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Al-Qaida plante Anschlagsserie in Europa

von Florian Flade

Das Al-Qaida-Netzwerk im pakistanischen Waziristan gilt als geschwächt. Dennoch planten die Terroristen im vergangenen Jahr einen Anschlag in Europa.

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Wäre Al-Qaida ein Unternehmen, dann müsste man sagen, dass über die Franchise-Ableger im Jemen, in Nordafrika, dem Irak oder Somalia weit mehr Details bekannt sind, als über den Mutter-Konzern in Pakistan. Oder wie es der norwegische Terrorismus-Experte Thomas Hegghammer formuliert: „Die Kern-Al-Qaida in Waziristan ist wahrscheinlich jener Teil des Terrornetzwerkes, über den wir am wenigsten wissen.“

Al-Qaida ist zwölf Jahre nach dem 11.September 2001 vorsichtig geworden. Längst verkündet das Netzwerk nicht mehr öffentlich jede neue Personalie. Die Führungskader erscheinen nicht mehr regelmäßig in Propagandavideos. Generell, so bestätigen westliche Geheimdienstler, betätigen sich – neben dem Emir Ayman al-Zawahiri und dem Amerikaner Adam Gadahn – nur noch Al-Qaida-Kommandeure an der Propaganda-Arbeit.

So ist es fast ausschließlich den Geheimdiensten vorbehalten, den Führungszirkel der Al-Qaida zu analysieren. Etliche ranghohe Kader sind der Öffentlichkeit kaum bis gar nicht bekannt, agieren nur noch aus dem Hintergrund heraus. Einer von ihnen war Abdullah al-Adam alias Abu Ubaidah al-Maqdisi.

Der in Saudi-Arabien aufgewachsene Palästinenser ist seit den 1990er Jahren in Kreisen der Al-Qaida aktiv. Nach eigener Aussage war er kurzfristig ein Weggefährte des späteren irakischen Al-Qaida-Chefs, Abu Mussab al-Zarqawi, bevor dieser in den Irak ging. Später soll Abu Ubaidah al-Maqdisi im pakistanischen Stammesgebiet Waziristan, in das er im Oktober 2001 vor der US-Invasion in Afghanistan geflohen war, unter den militärischen Kommandeuren Abu Zubaidah und Abu Hamza Rabia tätig gewesen sein.

In Geheimdienstkreisen heißt es, al-Maqdisi habe in den vergangenen Jahren eine wichtige Rolle innerhalb der Al-Qaida übernommen. Zunächst war er für die Kontakte zu den regionalen Gruppierungen in Waziristan zuständig, traf sich regelmäßig mit Taliban-Führern, verteilte große Summen Geld an Al-Qaida lokale Verbündete. Nachdem eine Vielzahl von Al-Qaida-Führungskadern den US-Drohnenangriffen zum Opfer fiel, rückte al-Maqdisi in der Hierarchie kontinuierlich höher.

Seit 2005 veröffentlichte der Islamist regelmäßig in dschihadistischen Online-Magazinen Artikel über getötete Terroristen, den Arabischen Frühling und die terroristischen Erfolge von Al-Qaida seit dem 11.September 2001. Im Jahr 2008 erschien ein Buch von al-Maqdisi mit dem Titel „Märtyrer in Zeiten der Demütigung“. Darin aufgelistet sind die Biografien von 120 Al-Qaida-Kämpfern die in Afghanistan und Pakistan getötet wurden.

In einer Serie von Audiobotschaften („Die Terrorismus-Industrie“) rief Abu Ubaidah al-Maqdisi vor drei Jahren islamistische Gruppen weltweit auf, vermehrt auf Geiselnahmen zu setzen. Die Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) und auch die afghanischen Taliban hätten damit einige Erfolge verbuchen können und große Summen Lösegeld bekommen.

