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Operation „Sommerregen“

von Florian Flade

Neun Jahre dauerte der Afghanistankrieg der Sowjetunion. Was bislang streng geheim war: Die Rolle des deutschen Bundesnachrichtendienst (BND).

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Die letzten Meter geht er zu Fuß. Am 15. Februar 1989, um 11.55 Uhr, steigt Generaloberst Boris Gromow von seinem Panzer herab. In fünf Minuten endet das Ultimatum. Dann soll die sowjetische Armee vollständig aus Afghanistan abgezogen sein. Gromow überquert die „Brücke der Freundschaft“, die über den Fluss Amudarja verläuft und Afghanistan mit Usbekistan verbindet. Auf usbekischer Seite tritt der bullige Soldat vor die versammelten Journalisten. „Kein einziger sowjetischer Soldat ist mehr hinter mir“, sagt er.

Der Satz beendet das neun Jahre dauernde Afghanistan-Abenteuer der Sowjetunion. Ein blutiger Krieg zwischen kommunistischen Besatzern und afghanischen Aufständischen, in dem rund 14.000 sowjetische Soldaten und schätzungsweise eine Millionen Afghanen, Kämpfer und Zivilisten, ihr Leben ließen. Es ist die traumatische Niederlage für eine Weltmacht, die ein Jahr später zusammenbrechen wird.

Rund zwölf Kilometer südlich von München, in einem Waldstück bei Pullach, nahm man den Abzug der Sowjets in jenem Februar 1989 sehr genau wahr. In der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) hatte man Moskaus zermürbenden Abnutzungskrieg in Afghanistan jahrelang beobachtet. Und nicht nur das.

Der deutsche Auslandsgeheimdienst, so zeigen meine gemeinsamen Recherchen mit dem ZDF, spielte in der letzten Schlacht des Kalten Krieges eine wesentlich größere Rolle, als bislang bekannt ist. Afghanistan unter Sowjet-Besatzung war für den BND eine schier unerschöpfliche Waffenkammer, die es abzuschöpfen galt.

Der Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan war der Beginn der deutschen Geheimdienst-Operation „Sommerregen“. Sie dauerte mehrere Jahre und gilt als einer der erfolgreichsten Einsätze in der 57-jährigen Geschichte des BND. Und einer der geheimsten: In Pullach und Berlin wurde bislang dazu geschwiegen. Auf Nachfrage der „Welt am Sonntag“ wollte sich der Geheimdienst nicht zum Thema äußern.

Meinem ZDF-Kollegen Michael Renz und mir ist es gelungen, mit ehemaligen und aktiven Geheimdienstlern zu sprechen, die in den 1980er-Jahren am Hindukusch ihren Dienst taten. Sie berichten von riskanten Einsätzen an der Front, von der Zusammenarbeit mit den afghanischen Mudschaheddin und von der Kooperation mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI.

Doch warum wurde Afghanistan zum Einsatzgebiet deutscher Agenten?

In der Nacht des 25. Dezember 1979 landeten sowjetische Spezialeinheiten im afghanischen Kabul. Ihre Aufgabe war es, den afghanischen Machthaber Hafizullah Amin zu eliminieren. Amin war zum Störfaktor für die KP-Führung in Moskau geworden. Die Sowjets fürchteten, Afghanistan als kommunistischen Vasallenstaat zu verlieren. Das wäre in der Hochzeit des Kalten Krieges ein Fiasko gewesen.

Was als wenige Wochen dauernder Militäreinsatz geplant war, entwickelte sich zu einem landesweiten Guerillakrieg. Es bildeten sich Mudschaheddin-Gruppierungen, die in den „Dschihad“ zogen, den heiligen Krieg gegen die verhassten kommunistischen Besatzer.

Monat für Monat entsandte die Sowjetunion mehr Soldaten, lieferte mehr Kriegsgerät an den Hindukusch. Auf dem Höhepunkt hatte die Rote Armee 120.000 Soldaten in Afghanistan. „Es war ein Guerillakrieg, der nicht gewonnen werden konnte“, sagt der Militärhistoriker Bernhard Chiari.

Der Westen reagierte auf das sowjetische Kriegstreiben in Afghanistan zunächst mit Kritik und dem Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980. Doch dabei blieb es nicht. In Washington keimte der Wunsch auf, den Afghanistankrieg als Chance wahrzunehmen, den Sowjets eine Lektion zu erteilen.

