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Spionage am Himmel

Ein Ballon sorgt für weitere politische Spannungen zwischen den USA und der Volksrepublik China. Das Pentagon geht davon aus, dass es sich um einen Spionage-Ballon gehandelt hat, mit dem amerikanische Militäranlagen ausgekundschaftet werden sollten. Es war wohl nicht der erste Vorfall dieser Art. Über die Geschichte von Ballons für geheimdienstliche und militärische Zwecke.

Von Florian Flade

In dem Vorgang steckte wohl einige Symbolik. Zwei F-22 „Raptor“ Kampfjets stiegen am Samstag von der Langley Air Force Base im US-Bundesstaat Virginia auf, um den chinesischen Spionage-Ballon vom Himmel zu holen, der seit Tagen über das Territorium der USA geflogen war und die Nachrichtenlage bestimmte. Die Militärflugzeuge trugen die Rufzeichen „Frank01“ und „Frank02“ – möglicherweise eine Hommage an Frank Luke Junior, Spitzname „Ballonknacker“ oder „Arizona Balloon Buster“, einen der erfolgreichsten amerikanischen Jagdflieger des Ersten Weltkrieges, der über Frankreich zahlreiche Aufklärungsballons des Deutschen Kaiserreiches abgeschossen hatte.

Mehrere Tage hatte das US-Militär, genau wie Medien weltweit und zahlreiche Schaulustige, verfolgt wie ein chinesischer Spionage-Ballon über die USA geflogen war. Zum ersten Mal war das Flugobjekt am 28. Januar vom North American Aerospace Defense Command (NORAD) bemerkt worden, dann flog der Ballon über Alaska und Kanada, und drang schließlich wieder in den Luftraum der USA ein.

Im Pentagon geht man davon aus, dass der Ballon mit Aufklärungstechnik ausgestattet war, um strategisch bedeutende Militäranlagen in den USA auszukundschaften. Wie etwa die Malmstrom Air Force Base in Montana, auf der nukleare Langstreckenraketen stationiert sind. Ein Abschuss des Ballons soll zwar schon früh von US-Präsident Joe Biden angeordnet worden sein, allerdings gab es bei den Militärs offenbar Bedenken. Die Gefahr der herunterfallenden Trümmer für die Bevölkerung wurde wohl als zu groß eingeschätzt. Stattdessen entschied man sich, zunächst die Flugbahn des Spionage-Ballons, der in einer Höhe von rund 18 Kilometern unterwegs war, genauestens zu verfolgen. Über dem Atlantik sollte der Ballon dann abgeschossen werden.

Am Samstag war es dann so weit. Die beiden F-22 Kampfjets umkreisten den Ballon, als er gerade die Küste des US-Bundesstaates South Carolina verlassen hatte und über das offene Meer flog. Dann feuerte eines der Flugzeuge eine Rakete ab und zerstörte damit den mit Helium gefüllten Ballon. Die am Ballon befestigte Technik stürzte rund elf Kilometer vor der amerikanischen Küste in den Atlantik, über mehrere Kilometern sollen die Trümmer verteilt sein. Die US-Marine war zeitnah mit Schiffen unterwegs, Militärtaucher sollen die Überreste des Ballons nun bergen und die US-Bundespolizei FBI soll die Technik untersuchen.

„Der Ballon, der von der Volksrepublik China bei dem Versuch eingesetzt wurde, strategische Standorte in den kontinentalen Vereinigten Staaten zu überwachen, wurde über den Hoheitsgewässern der USA zum Absturz gebracht“, teilte das Pentagon mit.

Aus China wiederum gab es harsche Kritik. Ein Sprecher des Außenministeriums in Peking sprach von einer „offensichtliche Überreaktion“ der USA gegen ein „ziviles, unbemanntes Luftschiff“, das nur zufällig in amerikanischen Luftraum eingedrungen sei. China behalte sich das Recht auf „notwendige Reaktionen“ vor. Vor einigen Tagen noch hatte China behauptet, der Ballon sei keineswegs zu Spionagezwecken unterwegs, sondern es handele sich vielmehr um einen Wetterballon, der meteorologischer und anderer Forschung diene.