Dass Abu Ubaidah al-Maqdisi nicht bloß ein dschihadistischer Theoretiker ist, war westlichen Nachrichtendiensten seit einigen Jahren bekannt. Der Islamist war Mitglied des Shura-Kommitees, des Al-Qaida-Führungszirkels im pakistanischen Waziristan. Er soll vermehrt in die Planung von Terroranschlägen im Westen involviert gewesen sein. „Er war eine Art Geheimdienstchef der Al-Qaida“, sagte mir ein Analyst, der für einen westlichen Geheimdienst arbeitet. „Er hat Terroristen im Umgang mit Verschlüsselungstechnik geschult und ihnen beigebracht, wie man sicher über das Internet kommuniziert.“

Im vergangenen Jahr rekrutierte Abu Ubaidah al-Maqdisi nach meinen Informationen eine Gruppe tunesischer Islamisten, die nach Waziristan gereist waren und in einem Ausbildungslager der Al-Qaida trainiert wurden. Der Terrorplaner entsandte die vier Tunesier im Sommer 2012 für ein Anschlagsvorhaben nach Europa. Noch bevor die angehenden Attentäter Waziristan verlassen hatten, zeichneten sie ihre Märtyrer-Botschaften per Video auf.

Auf dem Weg nach West-Europa, wo die tunesische Terrorzelle offenbar eine Anschlagsserie verüben sollte, konnten westliche Geheimdienste das Vorhaben vereiteln. Die Männer wurden nach meinen Informationen im iranisch-türkischen Grenzgebiet festgenommen und anschließend in ihr Heimatland Tunesien abgeschoben. Dort setzten die Behörden die Terrorzelle zum Entsetzen westlicher Geheimdienstler wieder auf freien Fuß. Seitdem sind die vier tunesischen Al-Qaida-Terroristen verschwunden.

Der Anschlagsplaner Abu Ubaidah al-Maqdisi ist inzwischen tot. Er starb bei einem US-Drohnenangriff in Nord-Waziristan im April diesen Jahres. Dennoch verdeutlicht der Anschlagsplan, dass das totgesagte Netzwerk der Kern-Al-Qaida weiterhin willens ist, Terror im Weste zu verüben. Die Kader in Waziristan arbeiten, so warnen Geheimdienste, trotz des anhaltenden Drohnenkriegs der CIA an Anschlägen in Nordamerika und Europa.

„Wir wissen nicht genau wie viele kreative Terrorplaner noch in Waziristan rumlaufen“, sagte mir ein deutscher Geheimdienstler. „Generell lässt sich sagen, Al-Qaida ist eher nicht mehr in der Lage große Vorhaben auf die Gleise zu stellen. Aber es gibt immer wieder Überraschungen.“

Und es gibt weiterhin gefährliche Strategen in der Region. Etwa der in Saudi-Arabien und den USA aufgewachsene Islamist Adnan Shukrijumah. Der 38-jährige soll inzwischen in die Planungsebene der Al-Qaida aufgestiegen sein. Gemeinsam mit einem Mauretanier soll Shukrijumah für die Operationen des Terrornetzwerkes im Westen verantwortlich sein.

 

Deutscher Islamist Peter B. in Türkei verhaftet

von Florian Flade

Er ist einer jenen deutschen Gotteskrieger, die kaum in Medienberichten der vergangenen Jahre Erwähnung fanden. Und doch spielte er wohl eine führende Rolle in der radikalen Salafisten-Szene in Süddeutschland. Der Konvertit Peter B. aus Ulm. Vor drei Jahren reiste er samt Ehefrau und Kindern nach Pakistan und schloss sich im Stammesgebiet Waziristan vermutlich einer Terrororganisation an. Jetzt wurde Peter B. in der Türkei verhaftet und nach Deutschland abgeschoben.

Wie das Nachrichtenmagazin SPIEGEL berichtet, wurde der 31-jährige Peter B. inzwischen nach Deutschland ausgeliefert. Beamte des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg verhafteten den Islamisten bei seiner Ankunft am Frankfurter Flughafen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart führte ein Ermittlungsverfahren gegen den Deutschen wegen Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und der Anwerbung für den bewaffneten Dschihad.

Der gebürtige Ulmer Peter B. ist nach Informationen von „Welt Online“ der Sohn eines Litauers und einer Deutschen. Er konvertierte im Alter von 22 Jahren zum Islam und nannte sich fortan „Ammar“. Auf einer Abendschule holte er das Abitur nach. Sein Vater und eine Cousine konvertierten wenig später ebenfalls zum Islam.

