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Was ist die Amaq Agentur?

von Florian Flade

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Das Video kam nicht überraschend. Es war geradezu erwartbar. Zwei junge Männer sitzen in einem Raum, einer trägt eine Flecktarn-Jacke, der andere eine Gebetsmütze, darüber ein Tuch. In einem Bilderrahmen ist die Flagge der Terrororganisation IS zu sehen. Neben dem üblichen Logo die arabische Ergänzung „min fransa“ – „in Frankreich“. Die Männer blicken ernst in die Kamera, sie sprechen arabische Gebete leisten den Treueeid auf den IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi.

Am Dienstagmorgen stürmte das Duo in der nordfranzösischen Kleinstadt Saint-Etienne-du-Rouvray mit Messern und Sprengstoffattrappen bewaffnet während des Gottesdienstes eine Kirche. Dem katholischen Priester Jacques Hamel schnitten sie die Kehle durch, zwei weitere Geiseln, darunter eine Nonne, verletzten die beiden Islamisten schwer.

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Nach nur wenigen Stunden war klar: Der brutale Mord in der Normandie wurde von zwei Sympathisanten des IS verübt. Eine Bestätigung dafür kam über das Chatprogramm Telegram. Dort tauchte noch am Abend ein arabischsprachiges Schreiben auf, in dem die beiden Attentäter als „Soldaten des Islamischen Staates“ bezeichnet wurden. Es stammt – wie bereits schon bei den Terroranschlägen von Nizza, Würzburg und zuletzt in Ansbach – von der „Amaq Agentur“. Auch auf dem kurzen Video, in dem die beiden Kirchen-Attentäter zu sehen sind, prangt oben rechts in der Ecke das Amaq-Logo in arabischer Kalligrafie.

Was hat es mit der mysteriösen Nachrichtenagentur auf sich? Was ist die Amaq Agentur? Und in welcher Beziehung steht sie zur Terrorgruppe IS?

Amaq (عمق) ist Arabisch und heisst  übersetzt „Tiefe“ oder auch „Tiefgründigkeit“. In den vergangenen Monaten hat sich Amaq zur favorisierten Propaganda-Abteilung der IS-Dschihadisten entwickelt. Über eine eigene Webseite und über zahlreiche Vertriebskanäle bei Telegram und Twitter werden Eilmeldungen, Fotos oder Videos veröffentlicht. Und das gleich in mehreren Sprachen, darunter Arabisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch. Es geht dabei vor allem um den Kriegsalltag in Syrien und dem Irak. Aber auch vermehrt um Terroranschläge von IS-Anhängern im Westen.

Seit Wochen wiederholt sich der virtuelle Ablauf. Erst gibt es einen Anschlag, am Strand von Nizza, in einem Zug bei Würzburg, vor einer Bar im fränkischen Ansbach oder in einer Kirche in der Normandie, dann folgt, oft nur Stunden später, die vermeintliche Exklusiv-Nachricht: Der oder die Attentäter, so verkündet Amaq Agentur im Netz auf wenigen Zeilen stolz, handelten im Namen des IS.

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Amaq-Meldung zum Terroranschlag von Nizza

Inhaltlich sind diese de-facto Bekennerschreiben der Terrororganisation IS nahezu identisch. Selbst im Wortlaut. Stets heißt es „Insiderquellen bestätigen gegenüber Amaq Agentur…“. Dann wird, knapp und ohne Details oder gar Täterwissen, die Tat beschrieben. Meist mit Nennung der Opferzahlen. Am Ende folgt die vermeintliche Begründung für das Attentat: Rache für die Beteiligung der jeweiligen Nation am Kampf gegen den IS in Syrien und dem Irak.

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Die Terroristen selbst werden von Amaq durchaus unterschiedlich bezeichnet. Mal heißt es, wie im Fall des Attentats im kalifornischen San Bernardino im Dezember 2015, die Tat sei das Werk von „Unterstützern“ des IS. In anderen Fällen, etwa beim Lastwagen-Anschlag des Tunesiers Mohamed Bouhlel in Nizza oder bei Riaz Khan Ahmadzai, dem Axt-Attentäter in Bayern, spricht Amaq von einem „der Soldaten“ des IS.