Auch wenn bislang die genauen Details zur Technologie des Ballons vor allem Spekulation sind, so stellt die Tatsache, dass ein chinesisches Flugobjekt unerlaubt in den amerikanischen Luftraum eingedrungen ist und auch sensible militärische Einrichtungen überflogen hat, eine erhebliche Provokation dar. Das amerikanisch-chinesische Verhältnis, das sich zuletzt ohnehin weiter verschärft hat, unter anderem durch den sogenannten „Chip-Krieg“, droht sich nun noch weiter zu verschlechtern.

US-Außenminister Blinken hatte eine für diese Woche geplante Reise nach China kurzfristig abgesagt. Zwar hieß es, man sei weiterhin an Gesprächen mit Peking interessiert und wolle nicht, dass der Ballon das alles beherrschende Thema sei. Tatsächlich aber dürfte ist fraglich, ob einer diplomatische Besuch, wie ursprünglich vorgesehen, in absehbarer Zeit überhaupt noch stattfinden kann. Man habe China auf unterschiedlichen Kanälen kommuniziert, dass man ein solches Verhalte nicht dulde, hatte die US-Regierung verlauten lassen.

Der Einsatz von Ballons zu Spionagezwecken ist tatsächlich keine neue Entwicklung. Schon zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges, später im Ersten und auch Zweiten Weltkrieg wurden Heißluftballons und Zeppeline unterschiedlicher Größen und Bauarten eingesetzt, um gegnerische Truppenbewegungen, Militäranlagen oder Verteidigungslinien aus der Luft auszukundschaften. Die bemannten Ballons waren so etwas wie die historischen Vorläufer zu den späteren Überwachungsflugzeugen, Spionagesatelliten und Drohnen.

Und auch als Kriegswaffen kamen Ballons bereits zum Einsatz. Ab November 1944 schickte die Kaiserliche Armee Japans mehr als 9000 Ballons, die mit Sprengsätzen ausgestattet waren, über den Pazifik in Richtung USA. Offenbar war das Ziel mit den fliegenden Bomben, genannt „Fu-Go“, großflächige Waldbrände an der amerikanischen Westküste zu verursachen oder auch Städte zu treffen. Letztendlich aber tauchten nur einige Hundert dieser Ballon-Bomben in den USA und Kanada auf, militärisch erwiesen sie sich als unbedeutend.

Jedoch kam es auch zu einem tödlichen Vorfall. Am 05. Mai 1945 fuhr eine Pastoren-Familie mit einigen Kindern aus der Kirchen-Gemeinde zum Picknick in die Gearhart Mountain im US-Bundesstaat Oregon. Ethel Joah Patzke, ein 13 Jahre altes Mädchen, stieß beim Spielen im Wald auf die Überreste eines japanischen Ballons. Als sie das abgestürzte Flugobjekt anhob, explodierte die Bombe. Fünf Kinder sowie die schwangere Pastoren-Ehefrau starben.

Zahlreiche Staaten haben auch in den vergangenen Jahrzehnten trotz inzwischen verfügbarer Satellitentechnologie auch immer wieder Aufklärungsballons eingesetzt, darunter auch die USA und Großbritannien. Während der Frühphase des Kalten Krieg, in den 1950er und 1960er Jahren sollen beispielsweise mehrere Hundert Ballons vom US-Militär und den Geheimdiensten über der Sowjetunion eingesetzt worden sein, um Funksignale aufzufangen und Radaranlagen zu identifizieren.

Im Irak und Afghanistan setzte das US-Militär mit Kameras oder anderer Sensorik ausgestattete Ballons oder Zeppeline ein, um bestimmte Gebiete über längere Zeiträume überwachen zu können. Die unbemannten Ballons bieten dabei entscheidende Vorteile gegenüber Flugzeugen oder auch Drohnen. Sie sind kostengünstiger und können in der Regel länger in der Luft verbleiben. Durch Solartechnologie ist zudem ein energieschonenden Antrieb möglich.

Das Pentagon hat bereits viele Millionen in entsprechende Programme investiert, die wohl auch darauf ausgerichtet sind, Überwachungssysteme in extremen Höhen zu platzieren, um beispielsweise Hyperschall-Waffen, wie sie etwa Russland oder auch China entwickelt hat, aufzuspüren und zu verfolgen.

Auch innerhalb der USA wurden solche Ballon-Systeme bereits getestet. Beim Projekt „Covert Long-Dwell Stratospheric Architecture“ (COLD STAR)“, ging es allerdings darum, Drogenschmugglern aufzuspüren. Mehrere Fahrzeuge und Boote wurden dabei gleichzeitig verfolgt und überwacht.

