die NPD-Führung lehne die Taten des NSU zumindest offiziell strikt und verbal scharf ab. Aus Sicht Verfassungsschutz ist die Partei jedoch mindestens der ideologische Wegbereiter für gewalttätigen Rechtsextremismus. Durch die Betonung der „Erhaltung der Volksgemeinschaft“ erzeuge die NPD auf einige Rechtexstremisten einen Handlungsdruck. Die ideologische Mittlerrolle der NPD dürfe nicht unterschätzt werden, so Fachreferent Weber. „Die NPD blendet ideologische Gemeinsamkeiten mit dem NSU aus“, betont Weber, „die NSU-Mitglieder waren keine vollkommenen Aussenseiter. Sie hatten teils über Jahre Kontakt zu hochrangigen Vertretern der NPD“.

Überraschend sei mit Blick auf aktuelle Entwicklungen im Rechtsextremismus vor allem eines: trotz der Internet-Möglichkeiten und neuer Aktions-Phänomene wie spontaner Fackelmärsche, sei auf ideologischer Ebene keine Innovation zu erkennen. Bei der Neonazi-Ideologie bleibe „vieles beim alten“, so der Experte Weber. Die Gedankenwelt, geprägt von Rassismus, Staatsfeindlichkeit, Anti-Kapitalismus und Anti-Amerikanismus, sei wenig anpassungsfähig.

Linksradikale Szene frustriert

Im Bereich Linksextremismus beobachten die Verfassungsschützer eine „Phase der enttäuschten Hoffnungen“ der militanten Szene. Die knapp 6.800 militanten Autonomen der Bundesrepublik hätten resigniert feststellen müssen, dass aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse nicht zu gewünschten Entwicklungen führen. „Proteste gegen Banken, Occupy Wallstreet, der Arabische Frühling – nichts führt zum Aufstand weiter Teile der Bevölkerung, nicht einmal zum Aufstand bei den Autonomen selbst“, so der Linksextremismus-Referent Stefan Meyer über die Stimmung in der autonomen Szene.

Linksextremisten seien bemüht feste Strukturen zu etablieren, was allerdings nur mühsam gelinge. Die Szene erweise sich als eher traditionsbewusst und wenig transformationsbereit. Zu beobachten sei dass es vermehrt zu einem ideologischen Rückgang komme, einzig die Gewalt sei Bindemittel der Szene. Weiterhin hätten die linksradikalen Extremisten das alte Selbstbild vom schwarzen Straßenkämpfer, so Meyer. Dabei ist nicht einmal klar, ob jeder vermummte Steinewerfer auch ein Revolutionär sei: „Die Proteste zum 1.Mai in Berlin oder das Schanzenfest in Hamburg zeigen: immer öfter wird der Protest von Jugendlichen ohne ideologischen Hintergrund getragen“.“

Autonome nutzen Internet nur sehr begrenzt

Allgemeinhin, so erklärt der Experte, gelten Linksextremisten und Autonome als weitaus Internet- und Medien-kompetent. Doch der Eindruck täusche. Es sei auffällig, so Meyer, dass die autonome Szene – anders als Islamisten – offensichtlich nicht in der Lage ist, das enorme Potential des Internets für sich zu nutzen. In ihren Propaganda-Videos seien die Linksextremisten längst nicht auf dem neuesten Stand. Webforen, Blogs und selbst Facebook würden von den Autonomen primär zur Kommunikation untereinander genutzt, ernst danach – wenn überhaupt – zur ideologischen Schulung. „Die digitale Welt hätte mehr zu bieten“, resümiert der Experte.