Bereits kurz nach der Konvertierung verkehrte Peter B. in radikalen Salafistenkreisen des „Multikulturhauses „in Neu-Ulm, später dann auch in Nordrhein-Westfalen insbesondere in Bonn. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden gibt es teils lose, teils engere Verbindungen von Peter B. zu islamistischen Terroristen wie Daniel S. (Mitglied der „Sauerland-Zelle“), dem Saarländer Konvertiten Eric Breininger, dem Bonner Javad Sediqi (getötet in Pakistan im Herbst 2009) oder Emrah E. aus Wuppertal (als Al-Qaida Mitglied inzwischen verhaftet).

Vor sechs Jahren durchsuchten Polizeibeamte des LKA Baden-Württemberg nach Informationen von „Welt Online“ erstmals die Wohnung von Peter B.. Die Ermittler hegten den Verdacht, er gehöre zu den Unterstützern und Werbern für den Dschihad in der Ulmer Islamisten-Szene. Die Staatsanwaltschaft in Stuttgart leitete Ermittlungen gegen den Konvertiten und weitere Islamisten ein, darunter auch gegen den Prediger Omar Y., der ins Ausland geflohen ist.

Mehrfach soll der Konvertit Peter B. zum Arabisch-Studium und zur Pilgerfahrt nach Ägypten und Saudi-Arabien gereist sein, bevor er mit seiner Familie nach nach Alexandria auswanderte. Im Oktober 2009 setzte sich Peter B. mit seiner algerischen Ehefrau und seinen zwei Kindern nach Pakistan ab. Angeblich wollte der deutsche Salafist in den Bergen an der afghanischen Grenze gemeinsam mit seiner Familie ein Leben nach islamischen Regeln führen. Deutscher Ermittler vermutet hingegen dass ich der Konvertit im Stammesgebiet Waziristan der „Islamischen Bewegung Usbekistans“ (IBU) angeschloss. Ob er eine paramilitärische Ausbildung in einem Terrorlager erhielt, ist bislang unklar. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelte gegen Peter B. wegen des Verdachts der Mitgliedschaft und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung.

Wie jetzt bekannt wird, verließ B. vor kurzem Pakistan und reiste über Iran in die Türkei. In einer Wohnung in einem Vorort von Istanbul wurde er am 27.Juni wegen illegaler Einreise festgenommen. Nun befindet sich Peter B. in Deutschland in Haft und wartet auf seinen Prozess.

Auf der Spur eines Berliner Gotteskriegers

von Florian Flade

Im beschaulichen Berlin-Steglitz wuchs ein junger Deutsch-Türke auf, der als gut integriert galt, Parties, Alkohol und Mädchen liebte. Irgendwann wandelte sich Fatih T. zu einem islamistischen Fanatiker – heute ist er der Anführer einer deutschen Dschihadisten-Gruppe in Afghanistan. Die Geschichte eines Berliner Gotteskriegers.

Fatih T. – Vom Partygänger zum Dschihadisten

Ein unscheinbares Haus in Berlin-Lankwitz, Stadtteil Steglitz. Der Deutsch-Türke Fatih T., geboren und aufgewachsen in Berlin, nannte das mehrstöckige Haus jahrelang sein Zuhause. Im Erdgeschoss lebten die Eltern, bis sie vor über einem Jahr wieder in die Türkei zogen. Das Stockwerk darüber teilte sich Fatih mit seiner älteren Schwester. Die Familie galt nicht als besonders religiös, die Mutter trug zwar Kopftuch, die Schwester hingegen nie.

Fatih, geboren 1985, stammt aus einem gut integrierten Elternhaus. Der Vater hatte einen Job, die Familie lebte nicht in der Unterschicht. Der einzige Sohn des Ehepaares lebte das Leben eines typischen Berliner Jugendlichen. Sein Freundeskreis war groß, bestand mehrheitlich aus Deutschen. Die Clique feierte gerne, Parties und Disco-Besuche bestimmten die Wochenenden. Beim Feiern war Alkohol für Fatih kein Tabu, im Gegenteil, oftmals ein Muss. Einmal, so erinnern sich Freunde, organisierte er selbst eine „All you can drink“-Party, einmal bezahlen und trinken ohne Limit. Auch Mädchen soll der Deutsch-Türke viele kennengelernt haben Zeitweise hatte er eine Freundin, dann ging die Beziehung wieder in die Brüche.