Sowohl sprachlich als auch durch den spärlichen Inhalt will Amaq Agentur offenbar den Eindruck der Distanz zur Terrororganisation erwecken. Es soll das Bild vermittelt werden: Wir berichten zwar exklusiv über den IS, aber wir sind nicht der IS. Keine offizielle Medienstelle also, sondern quasi eine Nachrichtenagentur mit ungeahnten Zugängen im Terrorkalifat?

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Ein solcher Eindruck dürfte wohl Teil der Propagandamasche sein. Tatsächlich sind die Veröffentlichungen von Amaq Agentur auf den ersten Blick weniger spektakulär aufgemacht als die übliche IS-Propaganda. Die Kurznachrichten und die Videos kommen ohne aufwendiges Design oder Bearbeitung aus. Oft wirkt es so, als würde Amaq lediglich Rohmaterial zur Verfügung stellen.

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Ohne Kommentar, meistens sogar ohne musikalische Untermalung, zeigt Amaq auch nicht nur Terrorakte und Kampfszenen von der Front im Irak, Syrien oder Libyen. Auch Videos, die angeblich nach der Bombardierung von Wohngebieten durch die Anti-IS-Koalition aufgenommen wurden, veröffentlicht die Dschihadisten-Agentur. Aufnahmen von zerstörten Häusern, von brennenden Autos, von Zivilisten, Kindern, die in Krankenhäusern behandelt werden oder gar tot unter den Trümmern liegen. Oder auch Aufnahmen von abgeschossenen Flugzeugen und Drohnen.

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Und auch andere Ereignisse aus dem IS-Herrschaftsgebiet, abseits von Krieg und Kamopf, sendet Amaq über soziale Netzwerke in alle Welt. Beispielsweise Aufnahmen von Koran- und Hadith-Wettbewerben, bei denen Muslime dafür belohnt werden, dass sie Aussagen des Propheten oder Koranverse auswendig lernen und vortragen.

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Bei Amaq Agentur handelt es sich dennoch nicht um ein vom IS unabhängiges Nachrichtenmedium mit schlichtweg exklusiven Zugängen. Auch wenn nicht ganz klar ist, wer dahinter steckt, geht man in Sicherheitskreisen davon aus, dass Amaq nur ein weiterer IS-Propaganda-Kanal ist, der mit weniger großem Aufwand bezüglich Bild- und Videobearbeitung betrieben wird. Zwischenzeitlich bewarben die Dschihadisten sogar eine Smartphone-App von Amaq Agentur. Damit sollen die Terrornachrichten direkt auf Handy geliefert werden. Das IS-Kalifat im Liveticker sozusagen.

 

Dschihad-Rückkehrer Teil 8 – „Bin im Kalifat“

von Florian Flade

Ein Schüler aus Baden-Württemberg reist zum „Islamischen Staat“ nach Syrien. Bald ist er frustriert und hat genug vom Dschihad. Bei seiner Rückreise gerät er in die Gefangenschaft kurdischer Milizen. Inzwischen ist er wieder in Deutschland.

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Symbolfoto: IS-Kämpfer

Auf den ersten Blick sind es nur Zahlen. 800 Ausreisen, 130 Tote, ein Drittel Rückkehrer. Islamisten die von Deutschland aus in den vergangenen Jahren nach Syrien und in den Irak gezogen sind. Männer und Frauen, Jugendliche, Kinder, manche erst 14 Jahre alt. Einige gingen alleine, andere nahmen ihre Geschwister, ihre Ehefrauen oder die eigenen Kinder mit. Für die Polizei und für den Verfassungsschutz sind die Syrien-Reisenden potenzielle Terroristen. Sie sehen in der Rückkehr der Dschihadisten eine Gefahr für die innere Sicherheit der Bundesrepublik.

