Schlagwort-Archive: Espionage

Der Berner Club

Europas Inlandsnachrichtendienste haben vor mehr als 50 Jahren eine Allianz gegründet, über die bis heute kaum etwas öffentlich bekannt ist. Der Berner Club gilt als sehr verschwiegene Runde, um die sich Mythen und Legenden ranken. Was hat es mit dem Club der Spione auf sich?

Von Florian Flade

Ein Hauch von Nostalgie lag bei dem Treffen in Paris wohl in der Luft. Anfang April kamen in der französischen Hauptstadt die Leiterinnen und Leiter der europäischen Inlandsnachrichtendienste zusammen. Kurz zuvor hatte Wladimir Putin den Krieg gegen die Ukraine begonnen. Russlands Spionageaktivitäten standen daher weit oben auf der Agenda der Tagung. Die Dienste-Chefs diskutierten darüber, wie sich der Krieg nun wohl auf die Spitzeleien von Moskaus Spionen auswirken wird und wie man nun reagieren sollte. Ein Ergebnis der Gespräche war die Ausweisung von zahlreichen russischen Geheimdienstlern aus Europa.

Die Runde, die sich im Frühjahr in Frankreich traf, gibt es seit mehr als 50 Jahren. Sie ist ein Kind des Kalten Krieges, gegründet einst, um gegen die Sowjetunion und die Aktivitäten ihrer Geheimdienste effektiver vorgehen zu können. Bis heute ist kaum etwas über diesen Zusammenschluss der europäischen Nachrichtendienste bekannt. Und noch immer ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden um das Format – den Berner Club oder Club de Berne (CdB).

Durch frei zugängliche Quellen ist tatsächlich wenig über die verschwiegene Runde in Erfahrung zu bringen. Es gibt kaum Erwähnungen in der Fachliteratur oder wissenschaftliche Arbeiten. Der Club unterliegt keiner parlamentarischen Kontrollen oder einer anderen Kontrollinstanz, Anfragen von deutschen Abgeordneten hat die Bundesregierung in der Vergangenheit mit Verweis auf den Schutz von Geheimnissen entweder nicht oder nur sehr knapp beantwortet. Nur wenige Historiker haben sich außerdem bislang wirklich tiefgreifend mit dem Berner Club beschäftigt.

Und so stammt vieles, was über das nachrichtendienstliche Austauschformat bekannt ist, hauptsächlich aus den Erzählungen jener Personen, die bei den Club-Treffen dabei waren oder in anderer beruflicher Funktion mit ihm zutun hatten. Oder aus wenigen internen Unterlagen, die ihren Weg aus dem geheimnisvollen Kreis heraus gefunden haben.

Die Anfänge des Berner Clubs gehen zurück in die 1960 Jahre. Damals sollen innerhalb der europäischen Geheimdienst-Community erste Überlegungen gereift sein, einen informellen Zusammenschluss, sozusagen eine Geheimdienst-Allianz in West- und Zentraleuropa, zu schaffen. Mit dem klaren Ziel die Aktivitäten des sowjetischen Gegners einzudämmen. Die Dienste wollten KGB, GRU, Stasi & Co. schlagkräftiger entgegentreten. Und zudem die kommunistische Umtriebe grundsätzlich effektiver bekämpfen.

Ein Hauptziel der Gründung des Berner Clubs soll es deshalb gewesen sein, nachrichtendienstliche Informationen und Hinweise auszutauschen, um die Spione des Ost-Blocks besser im Blick behalten zu können. Einen solchen Erkenntnisaustausch zwischen den Diensten erscheint aus heutiger Sicht trivial und naheliegend. Zum damaligen Zeitpunkt aber war eine derartige Zusammenarbeit kaum bekannt. Und wenn, dann gab es sie meist nur bilateral.

Der Berner Club sollte dies ändern. Zu den ersten Treffen soll es im Jahr 1965 gekommen sein, im Januar zuerst in Rom, dann im Dezember in Paris. Gründungsmitglieder sollen neun westeuropäische Dienste gewesen sein, darunter Vertreter aus Frankreich, Italien, den Niederlanden, Schweiz und Deutschland. Genaue historische Aufzeichnungen dazu sind bis heute nicht bekannt.

Im Laufe der Jahrzehnte ist der Club der Spione gewachsen, fast 30 Mitglieder hat die Runde heute. Und sie ist längst weitaus mehr als nur ein halbjähriges Treffen zum Plausch und Gedankenaustausch. Der Berner Club ist ein nachrichtendienstliches Bündnis, das über eigene Kommunikationssysteme und Austauschplattformen verfügt und sich mit allerlei unterschiedlichen Bedrohungen und Themen beschäftigt.

Weiterlesen

Spionage am Meeresgrund

Am Grund des Meeres verlaufen zahlreiche Kabel und Röhren. Sie dienen der weltweite Kommunikation und der Energie-Versorgung. Und stehen seit vielen Jahren schon im Fokus von Geheimdiensten und Militärs. In den Tiefen des Ozeans finden Spionage-Operationen und Vorbereitungen für Sabotageakte statt.

Von Florian Flade

Das Ochotskische Meer ist ein gefährliches Gewässer. Im fernen Osten Russlands gelegen, eingerahmt von der Kamschatka-Halbinsel. Eine wilde, schroffe Gegend mit hohen Berge, Vulkanen, Bären, riesigen Adlern, Schnee und eisigem Wind. Im Oktober 1971 begab sich ein US-amerikanisches Atom-U-Boot in diese Region, die USS Halibut. Es war eine riskante Fahrt, das wusste die Mannschaft, immerhin ging es in feindliches Territorium, in die Hoheitsgebiete der Sowjetunion.

