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Dschihadist aus Dortmund in IS-Video

von Florian Flade

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Am vergangenen Wochenende hat die IS-Medienstelle des Verwaltungsgebiets Al-Furat ein neues Propagandavideo veröffentlicht – in deutscher Sprache. Es trägt den Titel „Von der Dunkelheit ins Licht“. Darin zu sehen ist ein Dschihadist aus Deutschland, der von seinem Leben berichtet, von einer schweren Erkrankungen, wie er zu Gott gefunden und schließlich den Islam angenommen habe.

Der Islamist lobt die Terrormiliz IS, ihre Scharia-Strafen und das gottgefällige Leben im „Kalifat“. In einigen Szene ist zu sehen, wie er selbst Straftäter auspeitscht und offenbar der Bestrafung eines Diebes beiwohnt, dem die IS-Terroristen eine Hand abhacken. Zum Ende hin ruft der deutsche Dschihadist in dem Video seine daheimgebliebenen Glaubensbrüder auf, Anschläge zu begehen.

Deutsche Sicherheitsbehörden haben den Konvertiten inzwischen identifiziert. Es soll sich um den 29-jährigen Salafisten Christian L. aus Dortmund handeln. Er reiste offenbar im vergangenen Jahr gemeinsam mit seiner Ehefrau nach Syrien aus und schloss sich dort dem IS an. Seitdem läuft ein Ermittlungsverfahren gegen den Dortmunder.

Unklar ist bislang wie alt die Videoaufnahme von Christian L. ist – und ob der Dschihadist überhaupt noch am Leben ist. Die Terrormiliz IS steht seit Wochen sowohl in Syrien als auch im Irak unter massivem Druck. Sie leidet unter Gebietsverlusten und erheblichen Problemen die Frontlinien mit Waffen, Munition und Kämpfern zu versorgen. Das Video von Christian L., in dem er vom paradiesischen Leben unter der IS-Herrschaft spricht, wird angesichts des Rückzugs der Dschihadisten wie ein groteskes, fast verzweifeltes Propaganda-Werk.

 

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„Der Dschihad ist Urlaub für uns“

von Florian Flade

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Seinen Kollegen bei der Deutschen Telekom fiel Yamin A.-Z. vor allem als wissbegierig und engagiert auf. Der 28-jährige Kaufmännische Auszubildende sei als „vielversprechender und sehr höflicher Mitarbeiter“ gestartet, sagte mir ein Telekom-Sprecher. Doch irgendwann trat eine Veränderung bei A.-Z. ein. Der gebürtige Stuttgarter, der im Telekom-Standort in Bonn arbeitete, steigerte sich offenbar zunehmend in den Islamismus hinein. Und wurde so ein Fall für die Sicherheitsabteilung des Konzerns.

„Wir haben versucht ihn von unseren Werten zu überzeugen“, so ein Unternehmenssprecher. „Als er offen Sympathien für den Islamischen Staat bekundete, haben wir die Sicherheitsbehörden informiert.“ Yamin A.-Z. sei schließlich nicht mehr zur Arbeit erschienen. Und habe damit seine Kündigung bewirkt.

Vor zwei Wochen tauchte der zuletzt in Königswinter bei Bonn wohnhafte Islamist wieder auf. In einem Propagandavideo des „Islamischen Staates“ (IS), aufgenommen in der syrischen Ruinenstadt Palmyra. Als „Abu Umar al-Almani“ tritt Yamin A.-Z. darin auf, trägt einen dichten Vollbart, Kampfmontur und Sturmgewehr.

Muslime sollten die „Hijrah“ machen, so A.-Z., die Auswanderung nach Syrien und in den Irak. Sie sollten sich dem IS anschließen. „Der Dschihad ist tatsächlich der Urlaub für uns“, sagt der Islamist. Und ruft zu Gewalttaten in Deutschland auf. „Greift die Kuffar (Ungläubigen) an, in ihren eigenen Häusern! Tötet sie dort, wo ihr sie findet!“, fordert der Ex-Telekom-Azubi.

In der nächsten Szene ist Yamin A.-Z. neben dem Österreicher Mohamed Mahmoud alias „Abu Usamah al-Gharib“ zu sehen. Vor den Terroristen auf dem Boden knien zwei gefesselte syrische Regierungssoldaten. „Meine Geschwister, entweder schließt ihr euch hier den Mujaheddin an“, sagt Mahmoud. „Oder ihr führt den Dschihad in Deutschland und Österreich durch! Du brauchst nicht viel: Nimm ein großes Messer und schlachte jeden Kafir (Ungläubigen)!“

Was dann folgt ist aus Sicht der deutschen Sicherheitsbehörden eine Premiere. Mohamed Mahmoud und Yamin A.-Z. laden ihre Sturmgewehre durch, legen an und exekutieren die Gefangenen zu ihren Füßen. Mehrere Salven schießen sie in die Körper der syrischen Soldaten, sie lachen, strecken dann ihre Gewehre gen Himmel und schreien „Allahu akbar!“.