Als Teenager sei er nie besonders auffällig gewesen, weiß seine ehemalige Clique zu berichten. Politisch interessiert sei er gewesen, aber nicht übermäßig. Manchmal habe er mit den „Grauen Wölfen“, den türkischen Nationalisten, sympathisiert. Religion habe dabei aber keine große Rolle gespielt, nie waren Koran, Moschee oder Dschihad Thema, von Fundamentalismus keine Spur. Fatih war zwar häufig der einzige, der sich im Kreis von Freunden mit Stolz als Muslim bezeichnete, aber Außenstehende erkannte in ihm nie einen gottesfürchtigen Diener Allahs. Der Glaube aber entwickelte sich zunehmend zu einem Teil von Fatihs Identität.

„Nicht besonders selbstbewusst“ sei er früher gewesen, berichtet ein guter Freund, „nicht von seinem Auftreten her, aber er wirkte innerlich hilflos.“ Er sei, so hört man im Gespräch mit Personen die jahrelang mit ihm befreundet waren, „auf der Suche nach etwas gewesen.“ Häufig habe er die Gruppendynamik gesucht, wollte Teil einer Gemeinschaft sein. Im Kampfsport, den er begeistert ausübte, fand Fatih diese Gruppenzugehörigkeit.

„Vielleicht wegen seines orientalischen Aussehens wurde er einmal nicht in eine Diskothek gelassen“, erinnert sich ein ehemaliger Klassenkamerad. Ob Fatih solche Diskriminierung häufiger erlebte, ist unklar. Unter den eigenen Freunde jedenfalls war er einer von ihnen. Zusammen mit zehn Freunden fuhr er im Juni 2003 nach Hamburg und besuchte ein Rap-Konzert. Von Ausgrenzung war im Freundeskreis nichts zu spüren.

Fatihs Interesse für Parties, Hip-Hop-Musik und das Abhängen in der Clique wurde sogar derart stark, dass er die Schule immer stärker vernachlässigte. Seine schulische Leistungen ließen rapide nach, so dass er noch im Jahr 2003 das Gymnasium wechselte. Auf der neuen Schule bestand Fatih T. im Folgejahr erfolgreich sein Abitur.

Was nach der Schule kommen sollte, wusste Fatih nicht genau. Er jobbte in einer Filiale der amerikanischen Fastfood-Kette „Burger King“ und spielte mit dem Gedanken sich bei der Bundeswehr verpflichten zu lassen. Weiterhin gab es keinerlei Anzeichen, dass aus dem erfolgreichen Abiturienten mal ein radikalislamischer Extremist werden würde. Er hatte weiterhin die Freunde aus seiner Schulzeit um sich, mit einem seiner besten Kumpels machte er Urlaub in der Türkei.

In der Schule waren die naturwissenschaftlichen Fächer Fatihs Stärke, nun wollte er erweitertes technisches Wissen erlernen und anwenden. Er schrieb sich an der Technischen Universität (TU) Berlin ein und begann ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens.

Kommilitonen berichten, eines Tages sei er plötzlich mit Bart und Häkelmütze in der Uni aufgetaucht. Von diesem Zeitpunkt an suchte er regelmäßigen den Gebetsraum der Uni auf und traf sich dort mit Glaubensbrüdern. Innerhalb kurzer Zeit war in ihm eine Religiosität herangewachsen, die er nun offen zur Schau trug. „Der läuft jetzt mit Bart und Kaftan rum“, erzählten sich die Freunde aus Schulzeiten. Ein Fundamentalist sei er aber zu diesem Zeitpunkt nicht gewesen. Der junge Mann war weiterhin nett, höflich und pflegte Umgang mit nichtmuslimischen Freunden. Fatih, so schien es, praktizierte nun den Islam ernsthafter als je zuvor. Für sein Umfeld war er bislang nie „Fatih der gläubige Muslim“ sondern „Fatih der Kampfsportler“ oder „Fatih der Rapper“ gewesen. Nun zierte die Kabaab von Mekka seine Profilseite in sozialen Netzwerken und begann er Videolinks zu Vorträgen des salafistischen Predigers Pierre Vogel an Freunde zu verschicken.