Wie brisant die Mission der USS Halibut aber war, ahnten die Seeleute an Bord nicht. Man hatte ihnen gesagt, dass es darum gehe, die Überbleibsel einer im Ochotskischen Meer niedergegangenen sowjetischen Anti-Schiff-Rakete vom Typ „Sandbox“ zu bergen. Nur einige wenige Eingeweihte im U-Boot wussten vom wahren, streng geheimen Auftrag, der am Meeresgrund erledigt werden sollte. 

Operation „Ivy Bells“, wie die Aktion hieß, war vom damaligen US-Präsidenten persönlich angeordnet worden. Es ging darum, klammheimlich ein sowjetisches Unterseekabel anzuzapfen und so die Kommunikation von Moskaus atomarer Pazifikflotte abzuhören.

Der Meeresgrund und die dortige technische und wirtschaftliche Infrastruktur – dazu zählen Glasfaserkabel, Pipelines aber auch Sensoren und Messgeräte – gehört seit Jahrzehnten zu den Aufklärungszielen von Geheimdiensten. Nicht nur die heimliche Überwachung von Kommunikation steht dabei im Fokus, sondern auch Vorbereitungshandlungen für militärische Aktionen.

Als „Seabed Warfare“ wird dies im Militär genannt, gemeint ist sowohl der Schutz und die Verteidigung kritischer Infrastruktur in den Tiefen des Ozeans, von Kommunikationsnetzen, Öl- und Gasförderung sowie Transport von Energie – als auch die Möglichkeiten die gegnerische Infrastruktur im Kriegsfall anzugreifen.

Mit der wachsenden Zahl von Kabel, die weltweit am Meeresgrund verlaufen und der zunehmenden Bedeutung von vernetzter Kommunikation, gewinnt auch die Ausspähung der entsprechenden Systeme an Bedeutung. Die bis heute wohl bekannteste Aktion dieser Art ist amerikanische Operation „Ivy Bells“.

US-Geheimdienste hatten Anfang der 1970er Jahre erfahren, dass im Ochotskischen Meer ein sowjetisches Kommunikationskabel verlegt worden war. Das U-Boot USS Halibut sollte es nun finden. Kapitän James Bradley vom Office of Naval Intelligence soll dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Er vermutete, dass die Sowjets über das Unterseekabel wertvolle Informationen über die Aktivitäten ihrer Marine übermitteln würden. Zunächst aber galt es das Kabel in der eisigen See zu finden – und dabei nicht von den Sowjets entdeckt zu werden, die zahlreiche Warnsysteme in der Gegend installiert hatten, um unliebsame Schiffe ausfindig zu machen.

Weiterlesen

Australien und die Spionage

Der BND-Präsident besucht Australien. Die Reise wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen der Zukunft, mögliche Konflikte mit China – und auf Australiens Geheimdienste. Welche Dienste gibt es dort überhaupt und welche Rolle spielen sie? Ein Überblick.

Von Florian Flade

Der BND-Chef war vergangene Woche auf Reisen. Rund 16.000 Kilometer von Berlin entfernt. Bruno Kahl flog mit einer kleinen Delegation des deutschen Auslandsdienstes und seinem neuen Dienstflugzeug zunächst nach Thailand. Nach einem kurzen Zwischenstopp ging es dann weiter nach Canberra, Australien.

Mehrere Tage verbrachte Kahl in Down Under. Es war ein schon länger geplanter Trip. Mit der Verlegung von deutschen Eurofighter-Kampfjets und rund 250 Bundeswehrsoldaten nach Australien für die Militärübungen „Pitch Black“ und „Kakadu“ soll die Reise nichts zu tun haben. Es ging vielmehr um Kontaktpflege mit den australischen Nachrichtendiensten. Der Australien-Aufenthalt des deutschen Spionagechefs, der Anfang der 1990er Jahre ein juristisches Referendariat in Sydney verbracht hat, dürfte dabei durchaus mit aktuellen Bedrohungen und gemeinsamen Interessen zu tun haben.

Australien erlebt einen wachsenden Einfluss Chinas in seiner unmittelbaren Nachbarschaft im Indo-Pazifik. Peking schließt diverse Abkommen mit den Inselstaaten nördlich von Australien, teilweise soll es sogar um die potentielle militärische Nutzung von Häfen und Flughäfen in der Region gehen. Gleichzeitig stellen die australischen Sicherheitsbehörden zunehmende Spionageaktivitäten Chinas im Land fest, darunter Cyberangriffe und Versuche der Einflussnahme auf australische Parteien, Organisationen und Politiker.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und China werden perspektivisch in den kommenden Jahren wohl noch an Bedeutung gewinnen – und so steigt auch das Konfliktpotenzial. Deutsche Sicherheitsbehörden wollen sich daher entsprechend aufstellen und sind dabei, die bestehenden Allianzen mit Blick auf China zu stärken. Und die deutschen Geheimdienstler wollen von den Erfahrungen derjenigen Dienste profitieren, die bereits viel Erfahrung mit Pekings Spionen gesammelt haben.

Es lohnt sich daher ein Blick auf Australien und deren unterschiedliche Nachrichtendienste, die allesamt Beziehungen zu deutschen Sicherheitsbehörden unterhalten. In den vergangenen Jahrzehnten und Jahren waren diese Partnerschaften eher weniger von Bedeutung, dies könnte sich nun allerdings ändern.

Weiterlesen