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Terrormiliz IS: Kann Wohnen ein Kriegsverbrechen sein?

Ein Spielplatz mit Schaukeln und Rutschen. Lachende Kinder toben umher. Auf den Märkten türmen sich Früchte, Brot und Fleisch. Das blühende Leben, es mangelt an nichts. Über der Stadt weht die schwarze Flagge. So stellte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) das Leben in den von ihr besetzten Gebieten in Syrien und dem Irak in zahlreichen Propagandavideos dar. Idyllischer Alltag im IS-Kalifat, ganz normales Leben abseits vom blutigen Kriegsgeschehen.

Solche Bilder zogen Islamisten aus der ganzen Welt an, darunter auch hunderte Extremisten aus Deutschland. Sie siedelten in den IS-Gebiete, wanderten aus, viele bekamen Häuser und Wohnungen zugewiesen – einige sogar prachtvolle Villen und Gehöfte. Die ursprünglichen Bewohner waren in der Regel vertrieben oder getötet worden. Für die Dschihadisten waren die Gebäude damit „ghanima“ – Kriegsbeute.

Bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe beschäftigt man sich bereits seit mehreren Jahren mit den diversen Verbrechen der Terrormiliz IS. Es gibt hunderte Verfahren gegen Dschihadisten, deren Helfer und Unterstützer. Meist geht es dabei um den Vorwurf der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. Aber auch um Strafen nach dem Völkerstrafrecht.

Die Juristen der Bundesanwaltschaft sind mittlerweile zur Überzeugung gelangt, dass nicht nur Gräueltaten wie Enthauptungen, Folter, das Schänden von Leichen oder die Versklavung von jesidischen Frauen zu ahnden sind. Schon die Wohnsituation vieler Dschihadisten in Syrien und dem Irak, so die Auffassung der Strafverfolger, könnte Kriegsverbrechen darstellen.

Schließlich hätten viele IS-Kämpfer und deren Frauen in Häusern gelebt, die durch Plünderungen erbeutet worden waren. Und Plünderungen sind gemäß § 9 Völkerstrafgesetzbuch (VStGB) eine schwere Straftat, die mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werden kann.

„Wer im Zusammenhang mit einem internationalen oder nichtinternationalen bewaffneten Konflikt plündert oder, ohne dass dies durch die Erfordernisse des bewaffneten Konflikts geboten ist, sonst in erheblichem Umfang völkerrechtswidrig Sachen der gegnerischen Partei, die der Gewalt der eigenen Partei unterliegen, zerstört, sich aneignet oder beschlagnahmt, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren bestraft.“ – § 9 Völkerstrafgesetzbuch (VStGB)

Kann demnach schon „Wohnen“ ein Kriegsverbrechen sein?

Die Bundesanwaltschaft sieht das so, und verweist in ihrer Argumentation auf die Urteile amerikanischer Militärstrafgerichtshöfe nach dem Zweiten Weltkrieg. Etwa gegen die Industriellen Friedrich Flick und Alfred Krupp zu Bohlen und Halbach, die in den von den Nazis besetzten Gebieten Fabriken betrieben hatten.

Flick war am 22. Dezember 1947 im fünften Nürnberger Prozess zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht, bestehend aus vier amerikanischen Richtern, sah es als erwiesen an, dass der Konzernchef von den Plünderungen und Enteignungen („Arisierungen“) durch die Wehrmacht profitiert hatte. Der Chefankläger nannte die Schwerindustrie das „Herz und Kernstück von Deutschlands Macht“.

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wiederum wurde im Juli 1948 im sogenannten „Krupp-Prozess“ zu zwölf Jahren Gefängnis und der Einziehung seines gesamten Vermögens verurteilt. Einer der Anklagepunkte lautete: Plünderung. Die Firma Krupp hatte erheblich vom Angriffskrieg der Wehrmacht und der SS sowie Enteignungen profitiert, in den Produktionsanlagen des Unternehmens waren zudem tausende Zwangsarbeiter, darunter KZ-Häftlinge beschäftigt gewesen.

Für die Ankläger in Karlsruhe sind diese Verbrechen juristisch offenbar vergleichbar mit der Situation in den IS-Gebieten in Syrien und dem Irak. Auch dort fanden Raubzüge statt, bei denen Städte erobert und die Bevölkerung vertrieben, teilweise ermordet oder versklavt wurde. Die Terroristen übernahmen in Städten wie Raqqa, Aleppo, Manbij, Deir ez-Zour, Mossul, Tal Afar, Haditha oder Ramadi nicht nur Verwaltungsgebäude und militärische Einrichtungen, sondern auch Firmen und ganze Öl-Förderanlagen. Die Kämpfer und ihre Familien wiederum wurden nicht selten in Häusern untergebracht, aus denen zuvor Zivilisten geflogen waren oder vertrieben wurden.