Die Freunde rätseln heute, wie aus dem kampfsportbegeisterten Partygänger in so kurzer Zeit ein Glaubenskrieger wurde. Die Antwort, so vermuten sie, liegt in den Hinterhof-Moscheen im Berliner Kiez und am dortigen, radikalen Umfeld. Als ihn alte Bekannte bei einer Zufallsbegegnung 2009 fragten, von wo er denn gerade komme, antwortete Fatih: „Aus´m Wedding, von der Moschee.“ Sein Leben laufe momentan gut. Eines aber bereite ihm Sorgen, so der Student. Es sei schade, dass er seiner älteren Schwester nicht sagen könne, wie sie sich zu verhalten haben und was sie machen dürfe, und was nicht. Die Freunde wurden stutzig. War das Macho-Gehabe, oder Ausdruck eines immer radikaleren Islam-Verständnisses?

Genau konnten sie es nicht einschätzen, denn die alten Freunde verloren Fatih zunehmend aus den Augen. Oft hing er bei der Moschee rum, baute dort unter Glaubensbrüdern einen neuen Freundeskreis auf, zu welchem wohl auch Yusuf O. gehörte. Der ebenfalls in Berlin geboren und aufgewachsene Yusuf O. verschwand genau wie Fatih T. im Mai 2009 spurlos.

Im April 2010, ein Jahr nach Fatihs Verschwinden aus Berlin, stieß ein Freunde aus Teenager-Tagen im Internet auf ein islamistischen Propagandavideo aus Afghanistan. Produziert hatten es die „Deutschen Taliban Mujaheddin“ (DTM), eine Terrorgruppe aus dem pakistanischen Waziristan der sich in den vergangenen Jahren Islamisten aus Deutschland angeschlossen hatten. Ein bärtiger Dschihadist namens „Abdel Fattah al-Almani (der Deutsche)“ tauchte an mehreren Stellen des Internet-Videos auf. Er hatte eine Panzerfaust geschultert und stapfte durch die Wrackteile eines abgeschossenen Militärhubschraubers im Osten Afghanistans. Angeblich kamen vier Soldaten beim Abschuss des Hubschrauber ums Leben. „Wie krass diese Abtrünnigen stinken“, sagt der deutsche Dschihad-Kämpfer, „sie liegen erst ein paar Tage herum und fangen schon an zu stinken – sie sind kuffar (Ungläubige).“

Das Gesicht des deutschen Islamisten war verpixelt und unerkenntlich, doch sein Berliner Akzent stach hervor. Der Freund schickte das Video über das Internet an die alte Clique. „Ist das nicht Fatih?“, wollte er wissen. Sicher war sich keiner von ihnen, die Stimme aber klang wie die ihres Kumpels – „Abdel Fattah“ aus dem Video war Fatih T. aus Steglitz.

Als die Freunde die Berliner Behörden informierten, wusste man dort längst von den Reisebewegungen Berliner Islamisten in die Ausbildungslager im pakistanischen Waziristan. Muslimischer Migranten der zweiten und dritten Generation und eine Reihe von Konvertiten, sogar einige schwangere Frauen, waren in den letzten Jahren nach Pakistan aufgebrochen, um in den Dschihad zu ziehen. Bis zu 20 Islamisten aus der Hauptstadt sollen sich zeitweise in den Terrorcamps aufgehalten haben – Fatih T. ist einer von ihnen. Zusammen mit Yusuf O. war er offenbar im Frühjahr 2009 über die Türkei und Iran nach Pakistan gereist, hatte sich in den Stammesgebieten Waziristans den Deutschen Taliban angeschlossen und wurde zu einem Kämpfer im Heiligen Krieg. Fatih T. trainierte längst in den pakistanischen Terrorcamps, da erhielt er weiterhin Bafög-Überweisungen. Zuhause in Deutschland war der Berliner weiterhin als Student registriert, nicht als fanatischer Gotteskrieger.

