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Der Steuermann – Rachid Kassim

von Florian Flade

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Rachid Kassim – Terroranleitung per Telegram

Es war ein Verbrechen, das Frankreich schwer erschütterte. Und das obwohl das Land in den vergangenen Jahren bereits mehrfach von islamistischem Terror heimgesucht wurde. Die Tat aber war dieses Mal erschreckend grausam. Zwei junge Extremisten, Adel Kermiche und Abdel Malik Petitjean, beide 19 Jahre alt, stürmten am 26. Juli während eines Gottesdienstes eine Kirche im nordfranzösischen Saint-Étienne-du-Rouvray. Sechs Menschen hielten sich an jenem Morgen darin auf – darunter drei Ordensschwestern und der 85-jährige Priester Jacques Hamel.

Mit Messern bewaffnet attackierten das Islamisten-Duo die Gläubigen. Dem Priester schnitt einer der Terroristen die Kehle durch – während der andere die grausame Tat mit dem Handy filmte. Wenige Minuten später flohen die Täter aus der Kirche. Und wurden dabei von Spezialeinheiten der Polizei erschossen. Am Leichnam von Adel Kermiche, so heißt es aus Ermittlerkreisen, fanden die Beamten dessen Mobiltelefon. Angeblich war es nicht gesperrt. Ein Glücksfall.

Die französischen Ermittler konnten rekonstruieren, dass Kermiche über das Chatprogramm Telegram in Kontakt mit anderen Islamisten stand, teilweise über Gruppenchats. Über diese Kanäle soll der Dschihadist auch das Video von der Ermordung des Priesters noch aus der Kirche heraus versendet haben. Und zwar an einen französischen IS-Terroristen in Syrien: Rachid Kassim.

Der aus Roanne stammende ehemalige Sozialarbeiter war 2015 mit seiner zum Islam konvertierten Ehefrau und der dreijährigen Tochter nach Syrien ausgewandert. Dort schloss sich der Extremist der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) an. Europäische Sicherheitsbehörden sehen in Kassim inzwischen einen der führenden Anwerber von Terrorrekruten.

Der 29-jährige IS-Terrorist soll mit zahlreichen Terrorverdächtigen und Attentätern in Verbindung gestanden haben. Kassim radikalisierte wohl vor allem junge Franzosen und Belgier per Internet-Chat und soll diese sogar bei ihren Verbrechen angeleitet haben. Sozusagen per Fernsteuerung.

Französische Behörden gelang es in den vergangenen Monaten, auch mit Hilfe des in Saint-Étienne-du-Rouvray gefundenen Handys des Priester-Mörders, die Telegram-Aktivitäten von Kassim weiter aufzuklären. So soll Kassim nicht nur den Telegram-Kanal „Sabre de Lumière“ betrieben haben, in dem zeitweise mehr als 300 Nutzer aktiv waren. Er war wohl auch Administrator von weiteren, teilweise geheimen, Gruppenchats. In einem dieser Chats kommunizierte Kassim wohl hauptsächlich mit Frauen und Mädchen, darunter auch jenen Terrorverdächtigen, die einen Autobomben-Anschlag auf Notre Dame in Paris geplant hatten.

Dem Terrorismus-Forscher Amarnath Amarasingam gab Rachid Kassim, der dschihadistische Rekruteur, vor kurzem per Chat ein Interview. Es sind seltene Einblicke in die Gedankenwelt eines europäischen IS-Terroristen. Erschienen ist das Interview auf dem Fachblog Jihadology:

http://jihadology.net/2016/11/18/guest-post-an-interview-with-rachid-kassim-jihadist-orchestrating-attacks-in-france/

IS-Magazin „Rumiyah“: Töten als Pflicht

von Florian Flade

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Stephen Leyland sagt, er habe keine Angst. Etwas beunruhigt sei er allerdings schon, gibt der 64-jährige Brite zu. Immerhin tauchte ein Foto von ihm vor kurzem in einem neuen Propagandamagazin der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) auf. Es dient als Illustration eines Artikels mit dem Titel: „Das Blut des Kafirs (Ungläubigen) ist halal für euch. So vergießt es“. Leyland ist ein einfacher Blumenhändler aus der Grafschaft Cheshire, der auf Wochenmärkten seine Ware anbietet. Der IS präsentiert ihn als ein legitimes Anschlagsziel – als Paradebeispiel für die Willkürlichkeit der Opfer-Auswahl.

