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„Bellende Hunde“

von Florian Flade

Am Morgen zogen Polizeibeamte in Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Belgien gegen mutmaßliche Islamisten zu Felde. Zwei tunesische Studenten spielten wohl mit dem Gedanken, ferngesteuerte Modellflugzeuge als Waffen für Terroranschläge zu nutzen. Planten sie den Dschihad mit Drohnen?

pic_7509Ein Modellflugzeug mit dem ein Islamist in den USA plante Anschläge zu begehen

Es waren einmal zwei Tunesier. Sie studierten „Luft- und Raumfahrttechnik“ an der Universität Stuttgart. Galten als fleißige, ambitionierte Studenten. Dann interessierte sich der baden-württembergische Verfassungsschutz plötzlich für sie. Dem Nachrichtendienst fiel die Kommunikation der beiden Männer im Internet auf. Über das arabischsprachige Internetforum „Al-Jahad“ ließen sich die mutmaßlichen Islamisten „inspirieren“, heißt es aus Ermittlerkreisen. Dort sahen sie sich wohl dschihadistische Propaganda-Schriften an und veröffentlichten selbst Beiträge.

Als radikale Islamisten waren die Tunesier bislang nicht in Erscheinung getreten. Ob sie überzeugte Salafisten waren, ist bis heute nicht ganz klar. „Ansalafisiert“ seien sie wohl gewesen. Verkehrten allerdings nicht in den einschlägigen Moschee-Gemeinden.

Waren die Verfassungsschützer aber vielleicht doch auf eine Terrorzelle gestoßen?

Das tunesische Duo Mohammed H. und Zeid B. stand seit dem Frühjahr 2012 unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden. Anfangs waren der baden-württembergische Verfassungsschutz, das Landeskriminalamt unter Federführung der Staatsanwaltschaft Stuttgart und des Generalbundesanwalts zuständig. „Wir wollten wissen ob das nur Fantasien waren, oder ob konkret eine Gefahr bestand“, so ein beteiligter Ermittler.

Die Beobachtung der Studenten förderte jedoch widersprüchliche Informationen zu Tage. Sie erschienen zunächst als mögliche islamistische Terrorplaner, spielten offenbar mit dem Gedanken in den Dschihad nach Syrien zu ziehen. Dann aber verhielten sie sich wieder ruhiger. Von Seiten der Justiz sah man zunächst keine konkrete Gefährdung mehr. Der Fall wurde abgegeben an das Bundesamt für Verfassungsschutz, das die Stuttgarter Studenten weiter im Blick behielt.

Monat um Monat verging. „Mal ging es hoch, mal runter“, heißt es aus Ermittlerkreisen. Hoch ging es im Herbst 2012. Da informierte sich die „Zielpersonen“ im Netz über ferngesteuerte Modellflugzeuge und Drohnen. Offenbar dachten die beiden mutmaßlichen Extremisten darüber nach, diese mit Sprengstoff bestücken und als Waffe einsetzen. Fliegende, ferngesteuerte Bomben? Dschihad mit Drohnen? In Ermittlerkreisen war lange nicht klar, was man von den Phantasien der beiden Studenten halten sollte.

In den USA war im September 2011 der Physikstudent Rezwan Firdaws aus Massachusetts festgenommen worden. Er hatte ebenfalls den Plan, Modellflugzeuge zu Bomben umzubauen und damit Ziele in Washington D.C. anzugreifen. Und auch eine tschetschenische Terrorzelle in Spanien soll im vergangenen Jahr ähnliches geplant haben.

Wollten nun zwei Studenten der Luftfahrttechnik in Stuttgart ebenfalls ihr Glück als dschihadistische Drohnenpiloten versuchen? Viel trauten die LKA-Ermittler den beiden Verdächtigen offenbar nicht zu. „Quax“ nannten sie den Fall, nach dem Bruchpiloten aus dem Film mit Heinz Rühmann.