Neuer Links-Terror nicht unmöglich

Von einer Relativierung linker Gewalt könne angesichts der gescheiterten Bombenanschläge auf das Bahnnetz in Berlin im vergangenen Jahr dennoch nicht die Rede sein, betont Stefan Meyer. Ob er ausschließen könne, dass es nicht längst schon so etwas wie eine „Linke Terrorzelle“ nach Vorbild der Zwickauer Neonazi-Terroristen gebe, so eine Frage aus dem Publikum. „Sicher kann man sich nicht sein. Wir tun gut daran, von vornherein nichts auszuschließen“, so Meyers Antwort, „Vieles scheint möglich.“

Die größte Gefahr sieht der Verfassungsschutz trotz Diskussion um Rechtsradikalismus und neuen Linksterror weiterhin im islamistischen Terrorismus. Hier beobachten die Nachrichtendienste eine Reihe neuer, besorgniserregender Trends. Die islamistische Szene diskutiere vor allem im Internet intensiv wie beispielsweise durch Hacker-Angriffe ein „Cyber-Dschihad“ geführt werden könne. Bislang seien diese Ideen noch nicht erfolgreich umgesetzt worden. Die Entwicklung von Viren und Trojanern sei allerdings der dringliche Wunsch der militanten Islamisten, heißt es vom Verfassungsschutz.

Islamisten träumen vom „Cyber-Dschihad“

Besorgniserregend sei die zunehmende Bedeutung von sozialen Netzwerken in der Islamisten-Szene. Facebook und Youtube hätten sich zu wichtigen Plattformen für die Verbreitung von Propaganda entwickelt und seien Katalysatoren für Radikalisierungsprozesse, erklärt der Fachreferent des Verfassungsschutzes. Einzelpersonen würden durch Facebook sehr leicht Zugang zu islamistischer Propaganda erhalten und könnten sich dort über Chatrooms mit Gleichgesinnten austauschen.

Islamistische Propaganda habe in den vergangenen Jahren erschreckend an Qualität gewonnen, analysiert der Verfassungsschutz. Insbesondere die Übersetzung von Terror-Videos, Ideologie und Bombenbauanleitungen in westliche Sprachen seien besorgniserregend. Arabisch als Sprache dschihadistischer Propaganda nehme in Deutschland ab, die Bedeutung der deutschsprachigen Propaganda nehme zu – teilweise gezielt auf Konvertiten gerichtet.

Angst vor „einsamen Wölfen“

Im Internet sei die Gewaltideologie Dschihadismus als ein Baukasten-System global, für jedermann, jederzeit zugänglich, so der Vize-Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Alexander Eisvogel. „Es war ein solcher Konsument digitalisierter Propaganda, der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss“, erklärte Dr.Eisvogel und sprach damit den Fall des damals 21jährigen Deutsch-Kosovaren Arid Uka an, der sich über Facebook und Youtube-Videos blitzschnell radikalisiert hatte. Sein Attentat gilt als erster erfolgreich umgesetzter islamistischer Terroranschlag in Deutschland.

Islamisten seien – wenn auch teilweise weil reale Netzwerk-Strukturen geschwächt sind – führend bei der Nutzung des Internets für ihre Zwecke. „Links und Rechts haben bis auf einige Hacks, Blockieren von Webseiten, das Netz als Waffe bislang noch nicht entdeckt“, so das Resümee von Dr.Eisvogel am Ende des Symposiums. Die Veranstaltung, so betont er in seiner Schlussrede, sei auch „ein prognostischer Blick auf Entwicklungen“. Eine Neuauflage der RAF werde es höchstwahrscheinlich nicht geben in naher Zukunft, nicht ausgeschlossen werden könne jedoch, dass sich Personen aus der rechtsextremen Szene von der Zwickauer Terrorzelle des NSU inspiriert fühlen.