Indem man die Gegenseite, die Mudschaheddin-Verbände, mit Waffen, Ausrüstung und Ausbildung unterstützte, so die Hoffnung der US-Geheimdienste, könnte man der Sowjetunion ein „Vietnam-Erlebnis“ beibringen. Und ganz nebenbei möglichst viele Erkenntnisse über die Kriegstechnik der Sowjets gewinnen.

Genau hier kam der Bundesnachrichtendienst ins Spiel. „Der BND war damals in Abstimmung mit der Bundesregierung in und um Afghanistan aktiv“, bestätigte mir Hans-Georg Wieck auf Nachfrage. Wieck war von 1985 bis 1990 Präsident des BND.

Es sei klar gewesen, dass der deutsche Geheimdienst seinen Beitrag in Afghanistan leisten würde. „Es gehörte zu den Aufgaben des BND, sowjetisches Rüstungsmaterial zu sichern, um dieses zur Untersuchung nach Deutschland zu bringen.“

Gerade weil sich der Krieg so langwierig und schwierig gestaltete, war die Operation „Sommerregen“ so ergiebig. Was die Waffenschmieden der kommunistischen Weltmacht fertigten, wurde auf dem afghanischen Schlachtfeld getestet. Neueste Panzerungen für Kampfhubschrauber und Fahrzeuge, Minen, moderne Munition, darunter auch Uran-Geschosse, Sprengköpfe für Raketen, Nachtsichtgeräte und Navigationstechnologie. Material, für das sich der Westen brennend interessierte.

„Das war der einzige große Kriegsschauplatz in jener Zeit zwischen Ost und West“, fasst es ein ehemaliger BND-Mitarbeiter zusammen, der nicht namentlich genannt werden möchte und damals an der Operation „Sommerregen“ beteiligt war. „Da war das natürlich eine gute Gelegenheit der Sowjetarmee Waffen abzunehmen, um sie dann zu testen.“

Es braucht keinen Edward Snowden und den Spionage-Skandal rund um den amerikanischen Geheimdienst NSA, um in der Operation „Sommerregen“ mit ihrem quasimilitärischen Charakter mehr als einen gewöhnlichen Geheimdienst-Einsatz zu sehen.

In Zeiten, in denen weltweit über die Befugnisse von Geheimdiensten diskutiert wird, stellt sich die Frage, warum der Einsatz des BND in einem Kriegsgebiet der Sowjets ohne parlamentarische Zustimmung erfolgen konnte. Doch die Rechtslage ist einfach: Der BND war auch schon damals im Ausland nicht an das Legalitätsprinzip gebunden. Der Einsatz erfolgte mit Einverständnis der damaligen Bonner Regierung – erst der des Kanzlers Helmut Schmidt, dann der seines Nachfolgers Helmut Kohl.

Die heikle Aufgabe übernahm das BND-Referat 16 A, zuständig für die Regionen Naher und Mittlerer Osten. Der Etat für die Operation belief sich nach Angaben ehemaliger Mitarbeiter auf 250.000 Deutsche Mark jährlich.

In der Praxis sah die Umsetzung so aus: Die BND-Agenten kontaktierten die kämpfenden Mudschaheddin-Gruppen und präsentierten ihnen die Wunschlisten mit Waffen und Technik der Sowjets. Wurde entsprechendes Material auf dem Schlachtfeld erbeutet, meldeten sich afghanische Kämpfer beim BND, der die Beute anschließend sichtete. Die Zusammenarbeit mit den Mudschaheddin lief recht reibungslos, denn die deutschen Agenten zahlten gut für die Lieferungen, und die Bundesrepublik war ein gern gesehener Helfer der Afghanen.

Die Tarnung für die deutschen Spione des BND erwies sich daher auch nicht als besonders schwierig: Die Pullacher konnten ihre Arbeit am Hindukusch als humanitäre Helfer aufnehmen. Die sowjetische Besatzung Afghanistans löste eine gigantische Flüchtlingswelle aus. Millionen Afghanen flohen nach Pakistan. In der Grenzregion entstanden riesige Flüchtlingslager, in denen die Bundeswehr die Notleidenden mit Medikamenten, Lebensmitteln, Decken und Kleidung. Und mit den Hilfsgütern kam auch der BND.

