Osama und die Deutschen

Vor zehn Jahren wurde der Al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden durch eine US-Spezialeinheit in einer Villa in Pakistan getötet. In seinem Versteck fanden sich Unterlagen, die bestätigten: Das Terrornetzwerk plante damals Anschläge in Deutschland. Ein Rückblick.

von Florian Flade

Handschriftliches Notizbuch von Osama Bin Laden, gefunden in Abbottabad, Mai 2011

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Es sollte so schnell wie möglich ablaufen. Aus dem Hubschrauber abseilen, in das Gebäude eindringen, die Zielperson, Codename „Geronimo“, identifizieren und töten – und schnell wieder raus. Eine halbe Stunde war für den Einsatz eingeplant gewesen, am Ende soll es rund 48 Minuten gedauert haben bis das Team Six der US-Spezialeinheit Navy SEALs das Anwesen im pakistanischen Abbottabad wieder verlassen hatte. Ihr Ziel, Osama Bin Laden, den meistgesuchten Terroristen der Welt zu töten, hatten die amerikanischen Elitesoldaten schnell erledigt. Dann aber waren sie im Versteck des Al-Qaida-Anführers auf unzählige Unterlagen, Computer, USB-Sticks und Festplatten gestoßen. 

„Nehmt so viel ihr könnt!“, soll der damalige Befehlshaber der US-Spezialeinheiten, Admiral William H. McRaven, der die geheime Operation „Neptune Spear“ vom benachbarten Afghanistan aus geleitet hatte, den Soldaten über Funk angewiesen haben. Dann aber drängte die Zeit. „Ich werde ein bisschen nervös“, so der Admiral. Die Antwort: „Sir, hier ist einfach so viel Zeug. Wir packen es in Müllsäcke.“ Als die Soldaten schließlich wieder mit den Hubschraubern in den Nachthimmel verschwanden und auf die US-Militärbasis nach Afghanistan zurückflogen, hatten sie nicht nur die Leichnam von Osama Bin Laden dabei, sondern auch Säcke und Taschen voller Datenträger, Aktenordner, Notizbücher und Zettel. 

Was das US-Kommando am 02. Mai 2011 aus dem Versteck von Osama Bin Laden im Norden Pakistans herausgeholt hatte, erwies sich als eine Schatztruhe für die Geheimdienste. Das Material aus Abbottabad lieferte tiefe Einblicke in das Innenleben des Terrornetzwerkes Al-Qaida. Durch die Unterlagen, Fotos, Videos und handschriftlichen Aufzeichnungen und Briefe wurde deutlich, dass Bin Laden bis zu seinem Tod eine wesentlich aktivere Rolle bei der Planung und Steuerung von Terroranschlägen und auch bei der Koordinierung der einzelnen Ableger seines Netzwerkes spielte, als viele Geheimdienstler und Experten vermutet hatten. Auch über die Bemühungen seiner Handlanger, Attentate in Deutschland zu organisieren, wusste Bin Laden erstaunlich viel.

Die „Abbottabad Files“

In den Jahren nach der Tötung des Top-Terroristen werteten die CIA und das FBI das umfangreiche Material aus. Ein Teil wurde nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich, die Dokumente übersetzt ins Englische. Noch bevor die „Abbottabad Files“ allerdings online gestellt wurden, teilten die US-Behörden ihren Datenschatz auch mit europäischen Partnerdiensten. Schließlich bestand die Möglichkeit, dass sich darin Hinweise auf bevorstehende Anschläge oder noch unentdeckte Terrorzellen befinden – was tatsächlich der Fall war.

Einige Dokumente aus Bin Ladens Versteck hatten Bezüge zu Deutschland. Der Al-Qaida-Führer, seine Terrorplaner und Strategen beschäftigte sich offensichtlich mit der Bundesrepublik als Anschlagsziel. Sie analysierten, wie Propagandavideos mit Drohungen gegen Deutschland hierzulande wahrgenommen wurden. Ein Brief aus Abbottabad legt nahe, dass Bin Laden durchaus konkret von Terrorplänen und sogar von einem der ausgewählten Attentäter wusste. Ein weiteres Dokument liefert zudem Hinweise darauf, dass für deutsche Geiseln möglicherweise Lösegeld an Al-Qaida gezahlt worden war.

Deutsche Sicherheitsbehörden sahen ihre damalige Einschätzung durch die Informationen aus dem Abbottabad-Fundus bestätigt: Al-Qaida hatte sich offensichtlich ab 2009 intensiv damit beschäftigt, Terroranschläge in Deutschland zu verüben. Die Planungsebene des Netzwerkes hatte nach geeigneten Rekruten gesucht und bereits einige potentielle Terroristen ausgebildet und zurück in die Bundesrepublik geschickt. Manche scheiterten früh, wurden bereits bei der Rückreise festgenommen, andere kamen einem erfolgreichen Anschlag erschreckend nahe.

Bei einigen der Dokumente ist unklar, wann genau sie verfasst wurden oder auch wer sie geschrieben hat. Deutlich wird allerdings, dass die damalige Al-Qaida-Zentrale – „al-Qaida-Central (C)“ oder auch „Kern-Al-Qaida“ genannt – versucht hat, die Stimmung in der deutschen Bevölkerung im Vorfeld der Bundestagswahl im September 2009 zu analysieren und danach ihre Strategie auszurichten. Darauf deutet Notizen hin, die mit „Die deutsche Wirtschaft“ überschrieben sind.

Deutschland sei der „größte Exporteur auf der Welt“ und der „wirtschaftliche Motor Europas“, heißt es darin. Aufgelistet werden ökonomische Daten aus dem Jahr 2008, die Bedeutung der Automobilbranche und Interessen der deutschen Wirtschaft in Katar und im Nordirak. Anschließend folgen Notizen, die vermuten lassen, dass Al-Qaida offenbar an einer Strategie feilte.