Gefahren in der virtuellen und reale Welt bekämpfen

Es bestehe die Gefahr dass die unterschiedlichen Extremismen in Zukunft gestärkt durch das Internet wesentlich loser agieren, Inidivuen zu Terror animieren und so die Propaganda der Tat zunimmt. Sicherheitsbehörden müssten dafür umso stärker daran arbeiten den Zeitpunkt frühzeitig erkennen, an dem sich eine Person radikalisiert und anschließend die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. „Die nachrichtendienstliche Analyse muss ganzheitlich geschehen“, so Eisvogel, „die digitale und Echt-Welt können nicht mehr getrennt gesehen werden.“

Der Terror-Insider

von Florian Flade

Emrah E. hat die Bundesrepublik in Terrorangst versetzt. Als er sich per Telefon aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet beim Bundeskriminalamt meldete, hatte er brisantes zu berichten: Al-Qaida plane Anschläge in Deutschland. Eine marokkanische Terrorzelle sei bereits in der Bundesrepublik und wolle schon bald mit selbstgebastelten Bomben losschlagen. Ein weiteres Terrorziel sei die Erstürmung des Reichstages in Berlin. Heute ist der 23jährige Deutsch-Türke aus Wuppertal ein weltweit gesuchter Terrorist.

Am 17.November 2010, zwei Tage nachdem sich Emrah E. das letzte Mal per Telefon aus Pakistan gemeldet hatte, rief das Bundesinnenministerium zur Pressekonferenz. Der Minister erklärte überraschend, es gebe „Grund zur Sorge“ denn islamistische Attentäter hätten Deutschland im Visier. Die Hinweise auf bevorstehenden Al-Qaida Terror seien inzwischen konkreter denn je.

Deutsche Ermittler konnten die Warnungen von Emrah E. unmöglich ignorieren. Sie waren zu detailliert, zu bedrohlich und fügten sich nur zu gut in die damalige Bedrohlungslage ein. Als Reaktion wurde der Berliner Reichstag tagelang für Besucher gesperrt, Polizeibeamte mussten Sonderschichten einlegen und patrouillierten verstärkt an Bahnhöfen und Flughäfen. Zu einem Anschlag kam es allerdings nicht.

Ein halbes Jahr nach der Terrorwarnung der Bundesregierung sollten sich die Prophezeihungen des mysteriösen Terror-Informanten zumindest teilweise bewahrheiten. Nach monatelanger Fahndung nahmen die Ermittler am 29.April 2011 in Düsseldorf und Bochum drei Terrorverdächtige fest. Die Deutsch-Marokkaner Abdeladim el-K. (29) und Jamil S. (31) sowie der Deutsch-Iraner Amid C. (19) hatten Anschläge mit selbstgebastelten Bomben geplant und warteten offenbar nur noch auf den Befehl aus Pakistan. El-K., der Kopf der „Düsseldorfer Zelle“, besuchte 2010 ein Ausbildungslager der Al-Qaida in Pakistan und war danach in der Bundesrepublik untergetaucht.

Es stellen sich viele Fragen. Wer ist Emrah E., der Anrufer, der das deutsche Innenministerium in bislang beispiellose Terrorangst versetzte? Woher wusste der Islamist von der marokkanischen Al-Qaida-Zelle in Düsseldorf? „Welt Online“ recherchierte die Geschichte des „Terror-Insiders“. Es ist die Biografie eines jungen Mannes, der aus dem Ruhrgebiet auszog, um ein Krieger Gottes zu werden.

Die Geschichte von Emrah E. beginnt in der Stadt Karliova in der osttürkischen Provinz Bingöl. Dort kommt der gebürtige Kurde 1988 zur Welt. Als Emrah zwei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Deutschland. Der Großvater war in den 1970er Jahren bereits als Gastarbeiter nach Bayern gekommen, zog dann nach Wuppertal. Im Stadtteil Vohwinkel beginnen auch Emrahs Eltern ein neues Leben.