Ein deutscher Islamist erschießt Gefangene. Das gab es bislang nicht. Hunderte Männer und Frauen aus Deutschland sollen sich dem IS inzwischen angeschlossen haben. Einige traten in Videos auf, drohten mit Anschlägen, riefen Muslime zur Auswanderung auf. Aber einen Mord vor laufender Kamera, ohne Maske, hat bislang noch keiner begangen.

Es dauerte einige Tage bis Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt (BKA) die Identität von „Abu Umar al-Almani“ geklärt hatten. Inzwischen aber sind sich die Ermittler sicher, dass es sich um Yamin A.-Z. aus Königswinter handelt. Samt Ehefrau soll der Islamist vor wenigen Monaten über die Türkei nach Syrien ausgereist sein.

Die Bundesanwaltschaft führt nach meinen Informationen mittlerweile ein Verfahren gegen den 28-jährigen IS-Terroristen. Und zwar nicht nur wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (§ 129 a /b StGB), sondern auch wegen des Verdachts der Begehung von Kriegsverbrechen (§ 8 VStGB).

Im Februar hatte ich darüber berichtet, dass in Karlsruhe bereits geprüft wird, ob einige deutsche Dschihadisten nicht vor Ort auch an Kriegsverbrechen oder sogar Völkermord beteiligt sind. So etwa der Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert oder der Deutsch-Algerier Fared S. aus Bonn.

Yamin A.-Z. ist nun wohl der erste Fall, in dem ein Nachweis für ein entsprechendes Verbrechen leichter zu erbringen sein dürfte. Immerhin begeht er den Mord unmaskiert vor laufender Kamera. Ob sich der Islamist jemals seine Tat vor einem deutschen Gericht verantworten muss, ist allerdings fraglich. „Er gehört zu denen, die wohl kein Rückflugticket haben“, sagt ein Verfassungsschutz.

In Österreich haben die Behörden das IS-Tötungsvideo inzwischen geprüft und für echt befunden. Die Staatsanwaltschaft Wien hat daher Ermittlungen wegen des Mordverdachts gegen Mohamed Mahmoud eingeleitet. 

Der Selbstmordattentäter Robert Baum

von Florian Flade

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Wo bleibt das Video? – diese Frage stellten sich viele Vertreter der deutschen Sicherheitsbehörden, als im Frühjahr erste Hinweise auftauchten, wonach der Solinger Konvertit Robert Baum mutmaßlich ein Selbstmordattentat in Syrien verübt hatte. Der 27-jährige Extremist sei geradezu prädestiniert, um für die Propaganda des „Islamischen Staates“ missbraucht zu werden. Aber auf ein Video der Tat oder eine Art Abschiedsbotschaft wartete man vergeblich. Bis am Dienstagabend schließlich ein deutschsprachiges Video des IS im Netz auftauchte.

„Unser Staat ist siegreich“, so lautet der Titel der fünfminütigen Propagandaaufnahme. Darin zu sehen ist für einen kurzen Augenblick auch Robert Baum. Mit Brille und Strickmütze sitzt er am Steuer eines Fahrzeugs, das zur Autobombe umgebaut wurde. Neben der Handbremse sind Kabel und Drähte zu sehen. Und wohl der Knopf, mit dem die Bombe gezündet wird. „Wir wünschen uns den Tod, mit einem Knopf geht alles hoch“, singt eine Stimme aus dem Off. In der nächsten Szene ist eine Explosion zu sehen. Die Autobombe verwandelt sich in einen Feuerball.

Ende Januar soll Robert Baum alias „Uthman al-Almani“ einen Selbstmordanschlag im syrischen Dorf Al-Kafaat verübt haben. Auf Twitter feierten IS-Sympathisanten die Tat des deutschen Dschihadisten, der zahlreiche Menschen mit in den Tod gerissen haben soll. In einem IS-Propaganda-Magazin fand der Anschlag wenig später ebenfalls Erwähnung.

Das Suizidattentat ist der traurige Höhepunkt in der Radikalisierung des Solingers Robert Baum. Im Jahr 2009 war er zum Islam konvertiert und hatte sich fortan stark radikalisiert. Zusammen mit einem Glaubensbruder reiste Robert Baum im Sommer 2011 nach Großbritannien und wurde bei der Einreise verhaftet. Im Gepäck fand die Polizei unter anderem einen Laptop mit Bombenbau-Anleitungen der Al-Qaida. Deren Besitz ist im Vereinigten Königreich – anders als in Deutschland – strafbar. Baum und sein Mitstreiter Christian E. wurden zu Haftstrafen verurteilt.

Nach acht Monaten Haft kehrte Baum schließlich nach Deutschland zurück. Er kehrte in die salafistische Szene zurück und wurde ein Anhänger der Gruppierung Millatu Ibrahim. In Fußgängerzonen beteiligte sich der Konvertit an Koran-Verteilaktionen. Sein neues Zuhause wurde eine Solinger Hinterhof-Moschee, die als Zentrum von Millatu Ibrahim gilt. Der Verein wurde schließlich im Juni 2012 vom Bundesinnenministerium verboten. Zahlreiche Anhänger der islamistischen Gruppierung, darunter auch Robert Baum, setzten sich daraufhin nach Ägypten ab. Sein Weg führte den Solinger anschließend offenbar weiter nach Syrien.