Die Ermittlungsrichter sind der Argumentation der Bundesanwaltschaft bereits in einigen Fällen gefolgt: Fünf Haftbefehle wurden inzwischen gegen IS-Dschihadisten erlassen, die in besetzten Häusern gewohnt haben sollen. Ob es auch zu Anklagen oder gar Urteilen kommen wird, muss sich allerdings erst noch zeigen.

Präzedenzfall könnte das Verfahren gegen die 46-jährige Deutsche Mine K. werden, die im Oktober 2018 am Flughafen Düsseldorf festgenommen worden war. Sie soll im Frühjahr 2015 nach Syrien gereist sein und soll sich dort der Terrormiliz IS angeschlossen haben. Die Islamistin soll dann einige Zeit lang in Mossul gelebt haben, bevor sie mit ihrem Ehemann, einem IS-Kämpfer, in die irakische Stadt Tal Afar zog.

„Dieses Gebiet war bereits im Juni 2014 durch Kämpfer des IS erobert und besetzt worden. Im Zuge dessen hatte der IS Wohnhäuser unter seine Verwaltung gestellt, nachdem die rechtmäßigen Bewohner durch den IS vertrieben oder vor ihm geflohen waren“, heißt es in einer Mitteilung des Generalbundesanwalts. „Eines dieser Häuser wies der IS der Familie der Beschuldigten zu. Diese zog dort bereitwillig ein, um so den Gebietsanspruch der Vereinigung zu festigen und eine Rückeroberung durch gegnerische Militärverbände zu erschweren.“

Über eine Anklage gegen Mine K. muss nun der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs entscheiden.

Mutmaßlicher IS-Unterstützer aus Duisburg muss vor Gericht

von Florian Flade

Ein Artikel aus dem IS-Magazin Dabiq 4, den Mikail S. ins Deutsche übersetzt haben soll.

„Übersetzer und Korrekturleser gesucht“, stand auf der Webseite. Es ging nicht um Werbebroschüren, Gebrauchsanleitungen für Elektrogeräte oder Hausarbeiten von Studenten, sondern um islamistische Propaganda. Um Texte über Sklaverei, über Dschihad, die Errichtung des Kalifats und den Mord an westlichen Geiseln. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) suchte nach deutschsprachigen Helfern für ihre Medienarbeit.

In Duisburg wurden die Dschihadisten fündig. Der Gymnasiast Mikail S. soll mehrere Texte für die IS-Terroristen übersetzt beziehungsweise korrigiert haben, bis ihn die Bundesanwaltschaft am 14. Juli 2016 schließlich festnehmen ließ. Mittlerweile wurde Anklage gegen den Duisburger erhoben. Am 22. März soll der Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnen.

Laut Bundesanwaltschaft soll der heute 19 Jahre alte Mikail S. zwischen dem 01. Juni und dem 03. Juli 2016 insgesamt neun Dateien mit englischen und deutschen Texten für die IS-Propagandisten in Syrien bearbeitet haben. Einen Text soll er ins Deutsche übersetzt haben, die anderen Dokumente laß er wohl nur Korrektur. Darunter waren Beiträge aus der vierten Ausgabe des IS-Online-Magazins „Dabiq“ und dem IS-Newsletter „Naba“.

Der Ansprechpartner von Mikail S. soll der Österreicher Mohamed Mahmoud („Abu Usamah al-Gharib“) gewesen sein. Mit ihm kommunizierte der Duisburger offenbar per Telegram-Chat und bekam so auch die Dokumente zugeschickt, um die er sich kümmern sollte.

Zumindest ein Teil der Texte, die Mikail S. für Mohamed Mahmoud im Sommer 2016 bearbeitet hat, sollen später auf der deutschsprachigen IS-Propagandawebseite baqqiya.wordpress.com (inzwischen gelöscht) veröffentlicht worden sein.

Der Österreicher Mahmoud soll nach Erkenntnissen der Ermittler in den vergangenen Jahren als eine Art geistiger Mentor der deutschsprachigen Islamisten im syrischen Raqqa agiert haben. Ob der Österreicher noch am Leben ist oder inzwischen bei Gefechten oder Luftangriffen in der Region getötet wurde, ist unklar.