Emrah wuchs mit vier Geschwistern auf, zwei älteren Schwestern und den beiden jüngeren Brüdern Bünyamin und Yusuf. „Ich bin genau in der Mitte und das schwarze Schaf der Familie“, schrieb Emrah vor drei Jahren über sich im Internet. Seine Teenagerzeit war geprägt von Kriminalität. „Ich habe viel Schlechtes gemacht, alles was sich ein Mensch vorstellen kann“, erinnert er sich, „Eine Anzeige kam nach der anderen.“

Er habe sich nur noch für Schlägereien, Drogen und Discotheken interessiert, wollte möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Die Eltern sorgen sich um ihren ältesten Sohn. Damit sie Disziplin und Arbeit kennen lernen, schickte der Vater Emrah und seinen kleinen Bruder Bünyamin zum Arbeiten auf einen Bauernhof in Velbert, unweit von Wuppertal.

Bei Bauer Friedrich Bleckmann halfen die kurdischen Brüder in den Ferien Schafe zu schlachten. „Bünyamin war ein ruhiger, höflicher und netter Junge“, berichtet Bleckmann, Emrah hingegen sei oft aggressiv und aufbrausend gewesen. „Er war das Gegenteil von Bünyamin“, so der Schaf-Züchter, „er konnte Arbeit gut übersehen, war verträumt.“

Als seine älteste Schwester einen angehenden Prediger heiratete, folgte Emrah dem frommen Schwager zur Studienreise nach Pakistan. Der Aufenthalt in einem islamischen Land sollte den jugendlichen Straftäter zur Besinnung bringen, so hofften die Eltern. „Mein Vater wollte dass ich von der schiefen Bahn wegkomme“, erzählt Emrah, „er schickte mich nach Pakistan auf eine Koranschule.“ Hier traf der Teenager aus Wuppertal auf eine internationale Truppe von Muslimen aus den USA, Großrbitannien, Australien, Tansania, Somalia und Tschetschenien.

„Mein Schwager hatte Angst, dass ich nach Afghanistan fahren würde, weil ich einige Freunde hatte, die gerne über den Dschihad redeten“, so Emrah. Als er wieder zu Hause im Ruhrgebiet war, verflog das religiöse Erweckungserlebnis aus Pakistan schnell: „Nach drei Monaten war ich wieder der Alte“. Emrah kümmerte sich weder um Schule noch um eine Ausbildung, hatte keine Arbeit und kaum Geld.

Der Vater hatte irgendwann genug. Er setzte seinen ältesten Sohn vor die Tür. Einen Monat lang lebte Emrah auf der Straße, beging weiter Überfälle. „Eine Pistole und in zehn Minuten war alles klar“, erinnert sich der Deutsch-Türke, „Mal kamen 15, mal 20 bis 30 oder hundert Euro.“ Als Straftäter zu sterben und die Aussicht von Gott bestraft zu werden, quälten ihn jedoch zunehmend: „Ich dachte mir „Ey, was ist mit Allah? Was ist mit Allah? Emrah, was tust du da?“

Im Alter von 17 Jahre wurde Emrah E. das erste Mal wegen „schwerer räuberischer Erpressung“ festgenommen. Er erhielt eine Jugendstrafe von zwei Jahren und drei Monaten, wurde aber aufgrund eines sozialpädagogischen Gutachtens frühzeitig entlassen. Noch im Gefängnis habe er gebetet, so Emrah: „Oh Allah, wenn du mich hier rausholst, werde ich dir dienen und ein guter Diener sein.“ Wieder in Freiheit war das religiöse Versprechen nur von kurzer Dauer. Emrah wurde erneut kriminell.

Am 6.September 2007 verurteilte ein Gericht Emrah E. zu einer zweiten Haftstrafe von drei Jahre und sechs Monate. Zelle Nr.347, sieben Quadratmeter groß, mit grün gestrichenen Wänden, im vierten Stock der Haftanstalt Siegburg wurde Emrahs Zuhause. Hier vollzog sich die Wandlung zum tiefgläubigen Muslim. Er betete viel, las oft ganze Nächte lang religiöse Schriften. „Ich bekam inneren Frieden und fühlte mich gut“, sagt Emrah über die Zeit, „Ich lebte unter dem Schatten des Koran. Das war mein Motto!“.