Wichtigstes Werkzeug für die deutschen Geheimdienstler vor Ort war ein unscheinbarer Container, geliefert von einer Düsseldorfer Firma. Bei dem sogenannten Klino-Mobil handelte es sich um eine mobile Sanitätsstation, ausgestattet mit modernster Medizintechnik. Sie wurde in der pakistanischen Ortschaft Parachinar, direkt an der Grenze zu Afghanistan, aufgebaut. Pakistanische Ärzte übernahmen die medizinischen Aufgaben, deutsche Techniker waren für die Wartung zuständig.

Die BND-Aktivitäten an der afghanisch-pakistanischen Grenze – sie wurden vom pakistanischen Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) unterstützt. „Das war ausnahmsweise mal eine gut gelaufene Zusammenarbeit zwischen dem ISI und dem BND“, erinnert sich ein deutscher Geheimdienstler, der damals dabei war. „Offiziell und nach außen hin war das eine sehr wohltätige Nummer.“

Auf den ersten Blick wurden in dem Klino-Mobil afghanische und pakistanische Zivilisten medizinisch behandelt und geimpft. „Hinter den Kulissen aber hat man Beutestücke aus Afghanistan gebracht“, erzählt der ehemalige BND-Agent weiter. „Panzermunition, Panzerabwehrmunition, Minen, manchmal auch Teile von abgeschossenen Hubschraubern oder Flugzeugen. Auch Navigationsgeräte.“

Alles, woran der Westen interessiert gewesen sei, habe man in dem Container untersucht. „Das hat man dann geröntgt, um festzustellen, wie gefährlich es ist.“ Regelmäßig sei das sowjetische Rüstungsmaterial dann in die Bundesrepublik gebracht worden. „Einmal pro Woche ging es mit einer Transportmaschine der Bundeswehr von Peschawar nach Deutschland, wurde hier zerlegt, getestet, untersucht.“

In Afghanistan erbeutete Munition sei teilweise sogar von der Bundeswehr auf Truppenübungsplätzen getestet worden, erinnert sich der Ex-Agent. „Soviel ich weiß, hat die Bundeswehr mit dieser Panzerabwehrmunition auf einen Marder (Schützenpanzer) geschossen.“

Man habe möglichst viel über die sowjetische Rüstungstechnologie erfahren wollen, um entsprechende Gegenwaffen und Abwehrsysteme entwickeln zu können. Beispielsweise gegen die gepanzerten Kampfhubschrauber vom Typ „Mi-24 Hind“. „Einmal musste ein Mi-Hubschrauber notlanden“, erinnert sich ein BND-Mitarbeiter.

„Die Maschine ging so gut wie unversehrt auf pakistanischem Territorium runter. Lag an einem Berghang. Ich wurde angerufen, der BND solle den Hubschrauber bergen.“ Dazu sei es jedoch nicht gekommen, weil nicht genügend Personal verfügbar war. „Ich glaube, die Amerikaner haben sich die Maschine dann irgendwie geholt.“

Über die Jahre hinweg erwies sich die Operation „Sommerregen“ aus Sicht des deutschen Geheimdienstes als großer Erfolg. Der zuständige BND-Unterabteilungsleiter erhielt dafür das Bundesverdienstkreuz.

Dennoch blieb der Einsatz eine streng geheime Verschlusssache. Innerhalb des BND, so sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, sei der Einsatz am Hindukusch als „abgedeckte Operation“ eingestuft worden. Akten seien dazu kaum angelegt worden. Zu groß sei die Angst gewesen, die Sowjets könnten von der Präsenz westlicher Agenten in Afghanistan erfahren. Ein Umstand, der unabsehbare Folgen hätte nach sich ziehen können.

„Die hätten sie uns wie Kriegsgefangene vorgeführt“, sagt der BND-Mann. „Das Risiko war immens.“ Und man wollte sich nicht öffentlich dafür rechtfertigen müssen. Deutsche Geheimdienstler in einem Krieg mit militärischem Auftrag – das hätte in den 80er-Jahren zu Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses und Demonstrationen mit mehr als 300.000 Menschen in Bonn eine heftige Debatte ausgelöst. Oder vielleicht noch mehr.

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Der Artikel erschien am 6.Oktober 2013 in der „Welt am Sonntag“

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http://www.welt.de/politik/deutschland/article120666306/Der-BND-im-Afghanistankrieg-der-Sowjets.html?config=print#

Sehen Sie hier die ZDF-Dokumentation „Unser Krieg“ von Michael Renz

http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/554e767c-004d-36a6-9be7-ceec661f1b5a/20213143

US-Waffenverkäufe – Schrotflinte unterm Weihnachtsbaum

von Florian Flade

In den USA werden vermehrt Waffen in der Weihnachtszeit gekauft. Das FBI spricht von einer Rekordzahl von Waffenkäufen. Tendenz steigend.