„Ratschlag: Vermeide es über die Juden und Palästina sprechen, wenn ihr mit den Deutschen sprecht. Das  ist ein sehr empfindliches Thema in Deutschland und es könnte sich negativ auf unsere Ziele auswirken. Ich denke, wenn es uns gelänge den Leuten klar zu machen, dass wir auf der Seite Deutschlands stehen, dass wir sie nur aus Afghanistan heraus haben wollen, dann werden die Leute unser Anliegen verstehen, so Allah will. Nach der Veröffentlichung der Karikaturen in Dänemark, die den Propheten Muhammad beleidigen, rief der deutsche Innenminister alle europäischen Zeitungen dazu auf, die Karikaturen zu veröffentlichen, und das hat ein gewisses Gewicht, weil es nicht von einem Minister (irgend)eines Landes gesagt wurde, sondern vom Innenminister eines Landes, das den größten Verlag in Europa (Axel-Springer Verlag) hat (…) Wenn wir dies erwähnen, können wir Angst unter den Medienvertretern schüren, die dann glauben, solche Veröffentlichungen führen dazu, dass sie angegriffen werden. (…) Weil sie um ihre Leben fürchten, werden die Journalisten das veröffentlichen, was die Leute dazu bringt für einen Absatz zu der Truppen zu stimmen (…)“

aus dem Dokument „Die deutsche Wirtschaft“

Es ist unklar, wer dieses Dokument verfasst hat, denkbar aber ist, dass es sich dabei um einen Dschihadisten aus Deutschland handelt. Denn er baute im Jahr 2009 mit mehreren Propagandavideos eine gezielte Drohkulisse gegen die Bundesrepublik auf. Nur wenige Monate vor der Bundestagswahl. 

Drohungen gegen Deutschland

Bekkay Harrach, ein ehemaliger Callshop-Betreiber aus Bonn, war den Behörden schon länger als radikalisierter Salafist bekannt war. Er soll sich 2007 in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet abgesetzt und dem Al-Qaida-Netzwerk angeschlossen haben. Dorthin vermittelt haben soll ihn ein Schmuckhändler aus Germersheim, der in Pakistan festgenommen und später vom Oberlandesgericht Koblenz wegen Al-Qaida-Unterstützung verurteilt worden war.

Harrach soll nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden innerhalb kurzer Zeit in der Al-Qaida aufgestiegen sein und über Kontakte bis in die Planungsspitze des Terrornetzwerkes verfügt haben. Unter den Pseudonymen „Abu Talha al-Almani“ oder auch „Abu Talha al-Maghribi“ war Harrach in den pakistanischen Stammesgebieten aktiv. Seine Ehefrau, eine deutsch-polnische Islam-Konvertitin, war ihm mit dem gemeinsamen Sohn dorthin nachgereist. 

Im Januar 2009 tauchte Bekkay Harrach erstmals in einem Video der Al-Qaida-Propagandaabteilung As-Sahab Media auf – und drohte mit Anschlägen in Deutschland wegen der Beteiligung der Bundeswehr am Nato-Einsatz in Afghanistan. Dabei machte er auffallend viele Anspielungen auf Deutschlands wirtschaftliche Situation. Harrach erklärte zudem, dass er sich bereit seit längerer Zeit danach sehne, ein Selbstmordattentat zu verüben. Er berichtete außerdem, wie der Verfassungsschutz versucht haben soll, ihn als Quelle anzuwerben. 

In einem weiteren Video, das wenige Wochen später im Internet auftauchte, drohte Harrach erneut, verwies dabei auf die Finanzkrise als angebliche Strafe Gottes und kündigte ebenfalls Terroranschläge in Deutschland an.

Die Drohvideos des deutschen Al-Qaida-Terroristen nur wenige Monate vor der Bundestagswahl sorgten für Schlagzeilen – und auch für Beunruhigung innerhalb der Sicherheitsbehörden. Nachrichtendienste und Polizei nahmen Harrachs Drohungen durchaus ernst, zumal es Erkenntnisse über eine Reihe von Islamisten aus Deutschland gab, die sich in die Terrorcamps in die pakistanischen Stammesgebiete von Waziristan abgesetzt hatten.

Auch Al-Qaida-Gründer Osama Bin Laden nahm das Drohgebaren von Bekkay Harrach offenbar sehr genau wahr. In einem Dokument, das im Material aus Abbottabad entdeckt worden war, sind die Reaktionen von Medien und Politik auf Harrachs Drohvideos wie in einer Presseauswertung zusammengefasst. Der Verfasser des Schreibens ist nicht bekannt. 

Deutsche Medien hätten „die Rede“ – gemeint ist scheinbar das erste Video Harrachs vom Januar 2009 – als „direkte Bedrohung für Deutschland“ beschrieben, auch bei den Sicherheitsbehörden verstärke sich die Angst, heißt es in dem Text. Zwar enthalte das Video keine „spezifischen Drohungen“, aber jemand aus einem Geheimdienst habe einer deutschen Nachrichtenagentur mitgeteilt, nun habe der „Countdown für einen Terroranschlag begonnen“. Im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen seien die Drohungen sehr ernst zu nehmen, außerdem würde Harrach von den Behörden als gebildeter Terrorist mit guten Kontakte in die Al-Qaida-Führung beschrieben. Außerdem würden sich nun „42 Prozent der Deutschen“ von Al-Qaida bedroht fühlen.

Bekkay Harrach drohte Deutschland, und Al-Qaidas Führung sah dies offenbar mit Wohlwollen. Ob tatsächlich alle Propagandaveröffentlichungen – es folgten noch weitere Videos und Audiobotschaften nach der Bundestagswahl im September 2009 – von höchster Stelle der Terrororganisation autorisiert waren, ist bis heute nicht bekannt. Es soll Hinweise darauf geben, dass die weiteren Aufnahmen nicht abgesprochen waren. 