Wieder beantragte Emrah eine frühzeitige Haftentlassung und kam im Sommer 2008 frei. Keinen Tag seiner zweiten Haft bereue er, sagt Emrah später, er sei dort „zum Mann geworden“. Der Wandel hin zum religiösen Eiferer wurde nun für jedermann sichtbar. Sowohl Emrah als auch sein drei Jahre jüngerer Bruder Bünyamin trugen von nun an islamische Kleidung und Gebetsmützen. Sie engagierten sich in der Moscheegemeinde der „Schabab an-Nur Moschee“ in Wuppertal, hörten die Predigen des salafistischen Imams Abu Jibril.

Im Frühjahr 2010 war Emrah urplötzlich verschwunden. Aus dem Umfeld der Familie wurde bekannt, dass er sich offenbar nach Ägypten in eine Sprachschule absetzte und dann weiter nach Pakistan reiste. Diesmal zog Emrah nicht – wie noch in Teenager-Tagen – zum Studium in eine Koranschule. „Emo“, wie ihn Eltern und Geschwister nannten, wollte in den Dschihad ziehen und gegen Ungläubige kämpfen. Er schloss sich der „Islamischen Bewegung Usbekistans“ (IBU) an, einer Terrorgruppe in deren Reihen schon mehrere Islamisten aus Deutschland kämpften.

Der kleiner Bruder Bünyamin, genannt „Büno“, fühlte sich angespornt durch Emrahs Ausreise in den Dschihad. Im Spätsommer 2010 reiste Bünyamin ebenfalls nach Pakistan. In den Terrorlagern Waziristans machten „Büno“ und „Emo“ nun gemeinsam Dschihad-Karriere. Bünyamin nannte sich fortan „Imran der Deutsche“, Emrah gab sich den Kampfnamen „Salahuddin al-Kurdi“.

Zuhause in Wuppertal wusste die Familie offenbar was das islamistische Bruderpaar anstrebten. „Meine Kinder kämpfen gegen Amerika“, soll der Vater stolz im Bekanntenkreis geprahlt haben.

Zur Familie hielten Bünyamin und Emrah auch aus Terrorcamp weiterhin Kontakt, oft auch per Telefon. Mitte September 2010 etwa. Da rief Emrah den daheimgebliebenen Bruder Yusuf in Wuppertal an und drängte ihn, Geld zu schicken. Notfalls müsse Yusuf mit einer Spielzeugpistole einen Supermarkt überfallen, sagte Emrah, Hauptsache es komme bald Geld.

Am Stadtrand der Ortschaft Mir Ali in der Region Nord-Waziristan mietete sich Emrah zu dieser Zeit mit seiner Ehefrau, einer Deutsch-Marokkanerin aus Köln, und dem gemeinsamen Kind in einem Gehöft ein. Am 4.Oktober 2010 empfing er dort einige Glaubensbrüder zum Abendessen. Die Runde bestand aus seinem Bruder Bünyamin, der erst vier Wochen zuvor in Waziristan angekommen war, dem Hamburger Shahab D. alias „Abu Askar“ und fünf pakistanische Taliban-Kämpfer. Sie alle saßen im Innenhof, „in meinem Garten“, wie Emrah später berichten wird.

Tage später schilderte Emrah den Eltern im heimischen Wuppertal-Vohwinkel per Telefon was in jener Nacht geschah: Für einen kurzen Augenblick habe er das Haus verlassen, berichtete der Islamist. Dies rettete ihm offensichtlich das Leben. Kurz darauf schlugen die Raketen ein. Eine US-Drohne hoch am Nachthimmel über Waziristan hatte sie abgefeuert. Er habe einen lauten Knall gehört, erzählt Emrah, dann habe er die zerstörte Lehmhütte gesehen.

In den Trümmern des Hauses starben fünf Islamisten. Emrah fand den Hamburger Shabab D. (27) mit einem abgerissenen Bein. Der Islamist lag bereits im Sterben. Der kleine Bruder Bünyamin (20) war auf der Stelle tot. Sein Kopf war von einem Raketen-Splitter zerfetzt worden.