Beim Bundeskriminalamt (BKA) hingegen nahm man die Stuttgarter Terrorverdächtigen wohl ernster. In einer internen Sicherheitsanalyse warnte die Behörde im vergangenen Jahr vor der Nutzung von Drohnen durch Terroristen. Denkbar wären, so das BKA, Anschläge mit derartigen Modellflugzeugen „ein Verkehrsflugzeug oder einen Flughafen“ sowie „auf Ziele in bewohnten Gebieten, auf Menschenansammlungen und Gebäuden.“

Pläne dieser Art würden „im islamistischen Spektrum bereits thematisiert“. Gemeint war der Fall „Quax“. Über den informierte das LKA Baden-Württemberg Ende 2012 schließlich die Bundesanwaltschaft. In Karlsruhe übernahm man schließlich die Ermittlungen zu den tunesischen Studenten und deren Terror-Phantasien.

Wirklich konkret seien die Pläne der Männer nie geworden, ist aus Ermittlerkreisen zu hören. Deshalb gäbe es auch nur einen Anfangsverdacht. Dennoch entschieden sich Staatsanwaltschaft und Polizei zuzuschlagen.

Rund 90 Beamte durchsuchten gegen 4 Uhr heute Morgen insgesamt neun Objekte in Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Belgien. Sie beschlagnahmten Computer, Festplatten und Dokumente. Im Fokus der Razzien standen die beiden Tunesier und insgesamt vier mutmaßliche Kontaktpersonen. Festgenommen wurde allerdings niemand.

Man habe gehandelt um zu verhindern, dass die Verdächtigen die notwendigen Materialien für Terroranschläge beschaffen, heißt es aus Sicherheitskreisen. „Wir werten jetzt aus, um zu sehen, was die beiden vor hatten“, sagt ein Ermittler. „Ob sie ernsthaft Anschläge planten oder ob das alles nur Gerede war. Bellende Hunde beißen bekanntlich nicht.“

Bei der Aktion handele es sich um zwei getrennte Verfahren, betonten Ermittler heute im Gespräch. Zum einen ermittelt die Bundesanwaltschaft in Sachen Terrorverdacht. Zum anderen geht es um ein Verfahren gegen des Verdachts der Terrorfinanzierung und Geldwäsche der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Es gäbe vermutlich Schnittmengen bei den Personen, heißt es aus Sicherheitskreisen. In Belgien soll beispielsweise ein Bekannter der beiden Tunesier leben, der möglicherweise in Terrorfinanzierung verstrickt ist.

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Dschihad mit Drohnen?

von Florian Flade

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 Islamist Rezwan Firdaws im abgehörten Gespräch mit FBI-Undercover Agenten

Zwei Wochen ist es her, da sorgte ein Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof bundesweit für Schlagzeilen. Radikale Islamisten, so die Vermutung in Ermittlerkreisen, wollten mit einem Sprengsatz Marke Eigenbau ein Blutbad anrichten. Die Bombe ging zum Glück nicht hoch. Deutschland entging erneut einem islamistischen Terroranschlag.

Jetzt berichtet das Nachrichtenmagazin FOCUS von einem internen BKA-Papier in dem vor weiteren Anschlagsplanungen radikaler Islamisten gewarnt wird. In dem Dokument mit dem Hinweis „VS-Nur für den Dienstgebrauch“ geht es um die „terroristische Nutzung von Modellflugzeugen und Drohnen“ durch Personen aus der islamistische Szene.

Wie der FOCUS schreibt, würde der Einsatz von sprengstoffbestückten, ferngesteuerten Flugzeugen bereits innerhalb der Szene, insbesondere in Internetforen, diskutiert. Potenzielle Ziele könnten Flughäfen, aber auch bewohnte Gebiete, Menschenansammlungen und Gebäude sein.