Selbst den Terror nach Deutschland bringen, konnte Bekkay Harrach jedenfalls nicht mehr. Im Herbst 2010 soll er durch einen US-Drohnenangriff getötet worden sein. Die Terrorgruppe Islamische Bewegung Usbekistans (IMU), in deren Reihen auch mehrere deutsche Islamisten kämpften, behauptete hingegen der Bonner Dschihadist sei bei einem Anschlag in Afghanistan ums Leben gekommen. Ob Harrach mit Osama Bin Laden direkt in Kontakt stand, ist nicht klar.

Anschlagspläne für Europa

Es blieb jedoch ganz offensichtlich nicht bei Drohvideos gegen Deutschland, deren mediale Wirkung im Versteck Bin Ladens Abbottabad genau verfolgt wurden (auch zwei Propagandavideos von Osama Bin Laden mit direkter Ansprache der Europäer wurden im Herbst 2010 veröffentlicht). Al-Qaida nahm konkret und explizit die Bundesrepublik ins Visier – und schmiedete Anschlagspläne. Dafür zuständig gewesen sein soll jener Teil des Terrornetzwerkes, der „Externe Operationen“ plante.

„Dort hatte die Erfahrung, dass Al-Qaida seit Juli 2005 keine spektakulären Anschläge in westlichen Ländern gelungen waren, zu der Überlegung geführt, Rekruten, die den Sicherheitsbehörden ihrer Ursprungsländer noch unbekannt waren, nach einem spezifischen Training möglichst schnell zurückzuschicken“, heißt es in einer Analysen deutscher Behörden zu Al-Qaidas Planungsebene. Zurück in ihren Ursprungsländern sollten die Terrorrekruten „weitgehend eigenverantwortlich auf einfache Weise auszuführende Anschläge verüben“. Durch eine Vielzahl solcher Anschläge sollten „die westlichen Sicherheitsbehörden beschäftigt und der Verfolgungsdruck auf die Kernorganisation“ verhindert werden. Dies sollte „der Organisation eine Regeneration ermöglichen“, um die Fähigkeit zu „anspruchsvolleren Anschlägen zurückzugewinnen“.

Al-Qaidas Militärkommandeur war bis zu dessen Tod im Mai 2010 der Ägypter Mustafa Ahmad Muhammad Uthman Abu al-Yazid alias „Said al-Masri“, ein Weggefährte Osama Bin Ladens und Gründungsmitglied seines Netzwerkes. Er war verantwortlich nicht nur für den Kontakt zu den Taliban, sondern auch für die Trainingslager Al-Qaidas in der Region Waziristan. 

Kurz vor seinem Tod schickte Mustafa Abu al-Yazid einen Brief an Osama Bin Laden und schlug darin vor, vorerst keine ausländischen Dschihadisten mehr in Waziristan auszubilden. Der Brief wurde in Abbottabad entdeckt. Die Lage sei zu schwierig geworden, schon die Versorgung mit Lebensmitteln oder Medikamenten mache Probleme, stand darin. Bin Laden hingegen lehnte es ab, keine neuen Rekruten mehr aufzunehmen, er empfahl stattdessen die Ausbildung auf wenige Wochen zu begrenzen und auf einzelne Bereiche zu konzentrieren. Die Waffenausbildung etwa könne wegfallen. Möglichst schnell sollten die angehenden Terroristen wieder zurück in ihre Heimatländer geschickt werden.

Die Auswahl und Ausbildung von potentiellen Attentätern für Anschläge in Europa und Nordamerika wiederum sollten zwei erfahrene Al-Qaida-Kader übernehmen. Der Libyer Jamal Ibrahim Ashtiwi al Misrati, besser bekannt als Atiyah Abd al-Rahman, „Atiyatullah al-Libi“ oder „Sheikh Mahmoud“. Er kannte Bin Laden bereits seit seiner Jugend kannte, als er sich arabischen Kämpfern in Afghanistankrieg gegen die Sowjetunion anschloss, und wurde im Frühjahr 2010 zum Nachfolger von Mustafa Abu al-Yazid und wohl zum drittwichtigsten Al-Qaida-Mann. Atiyatullah soll im August 2011 bei einem Drohnenangriff ums Leben gekommen sein. 

Ebenfalls mit den Terrorplänen betraut wurde der Mauretanier Abd al-Rahman Ould Muhammad al-Hussain Ould Muhammad Salim alias „Yunis al-Mauritani“, der im September 2011 in Pakistan festgenommen, in sein Heimatland gebracht und schließlich zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Atiyatullah und Younis al-Mauritani sollten geeignete Dschihadisten finden, um Anschläge im Westen zu verüben – vor allem in jenen Ländern, in denen bislang noch keine oder kaum Al-Qaida-Attentate stattgefunden hatten. In einem Schreiben an Atiyatullah schlug Osama Bin Laden vor, die Attentäter sollten kleine Zellen zu bilden und Kontakte in die islamistische Szenen der Herkunftsländer zu vermeiden, um das Entdeckungsrisiko zu verringern. Darüber hinaus sollten sie vor allem in sicherer Kommunikation ausgebildet werden.

Al-Mauritani wiederum skizzierte in einem Brief an Bin Laden seine Vorstellung von zukünftigen Terrorkampagnen. Als geeignete Ziele nannte der Dschihadist große Brücken in Städten, unter Wasser verlaufende Tunnel, Wasserdämme, Ölpipelines und Veranstaltungen mit viel Publikum, wie etwa die „Loveparade“. Solche „schauererregende Anschläge“, so Al-Mauritani, sollen „die internationale Weltherrschaft zum Absturz bringen, damit es uns gelingt, einen Staat und ein islamisches Emirat zu errichten“.