Mikail S. spielte laut Anklage wohl auch selbst mit dem Gedanken, sich dem IS in Syrien anzuschließen. Das soll zumindest aus Chatprotokollen hervorgehen, die sichergestellt werden konnten. Es stehe ein Urlaub mit seinen Eltern in der Türkei an, soll Mikail S. dem Österreicher Mahmoud mitgeteilt haben. Ob er ihm nicht dabei behilflich sein könne, die Grenze nach Syrien zu überqueren. Mahmoud erklärte, er könne dies arrangieren und vermittelte sogar den Kontakt zu einem angeblichen Schleuser. Zur Ausreise aber kam es nicht mehr.

Der Steuermann – Rachid Kassim

von Florian Flade

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Rachid Kassim – Terroranleitung per Telegram

Es war ein Verbrechen, das Frankreich schwer erschütterte. Und das obwohl das Land in den vergangenen Jahren bereits mehrfach von islamistischem Terror heimgesucht wurde. Die Tat aber war dieses Mal erschreckend grausam. Zwei junge Extremisten, Adel Kermiche und Abdel Malik Petitjean, beide 19 Jahre alt, stürmten am 26. Juli während eines Gottesdienstes eine Kirche im nordfranzösischen Saint-Étienne-du-Rouvray. Sechs Menschen hielten sich an jenem Morgen darin auf – darunter drei Ordensschwestern und der 85-jährige Priester Jacques Hamel.

Mit Messern bewaffnet attackierten das Islamisten-Duo die Gläubigen. Dem Priester schnitt einer der Terroristen die Kehle durch – während der andere die grausame Tat mit dem Handy filmte. Wenige Minuten später flohen die Täter aus der Kirche. Und wurden dabei von Spezialeinheiten der Polizei erschossen. Am Leichnam von Adel Kermiche, so heißt es aus Ermittlerkreisen, fanden die Beamten dessen Mobiltelefon. Angeblich war es nicht gesperrt. Ein Glücksfall.

Die französischen Ermittler konnten rekonstruieren, dass Kermiche über das Chatprogramm Telegram in Kontakt mit anderen Islamisten stand, teilweise über Gruppenchats. Über diese Kanäle soll der Dschihadist auch das Video von der Ermordung des Priesters noch aus der Kirche heraus versendet haben. Und zwar an einen französischen IS-Terroristen in Syrien: Rachid Kassim.

Der aus Roanne stammende ehemalige Sozialarbeiter war 2015 mit seiner zum Islam konvertierten Ehefrau und der dreijährigen Tochter nach Syrien ausgewandert. Dort schloss sich der Extremist der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) an. Europäische Sicherheitsbehörden sehen in Kassim inzwischen einen der führenden Anwerber von Terrorrekruten.

Der 29-jährige IS-Terrorist soll mit zahlreichen Terrorverdächtigen und Attentätern in Verbindung gestanden haben. Kassim radikalisierte wohl vor allem junge Franzosen und Belgier per Internet-Chat und soll diese sogar bei ihren Verbrechen angeleitet haben. Sozusagen per Fernsteuerung.

Französische Behörden gelang es in den vergangenen Monaten, auch mit Hilfe des in Saint-Étienne-du-Rouvray gefundenen Handys des Priester-Mörders, die Telegram-Aktivitäten von Kassim weiter aufzuklären. So soll Kassim nicht nur den Telegram-Kanal „Sabre de Lumière“ betrieben haben, in dem zeitweise mehr als 300 Nutzer aktiv waren. Er war wohl auch Administrator von weiteren, teilweise geheimen, Gruppenchats. In einem dieser Chats kommunizierte Kassim wohl hauptsächlich mit Frauen und Mädchen, darunter auch jenen Terrorverdächtigen, die einen Autobomben-Anschlag auf Notre Dame in Paris geplant hatten.

Dem Terrorismus-Forscher Amarnath Amarasingam gab Rachid Kassim, der dschihadistische Rekruteur, vor kurzem per Chat ein Interview. Es sind seltene Einblicke in die Gedankenwelt eines europäischen IS-Terroristen. Erschienen ist das Interview auf dem Fachblog Jihadology:

http://jihadology.net/2016/11/18/guest-post-an-interview-with-rachid-kassim-jihadist-orchestrating-attacks-in-france/