China hat nach Angaben der US-Regierung ebenfalls ein umfangreiches Spionage-Ballon-Programm ins Leben gerufen. So wurde zeitgleich mit jenem Ballon über den USA auch noch ein weiterer Spionageballon entdeckt, der über Süd- und Mittelamerika flog. Der Überflug über die USA soll zudem nicht der erste Vorfall dieser Art gewesen sein. Bereits unter der Trump-Administration wurden demnach mindestens drei chinesische Ballons über dem US-Festland festgestellt. Vor wenigen Monaten erst soll zudem ein solcher Ballon in der Nähe von Hawaii in den Pazifik gestürzt sein.

Das FBI ist nun beauftragt worden, den Spionage-Ballon, der am vergangenen Wochenende abgeschossen wurde, zu untersuchen. Fotos des Ballons legen nahe, dass er neben Solarpanels möglicherweise auch über Steuerungssysteme verfügte und durch gelenkt worden sein könnte. Auch jegliche Form von Überwachungstechnologie ist für die US-Ermittler nun von Interesse.

Vor mehr als zwanzig Jahren war es zu einem ähnlichen Vorfall gekommen. Damals fiel amerikanische Spionagetechnik in die Hände der Chinesen. Am 01. April 2001 kollidierte über dem Südchinesischen Meer ein Spionageflugzeug der US-Navy, eine für technische Überwachungen des US-Abhördienstes NSA eingesetzte Maschine vom Typ EP-3, mit einem chinesischen Kampfjet und wurde zur Landung auf der chinesischen Insel Hainan gezwungen. An Bord befanden sich 24 Crew-Mitglieder, die in Gefangenschaft des chinesischen Militärs gerieten und verhört wurden. Das Spionageflugzeug und die darin befindliche Hardware und Software wurde umfangreich von chinesische Seite untersucht.

Nach elf Tagen und zähe diplomatische Bemühungen entließ Peking die Amerikaner in Freiheit, die Flugzeugcrew wurden auf den US-Militärstützpunkt Guam ausgeflogen. Die Spionagemaschine EP-3 kehrte erst wenige Monate später, im Juli in die USA zurück, allerdings in Einzelteilen. Denn das Flugzeug musste auf Geheiß der Chinesen auseinander gebaut werden.

Die NSA kam später in einem streng geheimen Abschlussbericht zu dem Vorfall zu dem Schluss, dass China bei der Auswertung der Technik, Notizbücher und anderer Unterlagen wohl durchaus brisante Erkenntnisse über die amerikanischen SIGINT-Operationen im Pazifik erlangt hatte. Zu den anvisierten Zielen der USA, aber auch Hinweise auf gemeinsame technische Überwachungsaktionen mit Japan und Taiwan.

| Icon, verwendet in Illustration (Quelle)

Das „rote Telefon“

Im Krieg um die Ukraine droht Russlands Präsident mit Atomwaffen – und plötzlich stellt sich die Frage: Wie weit geht Putin? Und wie ließe sich im Ernstfall eine solche Katastrophe noch verhindern? Oft wird dabei auf das „rote Telefon“ verwiesen, den „heißen Draht“ zwischen Washington und Moskau. Über ein Relikt des Kalten Krieges.

Von Florian Flade

Videokonferenz zwischen Joe Biden und Wladimir Putin, 07. Dezember 2021 (Quelle: White House)

Die meisten Europäer haben vermutlich noch geschlafen, als Russlands Präsident Wladimir Putin am frühen Morgen des 24. Februar im russischen Staatsfernsehen erschien – und den Beginn eines Krieges in Europa verkündete. Er habe entschieden, so Putin, eine „militärische Spezialoperation“ in der Ukraine durchzuführen, deren Ziel es sei, eine Entmilitarisierung und Entnazifizierung des Landes herbeizuführen. Und dann, zum Ende seiner Ansprache, folgte eine unverhohlene Drohung.