Deutscher Terrornachwuchs

Im Laufe des Jahres 2010 hatten Al-Qaidas Strippenzieher mehrere Kandidaten für eine Terrorkampagne in Europa in Augenschein genommen. Auch zwei Islamisten aus Hamburg waren darunter. Sie waren als Teil einer größeren Reisegruppe ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet gereist und lernten Yunis al-Mauritani kennen, der ihnen beibrachte, wie sie verschlüsselter kommunizieren konnten. Zurück in Deutschland sollten die beiden für Al-Qaida Geld sammeln und Unterstützer suchen. Soweit aber kam es nicht mehr, die beiden Hamburger wurden im Sommer 2010 noch in Pakistan von Sicherheitskräften festgenommen, dann nach Deutschland überstellt und zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Zwei weitere europäische Dschihadisten, die Al-Qaida ausgewählt hatte, waren ein junger Berliner und ein österreichischer Ex-Soldat. Beide hatten sich im Juli 2010 der Al-Qaida angeschlossen und sollen anschließend mehrere Monate ausgebildet worden sein. Sie lernten Verschlüsselungsprogramme für Dateien zu benutzen, und es wurden E-Mail-Adressen eingerichtet, mit denen die beiden Islamisten mit ihren Auftraggebern in Waziristan kommunizieren sollten. Und zwar indem die E-Mails nicht verschickt, sondern lediglich als Entwürfe abgespeichert werden.

Das Duo bekam wohl nicht den Auftrag selbst zeitnah Anschläge in Europa durchzuführen, sondern sollten dafür geeignete Rekruten finden und anleiten. Im Februar 2011 reisten der Berliner und der Österreicher von Pakistan in den Iran, weiter in die Türkei und nach Ungarn. In Budapest mieteten sie eine kleine Wohnung an. Sie bemühten sich nicht als Extremisten aufzufallen. Der Österreicher ließ sich Ohrlöcher stechen und blonde Strähnen färben. Beide achteten zudem darauf in der Öffentlichkeit zu rauchen.

Der Plan nach der Rückkehrer nach Europa war: Die Islamisten beschlossen in das Heimatland des jeweils anderen zu reisen, um dort alte Bekannte und Glaubensbrüder für etwaige Anschläge zu rekrutieren. Indem sie sozusagen „über Kreuz“ reisten, glaubten die beiden, würden sie den lokalen Sicherheitsbehörden leichter entgehen können. Und so reiste der Berliner nach Wien, besuchte sogar den Bruder seines Weggefährten an dessen Schule und wollte ihn anwerben – was wiederum dazu führte, dass die Eltern die Polizei verständigten.

Der Österreicher wiederum fuhr nach Berlin, dabei hatte er eine Namensliste mit Personen aus der islamistischen Szene, die er kontaktieren sollte. Die Anwerbeversuche aber scheiterten offenbar auch hier und der Dschihadist entschied sich, wieder nach Budapest zurück zu fahren. Mittlerweile war das Berliner Landeskriminalamt (LKA) über seinen Aufenthalt informiert, sein Reisepass war für ungültig erklärt und im Schengener Informationssystem zur Fahndung ausgeschrieben worden. Die Fahnder nahmen ihn daraufhin am 16. Mai 2011 am Zentralen Busbahnhof fest. Wenig später wurde in Österreich auch der Berliner Islamist gefasst.

Bei den Al-Qaida-Rekruten fanden die Ermittler, teilweise eingenäht in die Unterhose, mehrere Micro-SD-Karten und USB-Sticks. Darauf fanden sich zahlreiche Dateien mit kuriosen bis unverdächtig klingenden Namen wie „KickAss2010.avi“, „Letter_turkey.txt“, „SexyTanja.rar“, „Craig David – Insomnia.txt“ oder „Alices_Adventures_in_Wonderland_NT.pdf“. In den Dateien versteckt waren Dokumente, terroristische Anleitungen und ideologische Schriften. Alleine eine vermeintliche Filmdatei enthielt 142 Dokumente. Vieles davon war den Ermittler längst bekannt, man konnte es leicht im Netz finden.

Die beiden Islamisten verfügten jedoch auch über anderes, bislang unbekanntes Material. Es waren Strategiepapiere der Al-Qaida in englischer Sprache mit Titel wie „Future_Work.docx„, „Lessons_Learned_From_previous_operations.docx“ oder „Report_On_Operations.docx“, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von ranghohen Terrorkadern verfasst worden waren. Die Autoren sollen unter anderem Yunis al-Mauritani und der britische Al-Qaida-Terrorist Rashid Rauf sein. In den Dokumenten werden Ratschläge für die Tarnung in westlichen Gesellschaften gegeben und Anweisungen für Entführungen und Hinrichtungen.

Auch das deutsch-österreichische Duo landete vor Gericht und wurde zu Gefängnisstrafen verurteilt. Für Al-Qaida waren sie trotz der Ausbildung und ihrer durchaus konspirativen Vorgehensweise nicht wirklich brauchbar. Aber es gab noch einen anderen, vielversprechenderen Kandidaten, um in Deutschland zuzuschlagen.

Am 28. März 2010 ließ der Al-Qaida-Planer und Ausbilder Yunis al-Mauritani seinem Chef, Osama Bin Laden, in seinem Versteck eine Textdatei mit einer brisanten Botschaft zukommen. Offenbar hatte er einen Rekruten gefunden, von dem er sich viel erhoffte. Ganz stolz berichtete er Bin Laden davon.

