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Bombenbastler Keramat G. vor Gericht

von Florian Flade

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Sein Vater sei oft streng gewesen, erzählte Keramat G. am Montag vor dem Frankfurter Landgericht. Nie sei der Vater, der sein Geld mit einem Internet-Cafe und Mineralien-Handel verdient, zufrieden gewesen mit ihm. Keramat studierte Maschinen-Bau in Frankfurt. Und trotzdem habe der Vater, ein traditionsbewusster Afghane mit fünf Kindern, stets gesagt, aus ihm könne nichts werden. Als „Loser“ habe er sich gefühlt, so Keramat.

In ihm wuchs das Interesse für die spirituelle Seite des Lebens. Er habe sich zunehmend für die Religion interessiert, erinnerte sich der 26 Jahre alte Deutsch-Afghane zum Prozessauftakt. Islam, Sport und Kochen, das sei wichtig geworden für ihn. Und so stieß Keramat G. im Internet irgendwann auf radikal-islamische Inhalte. Auf Youtube-Videos, Internetforen und brisante Dokumente. Darunter auch eine Bombenbau-Anleitung der Al-Qaida.

Seit diesem Montag muss sich Keramat G. vor dem Frankfurter Landgericht verantworten. Er soll ein islamistischer Terrorist sein. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat vor.

Ich habe den Fall Keramat G. in einem Artikel in der „Welt“ im April 2012 beschrieben:

Die Gefahr der einsamen Wölfe

Was war passiert? Der Deutsch-Afghane Keramat G. wollte im Februar 2011 in seiner Studentenbude in Frankfurt-Höchst eine Bombe bauen. Im Internet hatte er das Al-Qaida-Magazin „Inspire“ entdeckt. Darin gab es die Schritt-für-Schritt Anleitung zum Bau einer Rohrbombe. Keramat besorgte sich all die nötigen Materialen – Aluminium-Rohre, Wecker, Lichterketten, Feuerwerkskörper und tausende Streichhölzer.

Die Streichhölzer rieb der Student ab. Zusammen mit Leuchtkugeln aus Feuerwerkskörpern wollte er das Pulver anschließend in einem Mixer zerkleinern. Ein Fehler. Das knapp 230 Gramm schwere Gemisch explodierte. Wie die Polizei später nachmessen konnte, hob sich durch die Explosion am 13.Februar 2011 sogar die Küchendecke um mehrere Zentimeter.

Keramat G. erlitt Schnittverletzungen und Verbrennungen. Er begab sich sofort in die Brandklinik in Offenbach. Der Traum vom Dschihad war wohl vorerst geplatzt.

Nachdem ein Passant in der Frankfurter Innenstadt beinahe zeitgleich einen USB-Stick fand, auf dem brisante Dokumente gespeichert waren, drohte Keramats Terrorplan aufzufliegen. Die Polizei konnte ihn als den Besitzer des USB-Sticks ausfindig machen und besuchte den verletzten Studenten im Krankenhaus.

Vier Stunden lang befragten ihn die Beamten des hessischen LKA am Krankenbett. Er sei frustriert und verärgert, wie Muslime in den Medien dargestellt würden, erzählte Keramat G. den Polizisten. Deshalb habe er sich entschieden eine Bombe zu basteln.

Die Beamten hatten demzufolge wohl einen radikalisierten Islamisten vor sich. Verhaftet wurde G. jedoch nicht. Und so gelang es dem Bombenbastler nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus aus Deutschland zu verschwinden. Keramat G. setzte sich nach Erkenntnissen der Ermittler nach Pakistan ab. Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet soll der Terrorverdächtige Familie habe. Ob er plante sich dort einer terroristischen Vereinigung anzuschließen, ist nicht klar. Der damalige Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm jedenfalls, schloss dies nicht aus.

Während seiner Abwesenheit liefen die Ermittlungen gegen Keramat G. an. Die Anklage gegen den Studenten wurde vorbereitet. Kurz vor Weihnachten 2012 reiste Keramat G. nach Deutschland ein und wurde prompt festgenommen. Die Staatsanwaltschaft erließ umgehend Anklage gegen ihn.