„Jetzt ein paar wichtige, sehr wichtige Worte für diejenigen, bei denen die Versuchung aufkommen könnte, sich von der Seite in das Geschehen einzumischen. Wer auch immer versucht, uns zu behindern, geschweige denn eine Bedrohung für unser Land und unser Volk zu schaffen, muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben. Wir sind auf jede Entwicklung der Ereignisse vorbereitet. Alle notwendigen Entscheidungen wurden in dieser Hinsicht getroffen. Ich hoffe, dass ich gehört werde.“

Rede von Wladimir Putin, 24. Februar 2022

Putin wurde gehört, und seine Worte wurden entsprechend gedeutet: Russlands Machthaber droht unverhohlen mit einem Atomkrieg. Eine neue Eskalationsstufe, die der ultimativen Erpressung gleich kommt: Wenn die NATO der Ukraine zur Hilfe kommen sollte, dann werde Russland zum äußersten gehen. Kurz darauf befahl Putin seinem Verteidigungsminister und seinem Generalstabschef, die Atomstreitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow legte außerdem verbal nach: „Alle wissen, dass ein Dritter Weltkrieg nur ein nuklearer sein kann“

Ein apokalyptisches Szenario steht nun seit einer Woche plötzlich wieder im Raum, ein Schrecken aus längst vergessenen Zeiten. Russland soll heute rund 6200 Nuklearsprengköpfe besitzen. Das sind zwar weniger als zu Zeiten des Kalten Krieges, allerdings ist die Sprengkraft der modernen Nuklearwaffen mittlerweile weitaus verheerender. Russlands Militär ist zudem in der Lage nahezu jeden Ort auf dem Planeten damit anzugreifen, sei es mit Langstreckenbombern oder mit Interkontinentalraketen.

Noch sind es Drohungen, verbale Machtdemonstrationen und womöglich Teil einer psychologischen Kriegsführung – was aber, wenn Putin sich entscheidet den Konflikt um die Ukraine tatsächlich eskalieren zu lassen? Oder wenn es durch ein unabsichtliches Manöver, einen verirrten Kampfjet oder einen durchgedrehten Kommandeur zu einem Zwischenfall kommt, der dafür sorgt, dass die NATO in den Krieg hineingezogen wird?

Es gibt zahlreiche Kommunikationskanäle zwischen Staaten, Regierungschefs, Militärs, Bündnissen und Allianzen. Diese „Back Channels“ gelten als unabdingbar, um bedrohlichen Lagen begegnen zu können – und Missverständnisse auszuschließen.

Der wohl berühmteste Kommunikationskanal ist das sogenannte „rote Telefon“. Jener „heißen Draht“ zwischen Washington und Moskau, dem Weißen Haus und dem Kreml, über die der amerikanische Präsident und der russische Präsident miteinander sprechen und Klartext reden können. Um gefährlichen Situationen zu entschärfen und im schlimmsten Fall sogar einen Atomkrieg zu verhindern.

Was hat es mit dem „roten Telefon“ auf sich? Was ist Mythos, und was Realität?

In zahlreichen Filmen, etwa „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964), spielt die mysteriöse Telefonverbindung zwischen den Staatschefs der beiden atomaren Supermächten eine Rolle. Der damalige US-Präsident Barack Obama scherzte 2010 bei einer Pressekonferenz mit seinem russischen Kollegen Dimitri Medwedew gar, man könne im Zeitalter von Twitter vielleicht sogar „diese roten Telefone wegwerfen, die da schon so lange rumliegen“.

Weggeworfen hat man sie bis heute nicht. Und das hat seine Gründe. Vorweg: Nein, das „rote Telefon“ ist nicht rot, und es ist streng genommen auch kein Telefon. Es handelt sich um einen kryptierten Kommunikationskanal zwischen der amerikanischen und der russischen Regierung, eine Art Standleitung, die permanent, Tag und Nacht, aufrechterhalten wird.

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US-Geheimdienste legen Bericht zu Klimawandel vor

Amerikas Geheimdienste haben sich mit dem Klimawandel und dessen Auswirkungen befasst. Sie zeichnen ein düsteres Bild einer Zukunft, in der es zu mehr Krisen und Konflikten kommen wird. Und in der Staaten vor teils völlig neuen Herausforderungen stehen werden.

Von Florian Flade

Wirklich überraschend ist es nicht, was Amerikas Geheimdienste in ihrem neuesten öffentlich zugänglichen Bericht verfasst haben. Wenn etwas darin auffällt, dann die Deutlichkeit und Klarheit, mit der die Spione vor dem warnen, was die Menschheit und die Natur als Ganzes in den kommenden Jahrzehnten wohl zu erwarten hat. Dürren, Hitze, Extremwetter etwa, steigende Meeresspiegel, überschwemmte Wohngebiete, ausfallende Ernten, der Rückgang der Fischbestände, Seuchen und Pandemien, Nahrungsmittel- und Trinkwasserknappheit.