„Da eine wohl organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden“, so lautet der 2.Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Von diesem Recht, privat Schusswaffen zu besitzen, und teilweise sogar in der Öffentlichkeit zu tragen, machen viele Amerikaner seit Verabschiedung des Verfassungsartikels am 15.Dezember 1791 regelmäßig Gebrauch.

Um in den USA eine Schusswaffe zu erwerben, bedarf es in den meisten US-Bundesstaaten keines Waffenscheins. Wer ein bestimmtes Alter erreicht hat, darf Pistolen, Revolver, Schrotflinten und sogar Maschinengewehre frei erwerben. Einzige Hürde beim Waffenkauf ist landesweit der sogenannte „National Instant Criminal Background Check“ kurz NIC.

Seit Einführung des NIC im November 1998 hat jeder Waffen-Verkäufer das Recht bei der US-Bundespolizei FBI eine Überprüfung des Käufers auf eine kriminelle Vergangenheit oder ein laufendes Verfahren anzufordern. Auch psychische Erkrankungen des Kunden können abgefragt werden. Nach einer offiziellen FBI-Statistik fanden seit 1998 insgesamt 139 Millionen solcher Kundenabfragen bei Waffenkäufen statt.

Im auslaufenden Jahr 2011 gab es nach Angaben des FBI eine neue Rekordzahl von NIC-Abfrage. Insgesamt 14,5 Millionen Mal forderten Waffen-Verkäufer und Händler eine NIC an. Am häufigsten fand der Background-Check von Käufern im November statt – mehr als 1,5 Millionen Mal. Alleine in den letzten sechs Tagen vor Weihnachten gab es etwa eine halbe Millionen NIC Anfragen an das FBI. Zwei Tage vor Weihnachten erhielt die amerikanische Bundespolizei eine Tages-Rekordzahl von Anfragen: 102,222.

Die Zahlen der NIC-Anfragen lassen keinen genauen Schluss auf die tatsächliche Anzahl an verkauften Schusswaffen zu, da Käufer häufig mehr als nur eine Waffe erwerben. In der Regel erfolgt auf die NIC Anfragen eine negative Antwort – nur 1,3 Prozent der Waffenkäufe werden untersagt.

Weshalb die Waffenverkäufe in den USA in den vergangenen Monaten derart drastisch anstiegen, lässt sich laut FBI nicht genau belegen. Nach Angaben der National Rifle Association (NRA) sind die Käufe ein Indiz dafür dass US-Bürger zunehmend das Bedürfnis verspüren Waffen zur Selbstverteidigung zu besitzen.

„Es ist die Erkenntnis, dass wenn etwas schlimmes passiert, es zwischen dem Bürger und dem Kriminellen ausgetragen wird“, sagte ein Sprecher der NRA dem US-Fernsehsender CNN. Ein weiterer Grund für den steigenden Absatz von Schusswaffen sei die zunehmende Beliebtheit von Sportarten wie Tontaubenschießen.

Kritiker des freien Waffenerwerbs hingegen behaupten, immer weniger Menschen in den USA besäßen immer mehr Waffen. Dies sei auch mit der Angst zu begründen, die Obama-Administration wolle das Recht Waffen zu besitzen und zu tragen abschaffen.

Libyens Waffen befeuern den Schwarzmarkt

by Florian Flade

Experten warnen vor der Ausbreitung von militärischen Waffen durch die Libyen-Krise. Das Regime und oppositionelle Armeeinheiten überschwemmen das Land mit Waffen. Terroristen und Schwarzmarkt-Händler könnten von Gaddafis gelünderten Depots und der weiteren Bewaffnung der Rebellen-Bewegung profitieren.