Mit drei Verteidigern an seiner Seite muss sich der Bombenbastler nun in Frankfurt verantworten. Die Aussagen gegenüber den LKA-Beamten am Krankenbett der Brandklinik, seien nur unter Druck zustande gekommen, so die Verteidigung. In Wahrheit habe Keramat G. lediglich ein „Tischfeuerwerk“ basteln wollen. Dabei sei der Unfall passiert. Noch heute zeugen Narben an den Händen von der Explosion.

 

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Bonner Salafisten-Angriff auf einen Studenten nur erfunden?

von Florian Flade

Vor knapp einer Woche berichtete ich von einem mutmaßlichen Angriff radikaler Islamisten auf einen indischen Studenten in Bonn am 24.Dezember 2012. Die Aussage des Opfers zur mutmaßlichen Tat galten laut Polizei als glaubwürdig.

Jetzt berichtet der „Express“ dass die Ermittler der Darstellung des Inders nicht mehr uneingeschränkt Glauben schenken. Nach ersten Untersuchungen sei entschieden worden, weitere medizinische Gutachten einzuholen, um auszuschließen dass sich das Opfer die Verletzungen womöglich selbst bei gebracht hat.

„Da wir nicht ausschließen können, dass sich der Sachverhalt anders dargestellt hat, werden wir ergänzende medizinische Stellungnahmen einholen“, sagt Oberstaatsanwalt Fred Apostel dem „Express“.

Das indische Opfer des angeblichen Salafisten-Angriffs ist inzwischen zurück in seiner Heimat. Die Ermittler suchen weiterhin nach den möglichen Tätern.

 

Hussams Tod

von Florian Flade

Jede Revolution hat ihre Ikone. In Syrien könnte sie ein 25-jähriger Medizinstudent werden. Hussam A. starb im Kampf gegen die Schergen Assads. Zuvor hatte er jahrelang in Deutschland gelebt und bei friedlichen Protestkundgebungen gegen das Regime von Damaskus demonstriert. Jetzt wird Hussam von Freunden und Mitstreitern als Märtyrer der syrischen Revolution verehrt.

Rückblende: Hussam A. kam vor vor Jahren zum Studium nach Deutschland. Der gebürtige Syrer stammt aus Aleppo, jener Stadt, die in diesen Tagen Schauplatz blutigster Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Oppositionskämpfern ist. Hussam schrieb sich an der Universität Greifwald ein und lebte fortan in einem Studentenwohnheim. Als in Syrien der Aufstand gegen das Regime von Baschar al-Assad begann, wuchs in Hussam der Wunsch, die Revolution in seinem Heimatland zu unterstützen.

Er rief eine Facebook-Gruppe ins Leben, um den Protest in Syrien zu unterstützen. Aus der Ferne wollte er teilhaben am Kampf des syrischen Volkes gegen den Diktator. Im März 2011 zog es Hussam schließlich in sein Heimatland. Um den Arabischen Frühling nach Syrien zu tragen, verteilte der Student in Aleppo Flugblätter gegen Assad. Sein Wunsch: die Revolution sollte seine Heimatstadt erreichen. Doch das Regime bekämpfte seine Gegner schon damals mit aller Härte. Hussam wurde 17.März 2011 verhaftet und landete in einem Folterkeller von Assads Milizen. Die Sicherheitskräften des Regimes hätten ihn 30 Tage lang festgehalten. Er sei verprügelt worden, geschlagen mit Kabeln und Stöcken, hätten Zigaretten auf seiner Haut ausgedrückt.

„Das hat nichts gebracht, dass sie meinen Körper gequält haben“ sagte Hussam dem ARD-Magazin „Weltspiegel“, damals noch anonym. Als seine Eltern ihn baten das Land zu verlassen, kehrte Hussam nach Deutschland zurück. Das Medizinstudium aber wurde augenscheinlich zur Nebensache. Hussam war nun ein begeisterter Aktivist einer Revolution, die in Syrien von Monat zu Monat wuchs. Er nahm an Protestkundgebungen in Berlin, Frankfurt und anderenorts teil, oft als Wortführer am Megafon.

