„We can neither confirm nor deny“

Es ist ein Satz, der Journalisten zur Verzweiflung treiben kann. „Wir können weder bestätigen noch dementieren…“, so antworten Geheimdienste oft auf Anfragen. Die Redewendung stammt aus dem Kalten Krieg und hat mit einer der wohl spektakulärsten Spionage-Operationen der Geschichte zutun – dem „Project Azorian“.

Von Florian Flade

Der Justiziar der CIA steckte in einer Zwickmühle. Im Frühjahr 1975 hatte eine Journalistin von einer streng geheimen Operation erfahren. Nun wollte sie mehr darüber wissen und fragte nach. Die CIA aber wollte unter keinen Umständen verraten, was sich im Jahr zuvor weit draußen im Nord-Pazifik abgespielt hatte. Die Sowjets sollten nichts von der gefährlichen Mission erfahren. Eine Zeitung hatte die CIA bereits überzeugen können, keinen entsprechenden Artikel zu veröffentlichen. Andererseits aber konnte der Geheimdienst auch nicht einfach lügen. Es war die Zeit der „Watergate-Affäre“, die Stimmung in der Bevölkerung war angespannt. In den USA besteht zudem für Regierungsstellen grundsätzlich ein Auskunftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit. Und die Journalistin beantragte daher nun Einsicht in Unterlagen. Was also tun?

Schließlich präsentierte der CIA-Justiziar eine Formulierung, die wie ein raffinierter Ausweg aus dem Dilemma daher kam: „We can neither confirm nor deny the existence of the information requested. But hypothetically, if such data were to exist, the subject matter would be classified and could not be disclosed.“„Wir können die Existenz der angefragten Information weder bestätigen noch dementieren. Aber falls hypothetisch solche Daten existieren würden, dann wäre der Sachverhalt eingestuft und könnte nicht preisgegeben werden.“

Der Satz „Wir können weder bestätigten noch dementieren…“ ist seitdem die wohl bekannteste Reaktion von Geheimdiensten auf Medienanfragen. Die Nicht-Antwort hat es in zahlreiche Filme und Bücher geschafft, sie erzürnt noch immer Journalisten und wird in der Politik in allerlei Variationen eingesetzt. Von den Diensten selbst wird sie mittlerweile als witzige Floskel verwendet. So schrieb die CIA im Juni 2014 als ersten Beitrag auf Twitter: „We can neither confirm nor deny that this is our first tweet“.

Ihren Ursprung hat die Redewendung im Kalten Krieg. Und zwar im Zusammenhang mit einer der wohl spektakulärsten Geheimdienst-Operationen, die es je gab – dem „Project Azorian“, der heimlichen Bergung eines gesunkenen sowjetischen Atom-U-Bootes durch die CIA.

Im März 1968 verschwand das sowjetische U-Boot K-129 im nördlichen Pazifik, rund 2500 Kilometer nordwestlich von Hawaii. Bis heute ist unklar, wie die US-Geheimdienste davon erfuhren. Es gibt Spekulationen, wonach es möglicherweise zu einer Kollision mit einem US-amerikanischen U-Boot gekommen sein könnte. Die CIA jedenfalls wusste, dass am Meeresgrund, in etwa fünf Kilometern Tiefe, offenbar ein sowjetisches U-Boot lag, ausgerüstet mit zwei Nuklearsprengköpfen.

Die Sowjetmarine war augenscheinlich nicht in der Lage das verschollene U-Boot samt der todgeweihten Besatzung ausfindig zu machen. Bei der CIA hingegen wagte man ein riskantes Unterfangen. Der US-Geheimdienste begann mit Planungen das gesunkene U-Boot zu bergen. Die Sowjets sollten davon nichts mitbekommen, alles lief unter strengster Geheimhaltung, nur wenige Personen waren eingeweiht.

Am 01. Juli 1969 wurde im Directorate of Science and Technology der CIA eine Arbeitsgruppe gegründet. Sie war verantwortlich für das „Project Azorian“, wie das Vorhaben genannt wurde. US-Präsident Richard Nixon war eingeweiht und genehmigte die äußerst heikle Operation. Die amerikanische Regierung erhoffte sich wertvolle nachrichtendienstliche und militärische Erkenntnisse. Es war eine wohl einmalige Gelegenheit in den Besitz sowjetischer Atom-Torpedos zu gelangen.

„Project Azorian“ wurde von John Parangosky geleitet, einem erfahrenen CIA-Mann, der zuvor an geheimen Überwachungsflügen des Geheimdienstes mitgewirkt hatte. Und von Ernest Zellmer, einem U-Boot-Offizier, der die U.S. Naval Academy abgeschlossen und im Zweiten Weltkrieg gedient hatte.