Libyscher Anti-Gaddafi Kämpfer mit SA-7 Luftabwehrrakete

In Libyen verteidigen die Regierungsgegner – desertierte Soldaten und Zivilisten – weiter erbittert die Regionen um Benghazi, Misrata und Brega gegen die Militäroffensive jener Armee- und Luftwaffeneinheiten, die weiterhin loyal dem Diktator Gaddafi ergeben sind. Anders als in Ägypten oder Tunesien, kämpfen die libyschen Revolutionäre jedoch längst nicht mehr nur mit Facebook, Twitter und Youtube gegen das verhasste Gaddafi-Regime. Die libysche Protestbewegung verfügt über teils schwere Waffen und Kriegsgerät. Soldaten und Polizisten, die sich den Rebellen angeschlossen haben, sorgen in den Oppositionshochburgen für eine massive Bewaffnung auch von Zivilisten mit Material aus den lokalen Beständen der Sicherheitskräfte.

Foto- und Videoaufnahmen, die in den vergangenen Wochen aus Benghazi und anderen Regionen Libyens an die Öffentlichkeit gelangten, zeigen, dass die libyschen Anti-Gaddafi Kräfte offenbar Zugang haben, zu einem nicht unerheblichen Arsenal an Waffen. Sturmgewehre verschiedener Modelle, Panzerfäuste, Granatwerfer, teilweise auf Geländewagen montierte Flakgeschütze, Handgranaten, Minen und Luftabwehrraketen befinden sich derzeit in den Händen einer unüberschaubaren Zahl von Regime-Gegnern.

Schon Anfang März hatten die USA eine weitere Aufrüstung der libyschen Rebellen-Bewegung nicht ausgeschlossen. Über diese Option werde nachgedacht, erklärte ein Sprecher des Weißen Hauses. Der ehemalige US-Botschafter bei den Vereinigten Nationen (UNO), Bill Richardson, sagte, es sei nun Zeit neben der Einrichtung einer Flugverbotszone auch „die Rebellen auf geheimem Weg zu bewaffnen.“

Auch der deutsche Bestseller-Autor und Nahost-Kenner Jürgen Todenhöfer, der vor wenigen Tagen einen Angriff der libyschen Luftwaffe nahe Brega überlebte, hält Waffenlieferungen an die libyschen Regimegegner für sinnvoll. „Die libyschen Freiheitskämpfer brauchen moderne Verteidigungswaffen wie einst der Widerstand in Afghanistan gegen die Sowjets“, so Todenhöfer und verwies damit auf die geheime Unterstützung der afghanischen Mudschahidin durch die CIA in den 1980er Jahren.

Wie das amerikanische „Wall Street Journal“ jüngst berichtete, soll das ägyptische Militär mit dem Segen Washingtons inzwischen begonnen haben, Waffen über die Grenze nach Libyen zu bringen.

Experten warnen vor einer solchen Entwicklung in Libyen und verweisen auf eine nicht mehr zu kontrollierende und unüberschaubare Proliferation von Kriegsmaterial in der gesamten Region. Ein großer Teil jener Schusswaffen, Granaten und Raketen könnte schon bald seinen Weg auf den internationalen Schwarzmarkt finden oder direkt in die Hände von Terroristen fallen. Ähnliche Entwicklungen waren bereits nach dem Sturz von Saddam Hussein im Irak 2003 oder auf dem Balkan in den 1990er Jahren zu beobachten.

In Libyen verteilte Oberst Gaddafi indes bereits vor einem Regime-Kollaps Waffen nicht nur an das eigene Militär, sondern auch im großen Stil an afrikanische Söldner. In der Hauptstadt Tripolis ließ der Despot gar hunderte Regime-Anhänger bewaffnen, während hingegen in den Oppositionshochburgen ganze Militäreinheiten inklusive ihrer Ausrüstung die Seiten wechselten und sich den Rebellen anschlossen.

Peter Danssaert vom „International Peace Information Service“ in Belgien, glaubt, dass die libyschen Militärwaffen in Kürze kaum noch auffindbar sein werden. „Sie sind für immer weg“, so Danssaert. Nic Marsh, Experte für Waffenhandel beim „Peace Research Institute“ im norwegischen Oslo, sagte der „New York Times“, er rechne damit dass viele der Waffen die im aktuellen inner-libyschen Konflikt eingesetzt werden, in naher Zukunft nach Algerien, in den Tschad und Sudan und auch zu palästinensischen Terrorgruppen gelangen könnten.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst erklärte mir auf Nachfrage, momentan seien alle zuständigen Experten zum Thema der Waffenproliferation zeitlich derart eingespannt, dass dazu keine Stellungnahme möglich sei.