„Zu den wunderbaren Gaben, die uns Allah in diesen Tagen beschert hat, von denen es viele zu Teil wurden, ist, so sei Allah gepriesen, dass wir unmittelbar nach dem Eintreffen Ihres Briefes einen intelligenten und sehr vernünftigen marokkanischen Bruder getroffen haben, der in Europa wohnt und im Fach Elektromechanik studiert, in dem er sich im letzten Universitätsjahr befindet. Er muss nur noch sein Praktikum absolvieren. Geboren ist er am 15.06.1981 und er hat Brüder, denen er vollständig vertraut. Sie sind alle Mudschahidin und sehnen sich nach dem Dschihad. Einer von ihnen beherrscht die moderne Fälschungsmethode von Reisepässen und Visa. Der oben erwähnte marokkanische Bruder hat die Möglichkeit zurückzukehren, also beschlossen wir ihn zu schicken und gaben ihm entsprechende Anweisungen, nachdem wir ihn entsprechend unterwiesen und auch die unterschiedlichen Phasen für seine Tätigkeit organisiert haben. Zwischen uns und ihm besteht eine verschlüsselte und, so Gott will, sichere Verbindung. Er leistete uns gegenüber den Treueeid. Ich denke, wenn ihm das gelingt, worüber wir uns einig geworden sind, wird er mir eine große Strecke in meiner Projektplanung ersparen.“

Nachricht von Yunis al-Mauritani an Osama Bin Laden, Frühjahr 2010

Der „marokkanische Bruder“, von dem der Al-Qaida-Planungschef schrieb, kam aus Deutschland. Er baute eine Terrorzelle auf und war fest entschlossen, Sprengstoffanschläge zu verüben. Davon aber ahnten hiesige Sicherheitsbehörden damals noch nichts. Sie kannten den Brief, der später in Bin Ladens Villa in Abbottabad gefunden wurde, schließlich nicht. Osama Bin Laden aber war wohl ein Jahr vor seinem Tod darüber informiert, dass sein Netzwerk nun fleißig daran arbeitete, den Terror nach Europa zu tragen. 

Die „Düsseldorfer Zelle“

Abdeladim El-K. war 2001 aus Marokko nach Deutschland gekommen. Um in Bochum Mechatronik zu studieren. Er verkehrte in der islamistischen Szene des Ruhrgebiets, soll auch mehrfach Kontakt zu Sami A. gesucht haben. Jenem Prediger, der in Medien als „Bin Ladens Leibwächter“ bezeichnet worden war, und 2018 nach Tunesien abgeschoben wurde.

Am 18. November 2009 soll El-K. von Marokko zunächst in die Türkei gereist sein. Über Iran wollte er angeblich mit seinem Schwager und einem Bekannten weiter ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisen. Ein Verbindungsmann aber meldete sich erst spät und riet dann, man solle sich zuerst in Deutschland ein Visum für Iran besorgen, dann per Flugzeug einreisen und sich schließlich nach Pakistan schleusen lassen. Nach einigen Wochen flog Abdeladim El-K. dann von Istanbul nach Brüssel und weiter nach Düsseldorf. Er beantragte ein Visum und buchte einen Flug in den Iran. Am 26. Dezember 2009 reiste der Marokkaner dann von Brüssel nach Istanbul und eine Woche später weiter in den Iran. Seine Reisebegleiter versuchten es auf dem Landweg, wurden jedoch bereits an der iranischen Grenze festgenommen und nach Marokko zurückgeschickt. 

El-K. soll im Januar 2010 dann die iranische Stadt Zehan erreicht haben, und ließ sich dann wohl über die Grenze nach Pakistan schleusen. In Waziristan schloss sich der Student aus Bochum der Al-Qaida an und soll dann auch die Planungschefs Atiyatullah und Younis al-Mauritani kennengelernt haben. El-K. sei durch seine „hervorragende körperliche Konstitution und kampfsportliche Ausbildung“ aufgefallen, so hieß es später im Prozess gegen El-K. Er sei„aufgrund jahrelanger Befassung“ mit Schriften und Verlautbarungen der Al-Qaida „tief in deren Ideologie verwurzelt“. Von anderen Rekruten aus westlichen Ländern habe er sich durch seine „breit gefächerten Sprachkenntnisse“ unterschieden, die ihm eine „problemlose Verständigung in arabischsprachigen Ländern und in verschiedenen europäischen Ländern ermöglichten, insbesondere in Deutschland“ ermöglichen würden.

In Waziristan wurde Abdeladim El-K. von Mitte März bis Mitte April 2010 darin geschult aus allgemein zugänglichen Grundstoffen und elektronischen Bauteilen unterschiedliche Sprengstoffe und Zündvorrichtungen zu fertigen. Er soll gelernt haben mit Chemikalien und Gerätschaften umzugehen, unter anderem durch Lernvideos und Fotos, auf denen die einzelnen Schritte zur Sprengstoffherstellung und Bombenbau erläutert wurden. El-K. machte sich dazu Notizen und speicherte sie in einer Dokument mit dem Dateinamen „besmilahe.docx“ ab. 

Auch im Umgang mit Videosoftware soll der Marokkaner von Al-Qaida geschult worden sein, um Bekennervideos für die geplanten Anschläge erstellen zu können. Ebenso unterwiesen die Terrorausbilder den Rekruten aus Deutschland in konspirativer Kommunikation, er lernte das Verschlüsseln und Entschlüsseln von Nachrichten mithilfe des Programms „Mujahedin Secrets“ und wie man mit einer Software Botschaften in Bilddateien verstecken kann.  Die Programme und seine Notizen speicherte El-K. auf einer Micro-SD-Karte ab, die er nach Deutschland mitbrachte.

Nach der Ausbildung soll Abdeladim El-K. auf dem Landweg von Pakistan in den Iran gereist sein. In der Stadt Mashad richtete er sich am 09. Mai 2010 die E-Mail-Adresse „kmikove@yahoo.com“ mit einer fiktiver Personalie ein, mit er für die Kommunikation mit der Al-Qaida-Kommandeuren nutzen wollte. Am 11. Mai 2010 reiste El-K. weiter nach Istanbul und flog dann nach Brüssel. Ein befreundeter Islamist, Jamil S., holte ihn am Flughafen ab, beide fuhren anschließend nach Düsseldorf.