Bünyamins Tod erschütterte Emrah tief, vielleicht so tief dass er genug hatte vom Leben als Gotteskrieger. Das jedenfalls behauptete Emrah, als er Anfang November 2010 überraschend aus dem pakistanischen Mir Ali beim BKA in Deutschland anrief. Er wolle nichts mehr mit Terrorismus zu tun haben, erzählte er, wolle aussteigen und brauche Hilfe von den deutschen Behörden.

Im Gegenzug bot er wertvolles Insiderwissen: Al-Qaida habe einen Anschlagsplan für Deutschland der kurz vor der Umsetzung stehe, tönte der Islamist. Nordafrikaner seien von Al-Qaida ausgebildet und in die Bundesrepublik entsandt worden. Weitere Attentäter würden bald nachfolgen.

Emrah E. erzählte, es existiere eine „marokkanische Zelle“ in Deutschland. Diese warte nur noch auf den Befehl eines Al-Qaida-Mannes aus Pakistan um mit selbstgebauten Bomben, die per Handy gezündet werden, los zu schlagen. Das „deutsche Parlament“ sei eines der Ziele.

Im Gegenzug für seine detaillierten Informationen und weitere Aussagen verlangte Emrah E. nicht gerade wenig von den deutschen Behörden. Sicherheit für seine Familie müsse gewährleistet werden, außerdem wolle er in die Türkei ausgeflogen werden. Und Geld verlangte Emrah, viel Geld. Über 100.000 Euro sollten die Ermittler für seine Aussagen zahlen.

Beim BKA wurde man stutzig. Ist der Anrufer aus Waziristan ein echter Insider oder nur ein Schwätzer? Will der islamistische Fanatiker ernsthaft aussteigen? Wie weit ist der deutsche Dschihadist tatsächlich über die geheimen Pläne der Al-Qaida informiert? Was wenn es keine Anschlagspläne gibt, und Emrah E. nur Angst und Panik schüren will?

Es sprach einiges dafür, den Warnungen des angeblich geläuterten Gotteskriegers keinen Glauben zu schenken. Schon in Deutschland fiel Emrah E. als Prahlhans auf. Die Ermittler bezweifelten dass er wirklich Einsicht hatte, in die Planungsebene der Al-Qaida. Auch die gewaltige Geldsumme, die Emrah für die Informationen verlangte, nährte das Misstrauen der Sicherheitsbehörden.

Andererseits fügten sich die Erzählungen des Emrah E. erschreckend gut ins Gesamtbild der damaligen Sicherheitslage ein. Der US-Geheimdienst CIA hatte den deutschen Kollegen schon Wochen vor den Anrufen von E. mitgeteilt, es gebe Hinweise auf eine Terror-Truppe die in Pakistan für ihren Einsatz in Europa ausgebildet wurde. Auch die CIA sprach von einer „marokkanischen Zelle“.

Und dann waren da noch die Aussagen zweier deutscher Terrorhäftlinge. Der Deutsch-Syrer Rami Makanesi war im Mai 2010 in Pakistan festgenommen worden. Er hatte im Verhör erzählt, Al-Qaida rekrutiere Freiwillige für einen „Europa-Plot“. Al-Qaidas Nr.3, Sheikh Yunis al-Mauritani, habe von Osama Bin Laden persönlich die Erlaubnis für Anschläge auf wirtschaftliche Ziele auch in Deutschland erhalten, so Makanesi. Ähnliches hatte auch der aus Hamburg stammende Dschihadist Ahmad Wali Sidiqqi nach seiner Festnahme im Juli 2010 in Afghanistan berichtet.