Oft aber steht hinter jedem einzelnen Fall ein geradezu traumatischer Schicksalsschlag für Familie und Bekannte. Zahlreiche Eltern sind völlig überrascht, wenn das eigene Kind urplötzlich in ein Flugzeug steigt und in den syrischen Bürgerkrieg zieht. Und nicht wenige ergreifen eigenständig die Initiative und wollen den Sohn oder die Tochter zurückholen. So wie Familie W. aus Waldshut-Tiengen im südlichen Baden-Württemberg.

Am 17. August 2015, einem Montag, durchsuchte das Landeskriminalamt (LKA) die Wohnung von Familie W.. Die Beamten fanden dabei einen Zettel.  „Samy W.“, stand darauf, dazu Daten und auch Uhrzeiten. Das Papier dokumentiert die Kontaktaufnahme zwischen den Eltern in der baden-württembergischen Provinz und ihrem Sohn, der sich nach Syrien aufgemacht hatte. 

Samy war 18 Jahre alt, stand kurz vor dem Abitur, als er verschwand. Das war am 01. März 2015. Da stieg der Gymnasiast in Frankfurt am Main in ein Flugzeug und flog nach Bulgarien. Von dort aus reiste er wohl per Bus in die Türkei und anschließend über die Grenze nach Syrien. Über Twitter soll Samy kurz zuvor einen Dschihadisten kennengelernt haben, der ihm Ratschläge für seine Reise gab.

Nur einen Tag später meldete sich Samy per Skype bei seinen Eltern in Deutschland. Diese dokumentierten die Kontaktaufnahme mit ihrem Sohn. Auf jenem Zettel, den das LKA fand, notierten sie am 02. März 2015: „Meldung Samy: Bin in Kalifat“.

Samy W. war über die türkisch-syrische Grenze gereist. In ein Ausbildungslager der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS). Rund drei Wochen trainierten die Terroristen den 18-jährigen Baden-Württemberger an Schusswaffen. Dann brachten sie ihn nach Raqqa, in die inoffizielle Hauptstadt des IS.

Zu dieser Zeit tobten die Kämpfe in der syrischen Grenzstadt Kobane. IS-Dschihadisten lieferten sich heftige Gefechte mit kurdischen Milizen, die von der US-Luftwaffe unterstützt wurden. Der IS erlitt dabei massive Verluste und musste für einen stetigen Nachschub an Waffen und Kämpfern sorgen. Auch der Neuankömmling Samy W. sollte in Kobane eingesetzt werden. Doch der Baden-Württemberger zögerte. „Samy möchte Gruppe wechseln“, notierten seine Eltern nach einem weiteren Skype-Kontakt, „wegen Sprachproblemen.“

Der IS verlegte Samy W. Anfang Mai 2015 schließlich in eine Einheit, die speziell für englischsprachige Dschihadisten aus Europa und Nordamerika eingerichtet worden war. Die sogenannte „Anwar al-Awlaki Brigade“, deren schwedischer Kommandeur vor kurzem bei einem US-Luftangriff ums Leben kam. Fortan konnte der 18-jährige Samy mutmaßlich keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern aufnehmen. Er sei in einem Trainingslager „ohne Außenverbindungs-Möglichkeit“, hielten die Eltern in ihren Notizen fest.

Nach Erkenntnissen der Ermittler wuchs zu dieser Zeit bei Samy der Unmut über die Situation beim IS. Hinzu kam eine Erkrankung der Mutter, die ihm wohl zusätzlich zusetze. Der Islamist soll daher versucht haben per Anhalter aus Raqqa zu flüchten. Doch die Aktion misslang, Samy soll zwei Wochen in Haft gekommen sein.