Monatelang spielte die CIA-Arbeitsgruppe allerlei Möglichkeiten durch, wie man das rund 1700 Tonnen schwere U-Boot K-129 unbemerkt bergen könnte. In der Tiefe, in der sich das eiserne Ungetüm befand, konnten Taucher unmöglich agieren. Auch Überlegungen, das Boot mithilfe von mit Gas gefüllten Ballons zu heben, wurden schnell verworfen. Aufgrund des herrschenden Drucks wäre ein Befüllen solcher Pontons nicht möglich gewesen.

Erst im Oktober 1970 dann kam man zu dem Entschluss, dass eine Hebevorrichtung wohl am erfolgsversprechendsten wäre. Die Idee war zunächst, Rohre und Ketten um das gesunkene U-Boot zu legen. Dann aber kam man überein, dass dies wohl besser mit einem Greifarm aus Metallstangen zu machen sei, einer gigantischen Kralle, wie man sie aus entsprechenden Spielautomaten kennt, bei denen es darum geht, Stofftiere herauszufischen. Nur sehr viel größer. Diese Kralle sollte das U-Boot am Meeresgrund packen und dann langsam nach oben ziehen, in den Bauch eines Spezialschiffen.

Eine solche Konstruktion und ein entsprechendes Schiff zur Bergung aber gab es damals nicht. Oder zumindest stand es der CIA nicht für eine solche Operation unter strengster Geheimhaltung zur Verfügung. Nur wer konnte helfen?

Es gab tatsächlich jemanden, der sich von einem solchen tollkühnen Plan überzeugen ließ: Der milliardenschwere US-Unternehmer, Filmproduzent und Luftfahrtpionier Howard Hughes. Die CIA kontaktierte den schwerreichen Texaner und überzeugte ihn davon, ein Schiff bauen zu lassen, das für die Bergung des sowjetischen U-Bootes geeignet schien. Als Tarnung erklärte Hughes, er wolle mit dem neuen Spezialschiff eine Mission starten, um am Meeresgrund nach Manganknollen und anderen Metallen suchen. Die CIA rekrutierte unter diesem Vorwand auch die Crew, mehr als 150 Seeleute.

Im November 1971, drei Jahre nachdem die K-129 gesunken war, begann der Bau des Bergungsschiffes in den USA, der MV „Hughes Glomar Explorer“ (HGE), Glomar war die Abkürzung der Firma Global Marine, die das Schiff entworfen hatte. Zwei Jahre dauerte die Fertigung des rund 190 Meter langen Schiffes, und sie verschlang Unsummen, geschätzt mehr als 300 Millionen US-Dollar. So viel Geld jedenfalls, dass die Operation mehrfach zu scheitern drohte. Präsident Nixon jedoch ordnete an, dass die CIA trotz alledem weitermachen sollte. Zu groß war offenbar die Verlockung, an das begehrte sowjetische Rüstungsmaterial zu gelangen.

Im kalifornischen Long Beach wurde die „Hughes Glomar Explorer“ Ende 1973 fertiggestellt. Lastwagenweise wurde Ausrüstungsmaterial auf das Schiff gebracht, darunter allerlei Technik der US Navy und der CIA. Im Juni 1974 gab Nixon sein Einverständnis mit der riskanten Operation zu starten – allerdings mit der Bedingung, dass die CIA erst richtig loslegen sollte, wenn er von einem geplanten Trip aus Moskau zurückgekehrt war. Und tatsächlich kam die „Hughes Glomar Explorer“ erst am 04. Juli 1974 an jener Stelle im Pazifik an, an der K-129 gesunken war. Nur einen Tag nach Nixons Rückkehrer aus Russland.

Die amerikanischen Geheimdienstler und Experten der Marine ließen den Greifarm in die Tiefe, daran angebracht waren Kameras, so, dass an Bord des Schiffes genau verfolgt werden konnte, wie sich die Kralle um das U-Boot legte. Dann begann das mühsame Anheben, das Tage dauern sollte. Durch ein kurzes Ruckeln, so berichteten später Zeitzeugen, wurde die Besatzung plötzlich aufgeschreckt. Auf den Bildschirmen sahen die CIA-Leute mit Entsetzen, dass die K-129 nicht in Gänze angehoben wurde, sondern dass sie augenscheinlich zerbrochen war und der Greifarm nur einen Teil des Bootes gepackt hatte. Dieses Stück, der Bug, wurde schließlich geborgen und tatsächlich an Bord der „Hughes Glomar Explorer“ gebracht.