Um seine Rückreise nach Deutschland zu verschleiern bzw. keine Aufmerksamkeit durch seinen Aufenthalt in Pakistan zu erzeugen, beantragte El-K. einen neuen marokkanischen Reisepass, den er Mitte Juli 2010 auch bekam. Außerdem meldete er sich um, auf eine neue Adresse in Bochum und gab später im Ausländerbüro der Stadt beim Gespräch für seine Aufenthaltserlaubnis an, er habe sich von März 2009 bis Mitte Mai 2010 in Marokko aufgehalten, weil seine Mutter und sein Bruder bei einem Autounfall schwer verletzt worden seien. Die Ausrede aber nützte nichts, seine Aufenthaltserlaubnis erlosch dennoch, El-K. wurde aufgefordert die Bundesrepublik zu verlassen.

Der Islamist kam der Aufforderung nach und flog am 01. August 2010 vom niederrheinischen Weeze nach Fez in Marokko. In den folgenden Wochen soll sich El-K. intensiv damit beschäftigt haben, Propagandavideos anzufertigen – und gefälschte Ausweisdokumente zu beschaffen, um wieder nach Deutschland reisen zu können. Über Kontakte zu einem nordafrikanischen Fälschernetzwerk in Brüssel soll sich El-K. eine gefälschte Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland besorgt haben. Das Dokument war zuvor bei einem Einbruch im Kreisamt Oldenburg gestohlen worden.

Im November 2010 fuhr Abdeladim El-K. in Begleitung seines Freundes Jamil S. mit einer Mitfahrgelegenheit vom marokkanischen Missour bis nach Düsseldorf. Bei der Ausreise aus Marokko und der Einreise in Spanien legte El-K. seinen echten marokkanischen Reisepass vor seine gefälschte Aufenthaltserlaubnis vor. Zurück in Deutschland kam er zunächst in der Wohnung der Familie jenes Mannes unter, der ihn im Auto aus Marokko mitgenommen hatte. Dann zog er zu Jamil S. in dessen Düsseldorfer Wohnung.

Wie Al-Qaida-Planer Younis al-Mauritani in seinem Brief an Bin Laden beschrieben hatte, warb Abdeladim El-K. in Deutschland drei Islamisten an, sie bildeten eine Terrorzelle und begannen mit den Vorbereitungen für Anschläge. Die Männer verhielten sich dabei äußerst konspirativ, gingen nicht mehr in die Moschee, wechselten häufig Handys und SIM-Karten. Sie nutzten nicht nur den heimischen Internetanschluss, sondern besuchten Internetcafés, verwendeten Codewörter in SMS und E-Mails, beschafften sich gefälschte französische Pässe und bemühten sich auch um die Anmietung einer neuen Wohnung. Selbst sein Aussehen änderte El-K., versuchte sich die Haare blond zu färben, was einigermaßen misslang. Er rasierte sich daraufhin die Haare ab und ging meist nur mit Perücke, Sonnenbrille, Basecap oder weißer Schiebermütze aus dem Haus.

Die Islamisten um Abdeladim El-K. – später wurden sie als „Düsseldorfer Al-Qaida Zelle“ bezeichnet – standen dennoch bald im Visier der Sicherheitsbehörden. Und das hatte weniger mit ihren Aktivitäten zu tun, sondern eher mit einem Zufall.

Warnung aus Waziristan

Mitte November 2010 klingelte beim BKA das Telefon. „Ich rufe aus Waziristan an, dem Grenzgebiet Afghanistan/Pakistan“, sagte der Anrufer, der seinen echten Namen nicht nennen wollte. Er heiße „Salahudin“, oder auch „Salim“, sagte er. Ein anderes Mal nannte er sich „Herr Schmitz“. Was er zu berichten hatte, war mehr als besorgniserregend: Er sei bei Al-Qaida und habe brisante Informationen über bevorstehenden Anschläge in Deutschland. Dafür wolle er jedoch Haftverschonung, und Geld, um sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen.

Drei Mal rief der Hinweisgeber „Herr Schmitz“ beim BKA an. Drei Anschläge seien geplant, zwei in Deutschland, einer im pakistanischen Peshawar. Zwei Attentäter seien bereits in der Bundesrepublik. Einer davon sei ein Deutsch-Marokkaner namens „Abu Mohamed“, der sei 22 bis 23 Jahre alt und stamme aus dem Großraum Berlin. Ein weiteres, vierköpfiges Kommando sei unterwegs. „Die sollen das Parlament stürmen, irgendwo in Berlin. Sie schießen und töten, was sie können, und am Ende sprengen sie sich in die Luft“, warnte der Anrufer. Die ganze Sache sei von einem „Sheikh Mahmoud“ geplant worden – gemeint war offenbar Atiyatullah al-Libi, der Al-Qaida-Chefstratege.

Die Behörden gingen auf die Forderungen des mysteriösen Anrufers nicht ein. Sie konnten „Herrn Schmitz“ aus Waziristan allerdings schnell identifizieren: Es war Emrah E., ein Islamist aus Wuppertal, der einige Monate zuvor in die Terrorcamps nach Pakistan gereist war. Das BKA überwachte die Telefonanschlüsse der Familie, die Ermittler wussten, dass es der Extremist wohl in die Reihen der Al-Qaida geschafft hatte. Seine Ehefrau und sein Kind waren ihm nachgereist, außerdem sein jüngerer Bruder Bünyamin. Am 04. Oktober 2010 schoss eine US-amerikanische Drohne eine Rakete auf das Haus des Wuppertaler Dschihadisten nahe der Stadt Mir Ali in Waziristan. Mehrere Personen, darunter Bünyamin E. und ein Hamburger Islamist, wurden dabei getötet.