In den USA verhaftete das FBI im September 2011 den 27-jährigen Physik-Studenten Rezwan Firdaws aus Massachusetts. Der US-Bürger mit bangladeschischen Wurzeln hatte geplant Modellflugzeuge vom Typ F-86 „Sabre“ und F-4 „Phantom“ mit C-4-Sprengstoff zu bestücken. Per Fernsteuerung wollte Firdaws die fliegenden Bomben dann ins Kapitol und das Pentagon in Washington D.C. steuern.

Deutsche Sicherheitsbehörden befürchten laut FOCUS, Islamisten in Deutschland ähnliches planen könnten.

Alles nur Panikmache? Jein.

Nein, weil ferngesteuerte Drohnen aus der Spielzeugabteilung und im professionellen Modellflugwesen immer günstiger und qualitativ besser werden. Wer das nötige Geld investiert, kann tatsächlich mit seinem Smartphone kleine Flugobjekte über Nachbars Garten steuern und alles per Kamera live verfolgen. Was vor Jahren nur dem Militär vorbehalten war, ist mittlerweile frei verfügbar.

Die Warnung vor den Terror-Drohne ist deshalb auch keine reine Panikmache, weil dem Bundeskriminalamt (BKA) tatsächlich Hinweise vorliegen, dass deutsche Dschihad-Extremisten über den Einsatz solcher Drohnenbomben als Waffe nachdenken. Zum Beispiel im Fall eines Maschinenbau-Studenten in Baden-Württemberg und eines Konvertiten in Bayern. Der eine soll sich intensiv über die Steuerung von Modellflugzeugen und Drohnen informiert haben. Der andere rief im Internet seine Glaubensbrüder auf, die Drohnen-Technologie für den Dschihad zu nutzen.

Dennoch ist die Warnung mit einer gesunden Nüchernheit zu betrachten. Wünsche gibt es viele in den Weiten der dschihadistischen Internetforen und in den Köpfen junger Fanatiker. Da wird fantasiert über Einsatz chemischer Waffen und tödlicher Viren, über das Vergiften von Trinkwasser bis hin zu Angriffen auf Atomkraftwerken.

Jede Naturkatastrophe, jeder Unfall größeren Ausmaßes wird in der islamistischen Szene zum Anlass genommen darüber zu philosophieren, wie eine vergeblichbare Aktion absichtlich herbeigeführt werden könnte. Seien es Waldbrände oder Erdbeben.

Es ist demnach nicht überraschend oder verwunderlich, dass Dschihadisten die Technologie der ferngesteuerten Kampfdrohnen für sich nutzen wollen. Der Wunsch ist Vater des Gedanken. Und dennoch ist fraglich ob eine solche Waffe in der Hand radikaler Islamisten überhaupt zum Einsatz kommen könnte. Eine fliegende Bombe zu konstruieren dürfte weitaus größeres Geschick und Können voraussetzen als eine Rohrbombe mit Wecker-Zeitzünder zu bauen.

Der Bonner Vorfall zeigt, dass selbst Bomben, die mit Hilfe von Al-Qaida-Bauanleitungen konstruiert wurden, häufig nicht funktionsfähig sind. Die Arbeit der Terrorzellen erweist sich nur allzu oft als stümperhaft. Selbst bei einfachsten Sprengsätzen.

Die Kölner Kofferbombe scheiterten an der eigenen Unfähigkeit. Im Fall der Bonner Bahnhofsbombe waren die Batterien zu schwach. Die „Sauerland-Gruppe“ besaß nie explosiven Sprengstoff, weil Ermittler im Zuge der Überwachungsarbeit die Chemikalien austauschen konnten. In Frankfurt sprengte sich ein junger Deutsch-Afghane Anfang 2011 beinahe selbst in die Luft als er in der Küche Sprengstoff kochen wollte. Die Düsseldorfer Al-Qaida-Zelle wurde entdeckt, noch bevor ausreichende Mengen Chemikalien für eine Bombe hergestellt werden konnten.