Erstmals haben die achtzehn Geheimdienste der USA sich im Auftrag des Präsidenten Joe Biden den Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Sicherheitsinteressen untersucht. Am Donnerstag hat der Director of National Intelligence (DNI) den Bericht dazu mit dem Titel „Climate Change and Internationalen Responses Increasing Challenges to US National Security Through 2040“ veröffentlicht.

Auf 24 Seiten beschreiben die amerikanischen Nachrichtendienstler darin, wie sich der Klimawandel vermutlich in den kommenden Jahrzehnten auf unterschiedliche Lebensbereiche und damit auch auf die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation global auswirken wird.

Das Fazit lautet: Der Klimawandel wird zu mehr Krisen, zu eskalierenden Konflikten und auch zu völlig neuen Konflikten zwischen Staaten führen. Ein Streitpunkt, so heißt es in dem Bericht, werde zunehmend die Frage sein, wie man auf den Klimawandel reagieren solle, welche Maßnahmen sinnvoll seien – und wer welche Verantwortung trägt. Dies könne zu diplomatischen Krisen und anderen, schwerwiegenderen Auseinandersetzungen führen.

Gleich zu Beginn machen die Spione klar, dass die Regierungen der Welt trotz einiger Fortschritte im Bereich der Forschung und Technologie wohl nicht in der Lage sein werden, die Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten. Die Treibhausgase würden nicht in ausreichendem Maße reduziert, die globale Erwärmung schreite entsprechend voran.

„Angesichts der aktuellen Regierungspolitik und der Trends in der Technologieentwicklung sind wir der Ansicht, dass die Länder zusammengenommen die Pariser Ziele wahrscheinlich nicht erreichen werden, da die Länder mit hohen Emissionen innerhalb des nächsten Jahrzehnts schnelle Fortschritte bei der Dekarbonisierung ihrer Energiesysteme machen müssten, indem sie sich von fossilen Brennstoffen abwenden, während Entwicklungsländer für ihre wirtschaftliche Entwicklung auf kohlenstoffarme Energiequellen zurückgreifen müssten.“ 

DNI-Bericht „Climate Change and Internationalen Responses Increasing Challenges to US National Security Through 2040“, 21. Oktober 2021

Als direkte Folge der nicht gestoppten Erderwärmung komme es zu einem steigenden Meeresspiegel, der wiederum vor allem durch schmelzende Eiskappen verursacht werde. Dies habe zwei unmittelbare Konsequenzen, so schreiben die US-Geheimdienste: Einige Länder, insbesondere die Insel-Staaten im Pazifik, aber auch Bangladesch oder der Süden von Indien seien durch Überschwemmungen ganz unmittelbar bedroht. Folglich seien dann gewisse Landesteile oder ganze Inseln nicht mehr bewohnbar, die Bevölkerung sei dann gezwungen zu fliehen, was wiederum innenpolitische Konflikte schüren und die Stabilität der Staaten gefährden könnte.

Die zweite Folge des steigenden Meeresspiegels hat eine geopolitische und strategische Ebene: Da das Eis der Arktis immer schneller schmilzt, wird diese Region der Erde zunehmend zugänglicher für die Schifffahrt. Was wiederum einen „strategischen Wettkampf“ zwischen Staaten auslöst, und zwar nicht nur jenen, die direkt an die Arktis angrenzen, wie etwa Russland, Kanada oder die USA. Auch Staaten wie China, Japan, Frankreich oder Südkorea würden die Möglichkeiten erkennen, die offene Seewege durch die Arktis bieten, beispielsweise um Waren schneller transportieren zu können.

Die militärische Aktivität in der Arktis, so der Bericht der amerikanischen Dienste, werde „wahrscheinlich zunehmen“, arktische und nicht-arktische Staaten würden versuchen ihre Investitionen zu beschützen, die neu erschlossenen maritimen Routen ausnutzen und dadurch strategische Vorteile gegenüber den Rivalen zu bekommen.

Der Klimawandel, so die Analyse der Spione, sorge zudem für einen zunehmenden Kampf um Wasser. Dabei gehe es vor allem um die Erschließung von Trinkwasserquellen, aber auch darum, Wasser für Landwirtschaft und Industrie zu sichern. Die Menschen, die in den Gegenden leben, in denen Überflutungen zunehmen könnten, würden wohl in andere Regionen abwandern, in vielen Fällen werde auch die „grenzüberschreitende Migration wahrscheinlich zunehmen“.