Seine Eltern versuchten wohl zu dieser Zeit von der Türkei aus einen Schleuser für ihren Sohn zu organisieren. Anfang Juli 2015 kam Samy tatsächlich in der umkämpften Stadt Kobane mit zwei Männern in Kontakt, die ihn schließlich an die kurdischen Volksbefreiungseinheiten YPG übergaben. Die YPG-Milizionäre sollen den deutschen IS-Dschihadisten zunächst eingekerkert haben. Zehn Tage sei er in einem Erdloch ohne Licht oder Fenster festgehalten worden, teilte Samys Verteidiger der Bundesanwaltschaft mit. Oft hätten ihn die kurdischen Kämpfer stundenlang verhört, ihm dabei die Augen verbunden und ins Gesicht geschlagen.

Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) haben das Verhörprotokoll der YPG eingesehen. Der deutsche Auslandsgeheimdienst erhielt zudem von den kurdischen Milizen noch weitere Beweisstücke: einen Tablet-Computer, auf dem drei Fotos gespeichert waren. Sie sollen Samy W. mit Tarnkleidung und Schusswaffe in Syrien zeigen. Außerdem bekam der BND einen IS-Personalausweis von Samy W. ausgehändigt, auf dem der Kampfname „Abu Ismail“, sowie die Funktion des Deutschen vermerkt ist: „Mudschahid“ (Kämpfer).

Am 29. Juli 2015 schließlich übergaben die YPG-Kämpfer Samy W. über Mittelsmänner in der türkischen Grenzstadt Gaziantep seinen Eltern. Kurz darauf nahmen ihn türkische Sicherheitskräften fest. Es dauerte Monate bis Samy W. nach Deutschland zurückkehrte. Erst am 09. Oktober 2015 brachte ihn ein Flugzeug nach Stuttgart, wo ihn noch am Flughafen die Beamten des LKA Baden-Württemberg in Gewahrsam nahmen.

Seitdem wartet Samy W. auf seinen Prozess wegen Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Er befindet sich mittlerweile nicht mehr in Untersuchungshaft. Gegen Auflagen darf er wieder bei seinen Eltern wohnen. Seinen Reisepass und seinen Personalausweis musste er bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hinterlegen. Außerdem muss sich der Syrien-Rückkehrer seit Anfang Dezember drei Mal wöchentlich bei der Polizei melden.

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Dschihad-Rückkehrer Teil 1 – “Du Blödmann!”

Dschihad-Rückkehrer Teil 2 – Auf Shoppingtour

Dschihad-Rückkehrer Teil 3 – “Etwas erledigen”

Dschihad-Rückkehrer Teil 4 – Kämpfer im Sturm

Dschihad-Rückkehrer Teil 5 – Liebe im “Heiligen Krieg”

Dschihad-Rückkehrer Teil 6 – Der Jäger

Dschihad-Rückkehrer Teil 7 – Die Herforder Clique

 

Öl, Geiseln und Antiquitäten

von Florian Flade

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Acht Millionen Menschen in Syrien und dem Irak leben unter der Herrschaft der Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS). Innerhalb einer Jahres haben die Dschihadisten ihr Einflussgebiet massiv ausgeweitet und dabei Großstädte, Militärbasen, Banken und Öl-Felder erobert. Entstanden ist ein bislang beispielloser Terror-Staat.

Peter Taylor, Terrorismus-Experte der BBC, geht in der neuen, sehenswerten Dokumentation „The World´s Richest Terror Army“ der Frage nach, wie sich der IS finanziert und weshalb es den Islamisten gelang ein derart großes Territorium an sich zu reißen.

Der Film, in dem sowohl britische, amerikanische und irakische Geheimdienstler, Militärs und Terrorismus-Experten als auch IS-Anhänger zu Wort kommen, beleuchtet ein vielschichtiges Finanzsystem, gespeist durch Steuerabgaben, Öl-Schmuggel, Geiselnahmen, dem Handel mit antiker Kunst und staatlichen Gehältern, die lange Zeit im IS-Gebiet immer noch an irakische Beamte ausgezahlt wurden.

Sehen Sie die Dokumenation von Peter Taylor hier:

http://www.bbc.co.uk/iplayer/episode/b05s4ytp/this-world-worlds-richest-terror-army