Das neue IS-Onlinemagazin, in dem zum Mord am britischen Blumenhändler aufgerufen wird, heißt „Rumiyah“. Der Name beruht auf der der arabischen Bezeichnung für Rom und steht sinnbildlich für den Untergang des Römischen Reiches nach dem Fall von Konstantinopel. Seit September sind bereits zwei Ausgaben des Magazins erschienen – jeweils verbreitet über Download-Links in den Social-Media-Kanälen des IS.

Das Heft ist nicht die erste Propaganda-Publikation des IS – und dennoch ist „Rumiyah“ etwas besonderes. Bislang produzierten die IS-Medienabteilungen ihre digitalen Blätter vorrangig für eine bestimmte linguistische Zielgruppe. „Dabiq“ erschien zunächst in englischer Sprache, wurde dann unter anderem auch ins Russische oder Deutsche übersetzt. Hinzu kommen das französischsprachige „Dar al-Islam“, das russischsprachige Magazin „Istok“, das türkischsprachige „Konstantiniyye“ und der arabische Newsletter „An-Naba“.

„Rumiyah“ – veröffentlicht von der Al-Hayat Medienstelle, die sich auf multilinguale Veröffentlichungen spezialisiert ist – erscheint gleich in mehreren Sprachen: Englisch, Deutsch, Französisch, Russisch, Türkisch, Uigurisch, Paschtu und Indonesisch. Und nicht nur das. Die jeweilige „Rumiyah“-Ausgaben unterscheiden sich nicht nur in der Sprache, sondern auch in Textgestaltung, Illustration sowie Inhalt und Umfang. 

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Etwa finden sich in den bislang erschienen Ausgaben die Kurzbiografien von unterschiedlichen „Märtyrer“ des IS. In der aktuellen Ausgabe in deutscher Sprache wird die Geschichte des getöteten Dschihadisten Nader H. alias „Abu Bilal al-Maghribi“ aus Frankfurt am Main („Die Karawane der Schuhada“) erzählt. In der englischen Ausgabe wird hingegen jenes IS-Terrorkommando („The Shuhada of the Gulshan Attack“) erwähnt, das im Juli Anschlägen in Bangladesch verübt hatte. Darunter der in Kanada geborene Dschihadist Tamim Ahmed Chowdhury.

Das englische „Rumiyah“ beginnt außerdem mit einem Vorwort über die Situation der Dschihadisten in Ostafrika („A Message from East Africa“), während sich in der französischen („Avant-Propos – Tuez les Associateurs où Que Vous les Trouviez“) und in der deutschen Ausgabe („So tötete die Muschrikin, wo auch immer ihr sie findet!“) an dieser Stelle ein direkter Aufruf zum Mord an sogenannten „Abtrünnigen“ finden.

Auffällig bei „Rumiyah“ ist zudem der inhaltliche Unterschied zum IS-Magazin „Dabiq“, das bislang in 15 Ausgaben erschien und augenscheinlich mit einem wesentlich höheren Aufwand erstellt wurde – und einen anderen Ansatz verfolgte. In „Dabiq“ geht es vorrangig darum, die Utopie des Islamischen Staates möglichst umfassend, detailliert, in unterschiedlichen Facetten darzustellen. Die Bandbreite der Artikel reicht von ideologischen und theologischen Fragen, über das alltägliche Leben im IS-Gebiet und nachrichtlichen Berichten über aktuelle Kriegshandlungen bis zur Erläuterung der IS-Rechtsprechung.

Anders sieht es bei „Rumiyah“ aus. Auf gerade einmal der Hälfte oder sogar nur einem Drittel der Länge von „Dabiq“ geht es vernehmlich um ein Thema: Töten von Nicht-Muslimen im Westen. In seitenlangen Essays erläutern die IS-Dschihadisten, weshalb der Hass auf die „Ungläubigen“, die „Abtrünnigen“ und „Götzendiener“ angeblich von Allah befohlen sei und darauf auch brutalste Taten folgen müssten – auch gegen Zivilisten in Europa und Nordamerika. Vermittelt wird dabei eine geradezu wahnhafte Verpflichtung und Legitimation zum Morden. Begleitet von Beschreibungen über die Vorzüge des Märtyrertodes.