Emrah E. überlebte und beschloss daraufhin offenbar die Region zu verlassen. Er versuchte es wohl im November 2010 mit der Kontaktaufnahme beim BKA. Weil er jedoch später in überwachten Telefonaten fragte, ob Deutschland nun Angst habe, glaubten einige Ermittler, seine Terrorwarnungen seien wohl nur ein Täuschungsmanöver gewesen. E. habe allenfalls von abstrakten Planungen gehört, so das Fazit des BKA. Noch ahnten die Terrorfahnder nicht, dass es in Deutschland tatsächlich eine Al-Qaida-Zelle gab, die gerade dabei war, Anschläge zu vorzubereiten. 

Die Anrufe des Wuppertalers sorgten dafür, dass das Bundesinnenministerium die Terrorwarnstufe erhöhte und der damalige Innenminister Thomas de Maizière vor einer verschärften Sicherheitslage warnte. Die Polizeipräsenz an Flughäfen und Bahnhöfen, und anderen öffentlichen Plätzen wurde verstärkt. Und auch das Reichstagsgebäude als potenzielles Anschlagsziel wurde vorübergehend für Besucher geschlossen und anschließend neue Sicherheitsmaßnahmen eingeführt.

Die Jagd beginnt

Hinter den Kulissen lief zudem die Terrorabwehr heiß. Was, wenn an den Hinweisen des geschwätzigen Islamisten doch etwas dran war? Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) rief prompt eine Lageorientierte Sondereinheit namens „Quadriga“ ins Leben, das BKA leitete noch am 19. November 2010 einen Gefahrenabwehrvorgang und die Ermittlungsgruppe (EG) „Komet“ ein. Komet – als würde man jederzeit einen Einschlag erwarten.

Die Sicherheitsbehörden durchsuchten die Datenbanken der bekannten Islamisten nach möglichen Attentätern, auf die Beschreibungen durch den Anrufer Emrah E. passen könnten. Wer war in letzter Zeit im Ausland? Welcher Gefährder verhält sich derzeit auffällig unauffällig? Ist überhaupt bei allen bekannt, wo sie sich gerade aufhalten?

Der entscheidende Hinweis, der letztlich zu Abdeladim El-K. führte, kam wohl aus dem Ausland – vom US-Geheimdienst NSA. Anfang Dezember 2010 meldeten die Amerikaner, dass es Informationen zu einer Person gebe, die sich „Al Jazairi“ nenne und bei der es sich um Abdeladim El-K. handele, geboren in Missour, Marokko. Dieser unterhalte Kontakte zum Al-Qaida-Mann Atiyatullah. Wie diese Informationen generiert wurden, woher der US-Geheimdienst dies wusste, soll ein Geheimnis bleiben. Ein Behördenzeugnis, das der Verfassungsschutz erstellt hat, ist in großen Teilen geschwärzt und enthält nur wenige Angaben wie den Namen, Geburtsdatum und verwendeten E-Mail-Adressen.

Abdeladim El-K. soll seinen rekrutierten Mitstreitern immer wieder eingeschärft haben, vorsichtig zu agieren. Es sei wichtig „sauber zu bleiben“, also den Behörden nicht aufzufallen. Er selbst war unter dem Nutzernamen „3azame aljazaeri“ im damals bedeutendsten dschihadistischen Internetforum Shumukh al-Islam angemeldet, lud dort mehrfach PDF-Dateien herunter und suchte über das Forum sogar den Kontakt zu seinen Al-Qaida-Mentoren. 

Am 07. April 2011 kommentierte El-K. in dem Forum den Beitrag eines Nutzers, der als Verbindungsmann zur Al-Qaida-nahen Propagandastelle Al-Fajr agiert haben soll. Der Dschihadist aus Deutschland fragte, wie er Atiyatullah kontaktieren könne, er habe dessen private E-Mail-Adresse verloren. Eine Woche später, am 14. April 2011, verfasst El-K. auf seinem Laptop eine Nachricht an den Al-Qaida-Kommandeur.

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen,

Von Abi Ibarae (asalim Ibachire) an unseren Scheich und unseren lieben 3ateyeto llahe, möge Allah ihn beschützen.

O unser Scheich, gepriesen sei Allah, dafür, dass es mir gelungen ist, Sie nach mehreren Versuchen zu kontaktieren.

Ich entschuldige mich dafür, dass ich mich spät melde. Dies ist auf viele Probleme zurückzuführen. Einige dieser Probleme sind:

Deutsche Geheimdienste waren über mich informiert und haben mich aus Deutschland ausgewiesen. Sie haben die Geheimdienste meines Landes kontaktiert, um mich festzunehmen.

Allah hat ihre Hoffnungen zunichte gemacht und mir die Flucht mit gefälschten Papieren nach Europa erleichtert. Ich habe meinen Aufenthaltsort gewechselt und mein Aussehen geändert. Das Ganze braucht viel Zeit und auch Geld, deshalb habe ich mich verspätet, Sie zu kontaktieren.

O unser Scheich, wir halten noch unser Versprechen, entweder Sieg oder Märtyrertum.

O unser Scheich, ich trainiere bereite einige Jugendliche aus Europa, die bislang in Sachen Sicherheit sauber sind. Nach dem Ende des Trainings werde ich mit Hilfe Allahs mit dem Schlachten der Hunde der Gemeinschaft des Gelben anfangen, so dass auch wenn ich bei ihnen in Verdacht geraten oder mir etwas passieren sollte, dann habe ich ihnen bereites Brüder hinterlassen, die die Arbeit nach mir zu Ende führen.