Auch wenn die CIA durch die unglaublich aufwendige und kostspielige Mission nur an einen Teil des sowjetischen U-Bootes kam, so wertete der Geheimdienst die Operation dennoch als Erfolg. Das nahezu Unmögliche war gelungen – und zwar ohne, dass das geheime Projekt zuvor bekannt geworden war. Doch wenige Monate später kamen erste Anfragen von Journalisten, die gehört hatten, dass das Schiff von Howard Hughes offenbar aus ganz anderen Gründen im Pazifik unterwegs war, als offiziell angegeben worden war.

Die New York Times konnte zunächst noch dazu gebracht werden, die wahren Hintergründe der „Hughes Glomar Explorer“ nicht zu veröffentlichen. Im Jahr 1975 dann aber gab es zahlreiche Medienberichte über die geheime CIA-Operation in der Tiefsee. Die US-Regierung wehrte alle Anfragen ab – eben mit jener Begründung, die bis heute zum Standardrepertoire von Geheimdienst-Pressestellen gehört: „Wir können weder bestätigen noch dementieren…“

In den USA ist bis heute daher auch oft die Rede von einer „glomar response“ oder „getting glomared“, wenn Journalisten eine derartige, nichtssagenden Antworten auf eine Anfrage erhalten. In Deutschland haben sich andere, ähnliche Redewendung als Standard etabliert, wenn es um die Belange der Nachrichtendienste geht.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) etwa beantwortet Anfragen häufig mit folgender Stellungnahme: „Der Bundesnachrichtendienst nimmt zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Zusammenhänge betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung. Der Bundesnachrichtendienst berichtet zu entsprechenden Themen insbesondere der Bundesregierung und den zuständigen, geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages.“

Vom Bundeskanzleramt kommt mitunter diese abgewandelte Form: „Die Bundesregierung nimmt zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten der Nachrichtendienste betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung. Damit ist keine Aussage getroffen, ob der Sachverhalt zutreffend ist oder nicht. Die Bundesregierung berichtet zu entsprechenden Themen insbesondere den zuständigen, geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages.“

Grundsätzlich gilt auch in Deutschland ein Informationsanspruch und eine Auskunftspflicht staatlicher Stellen. Dies regelt etwa das Informationsfreiheitsgesetz, nachdem Einsicht in Behördenunterlagen beantragt werden kann. Es gibt jedoch Ausnahmen, beispielsweise, wenn es um die Nachrichtendienste wie dem BND oder dem Verfassungsschutz geht. So heißt es zum Paragraph § 3 des IFG: „Keinen Informationszugang müssen die Nachrichtendienste eröffnen; dies gilt auch für sonstige öffentliche Stellen, soweit dort Tätigkeiten nach § 10 Nr. 3 des Sicherheitsüberprüfungsgesetzes betroffen sind (Bereichsausnahme). Für alle anderen Bereiche findet eine Einzelfallprüfung statt.“

Mittlerweile wurden einige Unterlagen der CIA zum „Project Azorian“ tatsächlich veröffentlicht, jedoch noch immer in großen Teilen geschwärzt. Bekannt ist außerdem, dass der damalige CIA-Direktor Robert Gates im Oktober 1992 nach Russland reiste. Begleitet vom US-Botschafter in Moskau und weiteren CIA-Leuten wurde Gates im Kreml vom russischen Präsidenten Jelzin Boris Jelzin, seinem Außenminister und dem Leiter der KGB-Nachfolgerorganisation FSB empfangen. Gates hatte ein Geschenk für die Russen dabei. Eine sowjetische Flagge und ein Video. Zu sehen war darin eine Bestattungszeremonie, die 18 Jahre zuvor an Bord der „Hughes Glomar Explorer“ stattgefunden hatte.

Denn bei der Bergung des U-Bootes hatte die CIA nicht nur eine Menge Metall an die Meeresoberfläche gebracht, sondern auch die Leichen von sechs der insgesamt 98 sowjetischen Seeleute, die in dem Boot den Tod gefunden hatten. Die Amerikaner hielten aus Respekt am 04. September 1974 eine Seebestattung statt, spielten die sowjetische Nationalhymne und brachten eine amerikanische und eine sowjetische Flagge an Bord an. Das Schiff, das Howard Hughes für die CIA gebaut hatte, wurde später übrigens tatsächlich für den Abbau von Rohstoffen am Meeresgrund eingesetzt. Inzwischen allerdings wurde es verschrottet.

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