Über Jahrzehnte hatte Muammar al-Gaddafi sein Militär in großen Stil mit Waffen vor allem aus der Sowjetunion, China und aus osteuropäischen Staaten aufgerüstet. Dabei waren die libyschen Waffenkäufe längst nicht nur für die eigene Landesverteidigung gedacht, sondern auch für den Export. Von der nordirischen IRA, über afrikanische Rebellengruppen und arabische Milizen bis hin zur philippinischen „Moro Islamic Liberation Front“ belieferte Gaddafi seit den 1970er Jahren eine Vielzahl terroristischer Gruppierungen mit Gewehren, Pistolen, Sprengstoff, Granaten und Raketen.

In der aktuellen Krise in Libyen, sei in erster Linie die Verbreitung tragbarer Luftabwehrraketen, sogenannter „MANPAD“-Systeme (Man-Portable Air-Defense), ein Grund zur Sorge, meinen Fachleute für Waffenproliferation. Zu hunderten sollen die MANPAD-Systeme seit Beginn der Unruhen aus Militärbeständen an Aufständische verteilt worden sein. Fotoaufnahmen aus den von Rebellen kontrollierten Gebieten wie Benghazi oder Misrata beweisen, dass die Luftabwehrraketen aus Armee-Depots mittlerweile in erheblichem Umfang im Kampf gegen Gaddafis Luftwaffe zum Einsatz kommen.

Die meist wärmesuchenden Raketen, häufig aus russischer oder chinesischer Produktion, gelten als hochgefährliche Waffensysteme, die in terroristischer Hand eine ernsthafte Bedrohung für zivile Passagierflugzeuge darstellen.

Mehrfach setzten Terroristen in der Vergangenheit erfolgreich MANPADs gegen militärische und zivile Ziele ein. Beispielsweise schossen sudanesische Rebellen im Jahr 1986 mit einer solchen Rakete ein Passagierflugzeug ab und töteten 70 Menschen. Im Jahr 1994 starben die Präsidenten von Ruanda und Burundi als ihr Flugzeug von einer SA-7-Raketen aus einem MANPAD-System getroffen wurde.

Al-Qaida Terroristen schossen am 28.Novemner 2002 zwei Raketen des Typs SA-7 auf eine israelische Boing 757 kurz nach dem Start im kenianischen Mombasa. Die Raketen verfehlten ihr Ziel nur knapp. Eine deutsche DHL-Frachtmaschine allerdings nur ein Jahr später, im November 2003 beim Anflug auf den Flughafen von Bagdad im Irak von einer SA-Rakete getroffen. Die Crew überlebte nur dank einer spektakulären Notlandung mit brennendem Triebwerk.

Matthew Schroeder von der Federation of American Scientists (FAS) gilt als einer der weltweit führenden Experten für die MANPAD-Waffensysteme. Er warnt vor einer Schwemme von tragbaren Luftabwehrraketen aus libyschen Beständen auf dem internationalen Schwarzmarkt.

„Die Situation in Libyen entwickelt sich zur bedeutendsten Proliferation im Bezug auf MANPADs seit Saddam Husseins Arsenal im Jahr 2003 geplündert wurden“, sagte mir Schroeder, „Greifen Geheimdienste nicht schnell und entschlossen ein, werden die USA und verbündete Regierungen die libyschen Raketen jahrelang nachjagen müssen.“

Einziger Trost sei, dass es sich bei einem Großteil der libyschen Waffensysteme offenbar um Modelle älterer Bauart handelt, teilweise produziert Ende der 1970er Jahren. Moderner Raketen mit größerer Reichweite und präziseren Leitsystemen seien noch nicht im libyschen Konflikt aufgetaucht, so Schroeder.

„Glücklicherweise ist alles was wir bislang gesehen haben, SA-7b Raketen der ersten Generation“, beruhigt Experte Schroeder, „Es könnte wesentlich schlimmer sein. Libyens Arsenal könnte auch über Waffensysteme der dritten oder vierten Generation verfügen. Es gibt keine Beweise, dass Libyen über diese Systeme verfügt.“

Doch auch die älteren Modelle könnten für terroristische Gruppierungen von Interesse sein. In islamistischen Internetforen schlugen anonyme Dschihadisten bereits in der vergangenen Woche vor, al-Qaida solle sich MANPADs aus den libyschen Militärbeständen besorgen. Die Situation in den Rebellengebieten sei derart chaotisch, berichtete ein Islamist im Internet, jeder könne derzeit „in Libyen Waffen kaufen, sie in ein Auto laden und an die Front fahren.“