O unsere Lieben, bei Allah, wir vermissen euch und verzeiht uns wegen der Verzögerung der Arbeit. Bei Allah, ich habe schwierige Zeiten erlebt. (…) 

Grüß mir alle Lieben, insbesondre Scheich Youness, und gib ihm meine Angaben, damit er mich mit diesen kontaktieren kann. Unser Scheich, führe uns auf den rechten Weg durch eure Ratschläge und schicke mir, wenn es möglich ist, die Lehrgänge über Gifte. Und bete für deinen Bruder im Land der Versuchungen, dass er standhaft bleibt und ihm ein gutes Ende zu Teil wird.“ 

Nachricht von Abdeladim El-K. an Atiyatullah, 14. April 2011

Die Nachricht speicherte Abdeladim El-K. in einer Texdatei namens „bibo.txt“ ab, verschlüsselte sie und transferierte die Datei zunächst auf einen USB-Stick. Noch am selben Tag ging er mit einem weiteren Mitglied der Terrorzelle in ein Internetcafé, loggte sich im Forum Shumukh al-Islam ein und schrieb eine Nachricht an den Nutzer, von dem er glaubt, er könne die Botschaft an Atiyatullah weiterleiten. Am 23. April 2011 meldete sich das angeschriebene Forenmitglied und erkundigte sich mit welchem Schlüssel die Nachricht denn verschlüsselt sei, am 27. April 2011 dann teilte der Kontakt mit, die Nachricht sei erfolgreich an Atiyatullah weitergeleitet worden. Es ist nicht bekannt, dass El-K. auch eine Antwort aus Waziristan erhielt.

Zwischenzeitlich hatte sich der Terrorist damit beschäftigt, die Utensilien für die Sprengstoffherstellung zu beschaffen. Die Bomben sollten nach Erkenntnissen der Ermittler in Koffern verbaut und mit Metallteilen versehen werden, um größere Splitterwirkung zu erzielen. Die Chemikalien, die benötigt wurden, sollten eigentlich alle leicht verfügbar sein. El-K. machte jedoch einen entscheidenden Fehler: Er wollte aus Grillkohleanzündern Hexamin gewinnen, wie er es in Waziristan gelernt hatte. Anders aber als in Pakistan enthalten die Grillkohleanzünder hierzulande nicht diesen Stoff. Als er das Material verkochte und anschließend wieder trocknete, gewann er so – ohne es zu wissen – nur harmloses Harnstoffharz.

Mögliche Anschlagsziele soll der Islamist bereits ins Auge gefasst haben, vor allem belebte Orte, an denen wahllos viele Menschen durch die ferngezündeten Sprengsätze hätten getötet werden können. Aber auch Attentate auf militärische Ziele und Prominente soll er erwogen haben. In einem Notizblock und in einem Adressbuch fanden die Ermittler Einträge wie „Die Nato“, „Grafenwöhr“, „Charlie Hebdo“, „Markus Lense“ und „Ingo Apell“.

Seit Anfang Januar stand die Gruppe um Abdeladim El-K. nahezu durchgehend im Visier des BKA. Die Ermittler erwirkten zahlreiche Beschlüsse, um die Telefone der Islamisten abzuhören und ihre E-Mails mitzulesen, und um die Extremisten zu observieren. Auch das ganz große Besteck holte das BKA heraus: Die Ermittler drangen heimlich in die Düsseldorfer Wohnung ein und platzierte Abhörwanzen in mehreren Zimmern. Auf dem Computer wurde zudem eine Überwachungssoftware für die Onlinedurchsuchung installiert.

Gefahr gebannt

Am 29. April 2011 dann wollten die Verfolger nicht länger warten. Einsatzkräfte der GSG9 nahmen Abdeladim El-K. und zwei weitere Islamisten fest. Der Marokkaner versuchte sich noch mit einem Messer zur Wehr zu setzen, wurde allerdings schnell überwältigt.

Das vierte Mitglied der Zelle war zu diesem Zeitpunkt noch nicht identifiziert worden. Wie sich herausstellen sollte, war es ein Maschinenbaustudent aus Gelsenkirchen, der sich bestens mit Computern auskannte, in einem Callcenter arbeitete und die dort anlangten Kundendaten dazu nutzte, Betrügereien zu begehen und damit Geld zu ergaunern. Nach dem Auffliegen der Terrorzelle soll der vierte Verdächtige zunächst weitergemacht haben. Er wurde erst Monate später, im Dezember 2011, in einem Studentenwohnheim in Bochum festgenommen. 

Bis dahin versuchte er offenbar erfolglos im Internet illegale Schusswaffen zu erwerben, wie etwa ein Scharfschützengewehr und eine Pistole. Da er befürchtete von den Behörden überwacht zu werden, soll er sich zudem schon kurz nach der Festnahme seiner Weggefährten einen Detektor zum Aufspüren von Überwachungstechnik sowie eine als Wecker getarnte Videokamera („Spy-Wecker“) gekauft haben. Und er nahm auch über das Internet Kontakt zur Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel auf, dem Ableger des Terrornetzwerkes im Jemen, und schwärmte von einem Anschlag in Deutschland.

Drei Tage nachdem die BKA-Ermittler die „Düsseldorfer Zelle“ gestoppt hatten, töteten die US-Elitesoldaten im weit entfernten Abbottabad Osama Bin Laden. Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf begann im Juli 2012 der Prozess gegen Abdeladim El-K. und die drei anderen Islamisten, die für Al-Qaida in der Bundesrepublik morden sollten. Das Dokument aus dem Versteck Bin Ladens, in dem von dem „marokkanische Bruder“ die Rede war, wurde vom Generalbundesanwalt als Beweismittel dafür angeführt, dass sogar Spitze des Terrornetzwerkes über El-K. als angehenden Attentäter informiert war.

Mehr als zwei Jahre dauerte der Prozess gegen die Al-Qaida-Zelle, erst im November 2014 fielen die Urteile. Abdeladim El-K. wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, seine Mitstreiter zu sieben, fünfeinhalb und viereinhalb Jahren. Nach rund acht Jahren im Gefängnis wurde El-K. schließlich im August 2019 mit Zustimmung des Generalbundesanwalts nach Marokko abgeschoben. Er galt bis zuletzt als islamistischer Gefährder.

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