„Wir demonstrieren immer noch. Wir bleiben auf diesem Weg, bis das Regime stürzt“, sagte Hussam am Rande einer Demonstration in Berlin im Juli 2011, „Wir wollen unsere Freiheit zurück haben! Bis das Regime stürzt bleiben wir auf der Straße, egal ob hier oder in Syrien!“

Irgendwann Ende 2011 entschloss sich Hussam nicht länger mit Plakaten und Sprechchören gegen den Machthaber von Damaskus ins Feld zu ziehen. In ihm wuchs offenbar die Frustration über die Zustände in seinem Heimatland. Das Regime versuchte mit immer brutalerer Härte den Aufstand des Volkes niederzuschlagen.

Hussam entschied, dass es nun Zeit war, zu handeln. Er kehrte nach Syrien zurück, heimlich, über die türkische Grenze. Seinen Eltern verriet er nichts von seiner Rückkehr. In Idlib schloss sich Hussam im Februar der „Freien Syrischen Armee“ an, der größten Rebellengruppe des Landes. Viele desertierte Soldaten gehören zu ihr, aber auch religiöse Fundamentalisten.

Am 22.Juli kam Hussam mit seinem Kampfgefährten nach Aleppo. In den Straßen der Stadt patrouillierte er fortan in Kämpfermontur, mit Flecktarn-Uniform und Sturmgewehr. Er trug gefallene Kameraden zu Grabe, hielt feurige Reden und rief die Stadt auf, sich gegen Assad zu erheben. Aus dem friedlich demonstrierenden Studenten war ein Aufständischer geworden.

In Aleppo tobten schon bald heftige Gefechte zwischen Regierungstruppen und Milizen auf der einen Seite, und den Rebellen auf der anderen Seite. Assad ließ die Stadt von Kampfhubschraubern beschießen, in den Straßen und Gassen lieferten sich Hussam und die anderen Gefechte mit den Soldaten des Diktators.

Es war in den frühen Morgenstunden des 31.Juli, einem Dienstag, als Hussam einen verletzten Kameraden aus der Schusslinie ziehen wollte. So berichten Kampfgefährten im Internet. Dabei traf den 25-jährigen die Kugel eines Scharfschützen in den Kopf. Hussam war sofort tot.

Wenige Tage später tauchten die ersten Meldungen über den Tod eines Studenten aus Deutschland in Aleppo auf. Bald schon Fotos kursierten in Internetforen und bei Facebook. Sie zeigten ganz unterschiedliche Bilder von Hussam A.. Mal beim Skiurlaub mit Freunden, mal lächelnd mit Winterjacke und Schal oder mit dem Palästinensertuch bei Demonstrationen in Berlin. Doch da waren auch die anderen Bilder. Auf ihnen ist ein anderer Hussam zu sehen. Mit Bart und Gebetsmütze. Mit Sturmgewehr und Patronengürtel.

Und dann gibt es noch die verstörenden Aufnahmen seiner Leiche, veröffentlicht unter anderem bei Youtube. „Er verließ Deutschland und ging nach Syrien, um sich der Freien Syrischen Armee anzuschließen“, sagt ein Mann, der den Kopf des getöteten Studenten in einem Video streichelt, „Er ging gegen den Willen seiner Familie, um für die Freiheit seines Landes zu kämpfen.“

Im Internet feiern die Revolutionäre den „Märtyrer Hussam A.“. Der Medizinstudent aus Deutschland wird zu einer Ikone des Widerstandes. In unzähligen Kommentaren heißt es „Allah möge ihm die höchsten Paradiesstufen geben!“ oder „Allah akzeptiere sein Märtyrertum“. Freunde und Sympathisanten änderten ihre Profilbilder bei Facebook. Sie zeigen jetzt Hussam den Märtyrer.