Hinzu kommen Durchhalteparolen an die IS-Anhängerschaft. Ein Propagandamittel um die bereits stattfindenden und noch bevorstehenden Verlusten und Rückschlägen der Terrororganisation herunterzuspielen.  Beispielsweise heißt es in der deutschen „Rumiyah“-Ausgabe unter der Überschrift „Verkünde den Geduldigen: Allahs Sieg ist nahe!“: „Wahrlich, wir nehmen den Geruch unserer gesegneten Chilafah (Kalifat) wahr, wie sie sich im Osten und Westen der Erde ausbreitet, auch wenn manche uns bezichtigen Unsinn zu reden. So gilt es schöne Geduld zu üben und Allah ist derjenige, bei Dem die Hilfe zu suchen ist.“

Was ist die Intention von „Rumiyah“?

Die IS-Anhänger im Westen werden gezielt in ihrer jeweiligen Muttersprache angesprochen und zu Gewalttaten animiert. Anders als bei „Dabiq“ geht es nicht mehr um die Auswanderung in das IS-Territorium, und es geht auch nicht darum, den Aufbau des IS-Staatswesens zu vermitteln. Es geht nur noch um die Indoktrinierung und Verhaltensschulung von zukünftigen Attentätern. Mit der unmissverständlichen Botschaften: Das (möglichst grausame und wahllose) Töten von Nicht-Muslimen sei eine religiöse Pflicht.

Sicherlich nicht zufällig ist auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe von „Rumiyah“ ein bis dato unbekanntes Foto des IS-Propagandachefs Taha Sobhi Falaha alias „Abu Mohammed al-Adnani“ zu sehen. Der IS-Ideologe prägte eine fast schon anarchistische Strategie des führerlosen Dschihad im Westen, bei der die Opferauswahl beliebig und die Wahl der Mittel völlig frei ist. Al-Adnani kam am 30. August 2016 wohl bei einem US-Luftangriff unweit von Aleppo ums Leben. Nur wenige Tage später erschien erstmals „Rumiyah“. Das Magazin wirkt wie eine verschriftliche Form der Adnani-Doktrin. 

Fraglich ist weiterhin, ob das neue Online-Magazin des IS eine Ergänzung zu „Dabiq“ darstellt, oder eben jenes ersetzen soll. Die letzte „Dabiq“-Ausgabe erschien am 31. Juli 2016.  

Was ist die Amaq Agentur?

von Florian Flade

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Das Video kam nicht überraschend. Es war geradezu erwartbar. Zwei junge Männer sitzen in einem Raum, einer trägt eine Flecktarn-Jacke, der andere eine Gebetsmütze, darüber ein Tuch. In einem Bilderrahmen ist die Flagge der Terrororganisation IS zu sehen. Neben dem üblichen Logo die arabische Ergänzung „min fransa“ – „in Frankreich“. Die Männer blicken ernst in die Kamera, sie sprechen arabische Gebete leisten den Treueeid auf den IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi.

Am Dienstagmorgen stürmte das Duo in der nordfranzösischen Kleinstadt Saint-Etienne-du-Rouvray mit Messern und Sprengstoffattrappen bewaffnet während des Gottesdienstes eine Kirche. Dem katholischen Priester Jacques Hamel schnitten sie die Kehle durch, zwei weitere Geiseln, darunter eine Nonne, verletzten die beiden Islamisten schwer.

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Nach nur wenigen Stunden war klar: Der brutale Mord in der Normandie wurde von zwei Sympathisanten des IS verübt. Eine Bestätigung dafür kam über das Chatprogramm Telegram. Dort tauchte noch am Abend ein arabischsprachiges Schreiben auf, in dem die beiden Attentäter als „Soldaten des Islamischen Staates“ bezeichnet wurden. Es stammt – wie bereits schon bei den Terroranschlägen von Nizza, Würzburg und zuletzt in Ansbach – von der „Amaq Agentur“. Auch auf dem kurzen Video, in dem die beiden Kirchen-Attentäter zu sehen sind, prangt oben rechts in der Ecke das Amaq-Logo in arabischer Kalligrafie.

Was hat es mit der mysteriösen Nachrichtenagentur auf sich? Was ist die Amaq Agentur? Und in welcher Beziehung steht sie zur Terrorgruppe IS?

Amaq (عمق) ist Arabisch und heisst  übersetzt „Tiefe“ oder auch „Tiefgründigkeit“. In den vergangenen Monaten hat sich Amaq zur favorisierten Propaganda-Abteilung der IS-Dschihadisten entwickelt. Über eine eigene Webseite und über zahlreiche Vertriebskanäle bei Telegram und Twitter werden Eilmeldungen, Fotos oder Videos veröffentlicht. Und das gleich in mehreren Sprachen, darunter Arabisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch. Es geht dabei vor allem um den Kriegsalltag in Syrien und dem Irak. Aber auch vermehrt um Terroranschläge von IS-Anhängern im Westen.