War also doch etwas dran an den Geschichten von Emrah E.? Während die deutschen Behörden zögerten auf das Angebot des Wuppertalers einzugehen, verlief der Kontakt zu ihm immer schleppender. Mehrfach meldete sich Emrah per Telefon, zuletzt am 15.November 2010, dann herrschte Funkstille. Es kam zu keinem Deal mit dem BKA. Die Terrorwarnungen aber wurden zwei Tage nach Emrahs letztem Anruf umgesetzt – letztendlich ausgelöst durch seine Aussagen.

In Waziristan verfiel Emrah E. nun in Panik, telefonierte in Todesangst mit der Familie in Deutschland. Jetzt, wo al-Qaidas Terrorpläne durch ihn aufgeflogen waren, gelte er bei den Dschihadisten als Verräter, sagte er. Al-Qaida jage ihn nun, er müsse um sein Leben fürchten und sei in höchster Gefahr.

Die deutschen Ermittler verfolgten seine Spuren weiter, hörten Telefonate ab und lasen seine E-Mails mit. Dabei fühlten sie sich zunehmend bestätigt in ihrer Vermutung, der Islamist habe mit seinem Gerede über Terroranschläge in Deutschland nur Angst schüren wollen.

„Was macht Deutschland? Haben sie viel Angst?“, fragte Emrah am 5.Dezember 2010 eine Schwägerin in Wuppertal per Telefon. Am nächsten Tag meldete sich Emrah erneut. Diesmal bei seinem Bruder Yusuf. Ihm erzählte er von weiteren Drohnenangriffen die er nur knapp überlebte. „Ich bin in das Haus gegangen und die Rakete hat bumm gemacht und das Haus getroffen“, so Emrah. „Ich habe den Jungen gefragt – der ist auch Deutscher – ob er ok ist.“

In Deutschland begannen die Fahnder zur selben Zeit die Kontaktpersonen von Emrah E. ausfindig zu machen. Eine erste Razzia fand im Dezember 2010 in den Wohnungen der Angehörigen statt. Weitere Durchsuchungen erfolgten am 26.Januar 2011 im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen acht mutmaßliche Islamisten aus dem Großraum Wuppertal.

Wie jüngst durch einen Bericht des „FOCUS“ bekannt wurde, stand Emrah E. wohl seit Januar in E-Mail-Kontakt mit dem Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. Am 30.Januar erläuterte Emrah E. in einer E-Mail an Ströbele die Details zum Drohnenangriff im Oktober des vergangenen Jahres. E. erzählte dem Bundestags-Abgeordneten vom Tod seines Bruders. Geweint habe er als er den toten Bünyamin in den Trümmern der Lehmhütte sah, heißt es in der E-Mail an Ströbele.

Trotz des offensichtlichen Schocks durch den Tod des Bruders erwecken Emrahs jüngste Lebenszeichen aus Pakistan nicht den Eindruck als wolle er dem Dschihad wirklich abschwören. Er sei mit „20 oder 30 Kämpfern in den Krieg gegangen“, prahlte er. „Die Mudschaheddin sind standhaft und sie fürchten nichts und niemanden“, schrieb er noch im Februar, „Wir besitzen eine Kalaschnikow gegen die Hightech-Waffen der Ungläubigen. Wir schlagen heute die Amerikaner und die Welt!“ Reue klingt anders.

Irgendwann im Februar reist Emrah E. offenbar samt Ehefrau und Kind von Pakistan aus in den Iran. Dort trennten sich die Wege des deutschen Gotteskriegers und seiner Familie. Während die Ehefrau und der Sohn zurück nach Deutschland reisten, stieg Emrah E. in ein Flugzeug und reiste nach Ostafrika.  Am Flughafen der Hauptstadt Nairobi verschwand der Islamist. Vermutlich reiste Emrah E. weiter über die Grenze nach Somalia. Die al-Qaida nahe Al-Shabaab Miliz heißt dort seit Jahren ausländische Dschihadisten willkommen.

Die Terror-Karriere des Emrah aus Wuppertal scheint also noch lange nicht beendet zu sein. Ob er sich erneut bei deutschen Behörden melden und vor Terror warnen würde, ist allerdings fraglich.