Aufgrund der sich verschärfenden Situation komme es vermutlich zu immer heftigeren Auseinandersetzungen zwischen den führenden Industrienationen und den sogenannten Entwicklungsländern, von denen einige am stärkten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Diese Staaten würden, so die Prognose, zunehmend Geld und andere Unterstützung von den wirtschaftlich stärkeren Nationen verlangen.

Die amerikanischen Geheimdienste haben 11 Länder und zwei Regionen, die nach ihren Einschätzungen am stärksten durch den Klimawandel bedroht sind: Afghanistan, Burma, Indien, Pakistan, Nordkorea, Guatemala, Haiti, Honduras, Nicaragua, Kolumbien und der Irak. Außerdem wachse die Gefahr der Instabilität für Länder in Zentralafrika und die Inselstaaten des Pazifiks.

„Wir gehen davon aus, dass insbesondere die 11 Länder mit steigenden Temperaturen, extremeren Wetterbedingungen und Störungen der Meeresmuster konfrontiert sein werden, die ihre Energie-, Nahrungs-, Wasser- und Gesundheitssicherheit bedrohen werden (…) Wir gehen davon aus, dass insbesondere den elf Ländern die finanziellen Ressourcen oder die Governance-Kapazität fehlen werden, um sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen, was das Risiko von instabilitätsbedingten Migrations- und Vertreibungsströmen – auch an die Südgrenze der USA – erhöht und ihren bereits erheblichen Bedarf an ausländischer Hilfe und humanitärer Hilfe wachsen lässt“

DNI-Bericht „Climate Change and Internationalen Responses Increasing Challenges to US National Security Through 2040“, 21. Oktober 2021

Aber auch Länder wie Russland seien stark vom Klimawandel betroffen. Dort könne es zu erheblichen Schäden und Auswirkungen auf die Infrastruktur kommen, etwa dadurch, dass in Teilen Sibiriens kein Permafrost mehr herrscht und die Gefahr der Erosion und auch von Waldbränden wächst.

„Die Vereinigten Staaten und andere Länder sind jedoch in einer relativ besseren Position als andere Länder, um die großen Kosten und Verschiebungen der prognostizierten Veränderungen zu bewältigen, teilweise weil sie über größere Anpassungsressourcen verfügen, dennoch werden sie einige schwierige Anpassungen erfordern. Klimaauswirkungen wie übermäßige Hitze, Überschwemmungen und extreme Stürme werden sich als zunehmend kostspielig erweisen, einige militärische Verschiebungen erfordern und die Nachfrage nach humanitärer Hilfe und Katastrophenhilfe erhöhen.“

DNI-Bericht „Climate Change and Internationalen Responses Increasing Challenges to US National Security Through 2040“, 21. Oktober 2021

In dem Bericht aus den USA werden auch einige Punkte aufgelistet, die für eine Veränderung der Annahmen der Dienste sorgen würden. Genannt wird dabei zum Beispiel ein „Durchbruch“ bei der CO2-Reduktion, der allerdings derzeit mit den aktuell getroffenen Maßnahmen nicht zu erwarten sei. Auch ein tiefgreifendes Katastrophenereignis, das de-facto die Menschheit und die Regierungen des Planeten zu einem radikalen Umdenken und schnellerem, kollektiven Handeln bringe, würde sich wohl auf die Vorhersagen der Dienste auswirken.

Keiner der Aspekte und keine der Prognosen, die in dem Bericht genannt werden, ist wirklich neu oder verwunderlich. Dass der Klimawandel sich unmittelbar und wohl schon viel schneller als befürchtet auch auf geopolitische Lagen auswirken wird, gilt auch in Sicherheitsbehörden als unstrittig. Durch eine Vielzahl von Auswirkungen bedroht der Klimawandel damit das Leben und die Existenz von vielen Millionen Menschen weltweit, teilweise den Ärmsten der Armen. Die daraus resultierende Instabilität, die zahlreichen Staaten droht, bedeutet auch für die weniger direkt betroffenen Länder eine gewaltige Herausforderung. 

Wie kaum ein andere Bedrohung ist daher der Klimawandel eine globale Gefahr, deren Komplexität und deren unterschiedliche Facetten viele gerade erst zu begreifen scheinen.