Wie sich herausstellte, hatte Fatih T. seinen ersten Propagandaauftritt bereits im September 2009. Damals bedankte er sich unter dem Kampfnamen „Abdel Fattah“ in einem Video der DTM für die vielen Ramadan-Spenden aus Deutschland. „Wir sollten nicht vergessen, dass wir uns weiterhin im Kampf gegen die Ungläubigen befinden“, sagte T. mit leiser, zögerlicher Stimme, „Obwohl wir uns im gesegneten Monat Ramadan befinden, geht der Kampf ständig voran.“

Im letzten Videoauftritt des Berliner Deutsch-Türken aus dem Arpil 2010, ruft er deutsche Muslime auf, sich dem Dschihad in Afghanistan anzuschließen. Auf dem Boden sitzend, vor ihm zwei Maschinengewehre platziert, erklärt Fatih T.: „Ich rufe die Muslime auf, für die Religion Allahs zu kämpfen. Ich rufe euch auf, in die besetzten Länder zu kommen und gegen die Ungläubigen zu kämpfen, so wie sie gegen uns kämpfen“. Auch finanzielle Unterstützung und Missionsarbeit sei willkommen, so der Islamist: „Wir werden auf jeden Fall siegen, die Frage ist nur, ob ihr euren Teil dazu beitragen wollt!“

Zum Zeitpunkt als das Video im Internet auftauchte, war ein großer Teil der „Deutschen Taliban“ bereits nicht mehr am Leben. Eric Breininger, der Berliner Konvertit Danny R. sowie Ahmet M., der ehemalige Anführer der DTM, starben im April 2010 in einem Feuergefecht mit pakistanischen Soldaten. Der ebenfalls aus Berlin stammende Konvertit Thomas U. und seine schwangere Ehefrau verließen die Gruppe im Spätsommer 2010 und wurden im vergangenen September in der Türkei festgenommen. Sie hatten genug vom Leben in Waziristan und wollten zurück nach Deutschland.

Trotz der Verhaftungen und etlicher Todesfälle in den Reihen der deutschen Dschihadisten, wagen deutsche Behörden noch nicht von einem Ende der DTM-Gruppe zu sprechen. Fatih T. und Yusuf O. kämpfen weiter, sie sollen gar an Angriffen auf das US-Militär in Afghanistan beteiligt gewesen sein.
Auch der in Berlin-Neukölln geborene Hayrettin S., vor dem jüngst das US-Militär eindringlich warnte, soll sich in der afghanisch-paksitanischen Grenzregion aufhalten. Abgehörte Chat-Gespräche belegen, dass S. sich der DTM angeschlossen hatte und möglicherweise sogar bereit ist Anschläge in Deutschland durchzuführen.

Nach Monaten ohne ein propagandistisches Lebenszeichen, tauchte vor wenigen Wochen ein Schreiben der „Deutschen Taliban Mujaheddin“ auf einer türkischsprachigen Islamisten-Webseite auf. Darin heißt es, Fatih T. alias „Abdel Fattah al-Almani“ sei zum neuen Emir der Gruppe ernannt worden. Seine Dschihad-Karriere scheint demnach noch nicht beendet zu sein. Eine Rückkehr ins heimatliche Berlin kommt für den heute 26jährigen wohl nicht mehr in Frage. Er ist nun der Anführer der „Berliner Taliban“, gilt als gefährlicher Terrorist und wird per Haftbefehl gesucht.

In der Berliner Heimat sind Fatihs Freunde entsetzt über dessen Werdegang. Nie hätten sie gedacht, der freundliche HipHop-Fan würde eines Tages zu einem islamistischen Terroristen mutieren. Der Prozess seiner Radikalisierung bleibt für sie unerklärlich. Nie hatte er Hass auf den Westen, auf die USA oder auf Deutschland erkennen lassen, oder sein Umfeld in Gläubige und Ungläubige eingeteilt.

Fatihs ehemalig bester Freund hatte es indes vor einigen Jahren auch an den Hindukusch verschlagen – als Soldat der Bundeswehr.