Seit Wochen wiederholt sich der virtuelle Ablauf. Erst gibt es einen Anschlag, am Strand von Nizza, in einem Zug bei Würzburg, vor einer Bar im fränkischen Ansbach oder in einer Kirche in der Normandie, dann folgt, oft nur Stunden später, die vermeintliche Exklusiv-Nachricht: Der oder die Attentäter, so verkündet Amaq Agentur im Netz auf wenigen Zeilen stolz, handelten im Namen des IS.

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Amaq-Meldung zum Terroranschlag von Nizza

Inhaltlich sind diese de-facto Bekennerschreiben der Terrororganisation IS nahezu identisch. Selbst im Wortlaut. Stets heißt es „Insiderquellen bestätigen gegenüber Amaq Agentur…“. Dann wird, knapp und ohne Details oder gar Täterwissen, die Tat beschrieben. Meist mit Nennung der Opferzahlen. Am Ende folgt die vermeintliche Begründung für das Attentat: Rache für die Beteiligung der jeweiligen Nation am Kampf gegen den IS in Syrien und dem Irak.

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Die Terroristen selbst werden von Amaq durchaus unterschiedlich bezeichnet. Mal heißt es, wie im Fall des Attentats im kalifornischen San Bernardino im Dezember 2015, die Tat sei das Werk von „Unterstützern“ des IS. In anderen Fällen, etwa beim Lastwagen-Anschlag des Tunesiers Mohamed Bouhlel in Nizza oder bei Riaz Khan Ahmadzai, dem Axt-Attentäter in Bayern, spricht Amaq von einem „der Soldaten“ des IS.

Sowohl sprachlich als auch durch den spärlichen Inhalt will Amaq Agentur offenbar den Eindruck der Distanz zur Terrororganisation erwecken. Es soll das Bild vermittelt werden: Wir berichten zwar exklusiv über den IS, aber wir sind nicht der IS. Keine offizielle Medienstelle also, sondern quasi eine Nachrichtenagentur mit ungeahnten Zugängen im Terrorkalifat?

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Ein solcher Eindruck dürfte wohl Teil der Propagandamasche sein. Tatsächlich sind die Veröffentlichungen von Amaq Agentur auf den ersten Blick weniger spektakulär aufgemacht als die übliche IS-Propaganda. Die Kurznachrichten und die Videos kommen ohne aufwendiges Design oder Bearbeitung aus. Oft wirkt es so, als würde Amaq lediglich Rohmaterial zur Verfügung stellen.

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Ohne Kommentar, meistens sogar ohne musikalische Untermalung, zeigt Amaq auch nicht nur Terrorakte und Kampfszenen von der Front im Irak, Syrien oder Libyen. Auch Videos, die angeblich nach der Bombardierung von Wohngebieten durch die Anti-IS-Koalition aufgenommen wurden, veröffentlicht die Dschihadisten-Agentur. Aufnahmen von zerstörten Häusern, von brennenden Autos, von Zivilisten, Kindern, die in Krankenhäusern behandelt werden oder gar tot unter den Trümmern liegen. Oder auch Aufnahmen von abgeschossenen Flugzeugen und Drohnen.

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Und auch andere Ereignisse aus dem IS-Herrschaftsgebiet, abseits von Krieg und Kamopf, sendet Amaq über soziale Netzwerke in alle Welt. Beispielsweise Aufnahmen von Koran- und Hadith-Wettbewerben, bei denen Muslime dafür belohnt werden, dass sie Aussagen des Propheten oder Koranverse auswendig lernen und vortragen.

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Bei Amaq Agentur handelt es sich dennoch nicht um ein vom IS unabhängiges Nachrichtenmedium mit schlichtweg exklusiven Zugängen. Auch wenn nicht ganz klar ist, wer dahinter steckt, geht man in Sicherheitskreisen davon aus, dass Amaq nur ein weiterer IS-Propaganda-Kanal ist, der mit weniger großem Aufwand bezüglich Bild- und Videobearbeitung betrieben wird. Zwischenzeitlich bewarben die Dschihadisten sogar eine Smartphone-App von Amaq Agentur. Damit sollen die Terrornachrichten direkt auf Handy geliefert werden. Das IS-Kalifat im Liveticker sozusagen.